des scharfrichters sohn vorzüglich aufgeführt

geschichte boomt. man will wissen, wie es war. seinerzeit. man will hören, wer grosses geleistet hat. früher. und man will erfahren, wo die dunklen seiten sind. damals. doch der geschichtsboom bringt uns heute nicht nur eine erweiterung des bewusstseins auf der zeitachse. nein, die geschichte entdeckt endlich auch den raum: nur bei hegel war es der weltgeist, der geschichte machte. bei fast allen anderen, sind es orte, an denen geschichte passiert.


matthias zurbrügg, alias simon, der sohn des scharfrichters (regie: christine ahlborg)
foto: mes:arts

jeder ort hat seine geschichte. so auch bern. und genau diese geschichte beginnt auch zu boomen. tägliche führungen. vom tourismusverband, von stattland, vom stadtwanderer. wir alle boomen, weil einheimische und zugezogene wissen wollen, was hier war. seinerzeit. weil immer mehr touristInnen hören wollen, wer hier grosses geleistet hat. früher. und weil auch berner und bernerinnen erfahren sollen, wo hier die dunklen stellen waren. damals.

die stadt bern als theater

gesellschaftskritik ist das programm von met:arts, dem jünsten mitglied unserer kleinen geschichtsdarstellergilde. met:arts ist ein verein, gegründet von matthias zurbrügg und christine ahlborn. sie sind selbständige und unabhängige theaterkünstler. ihr thema ist berns geschichte. ihr ort ist die altstadt bern.


sehr verehrtes publikum: start des theaters auf dem rathaus
foto: copyright by b. käser

ihr theater braucht keine bühne. denn die stadt ist die bühne. geboten wird so in einem eineinhalbstündigen aussergewöhnlichen spaziergang vom rathaus über das münster in die matte und hinaus zum casino gute und lehrreiche unterhaltung. die ironie könnte treffender nicht sein: als bern 1766 das erste theater bekommen sollte, verbot die obrigkeit das unterfangen. denn bern war wohl geordnet, und dem theater ging der ruf vor aus, reichlich ungeordnet zu sein. das hatte seinen grund: samuel henzi, ein emporkömmling aus bümpliz, war dem schultheiss ein dorn im auge. er schickte ihn in die verbannung. doch da lernte der berner nicht die einsamkeit, sondern das französische theater als kunstform kennen. und schrieb selber ein stück: grisler ou l’ambition punie. es ging um machtmissbrauch, um sexuellen missbrauch durch die macht.

niemand im alten bern bekam das stück henzis, je zu sehen, denn es wurde wie das theaterhaus auch verboten. und der theatermann henzi rebellierte dagegen, verlangte, was heute selbstverständlich ist: bürgerlichen freiheiten und ein demokratisiertes wahlrecht. dafür wurde er erneut verurteilt, diemal zum tode, denn der berner scharfrichter, schlecht, aber recht vollzog.

empört über das schicksal eines intellekturellen unter der gnadenlosen herrschaft der gnädigen herren zu bern, mobilisierte die entstehende europäische medienöffentlichkeit gegen diese hinrichtung, und gotthold ephraim lessing, der deutsche aufklärungsliterat, widmete dem ganzen ein theaterstück, das unter dem titel “ein trauerspiel” als theaterfragment bis heute erhalten geblieben ist.

mes:arts erste produktion zur stadtgeschichte

des scharfrichters sohn endet nicht mit samuel henzis tod am 17. juli 1749, sondern beginnt hier. der sohn des berner scharfrichters, simon, will wissen, was sein vater tut. dann erfährt er, wie die folter menschen schändet. wie des vaters schwert des schultheissen spruch richtet. und er entschliesst sich, nicht in des vaters fusstapfen zu treten. die lechzende menge bei den hinrichtungen will er durch das interessierte publikum ersetzen, das auf den gaukler sieht, der jetzt selber theater spielt.


die stadt als grosse bühne, spazieren gehen und theater spielen
foto: copyright by b. käser

matthias zurbrügg, alias simon, spielt im theater von christine ahlborn, gleich alle rollen mit- und hintereinander. gut macht er sich als stolzer schultheiss niklaus von steiger, der mürrisch hinabsieht, wenn er von seinen untertanen spricht, der seine spitzel ausendet, um seine position zu erhalten, und der willkürliche entscheidungen trifft, wenn er will. n’importe quoi! besser noch ist zurbrügg als kecker napoléon, der vorgibt, volkes stimme zu kennen, der mit dem degen angreift, wo er kann, und der die schweiz revolutionieren will, wo auch immer er ein aristokratisches nest wittert. doch damit nicht genug: der schauspieler zurbrügg schlüpft auch in die rolle von casanova bei seinem besuch in bern, er spielt gar julie bondeli, die rousseaus gedanken im noblen könizer club vermitteln will, und er ist einer der grafenrieds, der nach new berne ausgewandert, um dort ein neues leben, auf sklavenarbeit basierend, zu beginnen.


casanova lacht alle gefängniswärter dieser welt aus, und erfreut sich an der holden weiblichkeit auch in bern
foto: copyright by b. käser

so zeichnet das stück berns geschichte station für station nach: die besuche der prominenz von aussen, die verpatzte aufklärung im innern, der einmarsch der französischen truppen vom grauholz her, der stecklikrieg gegen die besatzer in der nydegg, und die liberale bewegung in berns schummrigen gassen. sie alle kommen in des scharfrichters sohn ausgiebig zur sprache.

vorbildliche geschichtslektion für die jahre 1749 bis 1831

die texte des theaterstücks sind knapp und fliessend, die sprache ist abwechslungsreich und verständlich, und die dramaturgie ist interessant, ohne mit unnötigem abzulenken. wer sich wenig mit berns geschichte befasst, bekommt ein einfach gestaltetes schauspiel vorgesetzt, die faktentreu und unterhaltsam zugleich ist. er/sie sieht die hochwohledlen auf dem rathaus, er/sie erlebt, wie die kollaborateure das system stützen, und er entdeckt die revolutionären vorbilder bei der befreiung der gefangenen in der bastille. aber auch kenner der geschichte berns kommen beim scharfrichters sohn auf ihre rechnung: denn sie erhalten eine bildhafte vorstellung dessen, was sich wo abgespielt hat. dabei bleibt man nicht bei der erzählung, denn das ganze ist ein erlebnis. auf der bubenbergtreppe kann in der vorabendstimmung schon mal etwas atmosphäre aus dem ausgehenden ancien régime aufkommen!


hoch-wohl-und-edel: nikolaus von steiger oberserviert seine untertanen
foto: copyright by b. käser

der kern der erzählung bezieht sich auf die zeit von 1749 bis 1831. es ist die zeit des grossen umbruchs, der in bern bis heute nachwirkt. die reaktionäre verlieren den kampf, doch die revolutionäre gewinnen ihn nicht. selbst wenn man das im theaterstück als fussballberichterstattung hochspielt. aus dem unentschieden entsteht berns politkulturelle mischung im frühen 19. jahrhundert: als sieg der liberalen klasse über die konservative bastion.

unverständliche verkürzung des wegs zur gegenwart

das alles ist löblich. weniger löblich ist dagegen, wie der bogen zur gegenwart gesucht wird. 1831 ist der geschichtenfluss an der aare im “der sohn des scharfrichters” wie zu ende. simon entschwindet, und mit ihm gehen auch die anderen figur ab, die einem so schön haften bleiben.


der funke springt nicht über: sturm der bastille, aber nicht des erlacherhofs
foto: copyright by b. käser

wo man eine erfrischende pause und dann den zweiten akt erwartet hätte, geht es dann im schnellschritt durch ein kurioses sammelsurium von zusammenhangslosen stationen: so zum bundessstaat, der fälschlicherweise schon bei der gründung zur direkten demokratie erklärt wird. die notwendig gewordene demokratisierung der liberalen wird weggelassen, obwohl erst sie die freiheitsvorstellungen von heute in der bürgerlichen welt entwickelt hat. und die soziale bewegung kommt schon gar nicht vor! obwohl auch sie einen nicht individualistischen freiheitsbegriff, den des kollektivs, geprägt hat. dafür landet man unvermittelt bei der alternativen bewegung: “zaff, zaff, zaffaraya”, das gefällt den theatermachern besser, denn so ist man wieder bei der kritik des etablierte, in der nähe der fahrenden, bei den gauklern und bei der anarchischen kultur.

dürrenmatt als finale nur dramaturgisch gelungen

dramaturgisch ist der schluss genial. unter der krichenfeldbrücke angelangt, lässt der schauspieler sein staunendes publikum hinter sich und entschwindet hinter einem gitter im brückpfeiler. dort rezitiert er friedrich dürrenmatts parabel von der schweiz als gefängnis und schlägt so den bogen zu simons freiheitswillen.


kampfeslustig interveniert napoléon b(u)onaparte in der schweiz
foto: copyright by b. käser

doch das publikum fragt sich beim applaus: ist simons freiheitsprojekt missraten? ist bern ein museales gefängnis, immer noch von den alter patrizierfamilien observiert? oder ist es bloss die bühne der aussenseiter, die theater spielend bern auf die schippe nehmen?

nein, sagt die innere stimme, denn eigentlich weiss man aus berns moderner geschichte mehr, als am schluss erzählt wird: bern ist im 19. jahrhundert bürgerlich geworden, hat – im theaterstück unerwähnt – die todesstrafe abgeschafft. bern hatte im 20. jahrhundert eine starke arbeiterbewegung, welche die gerechtigkeitsfrage neu gestellt hat, und bern war 1975 so etwas wie der ursprung der frauenbewegung, die zur ersten frauenmehrheit in einer europäischen stadtregierung geführt hat.

der berner friedrich dürrenmatt hielt seine rede zur schweiz als gefängnis 1990, äusserlich für den tschechischen dichter-präsidenten vaclav havel. in der schweiz brodelte damals der fichenskandal, der der der staatlichen überwachungsmaschinerie ein ende setzte. “schengen/dublin” ist nicht, wie angetönt, die fortsetzung des krieges gegen die bürger mit anderen mitteln!


dürrenmatts parabel vom der freiheit, dem gefängnis und der schweiz, grad unter der kirchenfeldbrücke
foto: copyright by b. käser

überhaupt: bern ist heute friedlicher, als es im henkerstück erscheint. es hat gerade in jüngster zeit einen starken soziokulturellen schub erlebt, ist nicht mehr sture beamtenstadt, sondern flanierzeile mit zahlreichen strassencaffees, einer vielzahl von zellen des individualisierten lebens, und ein multikulturelles pflaster mit touristen, politikerinnen und künstlern, wohin man hinschaut.

wann folgen des scharfrichters enkelInnen?

schade, dass die freiheit der gegenwart im stück von ahlborn und zurbrügg so wenig reflektiert wird. für ein historisches theaterstück wäre auch das ein must gewesen. vielleicht ist das aber das thema im folgejahr, wenn mes:arts dann “die enkelInnen des scharfrichters” enkelInnen unterhaltsames und erhellendes theater aufführt! zu räten wär ihr das, denn brilliant gespielt, gekonnt getextet, subtil inszeniert, kann man sich das neue theaterduo im historischen stoff noch verbessern. der besuch schon in diesem sommer lohnt sich dennoch!

der stadtwanderer

am 23. mai 2007 wird das programm wieder aufgenommen. mehr dazu unter: met:arts

bilanz der mächtigen

rating sind eine beliebte sache geworden, vor allem bei den medienschaffenden. sie wollen heute regelmässig wissen, wer top ist, und wer flopt. das schönste an ratings sind aber die veränderungen. nicht nur oben und unten interessiert, sondern auch besser und schlechter. das erhöht die spannung! doch was macht macht aus? wer macht macht-ratings? und noch viel allgemeiner: was eigentlich ist macht? der stadtwanderer macht sich dazu gedanken …

die machtfrage

die zeitschrift bilanz will regelmässig erfahren, wer am mächtigsten ist in der schweiz. sie will wissen, wer der fürst ist, den niccolo di bernando dei machiavelli anfangs des 16. jahrhundert beschrieben hat, um als sekretär der republikaner bei den wieder installierten medici in florenz gehör zu finden.


macht ist die möglichkeit, seinen willen durchzusetzen, selbst gegen den willen anderer (anclickbar)

wer über macht philosophiert, darf nicht nur die perspektive der mächtigen einnehmen. macht ist auch die möglichkeit, widerstehen zu können. wer sich überall anpasst, ist letztlich ohnmächtig, selbst wenn er an die macht kommt. wer dagegen sich selber bleibt, wird mächtig, wie uns der einsame mensch auf dem pekinger tien an mien platz lehrte, der die panzer der macht in die schranken wies.

klar, die bilanz macht sich das einfacher: sie legt kein grundsatzwerk über machttechnik vor, das die welt auch 500 jahre später noch diskutieren wird. sie recherchier auch nicht über den wiederstand. eher noch zeichnet sie machttheorien nach, welche die machtaufteilung zwischen staat, wirtschaft und gesellschaft aufzuspüren, wie es die moderne systemtheorie für die moderne welt leistet.

anders als die abstrakten theoretiker hat die bilanz aber einen konkreten zugang: macht, das haben die wirtschaftsführer, das findet sich bei politiker, und das gibt es unter den kulturschaffenden. um diese macht zu bestimmen, lässt die bilanz verschiedene jurien bilanz ziehen, über das vergangene jahr. diese darf personen nominieren, die bewertet werden sollen. und sie bewertet die personen, die nominiert worden sind.

ich kann nicht allgemein beurteilen, was ratings wert sind. doch bin ich gelegentlich in solchen jurien dabei, und gelegentlich werde ich auch bewertet. muss ich meine bewertung abgeben, mache ich das nie spontan. denn dann sitzt einem der letzte eindruck zu stark im nacken. ich wähle immer jene aus, die für mich top sein können, und informiere mich nochmals, was sie gemacht haben, in den medien, in meiner erinnerung und in meinem umfeld. dann erst mache ich meine beurteilungen einzeln, und am schluss erstelle ich meine reihenfolge, wie wenn ich allein juror wäre. wenn es möglich ist, vergleiche ich das mit früheren, gleichen übungen, und korrgiere meine allfällig überzeichneten eindrücke. meist wird mir erst dann bewusst, was da den ausschlag gibt: medienpräsenz, gute, schlechte presse, aber auch besondere ereignisse und manchmal sogar schleichende trends! das ist dann auch für mich interessant, ohne dass ich das im detail preisgeben würde.

was da so raus kommt, kann man in der zeitschrift “bilanz” von heute lesen. bei den politgrössen, war ich auch dabei, bei den anderen kann ich nichts dafür… dafür können sich alle leserInnen vom stadtwanderer frei dazu äussern:

die mächtigen der gegenwart

rubrik wirtschaftsmacher:

1. daniel vasella (1)
2. marcel opsel (2)
3. peter brabeck-letmathe (4)
4. peter wufli (3)
peter spuhler (6)

sonderrubrik paragrafenkönige (wirtschaftsanwälte, erstmals bewertet, nicht vergleichbar)

1. peter böckli
2. rolf watter
3. peter nobel

rubrik politgestirne

1. doris leuthard (2)
2. ueli mauerer (1)
3. christoph blocher (9)
4. hans-jürg fehr (11)
5. pascal couchepin (9)

rubrik kulturgiganten

1. jacques herzog und pierre de meuron (1)
2. peter von matt (4)
3. claude nobs (2)
4. alexander pereira (3)
5. folg fehlbaum (-)

rubrik abc-schützen (medienunternehmer/schaffende)

1. michael riniger (-)
2. peter hartmeier (3)
3. peter rothenbühler (6)
4. andreas durisch (12)
5. werner de schepper (2)

rubrik einflüsterer (meinungsmacher, erstmals separat bewertet, deshalb nicht vergleichbar)

1. frank a. meyer
2. roger de weck
3. gerhard schwarz

rubrik sachkämpfer (interessenvertretung)

1. jakob kellenberger (2)
2. serge gaillard (6)
pierre triponez (8)
4. simonetta sommaruga (-)
5. paul rechsteiner (9)

rubrik weichensteller (wissenschaft)

1. patrick aebischer (2)
2. alexander zehnder (3)
3. ernst hafen (-)
4. bruno s. frey (-)
5. silvio borner (-)

was macht macht aus

macht, hat die bilanz festgelegt, erkennt man an vier indikatoren:

. dem einfluss im eigenen bereich,
. dem einfluss über den eigenen bereich hinaus,
. dem mass, in dem die eigene position befestigt ist, und
. der möglichkeit, sich notfalls gegen den willen anderer durchzusetzen.

letzeres ist unzweifelbar max weber, dem deutschen soziologen zu beginn des 20. jahrhunderts, entlehnt, der in “wirtschaft und gesellschaft formulierte: macht ist “jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.” weber interessierte sich also nicht, ob macht durch zwang entsteht, ob sie durch geld steuert, ob sie durch sex verführt, oder ob sie durch wissen einfluss nimmt. ihm ging es gerade nicht um die ressourcen der macht, sondern um ihre strukturen: eben, um die einflussnahme durch akteure, die in beziehungen zwischen menschen, zwischen gruppen oder zwischen gesellschaften führend sind.

die definitionsmacht der definitionsmächtigen

nicht in der bilanz stand es, dafür hat es aber die sonnstagszeitung herausgefunden: definitionsmacht haben in der heutigen zeit vor allem medienakteure. also die konzepter für redaktionen, die chefredaktöre und ihre sufflöre, die paradiesvögel unter den journalistInnen, die es verstehen, gelesen zu werden, und die expertInnen, die von ihnen immer dann eingesetzt werden, wenn sie einen standpunkt vertreten, einen erklärungsansatz präsentieren, eine idee lancieren, die in die these eines artikels oder in das konzept eines e-formates passen. die am häufigsten von der presse und der arena zitierten analysten politischer, gesellschaftlicher und medialer trends in der schweiz sind:

1. franz jäger
2. thomas held
3. claude longchamp
4. iwan rickenbacher
5. andreas ladner

die idee und das konzept solcher ratings für die sonntagszeitung hat übrigens regula stämpfli entwickelt, selber an 13. stelle der einflussreichsten analystInnen. verwendet wird das rating von der soz jedoch ohne autorenangaben. zu ihr schreibt marco morell: sie sei auf dem besten weg, den etablierten arena-tauglichen männern den rang abzulaufen, denn sie werde stetig präsenter. definitorisch heisst das einflussreicher, in den journi-jargon übersetzt jedoch häufig: gefährlicher. so schrieb die weltwoche typisch schweizerisch und ganz unverblümt, der auf dem platz drei befindliche politologe sei der “einflussreichste, und deshalb gefährlichste meinungsmacher” … so ist es halt: die journalistischen definitionsmächtigen haben ihre lieblinge unter den wissenschaftlichen definitionsmachtigen, sie kupfern bei ihnen ab, aber nur genau das, was ihnen gerade passt, und in der form, wie es ihnen gerade passt!

die macht des stadtwanderns

nun, wir von stadtwanderer wissen, dass das journalistische heute stets zugespitzt ist, aufgebauscht wird und übertrieben ist, um aufmerksamkeit beim staunenden publikum für die eigene schreibe zu generieren. wir wissen, dass die politikwissenschaft la science du pouvoir ist, und das das ins deutsche übersetzt zwei wendungen ergibt: die wissenschaft der macht, aber auch die wissenschaft der mächtigen. also bleiben wir ein wenig auf distanz, zu macht der mächtigen, und zur definitionsmacht der definitionsmächtigen.

wir sind einfach auch gelassener! nicht zuletzt, weil man bundesräte, wirtschaftskapitäne, stararchitekten, chefredaktoren und professoren ganz einfach auf berns strassen spazieren sieht. wir wissen denn auch, was die treffendste definition der macht ist: jede Chance, innerhalb einer stadt unbemerkt zu bleiben, gleichviel, worauf diese Chance beruht. werde mich mal achten, wen ich unerkannt alles vor die schuhe resp. vor die linse kriege!

stadtwanderer

bilanz-rating (nur für abonennten frei zugänglich, was ja auch eine machtfrage ist)

auf der suche nach dem paradies

hauterive ist speziell. ein kloster, nicht oben auf dem berg, sondern unten am fluss. gegründet wurde es, um lokales feudalgut vor dem zugriff der zähringer zu schützen. daraus entstand eine klostergemeinschaft, die nach den regeln der zisterzienser funktionierte, und ihren höhepunkt im 13. jahrhundert kannte. im 19. jahrhundert dienten die klostergebäude vorübergehend als lehrerseminar, bevor es, 1939, wieder ihrer ursprünglichen aufgabe zugeführt wurden. 2006 ist der klostergarten im kreuzgang neu gestaltet worden, und er soll das paradies auf der erdeninsel hauterive wieder erstehen lassen.

annäherung an eine fremde welt

meist sind die klöster am auf einem berg oder am ende eines tals. das passt vor allem zu den zisterziensern, die einfach und von ihrer arbeit leben sollen. so hat diese burgundische klosterbewegung aus dem 12. jahrhundert viele gebiete neu erschlossen. auch in hauterive ist es so, selbst wenn das kloster ganz ungewöhnlich liegt: in einem tobel umgeben von hohen felswänden, nahe der sarine/saane, in einer grossen flusschleife.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

man nähert sich der weltlichen insel im göttlichen dienste nur blick für blick. das ist gut so, denn so kommt man der fremden welt, die sie heute noch oder wieder ist, bloss schritt für schritt näher.


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wer zum kloster hauterive wandert, steigt vor allem hinab. zunächst geht es noch über feld, durch wald und entlang von wiesen. doch dann werden die wege immer steiniger, und sie sind gelegentlich auch steil. weit unten erkennt man einer einer waldlichtung und in einer flusschleife ein paar dachfirste, dann einige häuser, schliesslich ein ganzes kloster.


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wie alle zisterzienerklöster ist der bau streng quadratisch angelegt. die klosterkirche bildet die eine seite. der kreuzgang ist das zentrum, und rund herum hat es die gebäude für die priester, vis-a-vis für die brüder und dazwischen für die verwaltung. wenn man vor dem kloster angekommen ist, sieht man auch die nebengebäude: gästehäuser, die über dem tiefgelegenen kloster stehen. zu diesem führt im leichten bogen eine kleine strasse hinab. schöner ist es aber, für die letzten höhenmeter die gedeckte treppen direkt nach unten zu nehmen.

von der spätburgundischen gründung zum höhepunkt unter den neuenburger grafen

das kloster kennt, obwohl es immer im katholischen umfeld war, eine wechselvolle geschichte. die ursprünge reichen bis ins 12. jahrhundert zurück. 1125 ging die salische dynastie im kaiserreich zu ende. der kaiser war damals gleichzeitig könig von burgund, zudem das gebiet von hauterive gehörte.

insbesondere der tod von kaiser heinrich V. brachte unsichere zeiten. zwei adelige stritten um die deutsche krone: es setzte sich lothar von supplingenburg durch, der weit im norden, in sachsen, lebt und seine hausmacht hatte. im süden stützte er sich auf einer stellvertreter, der gegen den konkurrenten aus staufischem hause herrschen sollte. dies waren die herzöge von zähringen, denen der könig das rektorat über burgund, eine art vizekönigtum, vermachte.

die zähringer waren im üchtland, wie man den streifen zwischen sarine und aare nannte, wenig beliebt. sie galten als eindringliche. ihnen fehlte der imperiale glanz des kaisers, und sie kompensierten dieses manko mit machtpolitik, die in der eroberung und erschliessung des burgundergebietes geschah.


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zwischen 1132 und 1138 stiftete wilhelm von glâne, ein burgundischer seignieur oder freiherr, kurz vor dem erlöschen seines geschlechts, das kloster hauterive. er stattete es mit grundbesitz aus. so versuchte er, seinen besitz dem zugriff der zähringer zu entziehen. 1138 weihte der bischof von lausanne das klosters, und der papst bestätigte seine existenz 4 jahre später.


