no, you can’t!

November 3, 2008 | 11 Comments

keine politische bewerbung polarisiert gegenwärtig so wie die von sarah palin. die wiederauferstandene muttergottes ist sie für die einen, ein miserabler abklatsch von paris hilton für die andern. ein augenschein des stadtwanderers.


sarah palin, the running mate von john mccain, wie sie sich gerne gibt und wie sie gesehen wird

die newcomerin in der amerikanischen politik
in den drei tagen nach der nomination von sarah palin (sprich: pale-in) als republikanische running mate lasen mehr als eine million menschen ihren im englischen mächtig frisierten wikipedia-eintrag, was diesen auf platz 1 der nachgeschlagenen beiträge im global verfügbaren internet-lexikon brachte.

zwischenzeitlich weiss man auf der ganzen welt mehr über stärken und schwächen der gouverneurin aus alaska als man auf wikipedia nachlesenkann. zwar brachte das liebkind der religiösen rechten in den usa zunächst einen mächtigen schub in die john-mccain-rally, traf das gemischte doppel doch die schwäche obamas kampagne, nachdem er sich mit hillary rodham clinton überworfen hatte und nur im herrendoppel antrat.

doch dann offenbarte sich im knallharten mediensystem der usa rasch, wo die schwäche von sarah palin ist: in den tv-interviews konnte die alles entscheidende fernsehnation live miterleben, wie wenig frau von nationaler politik verstehen darf, um bei den republikanischen grossvätern gehätschelt zu werden.

die bisherigen reaktionen
überheblicher elitismus sei nicht angebracht, kritisieren seither die republikanischen editorialisten die negativ-kampagne der intellektuellen städter gegenüber der politikerin aus wasilla. in der tat, fragt man die menschen im mittleren westen, gibt es nicht nur schlechte zensuren. die 46jährige wirkt als energischer motor auf den politbühnen der republikanern, denn sie ist viel enthusiastischer als der 71jährige vietnam-veteran. die vierfache mutter strahlt die typisch amerikanische unbekümmertheit aus, die den imperfekt der politischen lösungen in den usa rechtfertig: sie ist lebensfreudig, optimistisch und unverdrossen. und: ihr berühmt gewordener zeigefinger an der rechten hand weiss, wo es inskünfig ganz allgemein entlang gehen soll!

palin wirkt auf die konservativen amerikaner aktiv, ja attraktiv. dabei ist sie nie schulmeisterlich, aber meisterlich. das hat sie zur vorbild für viele gemacht, sie sich liebend oder auch verachtend in ihr widerfinden. ihre hochgesteckte frisur wirkt stilbildend, die palin-brille ist ein markenzeichen und ihre feuerroten jacket sind kult.

selbst die comediantInnen kommen nicht mehr an palin in all ihre facetten vorbei. tina fey ist nur die bekannteste unter ihnen, die selbst palin zum lachen brachte. weniger öffentliche freude dürfte die vizepräsidentschafts-bewerberin dagegen haben, wenn stripperinnen ihren jugendsünden nacheifern. die werbung hat den trend zur beliebten immitation der letztlich unbeschriebenen newcomerin in de amerikanischen sofort erkannt und nachgedoppelt. palin als elch-jägerin und barracuda-fischerin garantieren bodenständigkeit, die sich zur kompetenten air force pilotin weiterentwickelt oder sich auch im patriotischen bikini als waffennarr präsentiert.

doch damit nicht genug: die gegner haben edvard münch hervorgeholt, um die angst vor palin zu symbolisieren; generell machen sie mit subkultureller streetart auf ihre sichtweise der kandidatin aufmerksam.

personalisierung ja, mehrheitsthemen nein
von der politikwissenschaftlichen wahlforschung, die von amerikanischen professoren geprägt wird, habe ich gelernt, dass es selbst in den usa mit ihrer traditionell hohen parteibindung schwierig ist, parteien als ganzes zu kommunizieren. deshalb greift man hierzulande gerne auf vereinfachende konzepte wie die personalisierung oder themenzuspitzung zurück.

effektiv ist es palin gelungen, sich in ganzer kurzer zeit in den staaten wie auch auf der welt bekannt zu machen. keine kampagne hat die aufmerksamkeit der amerikanischen öffentlichkeit so focussiert wie ihre. im imagekorrektur der partei war der alten garde abgewirtschafte neokons nur recht, denn sie sind nur noch ein müder abklatsch der konservativen revolution, die ronald reagan vor einem viertel jahrhundert eingeleitet hatte.

doch ist es sarah palin nicht gelungen, auch nur ein drängendes politisches thema so zu besetzen, dass sie als mögliche präsidentin der usa ernst genommen werden kann. kreationismus in der schule, rigidste abtreibungspolitik und verbot gleichgeschlechtlicher ehen lässt bei der minderheit der religiösen fundamentalisten das herz schneller schlagen. doch für die mehrheit muss man in der wirtschafts-, gesellschafts- und aussenpolitik punkten, wo sich bei palin eine ebnso grosse leere wie in den taschen der wallstreetler öffnet. lawrence eagleburger, früherrer republikanischer secretary of state der vereinigten staaten, ist denn auch überzeugt, dass palin das amt, das sie anstrebt, nicht ausfüllen könnte.

so ist es nicht verwunderlich, dass es die lokalen geschichten über amtsmissbrauch der gouverneurin, über doppelmoral in familie und politik durchschlagend bis in die weltpresse schaffen und nur misstrauen gegenüber einer republikanischen kandidatur für das amerikanische präsidium zulassen.

auch bei mir, sodass mir nur eins bleibt: no, they can’t!

town rambler
denver, colorado


Comments

11 Comments so far

  1. Lisa N. on November 3, 2008 20:34

    Werter Stadtwanderer, es braucht viel, bis ich vor anderen schimpfe. Die Palin ist aber sowas von männner-fixiert, das ich mich in ihr nicht wieder finde.
    Du hättest noch erwähnen können, dass John McCain sie just am 88. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in den USA nominierte. Denn das wäre auch eine ganz interessante Zwischenbilanz zum ausgebliebenen gesellschaftlichen Fortschritt für uns Wert gewesen.

  2. Mischa on November 3, 2008 20:53

    für mich ist die palin der witz dieser wahlen…. sorry, is aber so 🙁

    in den usa gibt es soviele starke und intelligente frauen, die wohl ein x-faches besser als vize währen als die palin. warum der mccain keine andere wahl getroffen hat? ich wage die these, dass keine intelligente frau dem alten den rücken kraulen wollte. klar ist sie gouverneur von alaska. ist kalt dort oben, vielleicht sind da die gehirne etwas gefroren…..

    palin geht gar nicht. dann noch lieber die hilton, die tut wenigstens nicht so, als dass sie intelligent sei oder sein möchte… und trotzdem funktioniert ihr marketing. vielleicht genau wegen dem „blond sein“ 😉

  3. Titus on November 4, 2008 00:26

    Sarah Palin ist genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort – allerdings nicht als Vice-President-Kandidatin. Ich würde ihre Auftritte viel eher als „Ausgleichsprogramm“ bezeichnen: Da sind die ernsten Worte der beiden Präsidentschaftskandidaten, die die WählerInnen ständig an ihre Misere erinnern und dann * tusch – zisch – bumm * ist da der rote Spassvogel von Alaska. Ich verstehe inzwischen auch, weshalb Interviews mit ihr immer sitzend stattfinden; wer schon in so viele Fettnäpfchen getreten ist wie sie, der könnte stehend leicht ausrutschen… 😉

    Etwas ernsthafter: Interessant erscheint mir, dass hierzulande Sarah Palin John McCain medial schon fast in den Schatten stellt, währendem man von Joseph Biden beinahe nichts hört, liest oder sieht. Wie ist das in den Staaten?

  4. mischa on November 4, 2008 07:27

    @ titus

    die ganze nacht habe ich mir überlegt, wie jetzt doch der vize kandidat von obama heisst. richtig joseph biden. ich glaube ich habe ihn nur einmal in einem interview gesehen und dann noch beim duell gegen die palin….

