familiengeschichte sind immer unterhaltsam. genau das richtige, um sich an einem so kalten und nassen januartag zu erwärmen. eine rückschau in eigener sache!


weiler malapalud heute (foto: swiss castles)

malapalud: der schlechte sumpf

unser heimatort heisst malapalud. dessen geschichte ist nichts besonders. und seit dem 1. januar 2009 gibt es die gemeide auch nicht mehr. sie gehört jetzt zur nachbarkommune assens.

malapalud ist bis heute eine kleine siedlung ausserhalb von echallens an der strasse nach lausanne.sie besteht aus wenigen bauern- und einfamilienhäuser. es leben keine 100 menschen dort. im weiler hat es ein schulhaus, das indessen nicht mehr gebraucht wird. markant im ortsbild ist die pferdezucht, denn eine eigene kirche hatte man in malapalud nie.

malapalud entstand als selbständige gemeinde 1803 mit der gründung des kantons waadt. die politische gemeinde war bestandteil des districts echallens. davor war man teil der landvogtei echallens. diese wurde 1536 bestandteil der bernischen waadt. die bernisch-freiburgische vogtei echallens-orbe ist noch etwas älter. sie entstand mit den burgunderkriegen, denn 1475 eroberten die berner mit den freiburgern die damals savoyischen und burgundischen gebiete. nach den burgunderkriegen mussten die eroberer die savoyischen ländereien zurückgeben, konnten sie aber die burgundischen behalten. so wurde das ehemals burgundische echallens, das den grafen von chalons an der saone gehört hatte, eidgenössisch und blieb unter bernisch-freiburgischer hoheit.

burgundergründe
weil die beiden orte nach der reformation verschiedene wege gingen, kam die eidgenössische regel aus den kappelen-kriege zur anwendung, dass die bevölkerung selber entscheiden dürfe, welche religion sie angehören wolle. und sie entschied sich, katholisch zu bleiben, was in echallens und umgebung bis heute der fall ist. die sonderstellung im gänzlich reformierten umland blieb nicht ohne konflikte, prägte den geist der leute in echallens. bis 1648 musste die eidgenössische tagsatzung mehrfach zwischen den fronten vermitteln.

vor 1410 hatte echallens den grafen von savoyen, davor den grafen von montbélliard, gehört. gefördert worden war der sehr alte verkehrsknotenpunkt vom lausanner bischof, der im 12. jahrhundert so seine weltliche herrschaft auf dem plateau ausdehnte. ältere schriftliche zeugnisse von echallens und umgebung als aus dieser zeit sind nicht bekannt, selbst wenn der ort nachweislich seit der bronzezeit besiedelt war.

alle adeligen, denen die gegend und die leute im mittelalter gehört hatten, stiegen im 10. und 11. jahrhundert auf und waren, angeführt von den grafen von savoyen und den bischöfen von lausanne, ausgesprochen kaisertreu. sie bildeten die herrschaftsschicht, welche das 1032 untergegangene burgundische königreich verwaltete. der wichtigste unter ihnen ist der berühmte graf pierre II. de savoye, einem burgen- und städtegründer, der es bis zum stadtherrn von bern gebraucht hatte.

das burgundische königreich hochmittelalters hatte seit 888 bestanden. es kannte das kloster st. maurice als geistiges zentrum. geführt wurde es von welfischen adeligen, die sich in den alpenpässen gute auskannten. in seinen besten zeigten reichte es die rhone hinunter bis an mittelmeer und umfasste es über den gr. st. bernhard hinaus auch teile von oberitalien. die bis heute berühmte reine berthe gehörte als eingeheiratete dieser burgundischen königsfamilie an. erstmals begründet worden war das burgundische königreich im jahre 443, als die römer die von ihnen besiegten burgundiones (bourgondes auf französisch, burgunden auf deutsch) zwischen jura, alpen und aare ansiedelten. von 534 bis 888 gehörte es als unselbständiges königreich zum fränkischen könig- und kaiserreich.

longchamp: die langfelder
die herkunft unseres familiennamens ist nicht belegt, sie lässt sich nur erschliessen. malapalud ist lateinisch. „palus“ ist der sumpf, „mala“ ist schlecht, und so ist malapalud der schlechte der sumpf. der name dürfte im 16. jahrhundert entstanden sein, als die berner die söhne der bauern anhielten, nicht mehr nach italien oder frankreich in solddienste zu treten, sondern neue bauerngüter aufzubauen. sie halfen ihnen bei der entsumpfung der feuchtgebiete auf dem plateau. wer sich daran beteiligte, konnte anschliessend selber land empfangen. der name „longchamp“ dürfte sich ähnlich herleiten: gemeint waren damit die langfelder, eben die, die felder im schlechten sumpf bewirtschafteten.

