archäologie ist keine schatzsuche mehr, sondern ein fester bestandteil der stadtgeschichte. sie gerate bisweilen mit den heutigen interessen in konflikt. das sagte stadtarchäologe armand bäriswyl gestern abend von dem mittelalterverein thun, wo er über die lokale siedlungsentwicklung sprach.

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kantonsarchäologe armand bäriswyl und franz schori, präsident des mittelaltervereins, diskutieren mit dem interessierten die frühe stadtentwicklung von thun (foto: stadtwanderer)

aus quellen, die um 660 nach christus geschrieben wurden, weiss man von einer frühen siedlung am übergang des thunersees zur aare. der name thun mutet bis heute keltisch an („dunum“), und der aufgefundene tempel in thun-allmendingen verweist darauf, dass zu römerzeiten im gebiet von thun ein siedlungszentrum gewesen sein muss.

wo die ältesten spuren der stadt thun zu finden sind, weiss indessen auch der beste stadtarchäologe des kantons bern, armand bäriswyl, nicht. er kennt aber das nachweislich älteste gebäude bisher – ein vorläuferbau der heutigen kirche, den er ins 10. jahrhundert zurückdatiert. aufgrund seiner erfahrung, dürfte die erste siedlung vom kirchberg bis zur aare hinunter gereicht haben.

die herzöge von zähringen bauten um 1200 herum den donjon des heutigen schlosses. „eine pracht, nicht unbedingt geeignet für einen hoftag, für eine heirat aber schon“, entlockt der selten schöne und gut erhaltene bau dem stadtarchäologen spontan. den bezirk zwischen kirche und schloss sieht er in dieser frühen zeit durch adlige aus der gegend und durch beamter des herzogs bewohnt. derweil lebten die normalen menschen weiter unten, nahe an der aare.

mit der ersten stadtweiterung im 13. jahrhundert bauten die kyburger thun entlang der ausfallstrassen bis an die heute noch sichtbare stadtmauer hinaus. mit der zweiten kyburgischen stadterweiterung entstand das quartier des heutigen bälliz. dort, wo heute ein zweiter aarearm die insel begrenzt soll im 13. jahrhundert die stadtmauer gewesen sein. im innern hatte der stadtzeil zwei häuserzeilen, unterbrochen von einem langezogenen marktplatz.

doch dann war schluss mit dem ausbau. zwischen 1400 und 1800 wurde das stadtareal kaum mehr erweitert. zwischen 1350 und 1450 sind innerhalb der stadtmauern wüstungen entstanden“, sagte bäriswyl. als ursache hierfür nennt er die pest. mit dem grossen sterben ging die bevölkerungszahl zurück und niemand mehr wollte an die stätten des schwarzen todes ziehen. die leeren häuser seien abgerissen worden, um keine abgaben mehr leisten zu müssen. die stadtgärten des 19. jahrhunderts sind für den stadtarchäologen keine inseln der unberühten natur, sondern der restposten der innern wüstungen aus dem spätmittelalter.

„archäologInnen“, sagte armand bäriswyl treffend, baggere so grob wie möglich, und sei so fein wie nötig, um sich aus den botschaften des bodens ein bild der vergangenheit zu machen. und er verschwieg nicht, dass er auch gerne im schlossberg baggern würde. „aber bitte nicht so, wie man das für das vorgesehen parking machen wolle“. da traf sich der fachmann mit dem präsidenten des einladenden vereins. „schauen wir mal, was der gemeinderat mit dem schloss und schlossberg macht“, beendete franz schori den vortrag. je nach dem, sei dann ein aufstand gegen die obrigkeit nötig, fügte er bei.

da sage da noch einer, archäologie sei, mit der zahnbürste scherben aufstöbern. nein, zeitgenössische archäologie ist ein teil der stadtgeschichte, die bis in die gegenwart reicht!

stadtwanderer


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