  5. stadtwanderer on November 4, 2008 08:03

    schläft ihr schlecht, in der schweiz, wegen den us-wahlen? bis in alle nächte werden da fragen aufgeworfen …

    also wegen den vizes: in der schlussphase stehen sicher die beiden spitzenkandidaten obama einerseits, mccain anderseits im zentrum. es geht noch einmal richtig um zuspitzung. selbst der wahltag ist wahlkampftag! die funktion der beiden vize ist und war wohl während der ganzen rallies unterschiedlich: biden, den man in der schweiz fälschlicherweise als „mann fürs grobe“ vorgestellt hatte, nahm die klassisch-zurückhaltende rolle hinter dem chef ein. vom populisten ist, jetzt jedenfalls, nichts zu sehen. derweil hatte palin ihren eigenen part neben mccain. wie weit das geplant war, entzieht sich meiner kenntnis, denn das medieninteresse an ihr war von beginn weg enorm: neu, frau, angreifbar hat wohl das seinige zu mediendynamik beigetragen. nach den drei ersten tv-interviews hat man palin aber aus den life-situationen am fernsehen rausgenommen, und sie mehr im geschützten raum der republikanischen wahlveranstaltungen eingesetzt, um das klassische problem der rechten, das manko der bewerber wie mccain bei frauen (namentlich mit tieferer sozio-ökonomischer stellung) wettzumachen. ihr ist es übrigens buchstäblich in der letzten minute gelungen, sich des vorwurfs des amtsmissbrauchs zu entledigen. die untersuchungskommission, die in alaska eingesetzt worden ist, konnte die vorwürfe, die im parlament erhoben worden waren, nicht bestätigen. zu spät möchte man sagen …

    so, jetzt noch einmal schlafen!

    ach ja, gegenfrage in die schweiz: was macht der wahlkampf in der stadt bern? ist das was …

  6. Titus on November 4, 2008 08:48

    Das Problem des Wahlkampfs in der Stadt Bern ist wohl, dass es keine Vize-PräsidentschaftskandidatInnen gibt… 😉

  7. mischa on November 4, 2008 09:36

    also die plakate der rechten und mitteparteien wurden in weniger als 48 stunden nach dem aushang verunglimpft. sonst nichts neues aus dem berner „schlaf“-kampf.

  8. stadtwanderer on November 4, 2008 16:25

    danke, ihr beiden.
    ein kleiner check auf dem newsnetz der berner zeitung zeigt mir aber, dass gestern einiges los war:
    im kornhauskeller fand das grosse duell zwischen tschäpp@ und hayoz statt. warum kommentiert das niemand? – und der grosse rat hat den volksbonus abgelehnt, lese ich weiter, das ist doch auch schon was. schliesslich hat der kanton sein image untersucht und veröffentlicht es ohne massnahmenkatalog, sodass alle schwachstellen gleich nochmals transportiert werden, igitt!
    wenn ich nur in bern wär ..
    aber so ist es, die aufmerksamkeit für den staatenwanderer ist auf dem stadtwanderer wenigstens im moment grösser. obiger beitrag brachte es auf platz 7 der heutigen slug charts.
    ps:
    ein wenig peinlich finde ich den titel der bz online zur stimmabgabe von barack und seiner frau: „die obamas an der urne“, wo doch die arme grandmom nur zwei tage vor der wahl verstorben ist.

  9. Mischa on November 4, 2008 19:46

    lieber stadtwanderer

    wo sind Deine bilder vom kornhauskeller? hast Du Dich nicht „rübergebeamt“ 😉 . ehrlich gesagt, steht in der presse immer nur im nach hinein von wahlveranstaltungen. auf dem intranet der stadt steht: freie plätze für den informatik kurs „word richtig nutzen können“. so sieht also das interesse in der stadt bern und agglomeration über die wahlen aus. in den zeitungen, weisst Du ja sicher, ist thema nummer eins; USA Wahl. thema nummer zwei; Finanzkrise holt….. folgende firmen ein….

    wahl stadt bern 🙁 kein thema

    nun gut kümmere Du Dich um die amis, real oder fiktiv 😉

  10. Mischa on November 7, 2008 16:54

    @ stadtwanderer

    was hälsst Du vom bericht im heutigen bund:“die politische Farbe der Stadtteile“? wäre interressant zu wissen ob die theorien stimmen zu der verteilung. rot-grün im längass-felsenau-, mattenhof-weissenbühl- und breitenrain-lorraine- quartier. die bürgerlichen vorallem im kirchenfeld-schosshalde-quartier und in bern-west!

    hast Du eine eigene theorie?

  11. stadtwanderer on November 7, 2008 17:43

    danke,
    ich werde es mir noch ansehen, war heute erstmas wieder etwas wandern, und bin bund-mässig noch unterbelichtet.

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