„20 Minuten“ brachte kurz vor dem wochenende die geschichte auf: auf „www.come-to-switzerland.com“ würden auswanderungswillige deutsche auf die vorteile der einwanderung in die schweiz hingewiesen. was seither als heimtückische schlepperseite bekannt ist, erweist sich bei genauerem hinsehen als plumper fake im laufenden abstimmungskampf.

deutschland brennt wegen übermässigen sozialhilfeansprüchen, bald ist das auch in der schweiz so, ist die botschaft der neuen kampagnenwebsite

das phänomen ist bekannt die zuwanderung von deutschen in die schweiz hat unter den bedingungen der personenfreizügigkeit zugenommen. es ist namentlich im raum zürich zum gesellschaftlich kontroversen thema geworden. für die schweiz neu ist, dass es dabei zu einer überwiegend hochqualifizierten einwanderung kommt, die ungewohnte ängste auslöst.

einwanderungshilfe für hartz 4 empfänger …
seit dieser woche macht hierzu die website „come-to-switzerland“ von sich zu reden. denn sie wirbt, vorerst aufs deutsche publikum fokussiert, für die einreise in die schweiz. angeboten werden dienstleistungen („tipps und tricks“), wie man sich hierzulande dauerhaft niederlassen könne.

die angesprochenen sind aber keine ärztInnen oder sonstige fachleute, sondern ganz explizit „Hartz 4-EmpfängerInnen“. die formlose aufmachung der plattform und die saloppe sprache („untige adresse“) verweisen auf eine frustrierte unterschicht in deutschland . ihr werden bei auswanderung deutlich bessere sozialleistungen in der schweiz im vergleich zu deutschland in aussicht gestellt.

das underdog-publikum, das so mobilisiert werden soll, muss jedoch für die beratung 3500 euro hinlegen. das sei, schreibt man, zwar viel geld, werde in der schweiz aber schnell wieder eingenommen. im vergleich zur konkurrenz verfüge man über eine „rundum-sorglos“-hilfe zu festen konditionen.

ungereimtheiten über ungereimtheiten
spätestens hier wird man stutzig. wanderungswillige, die 3500 euro (gut 5000 franken) zahlen können, wird es nicht viele geben. das bemängeln zwischenzeitlich auch andere blogs. da wird man offensichtlich verhökert. wer sich dennoch erwischen lässt, ist selber schuld. denn man bekommt eine unverbindliche kontaktadresse („keine telefonische Beratung unter dieser Nummer“), aber sichtbar keine unmittelbare antwort. diese erfolge in rund 14 tagen, also nach der abstimmung in der schweiz …

amateurhaft wirkt vor allem das untrstellte übersetzungangebot für ausreiseinteressierte aus 9 eu-länder. ausser englisch und ein wenig polnisch funktioniert nämlich nichts. rumänisch und bulgarisch, heisst es, werde nach dem 8. februar 2009 aufgeschaltet.

eine bekannte firma oder ein seriöses projekt hinter dem angebot findet man ebenso wenig. vielmehr dürfte das ganze nach bekannter manier auf den schweizer blogger „leumund“ zielen, beruflich in osteuropa tätig, privat mitglied der svp, der so blossgestellt wurde und sich zwischenzeitlich in der blogosphäre als abweichler von der svp-linie outen musste!

alle klar macht die recherche nach dem verantwortlichen für die plattform. genannt wird markus gäthke aus gladbeck, betreiber einer einmannfirma für websites. dieser bietet einfache und schnelle services für wenig geld an. das geschieht wohl automatisiert, weshalb unter haftungsausschluss ganz gross steht: „Der Inhaber dieser Hompage übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen.“ das macht sein angebot für vielerlei internetanbieter interessant, bei denen es nicht mit rechten dingen zu und her geht.

guerilla-marketing: medienaufmerksamkeit durch gags gewinnen
so bleibt der starke verdacht, bei der ausreisehilfe handle sich um ein fake aus der schweiz, ganz bewusst 10 tage vor der entscheidung zur personenfreizügigkeit ins netz gestellt, um hier die stimmung. via „20 minuten“ ist das guerilla-marketing („statt geld ausgeben medial wirksame aktionen lancieren“) auch gelungen, und es hat auch einigen hiesigen blogs gelegenheit gegeben, die sache weiterzuspinnen.

so hat www.winkelried.info den artikel aus dem gratisblatt gleich weiterverbreitet, wenn auch um einen symptomatischen absatz gekürzt:

„Was die Sache besonders dubios erscheinen lässt: Der Domain-Inhaber weist jede Verantwortung von sich und gibt keine Informationen über den Anbieter heraus. Es handelt sich also um eine anonyme Webseite, für deren Inhalt sich keiner so recht verantwortlich zeigen will.“

stadtwanderer


Comments

51 Comments so far

  1. Titus on Februar 9, 2009 14:43

    Besten Dank!

    Neu ist dieser Umstand „autonom/fremdbestimmt“ ja nicht, nur kommt nun endlich etwas quantitative Transparenz in die Sache.

    Die Untersuchung unterstreicht eine schon länger unterschwellig vorhandene Vermutung:
    Wir würden besser der EU beitreten, um so mitbestimmen und Einfluss ausüben zu können, statt mehr oder weniger „knurrend“ EU-Recht – auch wenn nur zu einem eher beschränkten Teil – zu übernehmen.

    Von Autonomie kann heute auf jeden Fall nicht mehr die Rede, wir verwehren uns durch unsere Absenz in Brüssel sogar das Mitbestimmungsrecht…

    Wie unter dem oben verlinkten Post angesprochen bleibt die Frage bezüglich Qualität der betroffenen Gesetzgebung offen.

    Daneben beschäftigen Herr und Frau Schweizer vor allem auch die finanziellen Auswirkungen eines allfälligen EU-Beitritts, nicht nur in Bezug auf die Steuern, sondern auch betreffend Sozialwerke.

    Da steht noch viel Arbeit an, um weitere Transparenz zu schaffen, dank welcher Ängste abgebaut werden können…

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