amen. so jedenfalls endet das neue testament. in der übersetzung von martin luther fehlt dieser schluss indessen. da heisst es einfach: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“

zu lesen bekomme ich das als geschenk des internationalen gideonbundes an mein heutiges hotelzimmer. diese vereinigung ursprünglich amerikanischer geschäftsmänner, fanden sich an der wende des 19. zum 20. jahrhunderts zusammen, um auch an fremden orten ihre religiösen bedürfnisse gemeinsam zu befriedigen. heute findet man sie in der ganzen welt. die schweizerische sektion hat ihren sitz in genf.

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der papst und die reformatoren (foto: stadtwanderer)

in eben diesem genf bin ich nun an der rue de la vallée und bereite mich in einem karg ausgestateten und stier ausgerüsteten zimmer auf die morgige aufzeichnung der fernsehsendung „sternstunde geschichte“ vor. thema wird ausgerechnet „die reformation und ihre folgen“ sein.

der ort hierfür hätte nicht besser ausgewählt werden können. denn genf gedenkt dieses jahre mit ausstellungen und veranstaltungen dem 500. geburtstags von jean calvin. 1536 kam der französische jurist, der sich in theologische fragen eingemischt hatte, nach genf. guillaume farel aus dem dauphinois hatte in der rhonestadt eben mit den bürgern die herrschaft des bischofs gestürzt und suchte nach verbündeten. er fand sie beispielsweise in calvin, aber auch den eidgenossen, welche die aufständischen unterstützten.

calvins erfolg in der rhonestadt stellte sich nicht unmittelbar ein. nach nur 2 jahren wurde er aus der stadt verbannt, weil er jede noch so unschuldig anmutende freude auf genfs strassen untersagt hatte. doch kehrte er drei jahre später angesichts des versuchs, den katholizismus wieder einzuführen nach genf zurück, und etablierte er seinen neuartigen gottesstaat an der rhonemündung.

eine ganze generation menschen prägte jean calvin im gottesstaat, den er in genf schuf und als gegenpol zur herrschaft des papstes in rom. mit dem augsburger religionsfrieden begann die annäherung der calvinisten an die zwinglianer in der eidgenossenschaft. der consensus tigurinus bauten brücken zwischen den neugläubigen wider die gegenreformation.

seine geschichtliche bedeutung erreichten calvin und seine anhänger mit ihrer lehre aber im ausland: in italien, in frankreich, in den niederlanden, in england und in schottland prägten sie das verständnis des calvinismus, das die unmittelbarkeit der menschen mit gott forderte und eine strenge arbeitsethik als versuch des beweises schuf. diese kam ende des 17. jahrhundert in form von hugenotten nach genf zurück und bereicherte die stadt im wahrsten sinne des wortes. genf hat so einen teil des rufes als europäische stadt begründet.

doch brauchte es im sittenstrengen genf aufklärer wie rousseau und voltaire, um eine welt jenseits der religiösen wahrheiten entdecken zu lernen. und es war die französische revolution nötig, um das wesen der politik zu begreifen. erst mit den liberalen resp. radikalen des 19. jahrhunderts entstand der urbane individualismus, der genf in der eidgenossenschaft eine tragende rolle als stadt von weltrang spielen liess.

eine der institutionen, welche sich bis heute der idee suisse verschrieben hat, ist es denn auch, die mich nach genf gelockt und ins hotel bel’espérance gewiesen hat. der srg verdanke ich die überraschende empfelung zur abendlichen bibellektüre im hotel der heilsarmee, sodass mir angesichts der gnade des herrn bei so viel schöner hoffnung nur eines bleibt:

zu bloggen und so auf meine art amen zu sagen.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. H. Haug on August 11, 2009 02:07

    Es wäre besser, den Calvin zu vergessen anstatt zu feiern, und statt Reformator wäre die Bezeichnung „christlicher Taliban“ angebrachter. Was dieser Eiferer unter den Menschen angerichtet hat, war nicht im Sinne des Nazareners, auf den er und und sein „Kollege“ in Rom sich beriefen. Da wäre wohl noch allerhand aufzuarbeiten.

  2. walko on August 14, 2009 21:06

    Nach dem Gang durchs Strassental in einer Meditations-Suite der „schönen Hoffnung“ zu begegnen, darf füglich als Sternenwanderung gedeutet werden.

    NB.
    Die Bekräftigung nach einer liturgischen Feier, Lesung, dem Gebet oder Segen wird im Judentum, Islam und Christentum mit „amen“ abgeschlossen. Aus dem Hebräischen frei übersetzt mit „wahrlich“, „so sei es“.

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