longchamp ist im französischen ein gebräuchlicher orts- und familienname. das berühmtestes „longchamp“ ist ausserhalb von paris, im bois de boulogne. jährlich findet auf der longchamp eines der berühmtesten pferderennen der welt statt. entstanden ist die dortige pferdezucht nach der französischen revolution, nachdem das kloster klarissenkloster, das vorher dort stand, zerstört worden war. begründet hatte das kloster isabelle im jahre 1256, die schwester des damaligen französischen königs, die sich weigerte, konrad von hohenstaufen, den erbberechtigten sohn von kaiser friedrich ii. zu heiraten. ihre mitgift vermachte sie der kirche; selber zog sie sich ins kloster der franziskanerinnen zurückzog, das nach dem vorbild der hl. klara, aufgebaut worden war. da man im mittelalter „champ“ ohne „s“ schrieb, hat sich die form, die sich vom kloster her ableitet, an vielen orten gehalten. heute findet sich der name „longchamp“ in vielerlei hinsicht auch als marke für luxuswaren, für automobile und für hotels. davon habe ich nichts, einzig die longchamp-trinkgläser aus dem coop habe ich gekauft …

longchamp gibt es in vielen orten der schweiz und frankreichs. sie müssen nicht miteinander verwandt sein, denn der name entsteht in verbindung mit ortsbezeichnungen. in der schweiz bekannt sind vor allem albert longchamp, strenger jesuitenpater und kritiker des ordens opus dei, der heute in zürich lebt und präsident der medienkommission der schweizerischen bischofskonferenz ist. roland longchamp wiederum wirkte als ingenieur und war professor an der eth lausanne. schliesslich sei erwähnt, dass in genf françois longchamp als fdp-staatsrat amtet. die verwandtschaftsgrade mit mir unserer familie sind nicht genau bekannt; immerhin, auch albert longchamp ist bürger von malapalud.

die verknüpfung von orts- und familiengeschichte
die ursprünge der familie selber sind nicht bekannt. sie lassen sich aber aus der ortsgeschichten rekonstruieren. nach 1803 haben verschiedene zweigen der longchamp die personenfreizügigkeit genutzt und sich an verschiedenen orten niedergelassen. vor 1803 waren die longchamps fast immer bauersleute. in die ferne kamen sie nur als söldern für die die berner, meist nach frankreich an den königshof. herausragende personen aus dieser zeit sind nicht viele bekannt; ausnahme ist françois-nicolas longchamp aus malapalud, schlossherr in bottens, politiker der ersten stunde in der helvetischen republik und zwischen 1805-1809 waadtländer staatsrat. bis heute ist er der einzige katholik, der es in die waadtländer regierung gebracht hat.

teilweise vorhanden sind noch die tauf- und sterbebücher der pfarrherren von echallens und assens, die so manches aus dem wohl nicht ganz einfachen leben der landleute erzählen. bis in 19. jahrhundert wurden eigentlich alle kinder, von denen es reichlich gab, auf die namen joseph und marie getauft, erhielten dann aber rufnamen, und sterben deshals als jean-joseph oder marie-anne. zu den grösseren familienproblemen zählte aber lange, dass man nur katholiken heiraten durfte und die auswahl nicht gross war. gab es blufauffrischung durch einen reformierten, verweigerte die kirche die heirat.

unsere familie hat sogar ein familienwappen. es ist blau-weiss, mit wellen im untergrund, mond und sternen im oberen teil. es ist offensichtlich dem ortswappen nachgeahmt, das nochmals auf den sumpfigen boden anspielt, und nur aus wasserwellen besteht. familienwappen sind übrigens nicht überall verbreitet. in der waadt schon. der bischof von lausanne war im 11. jahrhundert einer der ersten überhaupt, der ein wappen hatte, um mit dem kaiser in den krieg ziehen zu können. die adeligen haben das tradiert, die bürger dann 1798 übernommen, und wir auf unsere familie übertragen.

vor 1536 verlieren sich die spuren der longchamps. sie dürften, wie die anderen auch, keinen familiennamen gehabt haben, untertanen der burgunder oder savoyer gewesen sein, die seit der völkerwanderung in echallens und umgebung gelebt hatten. damit sind wir, wenn auch nicht belegt, letztlich burgundischer abstammung.

