in momenten der schnellen bewegungen greife ich gerne auf bücher zur zeit zurück. denn spektakuläre machtwechsel, gewaltige börsencrasheund kranke bundesräte sind äussere zeichen tiefgreifender veränderungen: wohin gehen wir? woher kommen wir?, stellt sich unvermittelt als fragen.

auf der suche nach antworten, habe ich futurologisches lexikon gelesen, und auch keine parteiprogramme gebüffelt. ich habe zu einem zeitgeschichtsbuch gegriffen.

christoph dejungs: widerspruCH. auch eine schweizer geschichte seit 1945″, huber verlag 2008 liegt seit einigen tagen neben meinem bett, sodass ich gerne darin schmökere. ich will es gar nicht erst besprechen, denn es unkonventionell gemacht. zwei sätze würde da nicht reichen, und es ist spät am abend.

ich habe aber die zentralen momente und begründungen, die der autor für die zeit nach dem kalten krieg herausgearbeitet hat, rausgesucht.

nun interessiert mich natürlich, was aus alle dem, was die letzten jahre aus der sicht eines zeithistoriker ausmacht, fü euch die heutige zeit am besten trifft? was man hätte weglassen können und was man sonst noch für momente der gegenwartsgeschichte hätte herausstreichen müssen?

ein kleine herausforderung also, eine einladung auch, 10 minuten darünber nachzudenken, was das für eine zeit ist, in der wir jetzt leben!

hier schon mal die vorgaben von dejung, in seien worten:

2007-12-12:

ein bundesrat, der sich vier jahre lang in der subtilen verletzung von spielregeln geübt hatte, wird aus gründen der konkordanz nicht wieder gewählt; damit erleidet sein machtanspruch kurz nach einem historischen wahlsieg ein debakel.

2006-05-07:
die kräfte, die es versuchen, zur stärkung der gemeindeebene rational notwendige bereinigungen vorzunehmen, erhalten den grössten auftrieb durch die direkte demokratie; glarus beschliesst umfassende gemeindefusionen.

2005-06-27:
der pac-car der ethz fährt mit einem liter treibstoff über 5000 km weit; er braucht für diesen rekord eine mit wasserstoffantrieb verbundene brennstoffzelle; der erfolg lässt in dunkler zeit für die wissenschaftlichen zukunft des landes hoffen.

2004-02-08:
überraschend erreicht eine unpolitische frauengruppe, unterstützt von der rechten, die einführung unbefristeter verwahrung trotz rechtlicher bedenken; der text könnte wie einst das schächtverbot als hypothek lange in der verfassung bleiben.

2003-08-11:
in grono erreicht die lufttemparatur erstmals in der schweiz 41,5 grad, was historisch viel wichtiger ist als die modifikation der zauberformel durch einen älteren populisten; diese änderung trifft die junge bundesrätin ruth metzler.

2002-09-22:
in einer referendumsabstimmung wird das elektrizitätsmarktgesetz abgelehnt; im erfolg der vereinten alpenkantone und der linken drückt sich die schwere enttäuschung über deregulierungs- und privatisierungsresultate aus.

2001-10-02:
in der durch die grossattentate von new york und washington verursachten flaute bricht die einst bewunderte, jetzt marode swissair in einem grounding zusammen, worin sich vor allem die 1992 vollzogene abgrenhzung zu europa auswirkt.

2000-01-01:
die erst nach längerem zögern von der politischen rechte bekämpfte neue (dritte) bundesverfassung tritt in kraft; mit einzelnen substanziellen neuerungen, die einen längeren kampf zwischen verfassungsrecht und demokratie erwarten lassen.

1999-01-01:
die erste bundespräsidentin, ruth dreifuss, wird in ihr amt eingeführt; die sozial engagierte frau kann die krankenversicherung nicht dauerhaft reformieren.

1998-12-04:
nachdem drei jahre vorher eine erste veränderung des arbeitsrechtes im sinne kapitalistischer „deregulierungen“ knapp angenommen worden war, stoppte das volk die von über 90% der parlamentarier empfohlene vorlage zum arbeitsgesetz.

1997-12-18:
die fusion von bankgesellschaft und bankverein zur ubs wird bekanntgegeben. die zahl der grossbanken, 1945 noch fünf, fällt auf zwei. ein jahr früher war die gleiche reduktion bei den basler chemiekonzernen vollendet worden.

