ausgerechnet in santa maria ist es an diesem 15.august still. jedenfalls wenn man ein kirchen- oder ein volksfest erwartet hat. es dominiert der durchgangsverkehr, der enweder dem ofen- oder umbrail-pass zustrebt, oder aber sich richtung südtirol rollt.

194
maria himmelfahrt in val müstair, der neuen fusionsgemeinde im münstertal, mit dem polenta-essen der lokalen cvp (foto: stadtwanderer)

das ist ein knappe wanderstunde dem rom-fluss entlang in müstair ganz anders. es spielt die musikgesellschaft mitten im dorf. es spricht der gemeindepräsident auf dem erhöhten rednerpult, und lädt die cvp zu polenta, rindsbraten oder grillwurst ein. denn es ist maria himmelfahrt, einem der grossen kirchenfeste, bei dem man der auffahrt mariens gedenkt, die aus dem langen schlaf erwacht und leibhaftig in den himmel aufgenommen wurde.

dass beide ortschaften so unterschiedlich handeln, obwohl sie keine 5 minuten autofahrt auseinander sind, hat mit der konfession zu tun. in müstair man katholisch, während die nachbarn von santa maria reformiert sind. 1530, als man im bünderland die reformation einführte, konnte sich jede gemeinde für eines der beiden glaubenbekenntnisse entscheiden. in müstair war das keine lange diskussion, denn der kleine ort hing seit den zeiten kaisers karls des grossen vom örtlichen benediktinnnenkloster ab. in oberen münstertal wiederum hatte man die schlacht auf dem calven von 1499 nicht vergessen, mit der sich die bünder von den habsburgern losrissen und die ausrichtung an der schweizerischen eidgenossenschaft vorbereiteten. in einer theologischen vortragsreihe, die dieses jahr stattfindet, lässt man sich die überzeugungen jean calvins aus berufenem munde verdeutlichen.

laurenz und irma, die wir am fest in müstair treffen, machen uns schnell klar, dass sich die zeiten auch im münstertal ändern. sie selber sind, obwohl verheiratet, von verschiedenem glauben. ihre liebe zueinander war stärker, als die vorbehalte der familien und pfarrherren. überhaupt, sagen sie, ändert sich vieles in der region. die musik, die am volksfest gekonnt für stimmung sorgt, wird von einem südtiroler geleitet. vor einer generation wäre das noch undenkbar gewesen. für den wandel der verhältnisse spricht auch, dass man am lokalen cvp ohne probleme das calanda-bier mit euro bezahlen kann.

auch die redner auf dem podium haben den sozialen wandel im münstertal erkannt. sie preisen die fusion der sechs ortschaften im münstertal, die der kanton gewollt und mit fast 10 mio. schweizer franken gefördert hatte. fünf stimmen per volksentscheid zu, und bildeten so die basis der talschaftsgemeinde. nur lü, oben auf dem berg, konnte sich hierzu nicht durchringen, denn bisher sprang milliardär christoph blocher ein, um löcher im kirchendach und in der gemeindekasse zu stopfen. doch mit dieser protestantischen selbsthilfe ist es jetzt auch vorbei, denn lü hat sich, nolens volens, der gemeindefusion angeschlossen. denn mit dieser ist eine verbesserte vermarktung des tals zwischen der schweiz und italien als tourismusregion verbunden.

ohne zweifel, das münstertal ist im umbruch: die herausforderungen der zukunft stehen der tradition der vergangenheit gegenüber. der wirtschaftliche überlebenskampf der peripherie im zeitalter der mobilität lässt bisher nicht bekannte allianzen aufkommen, macht aber auch klar, das noch vieles zu tun ist. im hotel stelvio, wo wir auf unserer tour de suisse für die sternstunde geschichte hausten, erklärt mir der junge hotelier, seinem gesuch, in der nach die kirchenglocken nicht mehr läuten zu lassen um die ruhe für die gäste zu erhöhen, sei vom gemeinderat abgelehnt worden. denn das sei seit menschengedenken in der ortschaft so, obwohl man seit einem halben jahrtausend mariens himmelfahrt nicht mehr feiert.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. walko on August 16, 2009 20:44

    Zu den konfessionellen Differenzen aus „refomiert“ Nr. 6/2009 http://www.reformiert.info/artikel_5939.html /eine Aussage vom Religionspädagogen, Prof. Fulbert Steffensky, Hamburg, Ehemann der verstorbenen Dorothee Sölle:

    „Es gibt tatsächlich eine historische Schuld der Kirche, welche die Leute uns bis heute nicht verzeihen: … Da wurde religiöses Wissen lange als Machtwissen missbraucht. … Die Menschen verzeihen uns auch nicht die dämliche evangelisch-katholische Konkurrenz. Und dies zu Recht!“

  2. stadtwanderer on August 16, 2009 22:34

    danke, walko, bei den menschen, mit denen ich hierzu sprache, merkte man selbst im münstertal viel mehr pragmatismus als erwartet.
    doch die kulturen, die wollen sich noch kaum ändern, harzen und krechzen wohl noch bei der nächsten generation ihrer träger!

  3. walko on August 20, 2009 21:29

    leider, lieber stadtwanderer, kultiviert der klerus meist eine von der basis andere glaubens- und gewissensfreiheit.

    und wieder einmal herzlichen dank für all die anregenden blogthemen, die zum weitersuchen motivieren.

    beste grüsse und wünsche
    walko

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind