zu diesem beitrag gibt es keine vorangestellte these. denn er will zum unbefangenen nachdenken über die lage der schweiz anregen.

topelement8
bundesräte als elemente der karikatur: doch auch sie machen sich gedanken zur lage der schweiz. eine kleine auslegeordnung

“Im Gerangel um mediale Aufmerksamkeit hat eine Inflation der Unflätigkeiten eingesetzt, welche die Kunst politischer Polemik entwertet hat. Gröbste Anschuldigungen erweisen sich als Übertreibungen und wirken nur noch lachhaft. Die verletzte Ehre, für die vor hundert Jahren noch zum Duell aufgefordert wurde, wird kaum noch geltend gemacht.”

der absatz im blog unseres medienministers moritz leuenberger zum gegenwärtigen zustand ist mir heute am meisten hängen geblieben. denn ich kann nur sagen: wie recht er doch hat!

die wirtschaftskrise hatte in der schweiz nicht zu hysterischen reaktionen in der bevölkerung geführt. besonnenheit blieb die schweizerische tugend. in der politik haben sich jedoch beträchtliche verschiebungen ergeben, die bisher nicht üblich waren. das wiederum hat in den massenmedien zu einer welle von querschüssen aller art geführt, die mir bisher nicht geläufig waren.

***

letzte woche, als ich an der grossveranstaltungen der zeitungen „weltwoche“, „neue zürcher zeitung“ und „tagesanzeiger“ in bern war, an der die zukunft der armee diskutiert wurde, meinte bundesrat ueli maurer, unser verteidigungsminister, in anlehnung an ein zitat seines früheren amerikanischen pendants: wir wissen um die bekannten gefahren schon lange. wir werden seit längerem auch auf zwischenzeitliche bekannte unbekannte in der gefahrenlage aufmerksam gemacht. doch wovon wir keine ahnung haben, ist die unbekannte unbekannte in der bedrohungslage.

eigentlich, möchte ich entgegnen, müssen wird nur die gegenwärtige lage der schweiz betrachten, um zu wissen, was das unbekannte unbekannte ist. wer nur hätte sich vor einem halben jahr einfallen lassen, dass die weltwirtschaft so abrupt einbricht, dass die ubs pleite gehen könnte, dass die finma das bankgeheimnis aufbricht, dass regierung und parlament für neuverhandlungen von steuerabkommen mit den usa und wohl bald auch mit der eu sind? das war doch bis vor kurzem offiziell nicht verhandelbar, nicht vorstellbar in unserem land. eben: die unbekannte unbekannte.

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und um den bogen zum zitat von moritz leuenberger von oben zu schliessen: an der gleichen tagung referierte herfried münkler, der renommierte berliner friedenforscher, unter anderem zu armee und politik im postheroischen zeitalter. das könnte man fast schon als analyse dere zukunft der schweiz nehmen. denn demnach ist der reichtum der grossfamilien durch die armut der singlegesellschaften abgelöst worden, in denen der erwerb von materiellem reichtum die verteidigung der persönlichen ehre überlagert. wenn der geldsegen ausbleiben sollte, so seine pointe, kommt der wunsch, seine ehre wieder zu erlangen, nicht automatisch zurück.

deshalb duellieren sich bundesrätInnen heute nicht mehr mit medienschaffenden, auch wenn ihnen bei ihren wilden ausfällen jegliche form von kollateralschäden gleich sind.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Röstigraber on März 26, 2009 00:36

    Die „heroische Gelassenheit“, welche Münkler auch anspricht, vielleicht ist sie es, die wir nun brauchen, in dieser Zeit der medialen Querschüsse mit anonymen Alkoholikern, Beamten, Journalisten und neuerdings auch Polotologen! Selbsthilfe gegen die Sucht, hier wohl die Sucht endlich aus der Bedeutungslosigkeit herauszukommen, das ist die Zielsetzung dieser Gruppen. Den armen Mitgliedern dieser Gruppe ist am Besten geholfen, wenn sie sich unter einander austauschen können. Genau dies tun sie im Moment mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit, welche ihr Suchtverhalten längst erkannt hat und deshalb gelassen und vielleicht schon fast ein wenig mitleidig ihr anonymes Treiben und Geschreibsel beobachtet. Übrigens gibt es den Anonymus schon sehr lange. Ab dem 16 Jahrhundert veröffentlichte er regimekritische Pamphlete, kirchenfeindliche Texte und erotische Phantasien, so stet es jedenfalls im Wikipedia, und seit Mitte des 20 Jahrhunderts steht im Medienbereich die Abkürzung „AP“ für Anonyme Presse.

  2. Titus on März 26, 2009 01:12

    Wenn es darum geht, einen dunklen, weil unbeleuchteten Tunnel zu durchqueren, also das unbekannte Unbekannte zu durchschreiten, dann geht das einfacher, wenn man sich gegenseitig an der Hand nimmt. Das müssen nicht Mitglieder der gleichen Familie sein, dass können auch Singles sein. Das lässt den Tunnel nicht heller werden, aber man hat wenigstens die Gewissheit, nicht alleine zu sein. Und sollte man im Dunkeln stolpern, ist links und rechts jemand da, der einem auffängt.

    Die eigentliche Krise hat nichts mit Banken, Bankgeheimnis, Bundesräten, Finanzwelt oder Wirtschaft zu tun. Die eigentliche Krise ist der Mensch und sein heutiges Verhalten.

    Doch was red‘ ich da für sentimentales Zeugs. Lasst uns lieber darüber munkeln, weshalb denn nun wirklich die Beschaffung der ach so dringend benötigten Militärfluge auf die lange Bank geschoben wird…

  3. Ursula on März 29, 2009 15:01

    Der Vorwurf mit dem „Landesverrat“ ist so alt und wurde schon so oft öffentlich geäussert, dass es doch dazu keine Anonymität bräuchte. Und der nicht angekommene bzw. verhinderte Brief an die OECD „beweist“ halt vielleicht auf der anderen Seite auch, dass der Bundesrat mitunter wenig koordiniert handelt. Und durch wen gelangte denn jetzt wieder diese Information in die „Sonntag“, wonach es Knatsch gab im Bundesrat der Indiskretion wegen, die von Maurer ausgegangen sei und zu der eine Untersuchung geplant sei? Um was geht es denn? Welcher Bundesrat, welche Bundesrätin die Aussenpolitik nach seinem, ihrem Willen prägen kann?

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