die auswanderung von malapalud durch meine vorfahren führte nicht direkt in die hauptstadt fribourg.
mein urgrossvater lebte in ponthaux. 3 söhne,
julien, joseph (mein grossvater) und emile kamen nach fribourg. meine
grosseltern lebten, arbeitbedingt auch einige Jahre in weiler ferpicloz bei
le mouret.

seit dem 1. januar 2009 ist le mouret eine fusionsgemeinde aus verschiedenen orten der region entstanden, die ihren ursprung in der klösterlichen besiedlung der gegend im 12. jahrhundert haben. damals schon gab es auswanderungen ins üechtland, dem landstreifen zwischen aare und saane, der lange menschenleer geblieben war, um die burgundische und alemannische bevölkerung zu überwinden. meine eltern überwanden dies auch symbolisch, ist doch meine mutter klara aus dem aaragauischen freiamt, heiratete sie meinen vater pierre ganz in der nähe des zisterzienserklosters hauterive, und lebte sie anfanglich mit ihm in le mouret. später zogen sie nach freiburg, wo ich geboren wurde. mit meinen eltern wanderte ich nach oberwil bei basel und buchs bei aarau. seit bald 30 jahren lebe ich in bern, und bin da seit 2004 als stadtwanderer unterwegs.

claude longchamp


Comments

4 Comments so far

  1. Ate on Januar 18, 2009 20:19

    Deine Familiengeschichte werde ich morgen in aller Ruhe lesen, denn da ist meine Wohnung von 4 diversen Arbeitssparten übervölkert, da flüchte ich mich dann hinter den Computer.

    Ich las einen Artikel im Tages-Anzeiger (Züri-Teil)über Matthias Dürst. Er schreibt auf seiner Hompage http://www.alt-zueri.ch/turicum über die Geschichten sämtlicher Zürcher Strassen.

    Ich finds interessant. Gibt es so etwas Ähnliches in Bern auch?

  2. Titus on Januar 18, 2009 21:09

    Eine spannende Familiengeschichte, welche die Neugier bezüglich eigener Familiengeschichte weckt. Einige wenige Anhaben stehen bei uns auf der Rückseite des Familienwappens. Doch wie verlässlich diese auf dem vererbten Stück sind – ich weiss es nicht.

    Frage: Wie geht man vor, um mehr über den Ursprung seiner Familien zu erfahren. Welche Quellen kann oder soll man angehen (oder stehen überhaupt offen)? Hat uns der Historiker Tipps dazu, evtl. auch basierend auf der eigenen Erfahrung?

  3. stadtwanderer on Januar 18, 2009 21:56

    at ate:
    eine geschichte der strassen gibt es in bern nicht, aber geschichten zuhauf. berchtold weber hat sie gesammelt, und zu einem buch verarbeitet. extrem nützlich, eine art bibel für stadtwanderer.
    es gibt auch eine zusammenstellung im netz:
    http://www.digibern.ch/weber/index.html
    ganz schön spannend.

    at titus:
    tja, wenn ich das wüsste? – mein grossvater erzählte mir von der pferderennbahn, ujnd glaubte, wir seien französische flüchtlinge. das hat mich inspiert, auch wenn ich nie belege fand.
    angefangen mit recherchen habe ich im 2. semester geschichtsstudium, das war 1978, also vor dreissig jahren.
    seither habe ich alles gesammelt, zu orten und namen, was hinweise liefern würde. das ist ja zwischenzeitlich etwas ausgebaut zum stadtwanderer-blog geworden …
    zwischenzeitlich braucht es keine 30 jahre arbeit mehr, denn die familienarchive auf dem web helfen einem häufig schnell weiter. das gehört ja zu den ausgebautesten sache auf dem www .

    dazu zählt zu aller erst die elektronische ausgabe des historischen lexikons der schweiz, dem besten verzeichnis von orten und personen.
    http://www.hls.ch
    wenns auswanderer in die usa hat, hilft swiss roots ebenfalls häufig weiter:
    http://www.swissroots.org/swissroots/en/stories.html
    so ist meine story über laura bush und ihre berner vorfahren entstanden,die nicht einmal der familie von graffenried bekannt war!
    http://www.stadtwanderer.net/?p=1885

  4. stadtwanderer on Februar 3, 2009 21:03

    da habe ich nachträglich noch ein ganz nettes spielzeug entdeckt. unter http://www.verwandt.ch/karte kann man über seine verwandtschaft recherchieren. spassig ist die verteilung des geschlechtsnamens in georgrafischer hinsicht. hier schon mal das ergebnis für unsere familie.

    Stammbaum erstellen bei verwandt.ch
    Karten zum Namen Longchamp

    Verbreitung des Namens Longchamp

    Woher kommt dein Name?

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