die erste bundesratswahl

September 5, 2009 | 4 Comments

ich bin in winterthur. am frühen morgen spaziere ich in der altstadt, bevor ich unterrichte habe. per zufall komme ich am geburtshaus von jonas furrer, dem ersten bundespräsidenten der schweizerischen eidgenossenschaft vorbei, über dessen wahl ich eben eine buchvorschau von rolf holenstein gelesen habe.

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morgendämmerung: das geburtshaus des ersten bundespräsidenten, jonas furrer, in der winterthurer altstadt mit der erinnerungstafel (foto: stadtwanderer)

155 parlamentarier, 111 national- und 44 ständeräte, zählte die frisch gegründete schweiz. anwesend waren allerdings nur 132. die freiburger konnte wegen übler wahlmanipulation nicht vereidigt werden, und die berner waren zum zeitpunkt der konstituierung noch nicht überall fertig mit wählen und zählen.

die bundesratswahlen leitete ueli ochenbein, denn der berner war bei der konstituierung des nationalrates in der berner hochschule zu dessen präsident gewählt worden. der zürcher furrer wiederum war an die spitze des ständerates im restaurant äusseren stand gehievt worden.

in den ersten bundesrat wurden der reihe nach jonas furrer, zürich, ueli ochsenbein, bern, henri druey, waadt, joseph munzinger, solothurn, stefano franscini, tessin, friedrich frey-herosé, aargau, und wilhelm naeff aus st. gallen gewählt. allesamt gehörten sie den freisinnigen an, die in beiden kammern über eine mehrheit der parlamentarier verfügten.

doch nur wilhelm naeff nahm die wahl in die bundesregierung unmittelbar danach an. franscini und munzinger waren nicht anwesend, und druey zauderte, weil er gar nicht parlamentarier werden, lieber bei seinen getreuen in der waadt bleiben wollte.

furrer und ochensbein schliesslich zierten sich, weil sie ihrem kanton die hauptstadt der schweiz sichern wollten. nur wenn die bundesversammlung ihre kantonshauptstadt zum dauerhaften sitz der bundesbehörden und der nationaluniversität machen sollten, wollten beide widersacher die wahl annehmen.

in diesem machtkampf hatte der berner ochenbein als wahlleiter die besseren karten. gegen widerstände liess er unmittelbar nach der bundesratswahlen den bundespräsidenten wählen: gewählt wurde furrer!

ochsenbein hatte sich damit nicht verrechnet. denn er hatte gemerkt, dass die parlamentarier unbedingt beide schwergewichte unter den freisinnigen im bundesrat haben wollten. er akzeptierte nun seine wahl als bundesrat, sodass furrers beharren als erpressung erschien. gleichzeitig fädelte ochenbein einen tausch ein. sollte bern die hauptstadt der eidgenossenschaft werden, würde zürich sitz der nationaluniversität werden.

in der tat: am fünften tag der diskussion nahm jonas furrer, die wahl als bundesrat an. damit war er automatisch bundespräsident. bern wiederum wurde bundesstadt, und zürich erhielt nach einige weiteren diskussionen das polytechnikum, die vorläuferschule der heutigen eth. am sechsten tag nach wahlbeginn traten die bundesräte erstmals zusammen: die schweizerische eidgenossenschaft hat seit diesem 21. november 1848 eine bundesregierung – mit sitz in bern.

und in winterthur schmückt heute eine tafel das geburtshaus von jonas furrer, dem ersten regierungschef der schweiz.

stadtwanderer


Comments

4 Comments so far

  1. Ate on September 13, 2009 00:02

    Ach lieber Stadtwanderer, wenn ich Dich nicht schon sonst hochschätzen würde, täte ich es spätestens nach diesem Beitrag.
    Danke für diese Einführung in die erste Bundesratswahl.

    Gell, der Munzinger war der, der den Schweizer Franken einführte?
    Wär das nicht auch mal einen Beitrag wert?

    Morgen ist bereits schon heute und heute ist die Sternstunde angesagt.

    Sag, bist Du am Mittwoch am TV auch präsent?

  2. stadtwanderer on September 13, 2009 00:10

    aha, da sind wir zwei noch wach uns aktiv.
    ja, morgen ist die erste. leider bin ich nicht zuhause. ich kann sie mir erst in der aufzeichnung ansehen. es ist die mit jean-françois bergier. nun schluck nicht gleich leer. versuch, ihn unvoreingenommen zu nehmen. denn er ist ganz anders, als man nach der kontroverse meint. er ist ja seit langem der erste wissenschafter gewesen, der an der existenz von wilhelm tell (in welcher form auch immer) nicht gezweifelt hat.
    am nächsten mittwoch bin ich nur auf der erstatzbank. mit den bundesratswahlen wird nichts. denn, vergiss nicht, ich muss noch die abstimmungen und die letzte umfrage davor machen. der termin für die publikation wäre eigentlich der 16. september. wir werden und da noch was einfallen lassen.
    gut nacht!
    ps: ja, die typen von 1848 sind alle irgendwie quer. ich werde mich denen mal vertieft annehmen.

  3. Ate on September 13, 2009 02:00

    Du musst es glauben lieber Stadtwanderer, ich bin immer noch wach. Irgendetwas hat mich mehr oder weniger lahm gelegt. Ich sag, es war Pech, andere meinen es sei die Saugrippe gewesen. Kann es nicht urteilen, denn wenn ich krank bin bleib ich lieber im Bett als zum Arzt zu gehen. Seis wie es will, aber ich kam dadurch mit Lesen auf dem Stadtwanderer recht in Verzug. Und deshalb sitze ich halt zu so später Stunde noch da.

    Auf die Sternstunde angesprochen, ich hab keinen Anlass leer zu schlucken, denn das ist etwas, dass ich mir nie zum Thema machte, wenn schon sollte unser Bidu nun sehr fest schnauben.

    Bin schon gespannt auf die Umfrage, aber mehr noch interessiert mich das Ergebnis vom Mittwoch. Lach mich nicht aus, ich hab vor langer Zeit eine Wette abgeschlossen. Ich sagte Pelli.
    Gut, das Blatt hat sich gewendet. Eine kleine Chance habe ich noch.

  4. stadtwanderer on September 13, 2009 09:08

    es ist schon so, wie du schreibst.
    zuerst beschäftigen wir uns mit dem stand der libyen affäre und den innenpolitischen konsequenzen.
    dann geht es um die bundesratswahlen, und die frage, wer wird’s.
    und schliesslich kommt die volksabstimmung.
    verschiedenen umfragen der letzten zeit hatten einen tenor: politik ist im moment gar nicht in. man kümmert sich um vieles andere, nur nicht darum.
    eine partei hat das sofort realisiert. die svp bringt sich mit blick auf 2011 schon mal in stellung. man habe der partei das herz herausgerissen, jetzt funktioniere der organismus nicht mehr richtig, lässt sich christoph mörgeli zitieren, und bringt namensvetter blocher als lokomotive für die nationalratswahlen von übernächstem jahr schon mal ins spiel.

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