ein wenig beeindruckt war ich schon, als wir im passeiertal ankamen und vor dem sandhof standen, dem damaligen hauptsitz der tirolischen opposition gegen die napoléonische welt. doch kann ich sagen, ich wurde angenehm überrascht, wie man mit der 200 jahre alten geschichte um den volkshelden andreas hofer neuerdings selbst im museum in seinem wohnhaus umgeht.

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sandhof, wo andreas hofer wirts- und gutsherr war (foto: stadtwanderer)

im haus von andreas und anna hofer spürt man schnell, nicht im frühen 19. jahrhundert stehen geblieben, sondern im 21. jahrhundert angekommen zu sein. denn die neu eröffnete ausstellung zur person von andreas hofer fügt dem mythos hofer nichts neues bei. vielmehr führt sie in die lebenswelt des tirolers wie in die der grossen politik der kaiserhöfe ein, um zu einem unerwarteten schluss zu kommen.

allgegenwärtig ist im salzhof die lange hand von kaiser napoléon, der in der schlacht von austerlitz den österreichischen kaiser besiegte, mitteleuropa neu zu ordnete und bayern zum königreich zu machte. tirol, das er dabei den österreichern abnahm, übergab er in der folge den bayern.

in der ausstellung im geburtshaus von hofer wird rasch klar, dass der sieg in der ebene keine macht über die berge garantierte. denn die tiroler um hofer paktierten 1809 mit dem hof in wien, der nach revanche für die erlittene schmach sann. erzherzog johann, der bruder des kaisers, befürwortete die bewaffnung des landvolkes, um mit den mitteln des partisanenkrieges die franzosen zu besiegen.

andreas hofer, der naturbursche aus dem entfernten passeiertal, kam da mit seinen getreuen wie gerufen. schon im ersten koalitionskrieg hatte sich der schützenhauptmann aus dem tirol bewährt gehabt. doch erst jetzt sollte seine grosse stunde kommen: dreimal forderten die tiroler ihre feinde am bergisel bei innsbruck heraus, und dreimal sollten sie die fremden truppen aufreiben.

mit dem dritten sieg wurde hofer tiroler landeshauptmann in innsbruck. nun musste er nicht über vieh, pferdekutschen und weinkäufer gebieten, sondern ganz tirol regieren. die kirchenleute witterten ihre chance, mit dem tiefreligiösen hofer einen antiaufklärer und vorkämpfer für sitte und moral gegen das städtische bürgertum gefunden zu haben. und auch der erzherzog schickte aus wien anerkennende worte, geld und eine kette als zeichen der anerkennung. doch gleichzeitig kapitulierte der kaiser in schönbrunn von dem sonst überall siegreichen franzosen.

hier kommt die ausstellung zu ihrem didaktischen höhepunkt. andreas hofer, im labyrinth seiner klerikalen berater gefangen, schwankte zwischen der friedenspartei, die für anerkennung der neuen verhältnisse war, und der kriegspartei, die eine vierte, entscheidende schlacht forderte. und hofer vertraute nicht der vernunft, sondern gab dem fanatismus nach. erneut verschickte er seine aufgebote, um für „gott, kaiser und vaterland“ zu kämpfen.

damti wurde hofer zum tragischen helden der tiroler geschichte, denn die letzte rebellion misslang gründlich. hofer selber glaubte, sich versündigt zu haben, flüchtete mit seiner familie auf eine alp, wurde aber von mittellosen bauern gegen geld verraten, von den franzosen gefangen genommen und in mantua auf befehl napoleons exekutiert.

als ich nach dem spannenden rundgang durch die eindrücklich ausstellung auf dem sandhof wieder nach aussen trete, merke ich, dass meine ehrfurcht am anfang des nachmittags unnötig war.

sicher, im passeiertal versuchten die vorrevolutionären verhältnisse ihre tradition in die neue zeit zu retten. doch die politik wurde weder hier, noch bei den kapuzinern gemacht. vielmehr entschied wien über sein oder nichtsein des aufstandes. und die logik der habsburger gebot, die tochter des kaisers mit dem neuen machthaber aus paris zu verheiraten und sich zu arrangieren.

die austellung wie die kundige führung von albin bixner, die ich geniese, wagen ein bisher unbekanntes experiment: „was wäre geschehen, wenn …“, die frage, die den schulhistorikerInnen an den universitäten vorboten wird, stellt sich selbst im abgelegenen salzhof. die antwort, die gegeben wird: napoléon hätte mit oder ohne tiroler volksaufstand die völkerschlachten verloren, und tirol wäre mit oder ohne partisanen während des wiener kongresses samt bayrischen reformen wieder zu oesterreich gekommen.

der tragische held wäre dem tirol erspart geblieben.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Röstigraber on April 29, 2009 10:06

    Irgendwie kommt mir das fast ein wenig bekannt vor. Auch in anderen Teilen der Alpen, z.B. im zentralen Bereich, gibt es doch romantisch verklärte Mythen mit Helden, Armbrust und so, welche primär von Schriftstellen aus dem „Flachland“ erfunden wurden und einen ganzen Nationalmythos begründen. Einen Mythos, der seit Ende des 19. Jahrhunderts jedes Jahr auf einer Wiese oberhalb eines weitverzwegten Sees in Herzen der Schweiz zelebriert wird, neuerdings mit einer ultranationalistischen, rechtsextermen Komponente.

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