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1157 setzten sich die zähringer mit der stadtgründung an der sarine, nur 6 kilometer luftlinie von hautrive entfernt, im üchtland fest. mit freiburg entstand ihre erste stadt auf burgundischem boden, die nach dem vorbild von freiburg im breisgau, ebenfalls zähringisch, geführt wurde.

allen versuchen, die eigenständigkeit zu sichern, zum trotz, kam hauterive jetzt ebenfalls unter zähringische herrschaft. die herzöge nutzten das kloster als machtbasis, das so zu neuem besitz und neuen rechten kam in der näheren und weiteren umgebung kam.

mit dem aussterben der zähringer 1218 kam hauterive unter die schirmherrschaft der grafen von neuenburg, später der grafen von aarberg. es war die blütezeit des klosters, das ländereien vom jura bis in die alpen, und von der sarine bis an den genfer see hatte.

städtische territorialbildung und abstieg zum staatlichen lehrerseminar

als die städte ihre territorialpolitik auszubilden begannen, setzte der abstieg des feudalen klosters ein. bern griff nach westen aus, provozierte damit dem gümmenen- und laupenkrieg, indem zahlreiche burgundische adelige ums leben kamen. das verunsicherte selbst die position von hauterive. nach 1341 sicherte die habsburgische stadt freiburg das kloster. 1387 wurde es, im sempacherkrieg der innerschweizer gegen habsburg von bernern geplündert, und 1448, im krieg berns gegen savoyen, wurde es in ebenfalls mitleidenschaft gezogen. 1452 kaum die abtei erneut unter die hohheit der stadt freiburg, die jetzt aber im radar berns war, und 1481, auf berner vermittlung, eidgenössisch wurde. aus hauterive wurde jetzt altenryf.


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das kloster ging seinen aufgaben weiter nach, kam aber 1618 zur oberdeutschen zisterzienserkongregation. 1798 litt altenryf unter dem zusammenbruch des alten regimes, und 1848 wurde es von den liberalen behörden des kantons aufgelöst und in ein lehrerseminar umfunktioniert.

neubegründung des streng klösterlichen lebens

1939, bei ausbruch des zweiten weltkrieges, siedelten sich wieder mönche aus dem zisterzienserkloster in bregenz an der sarine an, und errichteten 1973 die heutige abtei heuterive neu. durch diese abtei führt uns heute catherine waeber, die vor genau dreissig jahren ihre dokotroarbeit über die architektur des klosters hauterive gamacht hat. und es erklärt uns auch ein bruder, der im kloster lebt, wie das leben in der gegenwelt ist.


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wir erfahren vom strengen tagesauflauf, der auch heute um 4 uhr beginnt, und um halbneun endet, und der durch die gebete, das essen und die arbeit gegliedert wird. hinzu kommen noch die lesungen, für sich, und alle miteinander, wenn die priester und brüder auf den bänken im kreuzgang dem wort jesu lauschen.

meist ist es aber stil im kloster. man spricht nicht, wenn man isst oder arbeitet, um mit gott im dialog bleiben zu können. die zeit des sprechens ist klar geregelt und beschränkt. mit der aussenwelt ist man zwar in kontakt, aber auch das ist kontrolliert und beschränkt. das kloster verlassen die mönche gerade mal 4 tage im jahr. entweder gehen sie dann auf verwandtenbesuch, oder aber sie pilgern zusammen auf eine alp, die dem kloster gehört. die gemeinschaft ist hier deutlich spürbar über dem individuum. und seine erfüllung findet der mönch auch 2006 nur in dieser gemeinschaft.

berner plünderer und berner kulturfreunde

berühmtheit erlangte hauterive durch sein scirptorium, das seit der gründung im 12. jahrhundert bestand. es war ein ort des schreibens, damit die heilige schrift bekannter wurde. nur wer seinen gott kennt, kann ihn lieben, ist heute noch die losung. offiziell ist man heute französischsprachig. das klosterleben lässt aber auch die deutsche und italienische sprache zu, und das latein bleibt die sprache für die meisten gesänge.

die zutiefst römisch-katholisch-burgundische kultur kam 1387 in einem jähen kontakt mit der alemannischen. die berner plünderten das kloster; sie hatten es vor allem auf die klosterbibliothek abgesehen, die 1578 zusätzlich durch einen brand verwüstet wurde. trotzdem verfügt hauterive heute über ein der herausragendsten handschriftenbestände der klöster in der westschweiz. zudem sind 40’000 bücher in der klosterbibliothek greifbar.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

auch unsere besuchergruppe kommt auch aus bern, ist aber friedlich. sie ist nicht unter der führung eines schultheissen. vielmehr hat verena hegg eine friedliche carfahrt durch die gärten freiburgs organisiert. die teilnehmenden sind auch keine soldaten, vielmehr sind sie fast alle mitglieder der schweizerischen gesellschaft für gartenkultur. und ihnen hat sich der stadtwanderer angeschlossen.

geheimnisvolles dunkel in der kirche, helles licht im klostergarten

zuerst lauschen wir den täglichen gesängen der brüder in der klosterkirche notre-dame-de-l’assomption. sie wurde zwischen 1150 und 1160 errichtet, und sie ist ein gutes beispiel für die frühe architektur der zisterzienser. ganz im geiste des heiligen bernard von clairvaux gehaltem, besitzt die dreischiffige romanische kirche ein querschiff und einen rechteckchor, aber keinen kirchturm. einzig ein kleiner reiter ist der kirche aufgesetzt. das licht in der kirche ist spärlich, und wird durch die, im 14. jahrhundert eingesetzten, farbigen fenster noch gebrochen. so entsteht die spezielle atmosphäre einer kirche in der flusschleifen, die einem so vorkommt, als wäre man in ein u-boot gestiegen.


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krasser könnte der gegensatz nicht sein, wenn man dann in den romanisch gehaltenen kreuzgang hinauskommt, der aus dem 12. jahrhundert stammt und auf drei von vier seiten erhalten ist.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

mitten im kreuzgang ist 2006 eine neue gartenanlage entstanden. der belgische gartenarchitekt jacques wirtz stand hier vater. er hat in gelungener art und weise moderne elemente mit traditionellen materialien mitten ins kloster gebracht. die alte waschanlage ist heute offen, dargestellt durch einen quadratische wanne. ihr gegenüber ist ein runder brunnen. leicht erhöht sammelt er alle wege im klostergarten. symbolisiert wird dadurch das paradies.

begegnung mit einer eigentlich bekannten welt

hauterive kannte ich lange nicht. bei meinen recherchen über (spät)burgundisches leben in der schweiz bin ich natürlich auf dieses bijou der übergangszeit in die schwäbisch-alemannische welt gestossen, und habe mich für das leben in hauterive zu interessieren begonnen. irgendwie ist es wie ein stück burgund, das in einer andern welt überlebt hat.

diese einsicht hätte ich sogar ganz einfach haben können, hätte ich nur meinen vater gefragt. in der gegend aufgewachsen, hat er als junge regelmässig die mitternachtsmesse in der klosterkirche von hauterive besucht, – mein seinen kollegen von der jungwacht. ganz unten, in der flusschleife der sarine, wo das zisterzienserkloster steht, in dessen mitte der kreuzgang mit dem paradies ist.

stadtwanderer (auf landwegen unterwegs)

kloster hauterive

gartenjahr

also, was ist ein blog? – eine herausforderung für dr. blog-blogicki …

Sehr geehrter Herr Longchamp

Seit einigen Tagen vertreibt sich “Dr. B. Blog-Blogicki”, seines
Zeichens Blog-Kritiker, einen anständigen Teil seiner Zeit mit dem Lesen
des STADTWANDERERS. Er möchte ihn gerne bald rezensieren, hat Spass daran.

Der Stadwanderer hält sich bedeckt und signiert seine Einträge nicht mit
eigenem Namen. Ausser den ersten Eintrag, wo “Dr. B. Blog-Blogicki” auf Ihren doch wohlbekannten Namen stiess. Ja, die meisten Blog-Surfer schenken den ersten paar Einträgen kaum Beachtung. Obwohl Sie manchmal so viel über den oder die VerfasserIn verraten.

Ich möchte Sie nun anfragen, ob dies ein Versehen Ihrerseits war (den
ich natürlich noch so gerne ausschlachten würde), und Sie weiterhin nur
unter Stadt-, oder Burgund-, oder WeggisWanderer blogizieren möchten.
Dann schlage ich vor, Sie überarbeiten die erste Autoren Angabe und
lassen es mich wissen. Dr. Blog-Blogicki wird es respektieren, weil es
ihm sein Anstand ge”bier”t… oder so.

Mit freundlichen Grüssen

Peter A. Ziermann

guten morgen herr ziermann

tschuldigen sie die dauer meiner antwort, ich war gestern beruflich unterwegs, und dann war es zu heiss, um zu wandern, also ging ich duschen (ohne doris) …

es freut mich, dass sie interesse haben an unserem stadtwanderer – endlospapier. klar, das ist nicht einfach ein blog, also ein stipvisite, wie sie vielleicht meinen, das ist es eine richtige wanderung, und da kann es schon vorkommen, dass man etwas mehr von seiner zeit dafür braucht! schön, wenn sie seit jüngstem mitwandern wollen. seien sie herzlich willkommen!

nun, die stadtwanderer.redaktion ist ein kleines eingeschorenes team. man zeichnet mit der jeweiligen identität, das heisst, dem fremdbild, das man beim wandern abgibt, und dem selbstbild, das man beim wandern von sich selber hat. wenn beides zusammen passt, ist man ein stadtwanderer, weggiswanderer, burgundwanderer, internetwanderer, etc.

das ist ja heute alles komplexierter, als man denkt. wenn ein mensch mit medienbekanntheit kommt, wird er meist erkannt. wenn sein zwillingsbruder kommt, gibt es schon die möglichkeit, dass dieser unerkannt bleibt, oder es zu lustigen verwechslungen kommt. je nachdem weiss man aber schon jetzt ein wenig, jedenfalls in bern, dass da gewandert wird, um realitäten politisch unbefangen, historisch informiert und kulturell neugierig neu zu entdecken. und so kommt es vor, dass wir helfer und helferinnen bekommen, bewusst und unbewusst, die dann mitberichten, aber nicht jedesmal grossartig in einem impressarium erscheinen wollen.

das gibt dann durchaus die möglichkeit, dass sich neue identitäten entwickeln, das alles also ein offener prozess ist. die klare fixierung auf eine person und eine identität, wie das in den meisten blogs – leider, leider!! – der fall ist, ist, also, beim stadtwanderer, an sich, erschwert, mehr noch, gerade nicht da ziel. so ist es, wiederum also, kein versehen, dass die stadtwanderInnen, anonym bleiben, das heisst entwicklungsfähig, genauso wie eigentlich das junge medium des weblogs.

alle bernisch-welschen-burgundischen stadtwanderer sind bestens bekannt mit den firmennamen von turn- und wanderschuhen. wenn dann aber um die neuesten internettechniken geht, gibt es schon mal benekliche probleme. helfen sie uns das! denn gelegentlich fragt man sich, in der stadt.wanderer-redaktion, was rss ist, wie man texte schön editiert, und wie man die kommentare kommentiert, die kommentarweise ist die kommentarfelder gesetzt wurden. zum beispiel von ihnen, sodass sie auf slug erscheinen, dann aber nirgends greifbar sind. einfach weg, im niemandsblog. neidisch, sind wir schon ein wenig, dass sie das können, wir aber nicht!

sie sehen, wir sind neu im geschäft. verzeihen sie also, wenn wir jede der szenen-normen, die es schon mal geben soll, nicht kennen, ja sogar dagegen verstossen sollten.

doch, sehr geehrter herr prof. dr. beob. watch-watchinski, wenn ich sie schon “am draht” habe, können sie mir erklären, was also überhaupt ein blog ist. wikipedia, und auch die gescheite literatur über die google-world drücken sich darum, eine brauchbare antwort zu bieten. eine internetplattform, die regelmässig erneuert wird, ist ja wohl doch unter ihrem nivo, als definitionsversuch. bin also gespannt, ob sie uns weiter helfen können, denn für uns stadtwanderer ist ein blog so etwas wie der horizont:

das, was man vor augen hat,
das, wohin man will, und
wenn man dann wandert, sich immer wieder verändert.

am ziel ist man nie.

und nun erlauben sie eine kritische bemerkung: kritiseren kann man blogs demnach gar nicht, wie sie das tun, denn das setzt einen festen standort voraus, von dem aus man ein feld, wie ein feldherr überbloggt, und von wo aus man weiss, wohin die wanderer gehen sollen.

karl der kühne, war mal, vor murten, unserer lieblingskleinstadt, auf einem solchen hügel, und wollte mit einem schlachtensieg über die eidgenossen burgundischer könig, am liebstengleich kaiser alles länder, werden.


foto: murtenwanderer

da oben stand karl der kühne vor genau 530 jahren, liess murten beobachten, griff an, scheiterte an adrian von bubenberg, stellte sich neu auf, und wurde in die flucht geschlagen. sie sind halt scharfe beobachter, die murtemer!

bin gespannt, auf ihren kommentar. und hoffe, ich finde ihn dann.

(kritischer) definitionswanderer

Was ist denn nun ein BLog?

