„Was ist denn eine Sternstunde?“, fragt Momo. „Nun es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke“, erklärt Meister Hora, „wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinaus, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so dass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen grosse Dinge auf der Welt.“

41wbee6p8ql__sl500_aa240_michael endes kinderbuch „momo“ kennen viele. weniger bekannt ist dagegen das buch des deutschen historikers alexander demandt, das unter dem titel „sternstunden der geschichte“ erschien. der berliner autor wagt es, einen blick auf das ganze zu werfen, dass heisst auf jene momente der menschheitsgeschichte, in denen „grosse Dinge auf der Welt“ geschahen. alexanders rückkehr nach babylon, augustus‘ begründung des patriziats, die geburt jesu in bethlehem, mohammeds stiftung des islams, die kaiserkrönung karls des grossen, die magna charta libertatum in england, die entdeckung amerikas durch kolumbus, luther auf dem reichstag zu worms, die unabhängigkeitserklärung der vereinigten staaten, die öffnung japans gegenüber der welt, gandhis salzmarsch und die erklärung der menschenrechte zählt demandt hierzu. und, da er die vortragsreihe in berlin zur jahrtausendwende hielt, fügte er den fall der berliner mauer – etwas unvermittelt – als 13. sternstunde hinzu.

doch was sind sternstunden der geschichte? – grimms wörterbuch meinte vor 200 jahren, es seien schicksalsstunden, „die über glück und unglück“ entscheiden würden. doch das buch ist dennoch keine abhandlung weder über astrologie noch über astronomie. vielemehr geht es um sterne und unsterne. denn vom schatten in der geschichte werde viel gesprochen, ohne dass man sich um das licht in der vergangenheit kümmere, bilanziert demandt das tun seiner profession.

eine reife antwort auf seine anfangsfrage findet der autor in immanuel kants „idee zu einer allgemeinen geschichte in weltbürgerlicher absicht„. um den leitfaden gehe es dem historiker, der dem ziel diene, die vollkommene bürgerlicher vereinigung in der menschengattung zu befördern heisst es da. also handeln sternstunden der geschichte von den seltenen ereignisse, die faktisch oder symbolisch als meilensteine am weg zur weltgesellschaft gesehen werden dürfen. denn sie sind die schlüsselszenen für eine menschenwürdige zukunft, die man sich erhoffen müsse, auch wenn man sie nicht erwarten dürfe. weil geschichte nun einmal nicht im himmel spiele.

um sich auf erden orientieren zu können, müsse man die sterne studieren, fügt demandt bei. dieses studium lohnt, gerade in momenten der faktischen oder symbolischen dunkelheit, sagt sich der

stadtwanderer


Comments

5 Comments so far

  1. Silvia on Februar 19, 2009 18:47

    Und, frage ich, was wären die Sternstunden der Geschichte in der Schweiz?

    — der Bau der standfester Steinhäuser durch die Römer?
    — die Gründung von christlichen Missionsklöstern?
    — die Erschliessung der Alpen für den Handel?
    — die Selbstverwaltung der Bauern?
    — die Wandlung der katholischen Kirche durch die Reformation?
    — die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft von allen Monarchien?
    — die Hinwendung zu Europa mit der Industrialisierung?
    — der Glaube an die eigene Stärke durch die Staatsgründer?
    — die Humanität des Roten Kreuzes?
    — die tägliche Kleinarbeit der Frauen, damit Männer Geschichte machen konnten?

    Wäre das nicht auch ein Artikel auf dem „Stadtwanderer“ wert???

  2. Ursula on Februar 20, 2009 09:49

    „…gerade in momenten der faktischen oder symbolischen dunkelheit…“ In diesen Tagen sollte man besonders solidarisch sein mit Steuerhinterziehern, die leiden ja nur unter einer phasenweise existierenden Vergesslichkeit, sie sind sehr verletzlich in dieser wilden Welt. Dass auch ihnen das Licht der Hoffnung, das mit dem Bankgeheimnis bis in jeden dunklen Winkel hineinstrahlte, erhalten bleibe…! 😉

  3. stadtwanderer on Februar 20, 2009 10:02

    gut so, ursula!
    über die sternschnuppe der schweizergeschichte und ihr sichtbares verglühen habe ich mich ja schon vor drei monaten geäussert. der kleine artikel „keine bankgeheimnis“ fasst ja fast so was wie die heutigen medienbericht zusammen:
    http://www.stadtwanderer.net/?p=3871
    das wäre immerhin eine vorwarnung gewesen, damit einem das licht noch rechtzeitig aufgegangen wäre.

  4. Ursula on Februar 20, 2009 19:53

    „…über die sternschnuppe der schweizergeschichte…“ Ja, sieht tatsächlich so aus, als ob es damit bald vorbei wäre. Zwar utopisch, aber m.E. trotzdem wünschenswert wäre jedoch, wenn manche Praktiken weltweit gesehen irgendwann ihr Ende fänden. Wobei ich auch sagen muss, dass ich das gegenwärtige Hickhack nur begrenzt verstehe und mir mitunter schon fast schwindelig wird ob der Dynamik, die da öffentlich abgeht, als ob diese Sternschnuppe noch ein paar Loopings hinlegen würde vor ihrem Verglühen.

  5. stadtwanderer on Februar 20, 2009 21:17

    ich kann gut verstehen, dass man die übersicht verliert. alles geht jetzt enorm schnell, die akteure sind verwirrlich, und die themen wechseln rasch. zudem sind wir wohl unvollständig informiert, zum beispiel war das ultimatum der usa bis kurz vor ablauf
    keine thema in der schweiz.
    habe mal versucht, eine übersicht zu geben, was in den letzten 24 stunden abgelaufen ist. braucht fast eine stunde, um ordnung zu schaffen.
    wenns interessiert:
    http://www.zoonpoliticon.ch/blog/2420/was-ist-sache/

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