mein zug aus bern hält in kerzers. ich muss ihn verlassen, denn er geht nach neuchâtel. ich jedoch möchte ins papillorama. das liegt richtung lyss, wobei der zug dorthin aus payerne kommt.

das ist typisch für den bahnhof kerzers: in der kleinen station gibt es nicht nur weichen, nein, es kreuzen sich zwei bahnlinien richtig gehend. man kann vom süden in den norden, aber auch vom westen in den osten. und auch jede andere kombination ist möglich, denn es hat weichen von norden nach westen und von süden nach osten. jede andere kombination, überfordert mich, selbst wenn es sie geben sollte.

das komplexe schienenkreuz von kerzers ist eine bahntechnische rarität in ganz europa. entstanden ist es 1901. genauso wie das stellwerk dazu. es steht stellvertretend für den übergang des seelandes von gemüseanbaugebiet mit dem grossen moos zu den angebundenen aussengemeinden der hauptstädte berns und neuenburgs.

noch heute werden die schienen aus vier himmelsrichtungen, die sich in kerzers begegnen, durch vier läutewerke symbolisiert. sie stehen unmittelbar vor dem stellwerk und sind unauffällig beschriften. früher kannte man in kerzers ihre unverkennbaren tonlagen, die anzeigten, welcher zug von woher einfahren wird.

die vergangenheitsform in meiner situationsbeschreibung ist notwendig. denn das stellwerk wurde 2004 definitive stillgelegt. seither wird es von einem verein unterhalten. genauso wie seine umgebung, die öffentlich zugänglich geworden ist.

„historisches stellwerk“ steht deshalb auf der tafel in der unterführung zum bahnhof. von der passerelle aus, die vormals benutzt wurde, um die geleise überirdisch zu queren, war das sicher viel übersichtlicher. denn vier richtungen ohne tageslicht von unten her unterscheiden zu können, ist nicht immer ganz einfach.

man könnte die kreuzungen, schienen, niveauüber- und untergänge auch als lehrpfad der urbanen geometrie bezeichnen. denn die eröffnet sich einem mustergültig, wenn man den blick, den man als umsteiger oder umsteigerin im untergrund von kerzers hat, die betontreppe hochwandern lässt, um ihn ganz oben, bei der letzten treppenstufe, beim stellwerk mit seinen weissgrauen backsteinen und seinem brauen holzaufsatz enden zu lassen.

wahrlich, ein einmalige platz, auf dem das historische stellwerk kerzers steht!

stadtwanderer


Comments

11 Comments so far

  1. Lisa N. on August 18, 2008 10:02

    Ein schönes Bild, auch im übertragenen Sinne, das du uns da präsentierst, werter Stadtwanderer.

  2. bärbi on August 18, 2008 20:59

    Hallo kreuz und quer wanderer! Mir gefällt das bild, wenn ich auch die ebenerdige perspektive meist vorziehe. Zu bericht und bild kommt mir jedenfalls gleich folgendes bild in den sinn: in kerzers kreuzen sich die wege wie wenn es die schweiz und das ch-kreuz verkörpern würde: seit jeher kreuzen sich hier die transitachsen, v.a. west-ost, aber auch nord-süd. die schweiz im konzentrat also??!!

  3. Titus on August 18, 2008 21:25

    Als ich im Juni dieses Jahres zum ersten Mal in Kerzers ein-/aus-/umstieg (bisher konnte ich jeweils immer sitzen bleiben) war ich ziemlich verwirrt, da ich mir des Kreuzes nicht in dieser Form bewusst war. Denn: Knotenpunkte gibt’s im Schweizer Schienennetz unzählige (der Klassiker: Olten, mit Basel – Luzern und Bern – Zürich), aber ein solch eindeutiges Kreuz überraschte und beeindruckte mich schon.

    Um Bärbis Gedanken weiterzuspinnen: Ich hab‘ auch den Eindruck, dass keine der Richtungen irgendwie dominiert resp. vergessen geht – auch typisch schweizerisch. Auf den ersten Blick würde man zwar Bern oder Neuchâtel Priorität geben, doch da man Seeländer ist, „vergisst“ man auch Murten resp. Lyss nicht.

