meine familie stammt aus der waadt und machte die reformation nicht mit. 473 jahre lang war man eine konfessionelle minderheit. der rekatholisierung der waadt wegen sind die longchamps nun wieder in der mehrheit.

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kathedrale von lausanne, ursprünglich katholisches gotteshaus, bleibt zentrum der waadtländer reformierten, obwohl sie heute nicht mehr in der mehrzahl sind.


die reformation der waadt

im 1536 eroberten bern und freiburg die savoyische waadt, und stellte die neue herrschaft die konfessionelle frage: in der kathedrale disputierte man, welches die richtige resp. die falsche lehre sei. guillaume farel, der die neue religionsauffassung in genf eingeführt hatte, vertrat seine thesen auch in lausanne. die katholischen pfarrer waren zwar zugegeben, hielten sie sich aber zurück. denn der disput war keine religiöse erörterung, sondern eine frage der macht. nach nur einer woche war der auffassungsstreit entschieden: die waadt wurde von oben herab reformiert.

ausnahmen bildeten einige wenige kirchgemeinden, die schon 1475 beim angriff der berner auf burgundische besitzungen zerstört, von den angreifern aber wieder aufgebaut worden waren. seither galten sie als untertanen von bern und freiburg und hatten als solche seit dem kappeler frieden von 1531 das recht, ihre konfession selber zu bestimmen. und so blieben sie katholisch, selbst wenn die wadt als ganzes eidgenössisch und reformiert wurde.

insbesondere in echallens und einigen weilern rund herum hielt sich der katholische glaube. zu den romtreuen familien zählten auch meine vorvorfahren. viele von ihnen leben unverändert in malapalud, seit diesem jahr ein unselbständiger weiler von assens, einem vorort von echallens.

und nun sind die leute im stolzen kleinstädtchen des gros-de-vauds keine konfessionelle minderheit mehr! denn eine kirchenzählung ende oktober 2009 ergab, dass es in der waadt wieder mehr katholikInnen als reformierte gibt.

die rekatholisierung der waadt
bei der gründung des kantons waadt 1803 behielt man die religiösen verhältnisse bei. die reformierte kirche wurde staatskirche. der wandel der konfessionellen verhältnisse setzte erst in den letzten 50 jahren ein; er hat mindestens zwei gründe:

zuerst kennt die reformierte kirche zahlreiche kirchenaustritte. heute sind nur noch knapp 36 prozent der waadtländer einwohnerInnen eingeschriebene reformierte. ihre kirche ist seit der einführung der neuen staatsverfassung von 2003 nicht mehr staatskirche, und seit dem neuen kirchengesetz von 2007 hat sie auch viele sonderrechte verloren. wie die katholische kirche ist sie nur noch eine öffentlich-rechtliche körperschaft, die bis 2025 subventionsberechtigt ist.

sodann hat sich die waadtländer gesellschaft in der nachkriegszeit erheblich geändert. es kamen italiener, portugiesen. auch lateinamerikanerInnen und franzosen wanderten in grosser zahl über genf ein und liessen sich in lausanne oder anderen städten nieder. mit ihnen kam auch der katholische glaube in die waadt zurück. heute gehören gut 36 prozent dieser konfession an. man ist zwar immer noch etwas schlechter gestellt im „reformierten“ kanton, zwischenzeitlich aber bevölkerungsreicher.

dabei darf eine dritte entwicklung nicht übersehen werden: die ehemals geschlossen katholische, dann fast geschlossen reformierte waadt kennt zahlreiche menschen, die nichts mehr mit kirchengebundener konfessionszugehörigkeit zu tun haben. 20 prozent oder mehr sollen sie ausmachen. und wer auf der einen oder anderen seite dazugehört, geht in der überwiegenden zahl schon längst nicht mehr in die kirche. sowie ich auch!

und so bin ich als katholisch getaufter atheist, der kirchen am liebsten ausserhalb von messen besucht, nun gleich doppelt in der mehrheit. was leute wie ich glauben, wird man nie genau wissen. doch weiss man, dass die katholiken in der waadt in der mehrheit sind.

was einfacher ist als das umgekehrte …

stadtwanderer


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