Ein BLog ist ein BLog ist ein BLog…
würde wohl Gertrud Stein sagen, oder auch nicht,
geehrter Herr Institutsleiter Longchamp
(Stein…habe ich mir natürlich angelesen).
Aber, keine Angst, so einfach werde ich es mir nicht machen, lieber Herr Longchamp.

Mensch spricht gern mit sich selber. Ständig.
Der innere Mono- manchmal wohl auch Dia-Log (weil man widerspricht sich auch gern des öfteren), welcher, wenn Mensch Kleinkind, irgendwann anfängt zu laufen, und erst wieder aufhört, so sagt man, wenn das Gehirn erkaltet ist.
Da haben wir also schon zwei Logs, jedoch noch keinen BLog.

B wie Beziehung,
L wie Lautbarkeit,
O wie m”Oh!”nolog (oh!-minös…),
G wie Gesellschaft.

Was? Lautbarkeit? Förmliche Erklärung vor Gericht? Da kann etwas nicht stimmen… Aber doch! Lautbarmachen heisst ja auch “Äussern”

BLog also die veräusserlichte Form des inneren Mono- oder Dia-Logs?

*abschweif*

Haben Sie Wim Wenders “Himmel über Berlin” (Wings of Desire) gesehen? Ein wunderbarer Film. Was mich beeindruckte, waren die Szenen, in welchen die Engelsgestalten einfach nur dem inneren Monolog der Menschen zuhörten. Das muss ein spektakuläres Surren ergeben, wie in einem Bienenstock, was da abgeht in den Gehirnen (oder vielleicht Seelen) der Menschen.
Der englische Titel gefällt mir übrigens besser. Warum? Er enthält das Wort “Desire”. Mal ganz abgesehen von “Wings”…

*zurückschweif*

Oh, da haben wir ja noch einen Aspekt des Bloggens beim Abschweifen gefunden: “Desire”. Babelfish übersetzt es mit “Wunsch”, doch damit bin ich nicht zufrieden. Es ist nicht stark genug. “Greed”? Babelfish übersetzt es als “Habsucht” hingegen wäre ZU stark. Etwas dazwischen wohl, das deutsche Wort fällt mir momentan nicht ein.
Apropos fish… Blogist-INN-en fischen ja öffentlich. Sei es um Anerkennung, materiellen Vorteil, oder auch nur Komplimente.
(BlogistIn erscheint mir übrigens ein eleganteres Wort statt BloggerIn)

Und “Wings”?
Bloggen verleiht Flüüügel (c) ?
In gewisser Weise ja. Denn wenn ich blogge, dann bin ich nicht nur auf meiner Strasse im Dorf (oder Stadt), sondern auf der ganzen Erdkugel zu hören (podcasting), zu sehen (vlog), oder auch nur zu lesen (blog).
Dann kommt nämlich auch die zwischenmenschliche Kommunikation in’s Spiel. Die Kommentarfunktion! Aber davon berichtet dann Teil 2

Hier schalten wir gewitzt eine Werbepause:
(welche noch immer nicht funktionieren will..hallo google schweiz? HELP…)

Also… Als erste, und nicht etwa vollständige, Zusammenfassung:

Ein Blog ist eine technologische Variante dessen, was Mensch schon immer tat. Mit sich selber sprechen (BLOG), und mit seinen Artgenossen kommunizieren (KOMMENTARE).
Angefangen hat’s mit Grunzlauten… so sagt man…

apropos grunz… kennen Sie den George Gruntz?

Fortsetzung folgt…

VPS(vor post scriptum): Übrigens, Herr Longchamp, eigentlich bin ich Rezensierer (Rezensör?), und kein Kritiker. Aber meine bruchhaften Erinnerungen an die schulischen Marketing-Lektionen vor zehn oder zwölf Jahren, liessen mich BLOGKRITIK.CH wählen, statt BLOGREZENSION.CH. Es ist halt irgendwie “snappier”, besser verkaufBAR…
Oder etwa nicht?

Herzliche Grüsse! Und bis zur Fortsetzung.

Dr. B. Blog-Blogicki

Peter A. Ziermann
Irrer Blog-”Küntsler”, und blog-enfant-terrible.. oder so…

nöö.. ich schau’s mir gern mal an.Ihr Teil..
in Bern oder so.. Hundeli kommt mit.. natürlich!
und Sie begleichen dann unsere SBB-Kosten (anderthalb billet retour),
und laden uns zum Z’Mittag ein, und ich mach dann Vorschläge..

wie ein richtiger Web-DINGSBUMS..

Konsultant!!!..

SAPPERLOTT..

Sonst kosten tut es Sie nix..
Als Iväuler bin ich eh schon vom Staat bezahlt

paz

guten tag herr konsultant!

dieser begriff wird jedoch häufig falsch verwendet, ich kenne das. siehe nzz folio. die haben mir schriftlich versichert, mit als politforscher zu bezeichnen. im heft stand dann politberater. so schnell geht das mit diesen begriffen.
klar lade ich sie gerne ein, und ihr hundeli. vor meinen ferien am 1.7. reicht es aber nicht mehr, ich kehre am 1.8. zurück, dazuwischen mache ich einen monat frei, wandere in den nordischen wäldern, und wohl ohne labtop. dann wirds halt nix mehr gehen, zum lesen. endlospapier findet dann einen – vorläufiges – ende.

wünsche schöne zeit, gruzz
cl.

Durch Stadt, und über Land

Jetzt, da ich die Herausforderung Claude Longchamps, des Chamäleons, so das NZZ Folio, angenommen habe, und ihr auch schon teilweise entsprach, komme ich natürlich nicht umhin, endlich auch seinen Blog zu besprechen, zu rezensieren.

Ein Endlospapier, nennt er es. Und in der Tat. Ein Scroll-Fest für Scroll-Hungrige. Die Beiträge eines ganzen Monats werden auf einer Seite gelistet, und alles ist klein geschrieben. Nichts wird Kapitalisiert… Da hat er etwas gemeinsam mit dem Dorftrottel (der Link blos als ein Beispiel), der Herr Longchamp. Wie wohl auch das Chamäleon-Sein…

(Den “Burzel-Tag”, den der Stadwanderer mit dem Genie Albert Einstein teilt, kann Dorftrottel jedoch nicht “toppen”. Ihm gereicht’s blos dem des grossohrigen englischen Thronfolgers, welcher den englischen Thron wohl nie besteigen wird. Oder dem des Sir’s? Richard Burton, selig?)

Die Doris fasziniert ihn. Mich auch… Die wohl schönste Bundesrätin bisher. Mit Silberblick zuweilen, und geschmeidiger Eleganz. Ein perfektes Lächeln.
Kein Wunder, träumt er wohl davon, mit ihr duschen zu gehen…
(-;
Und so findet man auf dem Stadtwanderer auch ausgiebige Beschreibungen sowie politische Analysen über die Leuthard, ja sogar anfeuern, tut er sie: “go, doris, go!”

Aber wer nun denkt, der Stadtwanderer sei nur ein Politblog, täuscht sich.
Was mich fasziniert, und spannend dünkt, sind seine Geschichten und Berichte über Orte. Er bewandert die Schweiz und das alte Burgund, bringt uns ihre Geschichte näher, und kann sie auch einem Unbedarften schmackhaft machen, die Historie. Er schreibt flüssig, in einem angenehm erzählerischen Ton.

(Wobei hier zu bemerken ist, es wäre noch viel angenehmer, wenn die kurrante deutsche Rechtschreibung -Gross/klein- angewandt würde. Kleinschreibung ist, für mich jedenfalls, angenehm zu lesen, wenn die Artikel kurzgehalten sind. Bei längeren Berichten verliert man doch oft den Faden, verirrt sich in den Zeilen, und es ergibt ein “CHrüsimüsi”.)

Herrlich sind die Fotos des Stadtwanderers. An”klickbar”, und die Wandererberichte äusserst schön illustrierend. Auch interessantes Kartenmaterial, und sogar historische Gemälde werden gezeigt. Ein Ooh! und AHA-Erlebnis.

Des Stadtwanderers Blog macht grosse Lust, selbst wieder auf Wanderschaft zu gehen. Zu Reisen auf Schusters Rappen und mit der SBB… Und sich vielleicht zuvor ein bisschen zu bilden, Geschichtlich, Soziologisch, wasauchimmer, über den Ort, den man sich anschauen geht.

Wunderbar, der Stadtwanderer.
Danke, Herr Longchamp!

Dr. B. Blog-Blogicki

der stadtwanderer:
was für eine rezension! wunderbar, wenn einer, der mal im rollstuhl sass, andere zum wandern animiert!
stadtwanderer, schnell-, lang- und kleinschreiber vom dienst

Kommunikation.

Zwei(Mehr-)weg-Kommunikation, sofern es von der blogisierenden Seite gewünscht wird.

Einerseits ein bisschen wie, wenn beispielsweise ein Briefwechsel über eine Zeit lang aufgehoben wird. König Soundso, der Fünfte, mit seiner dritten Mätresse (oder Matratze). Nur: Anstatt dass die Dritte Dame den plombierten oder wachsversiegelten Schmachtfetzen unter ihrem Mieder am Busen trägt, bis er schweisszerfressen zerfällt, dürfen nun die Untertanen, das Volk, auch ihren Spass daran haben. Obwohl, der König Soundso, der Fünfte, schreibt unter Umständen (sehr wahrscheinlich sogar) unter einem Pseudonym, und das Volk übersieht’s…

Na ja, die Zeiten ändern sich. Oder nicht einmal so die Zeiten, sondern blos die gebräuchlichen Technologien sowie der Bildungsgrad des Volkes. Ich hörte/las ja schon sagen/schreiben, ein Blog sei nichts anderes als die technische Fortsetzung des Pamphletenschreibens.

EinE jedEr darf sagen/schreiben/publizieren, was freut, gut ist, oder ärgert, oder ob er/sie grad eine Revolution anzetteln will… vor Wut.

Das Pamphletenschreiben jedoch war damals der gebildeten Schicht vorbehalten. Schule war ja nicht obligatorisch, und die meisten Leut konnten eh nicht lesen. Doch auch für dieselben wurde gesorgt. In der Form von gezeichneten oder gestochenen (radierten) Bildern. Vorläufer der politischen Cartoons (oder Podcasts, oder Bildblogs, oder Vlogs).

Man brauchte damals halt auch eine Druckerpresse, oder Zugang zu einer. Wenige Privilegierte hatten dies.

Doch kam es eh nicht so draufan. Das Volk tratschte und klatschte sowieso bei jeder Gelegenheit. Auf dem Dorf- oder Marktplatz, in der Schenke oder im Gasthaus, beim Jahr- oder Viehmarkt, vor der Kirche. Und die Neuigkeiten drehten ihre Runden. Ob wichtig oder unwichtig, sie drehten ihre Runden.

Auch heute finden wir markante Unterschiede zwischen weltbewegenden und völlig profanen Blogs. Blogs, welche eine Menge Menschen anziehen, und weit verbreitet werden, und solchen, die von einer eher kleinen Gruppe gelesen werden. Ich tönte es schon an, der Blog als Vereins- oder Marktplatz-Ersatz.

Neu ist jedoch, dass ich bei dem Klatsch und Tratsch, aber auch bei den weltbewegenden Neuigkeiten, nicht mehr persönlich dabei sein muss, um meine antwortende Stimme auch dem Verbreiter derselben hören zu lassen. Respektive meinen Kommentar, meinen Senf dazu, sofort der ganzen Leserschaft zu präsentieren, und ihn veröffentlichen kann.

Jaaa…aber, höre ich jetzt sagen: Dafür würde auch ein Forum reichen. Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan, aber Foren werden nie so persönlich gestaltet wie Blogs. Auch ein grosser römischer oder griechischer Orator hätte wohl einen Ort für seine Ansprachen gewählt, an welchem er von den richtigen Leuten gehört würde. Cicero hätte wahrscheinlich einem persönlichen Blog gegenüber einem Forum den Vorzug gegeben. Aber auch der heilige Franz von Assisi.

Da kann ich mich aber auch irren…

BlogistIN hat immer die Leser, welche er/sie verdient. UND: Wer sucht, der findet…

Fortsetzung folgt.

