grau dominierte am tag der bundesratswahlen den bundesplatz. auf dem boden lag verschmutzer schnee. das bundeshaus war graugrünbraun. und der himmel zeigte sich verhangen. doch radio drs lud den stadtwanderer ein, über farben in der parteienlandschaft zu sprechen. hier mein thesenblatt aus der vorbereitung als öffentlicher spikzettel.

bern bundesplatz während der bundesratswahl vom 10. dezember 2008 (foto: stadtwanderer)

politische parteien im modernen sinne entstehen als bewegungen aus den bürgerlichen revolutionen zwischen 1798 und 1848. farben dienen seither der identifikation von gesinnung in der öffentlichkeit. in der heutigen gesellschaft ist die eindeutige zuordnung von farben und politischen gesinnung jedoch individualistisch augelöst worden.

. rot ist die erste eigentliche farbe, die eine politische haltung ausdrückt. sie war die farbe der hüte, welche die gefangenen auf den galeeren trugen, die sich mit der französischen revolution emanzipierten. rot steht seit der mitte des 19. jahrhundert für sozialismus. ausser in den usa, wo es die farbe der republikaner ist (und von sarah palins kleidern war, bekanntlich keine sozialistin). die verbreitete einheitlichkeit der farbe rot hat mit der internationalistischen ausrichtung sozialistischer (und kommunistischer) parteien zu tun.

. schwarz hat parteipolitisch einen halbhistorischen parteienhintergrund. es ist die farbe des klerus‘, der katholischen parteien. doch schwarz war auch die farbe der italienischen faschisten. und schwarz ist auch die farbe der anarchisten. die haben mit krichen nichts am hut. ja selbst der schwarzen block, der im schweizerischen wahlkampf 2007 eine zentrale rolle spielte, symbolisierte mit der farbe als gegengesinnung.

. viele der modernen parteifarben verraten marketingabsichten. typisch dafür sind die farben der cvp. um sich vom katholischen hintergrund abzukoppeln, wählte anfangs des 21. jahrhunderts eine neue farbe. orange ist ist frisch, aber nicht allen sympathisch. seit 2007 wird es in der cvp-wahlwerbung mit blau durchbrochen. und sieht da. 2003 verlor die cvp, 2007 gewann sie!

. blau ist die eigentliche farbe des friedens. und wieder der amerikanischen demokraten, obama sei dank! aber auch des freistaatlichen bayerns. und der freisinnig-liberalen in der schweiz. das hat mit den nationalen resp. regionalen ausrichtung vieler liberalen parteien zu tun. mit vereinheitlichungen tut man sich dabei schwer. siehe fdp.

. violett für feminismus und grün für ökologie sind die letzten farben, die aus einer sozialen bewegung herausgewachsen sind. grün hat es nicht nur als anspielung an die natur, sondern auch als marke in den parteinamen der grünen geschafft. in der schweiz ist es aber nicht die exklusive farbe der grünen. sie wird auch von der svp beansprucht. ihre gemeinsamkeiten sind eher gering. doch wollten beide oppositionspartein am 10. dezember in den schweizerischen bundesrat. bauerngrün war dabei besonders gefragt.

an diesem wahltag in der schweiz sah ich eigentlich wenige farben an kleidern, die politische bedeutsam waren. vielleicht waren die farben der krawatten der bundesräte, der politologen und der journalisten anspielungen auf politische aussagen, die sie kommunizieren wollten. ich zweifle aber. selber haben meine fliegen nie eine politische aussage. sie entspringen meist der farbe meiner träume in der vornacht.

farben haben in der politik eigentlich nichts verloren. denn sie haben keine eigene sprache. ihre politischen konnotationen entstehen in der politischen kultur. ohne die kenntnisse davon, verläuft man sich parteipolitisch olitisch genauso wie es die franzosen während der helvetischen republik in bern taten. deshalb gaben sie den quartieren farben. noch heute sind grun-geld-bordeau die farben der ober en stadtquartiere resp. strassenschilder in den quartieren.

und die farben der so ungeliebten helvetischen trikolore. gewusst? nicht? eben!
deshalb meine these: farben sind in der politik projektionen.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Mike Dreher on Dezember 12, 2008 16:44

    Guten Morgen Herr Lonchamp!

    Im Auto habe ich am Radio Ihre Überlegungen zu den Parteifarben gehört, die ich teile: ROT als Farbe der Unterschicht, weltweit zu festzustellen. Besonders die Fahrer von Ferraris oder Corvettes werden das amüsiert zur Kenntnis nehmen.

    Mindestens einen Sonderfall gibt’s in der Schweiz. In LU sind die Liberalen (Freisinnigen, was gemäss Niklaus Meienberg einst freiheitsdurstig bedeutet hatte) die Roten, in SO ist die politische Farbenverteilung m.W. auch anders.

    In SH (wo ich aufwuchs und Walther Bringolf dominierte) war die Bedeutung eines „Roten“ klar, die andern Parteien waren ohne Farbe, heute sind sie alle sogar farblos.
    Die Nationale Front, deren Kern sich zu einem grossen Teil aus Alten Herrn meiner Verbindung rekrutierte – wie deren erbittertste Gegner auch – bezeichnete man nicht als „Braune“, sondern als „Fröntler“, die Qualifikation hielt sich bis in die Siebzigerjahre.

    In ZH sind inzwischen alle graubraun – ein Misston. Er entsteht, wenn man die Farben proportional zusammenmischt…

    Jedenfalls: Die farbliche Etikettierung der Parteien ist längst nicht in allen Kantonen Tradition und nicht überall gleich.

    Die LINKE geht übrigens auf die Sitzordnung im frz. Parlament aus der Sicht des Präsidenten im frühen 19. Jh. zurück (habe ich im Kopf).

    Freundliche Grüsse

    Mike Dreher

  2. H.K. on Dezember 12, 2008 16:46

    Geschätzter Herr Longchamps,

    Parteifarben sind viel älter als die französische Revolution: Zu grossem, wenn auch zweifelhaften Ruhm gekommen sind die „Zirkusparteien“ (s. auch Kaiserin Theodora, Oströmisches Reich; vor fast 1500 Jahren), „Blaue“ und „Grüne“ waren es damals.
    „Zirkusparteien“ waren durchaus politische Gruppierungen, der Name weist auf das Umfeld der Entstehung hin. Mit „Parteienzirkus“ hat das nichts, gar nichts, wirklich nichts zu tun…….

  3. stadtwanderer on Dezember 12, 2008 16:49

    at hk.

    dochdoch, ich weiss darum. warum ich das nicht erwähnt habe? weil die zirkunsparteien in der spätantike zwar gesellschaftlichen spaltungen wie die politischen parteien im 19. jahrhundert waren.
    aber: sie waren kennzeichen von religionen. es gab noch kaum eine einheitliche christlicher regligion, sondern ein nebeneinander verschiedener religiöser strömungen. und das war die basis der zirkusparteien.
    übrigens, es gab vier, nicht zwar parteien, im zirkus von konstantinopel.

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