  4. stadtwanderer on August 18, 2008 22:22

    man kann den gedanken noch weiter spinnen: kerzers, resp. chiètres rühmt sich gelegentlich, der geburtsort der kultur in der schweiz überhaupt zu sein. denn die ältesten spuren der sesshaftigkeit im gebiet der heutigen schweiz wurden auf diesem gemeindegebiet nachgewiesen. es fanden sich hinweise für ein einfaches bauerntum, das wohl 5000 jahre und mehr als ist. das fruchtbares seeland war wohl der anlass dafür, hier mit dem gezielten ackerbau oder der kultivierung des landes zu beginnen.
    übrigens, allgemein nimmt man an, dass die besiedlung des mittellandes in der schweiz von west her erfolgt. in den bildern, die ihr zu kerzers verwendet habt, wäre dann doch der schienenstrang von bern aus, der ursprünglichste. selbst wenn man das heute angesichte der perfekten geometrisierung der vorherrschaften neutralisiert hat.

  5. bärbi on August 18, 2008 22:42

    danke, sehr spannend. mir fällt dazu schon wieder was ein: „neutralisiert“ ist doch auch very swiss 😉

  6. stadtwanderer on August 18, 2008 22:54

    da muss ich gleich widersprechen. schweizerisch ist, von neutralität zu sprechen, von der abwesenheit der parteinahme im konfliktfall. das erfolg von innen, bezogen auf ein aussen.
    bei der neutralisierung ist die perspektive genau umgekehrt: es geht um eine aktion von aussen, die sich im innern auswirkt.
    zum beispiel wurde die schweiz 1815 auf dem wiener kongress „neutralisiert“. nachdem ein teil der koalitionskriege auf schweizer boden stattgefunden hat, mit unter weil sich die schweizer kantone unterschiedliche bündnispartner ausgesucht hatten, wurde die schweiz „aussenpolitisch neutralisiert“. damit wollte man verhindern, dass die innernen konflikt der eidgenisschaft zu äusseren in europa würden.
    very european wäre also treffender gewesen, bärbi (abgesehen davon das very swiss höchstens neuschweizerisch ist und in kerzers kaum gebraucht würde).

  7. Titus on August 19, 2008 01:52

    Habe mal etwas „gewikipediat“ was die Eröffnung der jeweiligen Linien betrifft. Demnach wurde die ehemalige „Bern-Neuenburg-Bahn“ am 1. Juli 1901 eröffnet.

    Die Broyelinie von der damaligen Chemins de fer de la Suisse Occidentale wurde aber bereits schon am 12. Juni (Lyss – Murten) resp. 25. August 1876 (Murten – Palézieux) eröffnet. Bahnbaulich wehte der Wind offensichtlich eher in die Nord-Süd-Richtung als in die Ost-West-Richtung.

  8. stadtwanderer on August 19, 2008 08:33

    das ist hier so!
    ich werde mich mal kundig machen zu den grossen migrationsströmen auf schweizer boden …

  9. rittiner & gomez on August 19, 2008 09:43

    bild und inhalt perfekt zusammen gebracht. neu – alt, enge – weite, in der enge der schweizerberge liebe ich bahnhöfe die züge aus allen himmelsrichtungen zu uns bringen und uns die möglichkeit geben dies umgekehrt auch zu tun.

    in einem zug auch nur eine kurze strecke zu reisen, der am morgen noch irgendwo im ausland losgefahren ist, gibt doch ein ganz anderse reiseerlebnis.

  10. antoine on August 19, 2008 09:54

    Die gesamte Strecke von Langenthal nach Murten ist eine Grenze (schöner Veloausflug für einen Sonntag). Auf der Juraseite wurde die moderne, progressive Schweiz begründet.
    Auf der Berner Seite, ist das Ancien Régime zuhause. Interessant zu Wissen das Neuenburg preussisch war und dort sogar ein Revolutionsdenkmal zu finden ist. Preussen war unter dem alten Fritz die Geburtsstätte des europäischen Liberalismus.
    Unter dem Jura die revolutionären Uhrenarbeiter und auf der Berner Seite die konservativen Bauern. Das grosse Moos ist für die ganze Schweiz eine Kreuzung. Eine Kreuzung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.

  11. walko on August 20, 2008 21:27

    in der geometrie beginnt der erste merksatz mit zwei punkten, die eine gerade definieren.
    bahnhöfe als treffpunkte, schienenstränge ihre verbindungslinien.

    verbindungen, wo sich menschen treffen, im nebeneinander auf gleichem wege vielleicht das gemeinsame entdecken, obgleich der zielort verschieden.

    gruss walko

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