Dr. B. Blog-Blogicki

reto nause, der verpackungskünstler, von doris leuthard

die spannung war mässig. doch die vorfreude war gross. der bundesplatz war orange, und selbst das tschutti-ergebnis von gestern interessierte hier und heute niemand, als doris leuthart zur neuen bundesrätin gewählt wurde. nur 133 stimmen, aber im ersten wahlgang! der stadtwanderer hat den bundesplatz von links nach rechts und von oben nach unten abgeschritten. und den wahren sieger gesucht: reto nause, der verpackungskünstler, ist der heimlich star des events, quasi der mann, der hinter Der frau steht!


foto: stadtwanderer

schon am morgen früh gab es nur eine frabe: orange-orange-orange! obwohl der gleichnamige telefonanbieter nicht da war und obwohl die oranier die niederländische nationalmannschaft nicht unterstützen mussten. dennoch: wohin das auge reichtE, sah es orange hemden, orange röcke, orange haarbändel und orange tishis. die migros, mit baldachinen vor ort, hatte glück, die farbe des tages schon lange für sich gepachtet zu haben. doch selbst die stadt bern war heute im trend. ihre schlepper der infrastrukturabteilung sind aus sicherheitsgründen ebenfalls orange. wahrlich: es war der tag der cvp-farbe!


foto: stadtwanderer

eine orangene revolution wie in der ukraine fand heute auf dem berner bundesplatz nicht statt. dafür fehlte in diesen wochen die politische kontroverse. es mangelte an medialer auseinandersetzung ebenso wie an einer gegenkandidatin zur topfavoritin. deshalb mochte heute, anders als bei der bundesratswahl 2003, niemand von richtungswahl sprechen.


foto: stadtwanderer

vielmehr dominierte das harmoniebedürfnis der cvp. es war ihr wunsch, eine würdige bundesratswahl zu erhalten. dem 14. juni einen neuen sinn zu geben. den frauenstreiktag nicht vergessen zu machen, ihn aber in den hintergrund zu rücken, denn das symbol gehört den linken. vergessen gehen sollte heute auch die nicht-wahl von christiane brunner in den bundesrat, die eine der frauenstreikführerinnen war, und die eine diffamierungskampagne über sich ergehen lassen musste, als sie in den bundesrat wollte. der makel dieser nichtwahl hängt unvermindert der rechten an. und zu beiden polen will die cvp gute beziehungen, aber auch klare distanz. denn sie will die mitte, möglichst für sich allein. und dafür mobilisiert die partei neuerdings mit erfolg. viele freiwillige sind heute auf dem platz, um doris eine herzliche feier zu bereiten.


foto: stadtwanderer

weniger herzlich war der umgang der medien mit doris leuthard. einerkandidaturen mögen sie definitiv nicht. zu wenig spannung, zu viel selbstdarstellung. also muss man kritisieren. alles konnte man lesen und hören: weder weiss, noch schwarz, sei sie. den nationalratsaal verwechsle sie mit dem laufsteg der modeschauen, musste sie lesen, und beim abstimmen passe sie in heiklen momenten, stand da geschrieben. zu oft rechts sei sie, monierten die linken blätter, während die rechten sie zur linken machten. da unterschied sich nur der blick von der negativberichterstattung, der sie flugs zur königin doris I. kürte, und damit gleich selber gegenstimmen provozierte. schliesslich sind wir eine demokratie, die anderen werten verpflichtet ist als die monarchie.


foto: stadtwanderer

das alles flimmerte heute morgen nochmals über die grossleinwand auf dem bundesplatz. doch es interessierte kaum jemanden. politische demonstrationen gegen “unsere doris” war für die leute sur place fehl am platz. viele von ihnen waren aus merenschwand. jüngere frauen und ältere männer. sie kennen doris. auch ihren charakter. dafür brauchen sie die weltwoche nicht. ihre kinder sind mit doris in die schule gegangen, ihre schwestern haben mit doris im turnverein geturnt. und seither gehört sie ihnen, und so sind sie auch alle per du mit ihr geblieben. und mit der populärität ist doris leuthard auch ihr liebling geworden. im freiamt jedenfalls ist doris die königin der herzen.


foto: stadtwanderer

die cvp nutzte die gunst der stunde, um ihren neuen wahlkampfstil zu propagieren. nichts mehr mit plakaten. nichts mehr mit inseraten. nichts mehr parteiprogrammen. das alles ist passé! zu statisch, zu konventionell, zu abgenutzt. unter ihrem generalsekretär, der zum schweizerischen vermarktungskünstler nummer 1 avancieren will, soll die cvp dynamisch auftreten, unbekannte sachen machen und unkonventionell auftreten. nur das verschafft einer partei die nötig aufmerksamkeit.


foto: stadtwanderer

besser hätte reto nause die kulisse nicht wählen können. jeanne-claude und christo grüssen die berner uns schon mal von plakaten. das bundeshaus ist seit wochen fast ganz eingepakt, nur die helvetia lugt noch raus. und jetzt muss doris noch richtig verpakt werden, um geradeaus in den bundesrat zu gelangen. deshalb setzt die cvp neu auf ereignisse, die spass machen. stimmung braucht die partei, die schweiz verdient es, auf sich, seine vergangenheit und seine zukunft stolz zu sein, – und genau das soll die cvp verkörpern.


foto: stadtwanderer

die cvp profilierte sich heute auch im windschatten des aargaus. es kam einem vor, als würde sie den kanton alleine repräsentieren. die fdp, die kantonsgründerin, musste es innerlich geschüttelt haben, um das nach aussen zu zeigen, ist sie aber zu schwach geworden. auch die sp machte nur gute miene zum schlechten spiel. die chancen ihres favoriten für die nachfolge von moritz leuenberger, der aargauer nationalrat urs hofmann, sind heute etwas geringer geworden.


foto: stadtwanderer

bei so viel neuem selbstvertrauen in der cvp konnte der heimatkanton der kandidatin nicht passen. aufgeräumt werden soll mit dem image, alle aargauer würde weisse socken tragen. der kanton präsentierte sich im neuen kleid. und auf der grossleinwand. als kulturkanton. als kanton mit wohnqualität. als kanton mit historischer substanz, und als kanton mit starker wirtschaft. wäre das eine politische aussage, wäre sie heute gar nicht erlaubt gewesen. denn politische demonstrationen auf dem bundesplatz sind während der session nicht erlaubt. doch eben: es ist nauses event, nicht nauses bekenntnis.


foto: stadtwanderer

und alle wollten dabei sein, wenn doris wahlannahme erklärt. die srg ssr idee suisse ist vor ort, sogar telezüri kam nach bern. sie sorgen für die grosse aura landesweit. die viele fotografen rundherum sind für die kleine aura da, für das nach-safari-erlebnis zu hause. bis es soweit ist, fallen aber vor allem die zaungäste auf, die trittbrettfahren auf nauses palttform.


foto: stadtwanderer

subversiv ist die aktion des politischen gegners. die junge alternative, dem grünen bündnis nahestehend, ist flux in organene tishis geschlüpft. bisweilen aber mit dem eigenem aufdruck: “ja”, – junge alternative! und sie sagen nein, zum neuen asyl- und ausländerrecht. es stört sie, dass doris leuthard, die cvp-präsidentin, die mittepolitikerin im fahrwasser der blocher-reformen mitschwimmt. dagegen wollen sie ihre stimme erheben. weil man diese aber auf dem platz nicht hort, erheben ihre plakate. nein, nein, nein, liesst man überall. die verwirrung ist perfekt.


foto: stadtwanderer

derweil würdigt der nationalratspräsident den scheidenden bundesrat joseph deiss. ausgesprochen ausführlich: deiss, der lokalpolitiker aus barbereche. deiss, der wirtschaftsprofessor aus fribourg. deiss, der preisüberwacher aus der verwaltung. deiss, der am knappesten gewählte bundesrat. schliesslich: deiss, der aussenminister, der die schweiz in die uno führte, und deiss, der volkswirtschaftsminister, der den wiederaufschwung in die schweiz gebrachte. die rede ist zurückhaltend, präsidial. dafür ist deiss direkt, anders denn als bundesrat. er erinnert sich nur kurz, er dankt, vor allem babette, seiner frau, um dann deutlich zu werden: die schweiz ist blockiert, dagegen müsse sie ankämpfen, und sie müsse der eu beitreten! “endlich”, denken einige, murren aber andere: “endlich sagt er, was wir immer von ihm hören wollen resp. wussten.”


foto: stadtwanderer

danach ist die reihe an den einzelsprecherInnen. die linke demonstriert gegen die rechte leuthard, die mehr schuhe habe, als alle arbeiter in reconvilier zusammen. und fundamentalen christen sind gegen säkularisierten christen, und selbst therese frösch taucht aus dem bundeshausweiher auf, damit man die grüne empörung genügend hören kann. die fraktionsssprecher rücken die bühne wieder ins zentrum. sie alle sind für doris leuthard. sie soll die cvp in der landesregierung repräsentieren. sie sei die klare favoritin, deshalb habe man der einer kandidatur diesmal zugestimmt. die svp legte die latte rasch noch höher: bei so viel konsens rund um die kronfavoritin müsse sie heute wohl 170 stimmen machen. da muss iwan rickenbacher schon mal korrigieren. der bestgewählte im jetzigen bundesrat habe 146 stimmen gemacht.


foto: stadtwanderer

endlich ist es soweit. die stimmenzähler kehren in den nationalratssaal zurück, und die fotografen auf dem platz gehen vor der abordnung aus merenschwand in stellung. es spricht claude janiak, der die bundesversammlung souverän leitet. “gewählt ist, mit 133 stimmen, frau nationalrätin doris leuthard. ich gratuliere frau leuthard zur wahl in den bundesrat.” doris leuthard lächelt, etwas verhalten.


foto: stadtwanderer

auf dem platz ist der jubel gross. das publikum ist entspannt. obwohl es nicht richtig gespannt war. es ist erfreut, obwohl es schon lange freudig war. das resultat ist zwar mässig. doch die stimmung ist gut. reto nauses konzept ist haarscharf aufgegangen. doris leuthard ist am 14. juni 2006 zur neuen bundesrätin gewählt worden. sie erklärt öffentlich annahme der wahl. die partei, die sie so nötig hatte und die sie jetzt verlässt, hat ihr event gehabt. soviel orange wird man in bern so schnell nicht mehr sehen. doch das macht nichts, denn: die stimmung ist gut, und das ist das ziel. selbst wenn die wahlresultate der cvp inskünftig mässig bleiben werden. das prinzip hoffnung ist heute tief verankert an der cvp-basis.


foto: stadtwanderer

“wer wird neuer cvp-parteipräsident?”, will der stadtwanderer vom neuen star des politmaketings in der schweiz wissen. “ich”, sagt reto nause. “zu recht”, denkt der stadtwanderer, “denn der verpackungskünstler ist der wahre sieger heute, vor dem bundeshaus.” drinnen ist selbstverständlich seine doris die siegerin!

stadtwanderer

begegnungszone in der unteren altstadt

endlich, es ist sommer! die stadt erwärmt sich. und man kann draussen sitzen. am liebsten bin ich momentan in der gerechtigkeitsgasse. viele restaurants habe ihre tische und stühlen nach draussen verlegt. die stadt nennt das im amtsdeutsch schon mal “begegnungszone”. das tönt komisch, ist aber richtig. der verkehr ist hier stark beruhigt worden, und die fussgänger regieren wieder. und unter denen trifft man ganz verschiedene, – zur kleinen begegnung.

letztes jahr war an bern rückgrad, der kram- und gerechtigkeitsgasse, tote hose. eine riesenbaustelle den ganzen sommer. für die restaurants und läden war es die grosse flaute. die touristen wurden richtig gehend abgeschreckt. doch jetzt ist alles ganz anders: der stadtbach in der strassenmitte ist wieder sichtbar. die brunnen stehen, und die pflastersteine sind eingesetzt. vielleicht sieht alles ein wenig zu ordentlichaus, aber wenn kümmerts: seit dieser woche ist auch der sommer da. fertig mit den kalten tagen, ende regen, schluss mit wind, finito tutto!


foto: stadtwanderer (anclickbar)

die restaurants haben ihre herzen nach aussen gekehrt. die flanierende gästeschar wird eingeladen, gleich draussen platz zu nehmen. tische und stühle fast überall, und macherorts sogar fest bänke. die untere gerechtigkeitsgasse hat es mir diesen sommer besonders angetan. sie ist so schön wie noch selten. sanft fällt die strasse ab zur nydegg. schön ist die aussicht auf den obstberg. vor einem plätschert der stadtbach in seinem neuen bett. einige der häusser würden es zwar ertragen, renoviert zu werden, um zur neuen gerechtigkeitsgasse zu passen. doch insgesamt stimmt das bild einfach. besonders wenn die sonne untergeht.


