mein heimatort malapalud in der waadt hat am 1. januar 2009 mit der nachbargemeinde fusioniert. nun bin ich bürger von assens, auch wenn ich das bis heute mir keinen schriftlichen dokument bestätigt erhalten habe. doch das macht nichts, denn im gros-de-vaud funktioniert die kleine welt bis in die heutigen tage weitgehend auf mündlicher überlieferung.


die alte kirche von assens, vormals für die katholiken, heute für die reformierten.

in assens war ich nur zweimal in meinem leben. einen bleibenden eindruck habe ich dennoch mitgenommen. das dorf ausserhalb von echallens hat keine 1000 einwohnerInnen, eine beiz, aber zwei kirchen! das reizt zu nachfragen.

1978 habe ich während meinen recherchen für die familiengeschichte im pfarrhaus in assens übernachtet. keine geld dürfe ich dafür bezahlen, bedeutete mir die verwalterin. der student, der ich damals noch war, zeigte sich hoch erfreut, aber auch interessiert, wieso dem so sei. der herr pfarrer habe mal flüchtlinge aufgenommen, und fünf franken pro tag verlangt. das geld habe er dann dem staat, sprich dem kanton waadt, nicht abgegeben. dem aber gehöre das pfarrhaus, was den skandal auslöste.

natürlich hatte das ganze einen konfessionellen hintergrund. der pfarrer war katholisch. in der umgebung echallens ist das nichts besonderes, denn ein erheblicher teil der bevölkerung hat die reformation nie angenommen. der kanton waadt aber ist seit 1803 ein ausgesprochen reformiert ausgerichteter kanton. und der mochte es dem mieter-pfarrer nicht gönnen, dass er für seine umtriebe geld nahm.

angefangen hatte das zerwürfnis der konfessionsgemeinschaften in assens mit der reformation. 1536 offiziell von der berner herrschaft eingeführt, fand sie vorerst nur bei den bürgern in lausanne unterstützung. die traditionelle bauerngesellschaft auf dem land lehnte sie ab. der erster reformierte pfarrherr in assens wurde erst 1585 eingesetzt. offiziell hielt er nun den reformierten culte ab, die katholische messe wurde aber im geheimen weiter gefeiert.

1619 entschied sich die gemeinde, einen paritätischen vorstand anzunehmen. reformierte und katholiken waren nun gleichberechtigte „parteien“. je 6 mitglieder stellten sie in der gemeindeadministration. die kirche saint-germain, schon 1228 als teil des bistums lausanne erwähnt, wurde in der folge abwechslungsweise von reformierten und katholiken gemeinsam besucht.

dieses unikum auf dem plateau war selbst in lausanne bekannt. als der junge jean-jacques rousseau, aus reformiertem haus, selber aber zum katholizismus übergetreten, um 1730 vorübergehend in lausanne lebte, besuchte er die sonntägliche messe seines glaubens jeweils in assens!

der religionsfriede in der kleinen waadtländergemeinde wurde 1803 mit der kantonsgründung aufgekündigt. die kirche, das pfarrhaus und der garten rund herum gingen an der neu gegründeten canton. die katholiken in assens gerieten in die defensive.

wie ich beim meinem besuch in assens erfuhr, setzten die katholiken in der disaspora voll und ganz auf die unterstützung ihrer sache durch rom. aus dem zentrum der katholischen welt erbettelten sie eine spende, um eine eigene kirche als ersatz für die verloren gegangene bauen zu können. dieses werk vollendete man in der 400 seelen-gemeinde 1845, just als die radikalen der waadt den kampf der kulturen auf ihre spitze trieben.

für ein wohnhaus neben der kirche reichte das geld indessen nicht. deshalb haust(e) der katholische pfarrer jeweils im reformierten pfarrhaus. als es ihn noch gab. denn heute hat die katholische kirche assens, wie überall, nachwuchsprobleme …

die verbliebene verwalterin, selber katholisch, bewirtete mich bei meinem besuch vorzüglich. nur am ersten tag war sie gegenüber dem fremden aus der deutschschweiz zurückhaltend. danach taute sie auf, und erzählte mir unmengen von geschichten über meine vorfahren …

ganz unbekannt sind wir in unserer neuen heimatgemeinde also nicht.

stadtwanderer


Comments

4 Comments so far

  1. Lisa N. on Januar 20, 2009 21:23

    Hör’ich da, werter Stadtwanderer, eine Prise Nostalgie heraus?
    Ich bin ja für Euch „Schweizer“ aus Ungarn. Einen Bürgerort kennen wir nicht, den man noch mit Heimat verbindet. In unserem Pass steht der Ort, wo wir geboren sind. Das wäre unser „Heimatort“. Normalerweise ist es aber der Ort, wo wir leben. Bei mir also Murten – IN DER SCHWEIZ!!!

  2. stadtwanderer on Januar 20, 2009 22:24

    jaja, es gibt eine emotionale regung in mir, wegen des verschwindens meiner heimatgemeinde. das ist schon so.
    aber auch nicht so tiefschürfen, dass ich nicht darüber hinweg käme. assens liegt ja nicht weit weg, und die volksabstimmung zur fusion wurde mit dem argument gewonnen, zwei alte verlobte würden nun endlich heiraten.

    danke dir, lisa, dass du uns erinnert hast, wie eigen die schweiz mit seinen bürgerorten sind. denn der bezug zum heimatort ist für die meisten ein fiktiver. viele leben nicht dort, und haben, wie ich auch, den heimatort nur selten besucht. doch hilft vielleicht genau das, das ortsverbundene bild von heimat zu bewahren.

    nur schlecht finde ich das nicht!

  3. Titus on Januar 22, 2009 02:03

    Eigentlich sollte man die Heimatorte abschaffen und zwar nicht nur etwa deshalb, weil wir heute kaum mehr einen Bezug zu diesen haben. Vielmehr führen Heimatorte dazu, dass man die Wurzeln unserer Mütter meistens ignoriert.

    Berücksichtigt man diesen Aspekt, merkt man schnell, wie sehr sich doch unsere Wurzeln vermischen. Die Zeiten, wo ds Liseli den Anton aus dem gleichen Dorf ehelichte, sind ja bekanntlich schon lange vorbei…

  4. stadtwanderer on Januar 22, 2009 08:25

    danke, titus, für die anteilnahme an meiner trauerarbeit …

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