vor 90 jahren wurde in der ganze schweiz fast eine woche lang gestreikt. der wichtigste sozialpolitische einschnitt in der schweizer geschichte urteilen die fachhistoriker, denen es aber nicht gelungen ist, aus den novembertagen 1918 einen populären gedenktag zu schaffen.


typisch für den generalstreik in der schweiz: robert grimm, streikführer im oltener aktionskomitee, regierte in späteren jahren als berner sp-regierungsrat konsensorientiert

der landesweite generalstreik
die woche war bewegt. das deutsche kaiserreich brach in sich zusammen. und der erste weltkrieg wurde mit dem frieden von compiègne beendet. in deutschland und österreich waren soziale revolutionen ausgebrochen. und auch in der schweiz hatte das oltener aktionskomitee zum landesweiten generalstreik aufgerufen.

bis heute gilt der landesstreik, wie er in der geschichtsschreibung meist genannt wird, als die schwerste krise des 1848 gegründeten bundesstaates. er markiert gleichzeitig auch die wende von anfänglich rein freisinnigen vorherrschaft gegen verschiedenen oppositionen hin zum parteienpluralismus im konkordanzsystem.

die wichtigsten forderungen des oltner aktionskomitees, die während des generalstreikes erhoben wurden, sind heute weitgehend realität. der nationalrat wird seit 1919 aufgrund des proporzwahlrechtes gewählt. das frauenstimm- und -wahlrecht gilt seit 1959. die ahv verbindet die schweizerInnen seit 1947. anderes, wie die 48-stunden-woche oder die sicherung der lebensmittelversorgung ist durch den fortschritt längst überholt worden. schliesslich gibt es forderungen von 1918, die bis heute in diskussion sind: die armeereform zur breiten abstützung des militärs in der gesellschaft, oder eine neue steuer für vermögende, um die staatschulden zu verringern.

die ereignisse
ausgelöst wurde der generalstreik durch die zürcher bankangestellten. es intervenierte kurz vor kriegsende die schweizer armee in zürch. das oltener aktionskomitee unter dem berner robert grimm übernahm erst jetzt die landesweite führung der streiks, die ausser kontrolle zu geraten drohten.

250000 arbeiter in 19 städten beteiligten sich am generalstreik. die missliche wirtschaftlage hatte sie mobilisiert. das gespannte verhältnis zwischen unternehmern und bauern einerseits, der arbeiterschaft anderseits, hatte polarisiert. und die grippewelle am ende des krieges hatte alle hemmungen, in bisher nicht bekannte formen des sozialpolitischen kampfes vorzudringen, schwinden lassen.

doch sollte er nicht lange dauern. denn bereits in der nacht auf den vierten streiktag schickte das oltener aktionskomitee per telegramm die kapitulation an den bundesrat und forderte es die streikenden auf, die arbeit wieder aufzunehmen. am montag der neuen woche war es überall soweit.

die würdigung
die kurze phase der illegalen aktionen war damit auf dem höhepunkte der emanzipationsbestrebungen der schweizerischen arbeiterschaft abgeschlossen, urteilt willy gautschi, der (verstorbene) historiker, der sich am ausführlichsten mit den ereignissen vor 90 jahren beschäftigt hat. dank der voll ausgebauten demokratie in der schweiz habe sich das bewusstsein in der überwiegenden mehrheit des volkes durchgesetzt, „dass sich irgendwelche änderungen der politischen struktur im rahmen der demokratischen freiheiten mit legalen mitteln zu vollziehen hätten.“

der bürgerliche staat wurde in der folge nicht wie im kommunismus abgeschafft. vielmehr wurde er durch sozialdemokratische ideen beeinflusst reformiert. man kann den generelstreik in seinen folgen als die eigentlichen sozialpolitische wende in der schweiz bezeichnen. der wandel gilt auch für die gesellschaft, in die die bisher als vaterlandslose gesellen verschriene schweizer arbeiterschaft so gut aufgenommen wurde, dass es heute den gewerkschaften fast angst und bange wird.

die novembertage 1918 in den schweizer städten sind denn auch ein wesentlicher einschnitt nicht nur in der europäischen, sondern auch in der schweizer geschichte. „Die eidgenössische Demokratie als Staatsform gegenseitigen Vertrauens hatte sich bewährt, doch war gleichzeitig klar geworden, dass sie uns nicht als feste grösse für alle Zeiten geschenkt ist.“ dem urteil von gautschi ist eigentlich auch heute nicht beizufügen, selbst wenn die offizielle schweiz diesen erinnerungstag, einmal mehr, durch das tagesgeschehen gezeichnet, fast vollständig vergessen hat.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Bernd on November 17, 2008 09:17

    Ich bin (als Deutscher in der Schweiz) immer wieder erstaunt, mit welchem Schleier der Undurchsichtigkeit sozialpolitische Themen in der Schweiz nichtdiskutiert werden. Die wichtigste Annahme ist dabei immer, dass es keine gegensätzlichen Interessen gibt. Man tut so, wie wenn immer alle vom Gleichen profitieren würden. Der SP ist es nicht nur in der Erinnerung an den Generalstreik nicht gelungen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Sie hat auch während der letzten Wahl keine sozialpolitische Debatte hingekriegt. Das zu ändern wäre ihre Aufgabe. Vielleicht käme es dann zur hier beschworenen sozialpolitischen Wende in der Schweiz.

  2. stadtwanderer on November 17, 2008 11:36

    guten tag bernd.
    generell stimme ich mit dir überein.
    die kritik geht, meines erachtens eher an die adresse der gewerkschaften, die (in der schweiz) für die sozialpolitik zuständig sind.
    ich würde es zudem etwas zweiteilen: die gewerkschaften sind sehr wohl in der lage, krasse ungerechtigkeit zu bekämpfen. das referendum gegen die 11. ahv revision kam innert tagen zustande und die vorlage wurde auch abgelehnt.
    sie sind aber nicht stark genug, ihre agenda zur öffentlichen agenda zu machen, wenn es um einen sozialpolitischen ausbau geht.

    im konkreten fall des generalstreiks beschränkte sich das ganze auf eine kleine feier in olten. die mehr internen als öffentlichen charakter hatte.

    das generelle thema sind aber, aus gewerkschaftlicher sicht, die medien, die, wie du schreibst, in sozialpolitischen belangen sehr zurückhaltend reagieren.

    im aktuellen fall der ahv-initiative war das indessen nicht so. auch hier war der vorhang nach der ubs-finanzkrise weit offen, doch die thematisierung der gewerkschaften scheint mir nur eine seite der medaille aufzuzeigen: die unzufriedenheit mit der kreditgewährung an die adresse der grossbank ist sicher da, die rezessionsängste sind aber (trotz finanzhilfe) auch vorhanden. das scheinen mit die gewerkschaften zu verkennen.

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