die politische theorie hat eine menge von vorstellungen entwickelt, wie sich politische menschen verhalten. rational, sagen die einen. irrational die andern. ich denke, alle verhalten sich rational, auch wenn nicht alle das gleiche damit meinen.

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für heute habe ich drei hypthesen:
erstens, man stimmt vor allem, aber nicht nur nach parteiinteressen.
zweitens, sprachregionale überlegungen sind bei einer minderheit wichtig.
drittens, bei sp und grünen spielen überlegungen mit, wie sie ihre chancen bei kommenden bundesratswahlen verbessern können.

die fraktionen in der bundesversammlung haben heute ihre präferenzen für die morgige bundesratswahl bekannt gemacht. die fdp will einen der ihren; burkhalter ist inoffiziell ihr favorit. die cvp/evp/glp-fraktion will urs schwaller. die svp wiederum will in ihrer grossen mehrheit für christian lüscher stimmen. der hat bei sp und grünen keinen stich. mehrheitlich will man da schwaller wählen, minderheitlich burkhalter, und einige exotInnen könnten für nicht-offizielle kandidaten stimmen.

numerisch betrachtet ist schwaller von beginn weg vorne, ohne aber das absolute mehr zu erreichen. der einwand, kein echter romand zu sein, sticht.
rund 20 rotgrüne parlamentarierInnen wollen deshalb gegen für burkhalter, nicht aber für lüscher von der fdp stimmen. damit kommt schwaller in der konstellation gegen burkhalter auf etwa 106 stimmen. wenn er gegen lüscher antreten muss, kann er mit 126, und ist er gewählter bundesrat.

christian lüscher hat eigentliche keine chance, bundesrat zu werden. er kann maximal die svp und fdp stimmen machen, doch das gibt 113 stimmen. selbst wenn er alle aus der bdp auf seine ziehen könnte würde, er bei 119 stehen bleiben, und damit urs schwaller unterliegen.

so paradox es tönt: wenn burkhalter er in den schlussgang kommt, siegt er gegen schwaller. aber es ist gar nicht sicher, ob er es soweit bringt. solange polarisiert wird ist er nicht der favorit, wenn es auf die parteiübergreifende akzeptanz ankommt, liegt er vorne!

im dritten wahlgang fällt die vorentscheidung. denn dann dürfen keine weiteren namen ins spiel gebracht werden, und die bewerbung mit den wenigsten stimmen scheidet aus.

stimmt fdp dann geschlossen für den neuenburger didier burkhalter, verhält sie sich rational. denn sie befördert ihren favoriten in die schlussrunde und damit wohl auch in den bundesrat. irrational handelt die fdp, wenn sie ihre stimmkraft aufteilt, und so der svp erlaubt, zu bestimmen, wer von den zwei fdp-kandidaten vorne ist. denn dann lässt sie sich auf ein spiel ein, den eigenen bundesratssitz zu verlieren.

rational verhält sich die svp, wenn sie im schlussgang für burkhalter stimmt, um schwaller zu verhindern. irrational ist sie, wenn sie sich im schlussgang der stimme enthält, denn das wäre beihilfe für die cvp. wie sagte blocher in seinem tv: schreibt burkhalter auf, selbst wenn euch dabei der arm abfällt.

und jetzt die pointe: rational verhält sich rotgrün, wenn teile von sp und grünen im dritten wahlgang lüscher die stimme geben, damit er vor burkhalter liegt, im schlussgang aber gegen schwaller unterliegt.

stadtwanderer


Comments

4 Comments so far

  1. stadtwanderer on September 17, 2009 14:13

    dann mach ich halt mal den anfang.
    wenn das,was ich rational genannt habe, aufgrund der kollektiven eigeninteressen von parteien/fraktion analysierbar ist, und dann auch eintrifft, kann man durchaus von rationalem verhalten sprechen. dabei gibt es aber nicht nur eine rationalität, nämlich die der partei,der man angehört, sondern auch die des wahlkreises, in dem man gewählt wird. und der hat fast zwangsläufig einen sprachregionalen hintergrund. daraus entstehen auch spezifische, parteiübergreifende loyalität, teilweise auch karriereabsichten, die bei entscheidungen mitschwingen können.
    mein kleiner test spricht dafür, dass das die zentralen faktoren waren, welche die entscheidungen des parlaments, seiner fraktion und mitglieder bestimmt haben.

  2. walko on September 20, 2009 16:20

    und in der fortsetzung füge ich gerne bei:

    die rationalen „prophezeiungen“ des stadtwanderers, siehe http://www.zoonpoliticon.ch/blog/5346/nun-beginnt-das-rechnen/
    fanden auch im bieler tagblatt ihren nachhall. – der entsprechende link ist mir als nicht bt-abonnent leider nicht gelungen.

    war selber erstaunt, wie sich die prognosen über den unechten romands, aber perfekt zweisprachigen schwaller bis zum dritten wahlgang erfüllten und danach das ratio im parlament für burkhalter eine deutliche mehrheit fand.

    diskutiert werden könnte, weshalb die ehemals berner burkhalter nach vier generationen in neuenburg als romands assimiliert sind, der „röschtigraben“ jedoch selbst im kanton fribourg ein tiefe furche zieht. – ebenfalls vom stadtwanderer anderswo erwähnt.

  3. Titus on September 20, 2009 22:32

    Umkehrfrage:
    Würde ein zweisprachiger Kandidat, der aus dem bernjurassischen St. Imier lebt, einige Jahre Berner Regierungsrat war und dann für den Kanton Bern im Ständerat sitzt als Deutschschweizer Kandidat durchgehen??

  4. Ate on September 21, 2009 01:04

    In meinen Augen JA @ Titus, wobei, ich bin nicht relevant. Mir ist es doch egal, ob ein BR-Kandidat aus Dübendorf, Lausanne oder Lugano kommt. Wichtig ist mir, dass ein BR meine Anliegen und diejenigen der Schweiz vertritt. Noch wichtiger wär mir, dass ich diesen BR selbst, sprich durch Volkswahl, wählen könnte.

    Gut, bei dieser Wahl ist es gelungen die Konkordanz wieder herzustellen. Ich gebe offen zu, dass ich mich für Lüscher entschied, wir aber mit Burkhalter vermutlich die bessere Wahl bekamen.

    Aber wenn ich ein wenig zurückdenke, an diese Intriegen, Intriegen die durch vom Volk gewählten NR in einer Kindergartenähnlichen, von Verlogenheit nicht zu übertreffenden, nicht zu überbietenden Art, ausarteten (denke dabei speziell an Ursula Wyss, wie bekam sie doch rote Bäckchen, gleich einem Schulmädchen, merkte aber bei ihrer Mithilfe zur Intriege nicht, wie sehr sie sich selbst schadete), wenn ich Solches sehe, auch sehe, dass unsere vom Volk Gewählten, nicht gewillt sind, dass Volk zu vertreten, sondern nur auf ihre politische Engstirnigkeit beharren, dann, ja dann wärs wirklich an der Zeit für eine Volkswahl für unsere Bundesräte. Und wie geschrieben, ganz gleich aus welcher Ecke so ein Bundesrat kommt, er sollte nicht seine Eigeninteressen vertreten, sondern die des Volkes.

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