michael desser, gesandter der österreichischen botschaft in bern, ist ein diplomat mit stil: interessiert und immer zurückhaltend, aufmerksam und immer vermittelnd. jetzt verlässt er die schweiz richtung wien, nicht ohne einprägsame worte zurückzulassen, denen der stadtwanderer lauschte.

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michael desser und nanete avial desser bei ihrer verabschiedung in der österreichischen residenz

fasziniert war michael desser als der schweizer bundespräsident samuel schmid 2005 das orchester in der österreichischen residenz aufforderte, den radetzky-marsch zu spielen, und das amtierende staatsoberhaupt höchstpersönlich den dirigentenstab schwang.

ursula plassnik, die spätere aussenministerin österreichs, die bei dessers ankunft in bern noch vor fünf jahren botschafterin war, habe ihn in den ersten tagen stets fragend angeschaut, scherzte der diplomat. als er wissen wollte, warum sie ihn so ansehe, habe die chefin geantwortet: „wann, bittschön, kommt der kulturschock?“

michael desser bekannte mit wiener unterton, nicht geschockt gewesen zu sein, als er mit seiner frau nanete avila desser in die schweiz kam. eine entdeckungsreise mit überraschungen sei es aber schon gewesen, die auf dem landepiste in belp angefangen habe.

die menschen, dozierte der weitgereiste gestern, erkenne man an ihrem verhältnis zum wasser. in mexiko habe sie das meer gerufen; in österreich seien die flüsse der magische anziehungsort. in bern jedoch begegne man der seele der menschen, wenn sie bergseen lauschen würden. nirgends sei es ihm und seiner familie so wohl gewesen wie am öschinensee.

ob die schweiz eine Insel sei?, habe man ihn immer wieder gefragt. als österreicher sei er mit der metapher durchaus vertraut, glaube man doch, die insel der seeligen zu sein. in der schweiz sei er der vorstellung begegnet, man lebe auf einer insel der gerechten. bei genauem hinsehen entpuppe sich die schweiz jedoch nicht als einfache insel, denn die genferInnen etwa würden sich als insulanerInnen unter den insulanerInnen verstehen. am ehesten, schloss kulturanalytiker desser, sei die schweiz ein archipel von inseln.

jetzt geht es weiter nach wien. die dessers werden in der österreichischen hauptstadt wohnsitz nehmen, wo ihre kinder in die schule gehen werden. und michael dessers wiener schalk wieder ganz zum tragen kommen kann. ganz verkneifen konnte er ihn auch bei seinem abschied nicht.

der bekennende leser des „stadtwanderers“ gestand zum schluss: am anfang habe er tagesschau gesehen, um über die schweiz informiert zu sein. dann habe er sich der arena zuwandt, um die politischen kultur kennen zu lernen. heute sei er überzeugt: am meisten über die stimmungslage im volk erfahre man bei giacobbo/müller am sonntag abend!

und: wer soweit sei, sagte der gesandte, der müsse gehen! servus, michael desser!

stadtwanderer


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