foto: arlequin

früher war ich vor allem in der wäbere und etwa im commerce. doch das ist lange her. seit ich stadtwandere ist die krone wieder in mein blickfeld geraten. guter service! sie alle haben ihre gaststube in eine gastgasse verwandelt, nutzen die lauben, teilweise auch die strasse, um mann und frau, kind und kegel zu bedienen. und die hunde freuts auch. dieses jahr habe ich das arlequin entdeckt. die tische sind gleich fix draussen, samt bänken, die ebenfalls fest eingebaut sind. das gibt eine spezielle atmosphäre. manchmal ein wenig eng, doch immer bereit, um zu empfangen. und das bier schmeckt hier besonders gut.

ich liebe die aussicht auch nach westen. regelmässig kommt der rote bus die kramgasse runter gefahren. schön langsam, wie es sich gehört. man ist ja jetzt in der begegnungszone. und da sieht man aller art leute: aus dem quartier, aus dem ausland, solche mit tieren, und solche mit jogging-schuhen. sie alle schätzen es, dass das leben die strasse wieder zurück erobert.

die stadtpolizei hatte mühe, den verkehr zu beruhigen. 20 kilometer darf in der stunde noch fahren. und es wird einem mit leuchttafeln angezeigt, ob man zu schnell ist. doch der durchgangsverkehr ist verschwunden. gut, es hat immer noch viele anstösser, und solche, die nur rasch “etwas abladen” müssen. für die buschauffeure muss es streng sein. fussweg und strasse sind nicht mehr klar getrennt. wenn links und rechts parkiert wird und je ein bus von oben und von unten kommt, kann es rund um den stadtbach schon mal eng werden.

jüngst war in der zytung zu lesen, dass alle zu frieden seien. die wohnqualität in der altstadt sei gestiegen, die beruhigten gassen seien für die fussgänger attraktiver geworden, und sogar die geschäftsleute seien jetzt einverstanden. ursula bischof scherer, die präsidentin des kramgastleist ist sogar überschwenglich: “Es gibt wieder eine gewisse Grandezza» …


foto: kanton bern

und meine begegnungen? gestern zum beispiel, habe ich schon mal mit einer alt-regierungsrätin gesprochen. einfach so, beim kühlen bier. und erfahren, dass frau nicht svp-präsidentin werden will. dafür eine eigenes, kleines unternehmen führen möchte. es sei aber alles noch offen, angebote habe sie viele erhalten, vor allem von beratungsfirmen. vorerst geniesse sie die freiheit. sie sei gerad in brüssel gewesen. die stadt habe sie immer interessiert, nur bleiben hätte sie als berner regierungsrätin nicht können. schön, dass elisabeth zölch das jetzt als kann!

stadtwanderer

yverdon-les-bains (ifferten)

… ist eine station auf dem betriebsausflug des stadtwanderers

yverdon-les-bain ist auch für mich immer wieder eine überraschung: lange kannte ich nichts von diesem ort, dann das pestalozzi-denkmal, den see und die gärten, später auch das expo-gelände und die ausstellung. zwischenzeitlich erschliesse ich mir schloss und stadt systematisch. bin aber unversehens vorsichtig, aber auch neugierig, wenns um den schönen ort am neuenburgersee geht.

alte, aber kaum burgundische spuren

die besiedlung des platzes ist alt, uralt. 6000 jahre soll er schon benutzt werden. er dürfte, spätestens in keltischer zeit, ein handelszentrum gewesen sein. die römer erschlossen sich den vicus eburodunum mit einer strasse von lausanne nach avenches, sodass der ort das zentrale verbindungsstück zwischen rhone- und rheinmündung wurde. dieser nicht befestigte ort wurde 260 nach christus opfer der germanischen plünderer. neu aufgebaut wurde der ort um 370 nach christus, jetzt als befestigter castrum.

seit 443 stand eburodunum unter dem schutz der einwandernden burgunden. unter ihnen dürfte der ort auch christlich geworden sein, aller wahrscheinlichkeit nach von romainmotier ausgehend. wie fast an allen orten in der gegend, verschwinden die nachrichten danach, ganz sicher aber ab dem 7. jahrhundert. einzig im nahegelegenen orbe kann man von einer siedlungskontinuität ausgehen.

yverdon, die musterstadt von peter von savoyen

1251 erbte peter von savoyen die ländereien von yverdon von seinem schwiegervater, dem seignieur aymon de faucigny. angesichts der unsicheren zeiten, sammelte er die bewohnerInnen in der neu befestigten stadt yverdon. zwischen 1260 und 1272 entstanden mauer und schloss. die stadt erhielt damals auch das marktrecht (1264), das wochen- und jahrmarkt beinhaltete. die beiden häfen gleyre und la pleine erschlossen die stadt und ihr hinterland mit der weiten welt, die unter savoyischer führung auch über die mauern hinaus wuchs.


foto: picsiwss

1475 war damit fertig. yverdon kapitulierte vor den anrückenden eidgenossen, blieb aber auf französischen druck hin savoyisch. 1536 änderte sich dies, als die berner die waadt – gegen widerstände in yverdon – besetzten, und sie gleich auch reformierten. das schloss von yverdon, das neu ifferten hiess, wurde jetzt bernischer vogteisitz.

dieses prächtige schloss ist es auch, das jüngst meine aufmerksamkeit gewann. 1260 entstand die stadt unter savoyischer führung aus dem nichts heraus, uns sie erhielt zentrumsfunktionen, wie man heute sagen würde, die durch das schloss symbolisiert wurden. im gedächtnis yverdons geblieben ist vor allem peter von savoyen, der spätere graf, der die stadt als basis für seinen krieg gegen die grafen von habsburg nutzte.

englisches kapital für den kleinen karl den grossen

der freiherr von moudon, der peter bei der stadtgründung noch war, erhielt schon bald den übernamen “le petit charlemagne” (der kleine karl der grosse), weil er zu einem der bemerkenswertesten adligen seiner zeit aufstieg. er konnte jedoch nur so frei handeln, weil die imperiale macht nach dem sturz der staufer-dynastie weitgehend inexistent war. aus deutscher sicht spricht man heute, auch im gefolge von friedrich schiller, von der kaiserlosen zeit.

das stimmt nicht ganz. denn die deutsche königskrone, die bisher den anspruch auf den kaisertitel beinhaltete, wurde weiter vergeben, wenn auch nicht mehr an einen herrscher, der allseits anerkennung fand. einer dieser “deutschen” könige war in dieser zeit richard von cornwall, richard de cornuaille, wie ihn die savoyer nannten. und mit ihm waren sie verwandt. die savoyer waren fast das einzige herrschergeschlecht im untergehenden imperium, die den cornwaller grafen halfen, seinen fuss ins reich zu setzen. dafür wurden sie fürstlich bezahlt. und sie erhielten auch noch gleich englische baumeister wie james of st. george, die prächtige schlösser wie jenes in yverdon bauen konnten. mit diesem geld schuf sich peter von savoyen, der kurz vor seinem tod zum grafen aufstieg, die ganzen befestigten städte, im ehemaligen königreich burgund, die von yverdon bis bern reichten.

nicht verwunderlich, dass man sich in yverdon auch im 18. jahrhundert mit england verbunden fühlte, und sich seiner direkten schiffslinie bis nach london wähnte.

der burgund-wanderer

murten/morat

… ist eine station auf dem betriebsausflug des stadtwanderers

murten/morat ist meine lieblingskleinstadt. früher war mein verhältnis gespalten, denn ich habe auf murtens pantschau meine infanteriefunker-rekrutenschule absolviert. heute ist das geklärt. ich bin begeistert, es ist die schönste zähringerstadt in der schweiz. es ist aber auch die geheimnisvollste burgunderfeste überhaupt.


foto: stadtwanderer

die burgundisch-imperiale geschichte

in den urkunden beginnt alles im jahre 515. sigismund, unterkönig der burgundia mit sitz in genf, schenkte dem von ihm gegründeten kloster st. maurice d’agaune den königshof von muratum. was damit geschah, ist unklar. vielleicht ging die burgunderpfalz 610, ähnlich wie payerne und romainmotier, im krieg zwischen burgunden und alamannen unter.

von muratum hörte man erst im 9. jahrhundert wieder. kaiser ludwig der fromme besuchte den ort, der zum fränkisch-imperialen mittelreich gehörte. dieses litt daran, dass es sprachlich mehr und mehr auseinander viel, was wohl auch in muratum der fall war. der name verweist möglicherweise auf eine schon in keltischer zeit bestehende palissadensiedlung am see (mori-, see, und -dunum, feste). mit der ethnische differenzierung wird daraus schrittweise murat/morat.


foto: stadtwanderer

nach dem untergang des fränkischen reichen kam murat/morat sicher zum königreich hochburg. dieses kam durch die reiterheere der madyaren in bedrängnis, sodass sich könig rudolf ii. 926 in den schutz des ostfränkischen königs heinrich i. begeben musste. dieser schloss für 7 jahre einen fiedenvertrag mit den madyaren und bekräftigte diesen mit tributzahlungen. an der innenfront organisierte er die regionalen adeligen unter seiner führung, und leitet sie an, überall an den entscheidenden orten befestigungen zu erstellen, motten genannt, die zuerst aus holz, in speziellen fällen auch aus stein bestanden. sie sind die ersten burgen, die zum schutz angelegt wurden, und sie sind auch die ersten orte, wo man notvorräte hortete. gut denkbar, dass murat/morat zu so einem befestigten burgunderort wurde.

1032 gind das burgundische königreich unter, und damit kaum auch murten unter die räder. der letzte burgunder, könig rudolf iii., hatte sein erbe dem kaiser vermacht. conrad ii., seit 1027 kaiser, trat dieses an, blieb aber umstritten. vor alle eudes de blois, ein graf aus dem südlichen lothringen, machte ihm das erbe streitig. zwischen beiden kontrahenten entstand ein krieg, den der kaiser schliesslich gewann. vor allem umkämpft war murten, denn eudes hatte es auf die alte königsfeste neuenburg abgesehen, während conrad auf das klosterzentrum payerne zusteuerte. bis heute weiss man nicht, wer murat/morat zerstört hat. doch dürfte die burg den erbkrieg um burgund nicht überlebt haben.

die imperial-zähringische geschichte

erst mit der erschliessung burgunds durch die neuen vizekönige, die zähringer, kam in murat/morat wieder leben auf. jetzt wurde dieses aber mit alemannischer sprache erweckt.


foto: stadtwanderer

die zähringer hatten die absicht, ihren stammsitz, freiburg im breisgau, mit lausanne zu verbinden, denn der bischof von lausanne war für den kaiser auch das tor nach italien. deshalb legten sie, erstmals seit römerzeiten, wieder strassen an, die freiburg mit rheinfelden, herzogenbuchsee und burgdorf verbanden, wo man über murten/morat ins broyetal kommt, und von moudon aus sich auch lausanne erschliessen kann.

murten dürfte dabei als strassenstation zwischen 1157 und 1177 von herzog berchtold iv. wieder aufgebaut worden sein, ohne dass es zu einer formell belegten stadtgründung gekommen wäre. der stadtplan, der strikte symmetrisch angelegt ist, verweist jedoch auf eine sehr systematisch absicht, die beim neuaufbau wegleitend war.

1218, beim tod des letzten zähringers, musste murten/morat schon bedeutet gewesen sein, kam es doch wie bern als reichsfreie stadt unter die oberaufsicht des kaisers. dessen macht erodierte in den alten burgundischen gebieten ab 1239 sichtbar. ausgehend von aventicum entsteht ein städtebund mit murten und bern, das den landfrieden und den regionalen warenverkehr sichern sollte. murten/morat wird in dieser zeit auch befestigt.


foto: stadtwanderer

nach dem ende der kaiserlichen gewalt 1250 resp. 1254 dehnten sich die grafen von savoyen schnell nach norden aus. chillon und moudon hatten sie zu ihren basen gemacht, die peter von savoyen beherrschte, und von denen aus der das seeland bis nach bern erschloss. murat/morat kam unter die vorherrschaft savoyens, in der sie mit einigen ausnahmen, in denen die imperiale macht wieder greifbar war, bis 1475 auch verblieb. anders als bern, das sich zwischen 1298 und 1350 von adeligen herrschern befreien konnte, gelang das murten nie mehr systematisch. 1416 dürfe ein solcher umbruchmoment gewesen sein. die stadt, weitgehend noch aus holz, brannte damals nieder, während die mauern stehen blieben.