1996-12-12:
zur unterstützung der angegriffenen schweizer grossbanken und zur angeblich unerlässlichen aufarbeitung de geschichte der schweiz im zweiten weltkrieg wird die historiker-kommission unter jean-françois bergier aus der taufe gehoben.

1995-02-14:
das experiment einer öffentlich sichtbaren drogentoleranz scheitert mit der schliessung der drogenszene am letten in zürich; sie erweit sich als unmöglich angesichts der in der ganzen europäischen umwelt herrschenden verdrängungspolitik.

1994-04-07:
unter den augen der schweizerischen entwicklungshelfer beginnt der völkermord in ruanda: das entsetzen über die wiederholung des geschichte bereitet das land auf die frage der verantwortung vor, die sich alsbald beim holocaust stellen wird.

1993-06-18:
die anpassung der schweiz an die europäischen rechtsverhältnisse führt zur rassismus-strafnorm, die bei leicht vorhersehbarem einseitigem interpretationszwang für die geschichtswissenschaft unerfreuliche konsequenzen haben wird.

1992-06-06:

mit der ablehnung des beitritts zum europäischen wirtschaftsraum ewr leistet sich das stimmvolk die krasseste direktdemokratische eskapade, die auf den mühsamen und heuchlerischen weg der bilateralen verträge zwingt.

1991-08-01:
die schweiz tut sich schwer mit der zentenarfeier des ältesten eidegenössischen bundes; die konservative schweiz will in der gleichen art feiern wie zwei jahre früher bei „diamantfeiern“ zur erinnerung an die grenzbesetzung.

1990-01-04:
die vom kanton zürich in zusammenarbeit mit den bundesbahnen verwirklichte zürcher-s-bahn wird eröffnet; ein langes hin und her zwischen überdimensionierter metro und nichtstun wird beendet, andere zentren folgen.

1989-11-26:
mehr als ein drittel der schweizer, mehr als die hälfte der zwens befürworten die abschaffung der armee; mit der gleichzeitigen (vergeblichenI) hoffnung auf eine „friedensdividende“ gipfelt die stimmung der wendezeit auch in der schweiz.

stadtwanderer


Comments

6 Comments so far

  1. Titus on November 14, 2008 00:22

    Was mir in dieser Liste sicher fehlt, sind die zahlreichen „Wetterkapriolen“ (z. B. Hochwasser 2005, 2007, milde Winter, häufiger Schnee-Mangel usw.) als Ausdruck des Klimawandels.

    Ebenso wäre es interessant, mehr über die Anfänge der Spannungen zwischen dem Zürcher und Berner SVP-Flügel zu lesen, welche ja der Ursprung für zahlreiche weitere Ereignisse waren.

    Was mir völlig entgangen ist, ist der Treibstoff-Rekord der ETHZ im 2005. Das wirft die Frage auf: Was wurde daraus? Denn: Wir sind ja immer noch stark Treibstoff-abhängig.

    Und was gewiss eine besondere Beachtung verdient, weil bis heute noch immer irgendwie in der Schwebe, ist der 06.06.1992.

  2. stadtwanderer on November 14, 2008 07:20

    guten morgen titus
    mir ist es ähnlich ergangen, auch ich habe von der liste alles ausser den treibstoffrekord memoriert gehabt. da scheint uns etwas entgangen zu sein, das sich lohnt, aufgearbeitet zu werden.
    mir hat ein anderer aspekt gefehlt, als stadtwanderer natürlich: ich empfinde die schweiz im wachsenden masse als urban, ihre kultur geprägt von urbanität,
    stadtwanderer

  3. Titus on November 14, 2008 08:13

    Na das holen wir doch gleich nach, siehe meinen verlinkten Namen. Dort steht u. a.: „und wird von nun an keine Rennen mehr fahren. Wir konzentrieren uns nun hauptsächlich aufs Publizieren von Artikeln und Berichten um unser Wissen und unsere Technik für andere Mitstreiter zur Verfügung zu stellen.“

    Schade !

