keine hat sich so stark mit dem burgundischen lebensgefühl beschäftigt wie der niederländer johan huizinga. mit dem „herbst des mittelalters“ prägte der kulturhistoriker aus leiden unsere vorstellungen einer epoche, genauso wie er das bild ihrer markanten repräsentanten, den herzögen von burgund, zeichnete.

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jan van eyck: die madonna des kanzlers rolin (um 1437, heute im louvre, paris)

„herbst des mittelalters“ erschien unmittelbar nach dem ersten weltkrieg, der mit seinem stellungskrieg zwischen deutschen und franzosen schrecklich viele tote in einem grausam geführten krieg gebracht hatte. auch wenn die herzöge von burgund alles andere als zimperlich waren, ihr verständnis von macht und herrschaft war nicht das der generäle über den maschinengewehren des frühen 20. jahrhunderts.

mit den herzögen von burgund verbindet man seit johan huizinga zurecht vor allem das höfische leben. die schöne illusion ist es, was die menschen von damals trieb. dabei mischten sich asketische weltabgewandtheit einerseits mit ein draufgängerischer lebensgier anderseits.

genau diese schöne illusion suchte huizinga in seinem „herbst des mittelalters“, einem standardwerk der kulturgeschichte, mit quellen aus literatur und kunst aufzuzeigen. maler wie jan van eyck wurden dabei neu interpretiert.dessen werke sind nach huizinga nicht mehr nur der frühling vor der neuzeitlichen renaissance. vielmehr sind sie die vollendung des mittelalterlichen herbstes, der dabei verblühte.

melancholie und schwermut in der kunst mischen sich nach johan huizinga mit genuss- und prunksucht im höfischen leben. das ist für den kulturhistoriker typisch, wenn epochen sterben und der horror vacui, die angst vor der kommenden leere, entsteht. mit dieser these im hinterkopf liefert huizinga das portrait der epoche, in der die herzöge von burgund als vollendung der kultur erscheinen.

bis heute gilt herbst des mittelalters in der literatur als preisgekröntes standardwerk. das in zahllose sprachen übersetzt wurde. derweil meckern viele fachhistoriker seit seinem erscheinen unverändert an diesem unkonventionellen geschichtsbuch herum. eine einfühlsamere interpretation des lebensgefühls, mit dem karl, der arbeitsam und kühn zugleich war, gelebt haben könnte, habe ich bei ihnen aber nicht gefunden.

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Comments

3 Comments so far

  1. meine morgige rede vor der burgunder-ausstellung in bern! : stadtwanderer on Mai 24, 2008 18:26

    […] wenn zeitalter sterben […]

  2. david on Mai 25, 2008 17:39

    schade, stadtwanderer, dass du gestern nicht in königsfelden warst, denn da feierte man 900 jahre habsburger.
    bundesrätin leuthard, aus dem habsburgischen freiamt, hielt die grosse rede, und rudolph von habsburg, der letzte aus der kaiserfamilie, musste schweigen.
    hätte eine hüsche geschichte gegeben, wenn die untertanen regierungsmitglieder werden sind, und die kaisersöhne flüchten müssen. oder anders gesagt: die epoche der kaiser ist doch vorbei. warum trauerst du ihnen so nach. hielt dich für einen demokraten.

  3. stadtwanderer on Mai 25, 2008 20:49

    lieber david
    danke schon, die antwort fällt mir natürlich leicht.
    wenn du meine gegenwartsbezogenen beiträge liest (zeit gegenwart), wirst du keinen aufruf zur monarchie finden. dafür bin ich durch und durch republikanisch gesinnt.
    ich bin auch ein grosser fan von direkten demokratie. schau dir mal beispielsweise meine demokratietour vom kommenden freitag an.
    einen fehler mache ich allerdings nicht: wenn ich in die geschichte schaue, projiziere ich nicht einfach unsere welt von heute in die vergangenheit. ich hüte mich deshalb, von demokratischen verhältnissen vor der aufklärung zu sprechen. der griechische polisgedanke ist hier eine gewisse ausnahme, aber eben, eine voraufklärerische ausnahme.
    auch in der schweizer geschichte gibt es kaum hinweise für demokratische strukturen. die frauen waren eigentlich immer ausgeschlossen von der politik. die männer wieder organisierten in drei verschiedenen politikformen: der landsgemeinde, abgeleitet von der germanischen thingversammlung der freien sippenführer, dem zunftregiment in den städten mit bürgerlichen charakter, und der aristokratie, sei sie nun kirchlich oder weltlich gewesen, als dem anhang eines bischofs oder der klientel der patrizier.
    bis 1648 war die schweiz ein teil des kaiserreiches, die letzten 150 jahre davon mit autonomem status, aber nicht ausserhalb.
    das kommt man nicht umhin, sich mit den herrschaftsverhältnissen zu beschäftigen.
    nach königsfelden wäre ich übrigen gerne gekommen. hatte aber keine einladung. die politikerInnen und bankiers waren da unter sich, denn stadtwandern war ja nicht auf dem programm, mehr burgfesten …
    dein stadtwanderer

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