1475 erklärte bern burgund, das mit savoyen verbündet war, den krieg und eroberte die savoyischen gebiete im seeland. endstation war damals grandson, wo es 1476 zur ersten kriegerischen begegnung auf savoyischem boden mit dem burgunderherzog karl kam. der besiegte herzog griff im juni nochmals an, jetzt mit dem ziel, murten zu erobern, um den weg auf bern und die eidgenossenschaft frei zu bekommen.

am 9. juni 1476 setzte er zum angriff auf die stadt, die von ritter adrian von bubenberg aus bern besetzt war, an, doch misslang der coup. jetzt rüsteten die bedrohten eidgenossen gemeinsam, und schlugen das heer des herzogs am 22. juni 1476 in der berühmten schlacht von murten, an den bis heute der murtenlauf nach fribourg erinnert.

die eidgenössische geschichte

damit endet, wie überall die burgundische geschichte, murtens. die ehemalige herrschaft murten wurde in eine vogtei umgewandelt, die unter der gemeinsamen Herrschaft von freiburg und bern stand. beide stellten abwechslungsweise für fünf jahre den vogt, der im schloss von murten residierte. nach der abstimmung von 1530 wurde in murten die reformation eingeführt, was die stellung berns stärkte. erst 1798, als das ancien régime unter französischen truppen unterging, gewann das unter den franzosen welsch ausgerichtete fribourg die oberhand, zu dessen kanton murten 1803 auch kam.

napoléon, der 1797 in murten war, soll gesagt haben: nicht noch einmal greifen wir die eidgenossen mit dem see im rücken an. dieser ist und bleibt hat freud und leid für alle, die murten/morat sind. sag ich auch!

payerne (peterlingen)

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payerne? das ist doch ein militärflugplatz? auf dem 2004 papst johannes paul ii. landete, als er die schweiz besuchte! vielleicht war das sogar höchst symbolisch gemeint, als die alitalia-maschine des papste in protestantischen payerne aufsetzte, denn der ort war einst zentrum der päpstlichen kirche und der kaiserlichen fürsorge, als sich beide potentaten noch unterstützen. so stark sich kirche und imperium für payerne auch eingesetzt hatten, an die gründerin des kloster, die gute könige berta, kommen sie in payerne bis heute nicht heraus.

die anfänge payerns als siedlungsort gehen auf das 3. jahrhundert nach christus zurück, als der römer publius gracius paternus aus aventicum kommend eine villa errichtete, wo heute die waadtländische kleinstadt steht. bischof marius gründet an gleicher stelle 587 ein kleine kirche, deren schicksal unbekannt ist. immerhin, der name, der sich auf den berühmten römer bezieht, scheint dem ort dauerhaft verbunden geblieben zu sein. 961 nennt man ihn peterniacum, 1238 paierno resp. paerno im jahre 1248.

ein burgundisches zentrum

dass man im 10. jahrhundert wieder von payerne spricht, hat mit der burgundischen königin berta zu tun. 922 wurde sie mit könig rudolf II von hochburgund verheiratet, um den streit zwischen burgund und schwaben über den grenzverlauf zu schlichten. so kam die friedenstifterin, die garantin der räumlichen konkordanz war, auf die zahlreichen pfalzen ihres mannes, von wimmis über spiez, thun, bümpliz, murten und orbe, welche der inneren herrschaftsbereich burgunds, wohl auch die siedlungsgrenze der burgundischen bevölkerung sicherten.


königin berta und könig rudolf ii. von hochburgund, hier im kirchenfenster der kirchen von köniz

937 stirbt ihr mann, und berta wird von könig hugo von der lombardei umworben, bis sie ihn schliesslich auch heiratet, und mit der vergabe ihrer tochter adelheid an den hugos sohn lothar auch die herrschaftsansprüche über die beiden königreiche, die aus dem fränkischen mittelreich hervorgegangen waren, bestätigte. durch den doppelten fang gestärkt, sah sich hugo, ein alter rivale von rudolf II. schon auf dem weg, neuer kaiser im westen zu werden.

doch berta bleibt nicht lange in tollkühnen pavia, kehrte enttäuscht ins hochburgundische zurück, heiratete nochmals, diesmal den herzog von acquitanien, von wo sie erst kurz vor ihrem tod zurückkam. der legende nach gründete sie an ihrem lieblingsort, payerne, ein kloster, dessen vollendung durch ihre kinder, kaiserin adelheid und könig conrad, sie aber nicht mehr erlebte.

ein imperiales zentrum

das kloster payerne gehörte von beginn an zum klosterverband von cluny, dem aufsteigenden neuen adelsorden, der nur dem papst unterstand. so wurde payerne mitten im 10. jahrhundert auch ein zentrum der päpstlichen kirche, das über zahlreichen boden entlang des jurafusses, im genferseegebiet, im seeland und im elsass verfügte.


kirche und kloster der ehemaligen abtei payerne, ganz im stile der romanik resp. von kloster cluny erbaut
foto: silvia ratelband-pally

wie das ganze burgundische gebiet auf dem boden der heutigen schweiz geriet auch payerne 1032 in die wirren um die nachfolge im königreich burgund. payerne galt als stragegisches ziel von kaiser konrad II., der so seine hand auf ganz burgund legen wollte. schliesslich gelang es ihm auch, sich in peterlingen, wie er payerne nannte, zum burgundischen könig krönen zu lassen, selbst wenn er, als entgegenkommen an die savoyer, den akt ein jahr später in genève wiederholen musste.

als dank an die kleinstadt stiftete der kaiser den bau der kirche von payerne, einer der schönsten romanischen kirchen auf dem gebiet der schweiz überhaupt. in dieser zeit entwickelte sich payerne auch zur befestigten, quadratischen siedlung, die im ausgehenden 12. jahrhundert auch das stadtrecht erhielt, und so ein regionales zentrum wurde.

der abstieg unter savoyen und bern

im 13. jahrhundert wiederholt sich hier, was fast überall mit dem burgundischen zerfallenden burgundischen königreich diesseits des juras geschah. es gelangte in den einflussbereich der herzöge von savoyen, und im 14. jahrhundert setzte der niedergang des priorats fest. zwar erhob gegenpapst felix V., der vormals herzog von burgund gewesen war, payerne 1444 zur selbständigen abtei, so liess sich payerne auch so dem wachsenden bernischen einfluss nicht enthiehen.


die wohl schönste romanische kirche, auf schweizer boden, steht in payerne, gestiftet von kaiser konrad ii., erbaut im 11. jahrhundert, und, mit kleinen ausnahmen, absolut stilrein
foto: silvia ratelband-pally

1449 besiegte bern freiburg, und bezog die stadt ihn ihr herrschaftsgefüge mitein. 1475 wurde payerne mit hilfe der lokalen bauern von bern eingenommen, und in den burgunderkriegen von 1476 kämpfte die stadt bereits auf eidgenössischer seite gegen herzog karl von burgund. 1536 kam payerne dann ganz unter die herrschaft berns. die mönche von payerne mussten jetzt das kloster verlassen, das durch die berner umgenutzt wurde. wie viele der ehemaligen brugundischen zentren wurde das ehemalige klöster zu gewerbezwecken, als kornspeicher, als gefängnis und als kaserne verwendet.

la bonne reine berte

heute gehört payerne zum kanton waadt. dieser wiederum machte berta zum leuchtenden vorbild des kantons, die als fremde kam, und von den einheimische verehrt wurde, weil sie die volksbildung vorantrieb und insbesondere den frauen das spinnen beibrachte. man glaubt, in einem grab unter der kirche von payerne ihr grab wiedergefunden zu haben. begraben liegt die mutter der heiligen adelheid seit 1818 jedoch in der reformierten kirche, gleich nebem dem kloster. doch auch sonst erinnert so vieles in der waadtländischen kleinstadt noch heute an die gute königin berta.

romainmotier (römische kirche)

… ist eine station auf dem betriebsausflug des stadtwanderers

romainmôtier ist ein ort der gemeinde romainmôtier-envy im bezirk orbe des kantons waadt in der schweiz. doch daran denkt kaum jemand, wenn man den namen nennt: vielmehr ist und bleibt dieser name mit dem einmaligen früheren kloster von romainmotier verbunden.

die erste, legendäre gründung

wer das gotteshaus im malerischen juratal auf schweizer seite gründete, ist bis heute nicht sicher. die legende st. romain, dem aus saint-claude stammenden vater des juras besagt, missionar selber war. stimmt das, ist romainmotier die früheste klostergründung auf dem boden der heutigen schweiz.


die kirche von romainmotier, im wesentlichen im 11. jahrhundert erbaut, im 13. jahrhundert beim eingang erweitert.
foto: biance rousselot

an sinnvollen daten hierfür wird man 450 annehmen können, als die römische kirche unter papst leo einen aufschwung nahm, der sich in verschiedenen bischofssitzen der schweiz bemerkbar machte. erschlossen worden wäre danach mit der klostergründung der südlich jurafuss zum schweizerischen mittelland, auf dem sich die burgunden ansiedelten, die zwar christen, damals aber noch nicht katholiken waren.

die frühe geschichte des klosters ist ebenso unbekannt, doch dürfte es nach 534 in den strudel der fränkischen völkerkriege gekommen sein. nach dem tod von könig childebert, der herr über austraisen und burgund war, brachen bruderkriege aus, die von childeberts mutter, könig brunichilde gefördert wurden. im fränkischen reich siegt vorerst könig theuderich, dem auch romainmontier gehört, doch überlebte er den tod seines bruders nur kurz. wenig zuvor griffen die alemannen vom elsass bis an den alpenfuss flächendeckend die burgundischen zentren an, und zerstörten 610 alles, was ihnen in den weg kam, – voraussichtlich auch romainmotier. dennoch galt die gegen als burgundisches zentrum, flüchtete sich doch königin brunichilde nach orbe, wo sie aber gefasst und dem letzten verbliebenen fränkischen könig chlothar ii. ausgeliefert wurde.

die zweite, nachgewiesene gründung

belegtermass begründete felix chramnelenus 632 die zweite abtei in romainmotier, jetzt nach der regel des heiligen columban. das keltische geprägte christentum der irischen wandermönchte kam im 7. jahrhundert jedoch in die defensive, was gleichzeitig den aufstieg der römischen kirche mit sich brachte. 753 überschritt mit stephan II. erstmals ein papst die alpen. er machte auf dem rückweg in romainmotier halt, und unterstellte die abtei direkt dem heiligen stuhl. spätesten jetzt bekommt sie den namen “romanum monasterium”, eben: römerkirche. von nun an lebte man, wie überall in den römischen klästern, nach der regel des heiligen benedikt von nursia.


das geheimnisch romanischer architektur erlebt man in der kapelle in der klosterkirche von romainmotier eindrücklilch
foto: silvia ratelband

die grosse konkurrenz von romainmotier wurde das kloster st. maurice d’augmne. bei dessen gründung durch den burgundischen könig sigismund sollen die möchte von romainmotier noch pate gestanden sein. jetzt, wo die franken den pilgerverkehr von canterburry nach rom quer durch ihre reich lotsten, wurde das kloster st. maurice, das an der strategisch entscheidenden stelle lage, wichtiger. vor allem karl der grosse förderte das kloster an der rhone. beim niedergang des fränkichen kaiserreiches war es denn auch der laienabt von st. maurice, der mit hilfe der bischöfe von lausanne, genève und sion das burgundische königreich gründete, und die oberherrschaft auch über romainmotier gewann.

die blüte als priorat des klosters cluny

910 kam es mit der klostergründung in cluny, in der nähe macons, zu einer weiteren konkurrenz. dieses klosters stand von beginn weg nur unter päpstlicher aufsicht, was seine attraktivität für schenkungen erhöhte. 928 wurde auch romaimotier dem kloster cluny unterstellt, und war, wie alle cluniazensischen klöster, ab sofort nur noch ein prioriat.

um die jahrtausendwende wird das prioriat vom burgundischen könig rudolf iii. reich beschenkt, was den beginn des aufstiegs des klosters romainmotier kennzeichnete. in ihm lebte ein teil des untergehenden burgundischen königreiches weiter. 1027 entsteht, als sichtbares zeichen des wandels, eine neue kirche, die im romanischen stil nach dem vorbild der zweiten abteikirche von cluny gebaut wurde. sie ist das wohl älteste romanische gebäude in der schweiz, das noch steht.

