geschichte und poesie …

September 12, 2009 | 4 Comments

„wer sind die drei nobelpreisträger, die in bern gelebt haben?“, fragte ich gestern wie so oft zum schluss meiner stadtwanderung. die pointe, die dabei möglich gewesen wäre, verpatzte ich jedoch. deshalb ein nachtrag.

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„geschichte und poesie“ von paul robert, mosaikbild über dem eingang des historischen museum in bern (foto: stadtwanderer)

anstatt wie gewohnt „einstein“, „kocher“ und dann lange nichts zu hören, bekam ich von leni robert mit etwas kleinlaut die antwort: „de schueldirektr“.

in der tat, die vormalige erziehungsdirektorin des kantons bern von 1986 bis 1990 zielte direkt auf charles-albert gobat, ihrem amtsvorgänger an der wende des 19. zum 20. jahrhundert. für seine bemühungen, zwischen zerstrittenen romanen und germanen zu vermitteln, wurde er mit dem friedensnobelpreis geehrt.

der ort für meine abschlussfrage war entsprechend gewählt, denn niemand geringerer als gobat hat den bauplan für den museumsbau bewilligt. im dankeswort für die stadtwanderung wies mich leni robert darauf hin, dass das grosse mosaikbild „geschichte und poesie“ über der eingangstüre des museums von paul robert, einem der sechs maler aus der neuenburger familie ihres verstorbenen mannes, erdacht worden sei.

doch nicht nur das: heute brachte mir bärbi das geschichtsbuch von charles-albert gobat nach hause, das er als regierungsrat verfasst und unter dem für ihn so typischen titel „historie de la suisse, racontée au peuple“ publiziert hatte. zu den illustratoren des fast 660 seiten dicken werkes zur schweizer geschichte, das sich an eine gebildetes publikum wandte, gehörte niemand anders als eben dieser paul robert.

eigentlich hätte ich es spüren müssen: selbst wenn sie in verschiedenen zeiten gelebt haben, selbst wenn sie dadurch ganz anderes sozialisiert worden sind, und selbst er ganz bewusst als mann und sie ebenso bewusst als frau politisiert hatten: charles-albert gobat und leni robert haben eine wesensverwandtschaft. sie traten für ihre überzeugungen ein, selbst wenn sie damit ihn ihrer partei aneckten. denn beide „schuldirektorInnen“ liessen sich von ihrem umfeld nicht auf das übliche niveau in der berner politik einebnen.

chapeau, mes deux!

stadtwanderer


Comments

4 Comments so far

  1. Röstigraber on September 14, 2009 06:51

    Lieber Stadtwanderer.

    Dünkt es mich nur oder wird hier noch eine dritte Persönlichkeit fast ein wenig unterschlagen, die zusammen mit Charles Albert Gobat den Friedensnobelpreis erhalten hat und ebenfalls Bern mitgeprägt hat: Élie Ducommun. Er war Journalist, Geschäftsmann, Staatskanzler des Kantons Genf, Mitherausgeber der Zeitung „Les États-Unis d‘ Europe“, Gründungsmitglied der Schweizerischen Volksbank, Sekretär der Jura-Simplon-Bahn, Leiter des „Internationalen Ständigen Friedensbüros“. Am 10. Dezember 1902 bekam er den Friedensnobelpreis zusammen mit Charles Albert Gobat.
    Als Redakteur des „Progrès“ wurde Ducommun auch im Kanton Bern eine bekannte Persönlichkeit, 1868 wurde er in den Grossen Rat gewählt, wo er bis 1877 blieb. Von 1874–1877 war Ducommun Mitglied des Stadtrates und Übersetzer der Gemeindeversammlung der Stadt Biel. Ausserdem war er Mitarbeiter der dort ansässigen Regionalzeitung „Journal du Jura“.

    Im Gegensatz zu Gobat, der in Stadt Bern quasi unsichtbar ist, kann die Büste von Ducommun besichtigt werden und zwar…… auf der nächsten Stadtwanderung, oder auf eigene Faust in der Brunngasse im Haus der Freimaurerloge zur Hoffnung.

  2. stadtwanderer on September 14, 2009 07:52

    nun ja, der bieler ducommun hat in bern eine vitrine, der jurassier gobat nicht mal das. man muss bis nach delémont gehen, dem haus seiner kanzlei als anwalt, um ein schild zu finden, das an ihn erinnert.

    mit élie ducommun beschäftigt sich meine grosse stadtwanderung, die eintätige, regelmässig. ich habe ihn biel auch recherchen gemacht, bilder gesammelt, bücher gelesen, etc. ich werde ihn auch auf dem stadtwanderer ehren.

    bern, ich meine die stadt und der kanton, könnten ja beiden auch eine platz widmen!

  3. Röstigraber on September 14, 2009 14:49

    Sehr einversanden!
    Schaffen (gründen!) wir einen „Friedensplatz“ zu Ehren der beiden bernischen Friedensnobelpreisträger.
    Vielen dank für die aufschlussreichen Ergänzungen und die Ankündigung Élie Ducommun auch auf dem Stadtwanderer zu ehren. Ich freue mich schon darauf!

  4. Friedensnobelpreis « Harald Jenk on Dezember 11, 2009 13:09

    […] in der Rathaushalle gezeigten Wanderausstellung von Mémoires d’Ici und den Bemühungen des Stadtwanderers sind die Namen und das Wirken dieser beiden Männer der Berner Bevölkerung fast völlig unbekannt. […]

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