  4. Röstigraber on November 17, 2008 22:05

    der verein „switzerlandfuture“ wurde am 1. august 2009 im konferenzzimmer „rütli“ des flughafens zürich gegründet, in den statuten steht unter absatz 1, zweck des vereins, „die zukunft der schweiz wird gestaltet“. aus symbolischen gründen wurde das tor zur welt gewählt. längst werden ja die schweizerischen grenzen nicht mehr als verteidigungswall, sondern als überwundene hürden einer weltoffenen gesellschaft interpretiert. gründungsmitglieder waren eine ehemaliger appenzeller ständerat und grosser verfechter des schweizerischen föderalismus, der freudig erregte alt bundersrat und ehemalige uno-botschafter für den sport, die dame aus dem umfeld der basler fussballszene, der noch amtierende „wir leben zürich“ stadtpräsident, die ehemalige präsidentin des nationalrates aus den reihen der fdp, die streitbare bernische ständerätin aus der sp, der thurgauische svp nationalrat (weiter am zug für sie), der grünliberale kämpfer der ersten stunde aus zürich und die engagierte dame aus dem pressehaus. projekte der ersten stunde waren die beiden gewichtigsten brocken einer allfälligen reformation der schweiz, kantonsgrössen und ständemehr. beide entsprachen damals in keiner weise mehr den anforderungen eines modernen landes und alle bisherigen versuche, über eine neukonzeption auch nur nachzudenken, waren jeweils von den konservativen kräften von rechts (vor allem) bis links sofort im keime erstickt worden.
    „switerlandfuture“ machte sich in der folge daran, eine netzwerk gleichgesinnter über das land zu spannen, jedes gründungsmitglied lud persönlich zehn überzeugte schweizerinnen und schweizer zu sich nach hause ein, um die idee zu zünden. diese wiederum taten dasselbe und deren freundinnen und freunde nochmals. zum ende des jahres 2009 umfasst der verein genau 9000 mitglieder, in 26 regionalvereinen aus allen kantonen organisiert. verständlich dass die AUNS mittlerweile „besorgt“ reagierte, liess doch alle vorbeit der 9000 engagierten männer und frauen befürchten, dass da womöglich landesverräterische kräfte ans werk gingen. tatsächlich veröffentlichte „switzerlandfuture“ zum jahreswechsel 2009/10 seinen ersten rot-weissen-brief, ein flugbaltt, das in alle haushalte der schweiz gestreut wurde und in dem auf zwei seiten und in den vier landessprachen in versöhnlicher art vom versuch des vereins erzählt wurde, einige veraltete strukturen im land zu erneuern, um dem seit 180 jahren passierten veränderungen rechnung zu tragen und die schweiz somit handlungsfähiger, schlagkräftiger und flexibler zu machen. das ziel sei einerseits ein moderner föderalismus, in dem nach bewährtem helvetischen muster schwächere von stärkeren profitierten, nicht jedoch bestimmen würden. anderseits werde ein schlankerer staat anvisiert, indem die 26-spurige geldverschwendung in den kantonalen schaltzentren der macht zu gunsten tieferer bundessteuern eingedämmt werden sollte. die botschaft stiess in weiten kreisen auf wohlwollendes interesse, so recht mochten damals die wenigsten an taten, die den worten folgten, glauben. sie sollten sich täuschen.
    diese geschichte ist zwar nicht bei dejung zu finden (im übrigen ein buch, welches mit bündnerischen hartnäckigkeit die geschichte von vorne nach hinten, also „gegen den strich“ erkennlich macht) sondern bei christoph zollinger in seinem buch „2032; rückblick auf die zukunft der schweiz“, erschienen 2007 im dpunkto verlag in arlesheim.

  5. Titus on November 17, 2008 23:49

    Besten Dank an den Röstigraber für diesen Auszug. Habe das Buch gleich hinter meinem Namen verlinkt.

  6. Röstigraber on November 18, 2008 07:02

    das ist teamwork besten dank titus für den link nach dem buch gibt es ende 2008 kein comeback von christoph blocher. was meint ihr dazu? die zurücher svp hat ihn nominiert und jean ziegler aus genf ist für ein comeback. reicht das um den personenkult, wie ihn das buch von zollinger anprangert, noch zu verstärken, sodass die schweiz weiter ein „verklärter sonderfall“ in den alpen bleibt oder dennoch ein „dynamischer normalstaat in europa“ wird?

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