im 13. jahrhundert macht sich im malerischen tal, in dem das kloster nahe einer passstrasse über den jura lag, der einfluss savoyens bemerkbar. diese zeigte sich vor allem darin, dass nur noch günstlinge des grafen prior werden konnten. 1536 schliesslich wurde das kloster von den bernern sofort säkularisiert, um es dem savoyischen einfluss zu entziehen. kreuzgang und konventgebäude wurden abgerissen, sodass nur noch das haus des priors, leicht versetzt von der kirche stehen blieb. diese wurde 1537 in eine reformierte pfarrkirche umgewandelt, während das priorhaus als sitz des bernischen landvogtes diente.

die neue blüte als kulturelles zentrum

nach dem ende des ancien régimes gelten klöster gar nichts mehr. auch romainmotier zerfiel, und wurde noch als gewerbeschuppen verwendet.


die heute massgebliche dame in romainmotier berichtet über ihr lebenswerk

nach dem zweiten weltkrieg war es dann katharina von arx, die das haus restaurierte und die kulturelle bedeutung des ortes wieder aufnahm, indem sie den verbliebenen teil des klosters zu einem begegnungszentrum für künstlerInnen machte.

echallens (tscherlitz)

… ist eine station auf dem betriebsausflug des stadtwanderers

die gegend von echallens ist ein siedlungsplatz, dessen älteste spuren bis in die bronzezeit reichen. er war von keltischen und burgundischen stämmen besiedelt, stieg 1351 jahrhundert zu einem mittelalterlichen städtchen auf, das 1476 eidgenössisches untertanengebiet wurde, 1798 vollberechtigt zur helvetik und 1815 ebenso zur schweiz kam. es ist die gegend, aus der meine familie stammt.


echallens heute (quelle: search.ch)

um den namen von echallens gibt es viele geheimnisse. die berner obrigkeit nannte es zwischen 1536 und 1798 gerne tscherlitz. besser wäre aber karlingen gewesen. endungen bernischer gemeinden auf -itz sind gebräuchlich für urspränglich lateinische oder französische ortsnamen, die ins deutsche übertragen wurden. richtiger wäre aber – ingen gewesen, denn das entspricht der welschen endung -ens. was den wortstamm betrifft, dürfte tscherl- eine verhunzung von charl- sein, das sich im ortsnamen versteckt.

die ursprüngliche form zeigt sich in alten quellen. 1141 wird echallens
charlens genannt. etws später erschienen die bezeichnungen challeins, escharlens (1177), eschallens (1228) und eschalleins (1279). echallens ist erstmals im jahre 1315 bezeugt.

das burgundische zentrum

die namensforschung nimmt an, dass sich die älteste, schriftlich nicht bezeugte form von scarlingos oder von caralingos ableitet. das dürfte der name des sippenführers gewesen sein, der sich mit seinen leuten im heutigen echallens niederliess.

es wird auch darüber spekuliert, dass sich dahinter ein besonderer sippenführer versteht. echallens war schon früher besiedelt, ein verkehr- und arbeitsort, der als regionales zentrum galt. wer diesen platz bekam, muss etwas besseres gewesen sein. zudem steckt in den wörter car(a)lingos wie auch scarlingos die silbe carl, was in der regel auf eine führende person verweist.

echallens ist demnach entstanden aus ort, von wo die spippe des caralingos oder scaralingos herkommen. nun, komme ich selber aus der umgebung von echallens.


denkbares gebiet der sapaudia im 5. jahrhundert nach justin favrod (1997), wobei es wenig wahrscheinlich ist, dass die burgunden das ganze gebiet besiedelt hatten, vielmehr ist anzunehmen, dass sie sich vor allem links der aare aufhielten, während der teil rechts der aare im 6. jahrhundert entweder unbewohnt war oder von alamannen eingenommen wurde (quelle: pressedienst der universität lausanne)

doch von wo kamen meine vorfahren? eine dissertation der universität lausanne, 1997 von justin favrod verfasst, räumt mit den alten vorstellungen, die romandie sei von alamannen besiedelt worden, auf. vielmehr verweist er auf die germanischen burgunden, die um 400 in worms über den rhein kamen, das heutige elsass besiedelten und romanisiert wurden. nach ihrem erfolglosen aufbruch richtung trier wurden sie von den römern besiegt und in die sapaudia verfrachtet. diese ist nicht, wie man früher meinte, mit savoyen identisch. vielmehr handelt es sich um das gebiet zwischen jura und alpen im westlichen mittelland.


burgunderin aus dem 5. jahrhundert vor und nach der anpassung an die römische lebensweise (quelle: pressedienst der universität lausanne)

das wichtigste kennzeichen der burgunden, das sie auch in gegensatz zu den alamannen steht, ist ihr verhältnis zur lateinischen kultur. diese haben sie früh und willig aufgenommen, was sich in anpassungen in sitte, sprache und konfession zeigte. obwohl germanischen ursprungs verstanden sie sich selbst als teil des römischen reiches. das machte sie auch für das leben in städten empfänglich. ihre erste hauptstadt war das gallorömische genava, das heutige genf, gefolgt von lugduno, das heutige lyon. vorübergehend war gar orléans ihr königssitz, der dann aber nach chalons, dem heutigen chalons-sur-saone verlegt wurde.

der aufstieg zur (klein)stadt

echallens gehörte in dieser zeit zum bistum von lausanne, das im 6. oder 7. jahrhundert entstand. ende des 12. jahrhunderts begründeten die herren von montfaucon, ein zweig der burgundischen grafen von montbéliard in der heutigen freigrafschaft, die herrschaft echallens. sie liessen in der zweiten hälfte des 13. jahrhunderts, wohl während der unsicheren zeiten im zerfallenen kaiserreich, ein schloss erbauen. 1317 anerkannten sie die die oberhoheit der grafen von savoyen über echallens.


schloss echallens, in der form, wie es die berner wieder aufbauten
foto: silvia ratelband-pally

1351, nach der pest, dürfte aber auch diese erodiert sein, denn echallens bekam von den grafen von grandson das stadtrecht, und eine stadtmauer umschloss das städtchen. in ihm wurde auch ein wöchentlicher markt abgehalten. 1410 kam echallens zu den burgundischen grafen von chalons. deswegen bemächtigten sich die eidgenossen in den burgunderkriegen dieser herrschaft exemplarisch; sie zerstörten das schloss.

1476 endet die burgundische geschichte von echallens. es kam vorerst unter die gemeinsame eidgenössische verwaltung, wurde dann bestandteil der bernisch-freiburgischen vogtei orbe-echallens. nach dem zusammenbruch des ancien régimes kam echallens zum kanton léman, der mit der mediationsverfassung im kanton waadt aufging.

ganz von echallens bin ich allerdings auch nicht. vielmehr bin ich heute bürger von malapalud, einem ort, der in burgundischer zeit zu echallens gehörte, dann ein bauernweiler 5 kilometer ausserhalb wurde. die leute von malapalud waren wohl eher die einfacheren bauern, bewohnten sie doch die schlechte gegend: malapalus heisst nichts anders als der schlechte sumpf. und die bauern dort hiessen nicht simpleres als langfelder, eben: longchamp. ohne s. sie sind halt besonders geblieben.

burgund-wanderer

einen kurzen überblick über meine ältesten vorfahren gibt es hier: die burgunden als einwanderer in der schweiz

aventicum (avenches)

… ist eine station auf dem betriebsausflug des stadtwanderers

aventicum war der hauptort der römischen civitas helvetiorum im schweizer mittelland und religiöses, politisches und wirtschaftliches zentrum der helvetier. es war mit 20000 einwohnerInnen die grösste stadt auf schweizer boden. wie alles, was mit dem römischen reich zu tun hat, dominiert aber auch bei aventicum die perspektive des aufstiegs, des höhepunkte und des niedergangs der stadt.

der aufstieg

aventicum ist von der keltischen quellgöttin aventia abgeleitet. der name blieb so stark im bewusstsein der leute verankert, dass er andere, von den römern gegeben namen stets überlebte. im 6. jahrhundert verwendete man den stadtnamen auch in der weiblichen form als aventica.

die ursprünge des ortes gehen auf ein von den helvetiern im 1. jahrhundert vor christus gegründetes keltisches oppidum zurück, das vermutlich nach der rückkehr aus bibractae angelegt worden ist, bis heute aber nicht genau lokalisiert werden konnte. bei en chaplix, nahe dem heutigen avenches, wurde ein grabmal gefunden, das auf das jahr 15 vor christus datiert wird, und der älteste fund in der gegend ist.


dreidimensionale darstellung von aventicum, CAD-Projekt im Bereich Cultural Heritage, angeboten für Studierende der Architektur an der ETH-Zürich

unter kaiser claudius (41-54) änderte das keltische aventicum sein gesicht, denn alle häuser wurden alle in stein umgebaut. kulturell war das ein erheblicher sprung, den die helvetier lebten in holzhäusern.

der höhepunkt

unter kaiser vespasian (69-79), der einen teil seiner jugend in aventicum verbracht hatte, wurde aventicum eine römisch kolonie. sie überflügelte vindonissa,und wurde sitz von veteranen, die sich im krieg gegen die einheimische bevölkerung oder in den legionen, die gegen germanen kämpften, verdient gemacht hatte. die stadt hatte damals vermutlich den namen colonia pia flavia constans emerita helvetiorum foederata.


bildliche darstellung von aventicum zur besten zeit

in den zeiten vespasians entstand die stadtmauer. die wirtschaft erhielt neue impulse, was sich in vermehrter bautätigkeit niederschlug. neben den wohn- und gewerbehäusern entstanden grosse repräsentationsbauten, darunter das amphitheater, das römische theater sowie die tempelanlagen und cigognier. das forum wurde im schnittpunkt der beiden hauptachsen decumanus maximus und cardo maximus angelegt.

ihr wasser bezog die stadt aus brunnen und von einem aquädukt. ein etwa 800 m langer kanal und ein neuer hafen in der nähe der stadtmauer erlaubten den transport des nötigen baumaterials. in aventicum stand auch eine wassergetrieben mühle, die erste dieser art nördlich der alpen.

unter vespasian war aventicum ein teil des römischen grenzgebietes belgica. unter seinem sohn, kaiser domitian, ändert sich das: um 89 nach christus wurde aventicum in die provinz germania superior mit mainz als hauptstadt eingegliedert.

regiert wurde aventicum von zwei magistraten (duoviri), zwei aedilen und zwei präfekten. die duoviri waren gleichzeitig priesters, stadtvorsteher und richters.


aventicum und seine nähere umgebung (quelle: uni bern press)

die helvetische aristokratie konnte ins römische bürgerrecht aufgenommen werden. bekannt hierfür ist die familie der camilli. ritter gaius iulius hatte von 39 bis 69 n.Chr. an in mainz als tribun gedient. nachher verrichtete er in seiner heimatgemeinde den kaiserkult. seine tochter julia festilla war ebenfalls kaiserpriesterin. sie gilt als die älteste, auf dem gebiet der schweiz namentlich bekannte frau.

der niedergang

mit den ersten einfällen der alamannen in den jahren 259 und 260 begann der langsame niederung von aventicum. dabei kam es zu plötzlichen verstecken von wertgegenständen in flüssen und böden, die heute wertvolle archäologische funde sind. dazu zählt in aventicum auch die berühmte büste des philosophenkaisers.

beim überqueren des rheins heimwärts scheinen die alamannen in die defensive geraten zu sein. sie haben verschiedene ihrer schätze im rhein versenkt. die auswertung der herkunftsorte lehrt, die alamannenangriffe in helvetien neu zu interpretieren: demnach wäre der angriff nicht über augusta raurica oder vindonissa auf aventicum erfolgt. vielmehr wären die alamannen nördlich davon in gallien eingedrungen, hätten sie in verschiedenen zügen den mittleren und südlichen teil geplündert, und wären sie erst auf dem rückweg über lyon und genf ins helvetiergebiet gekommen.


quelle: der barbarenschatz, stuttgart 2006 (anclickbar)

das römische reich überlebte die gleichzeitigen einfälle der germanen im norden, der sassaniden im osten und der berber im süden noch einmal. es wurde unter diokletian als spätantikes kaiserreich neu gegründet.

seit dem 4. jahrhundert war aventicu sitz eines bischofs. zwei frühchristliche kirchen, saint-martin und saint-symphorien, sind belegt. mit der einwanderung der burgunden im 5. jahrhundert wurde ein teil von aventicum wieder aufgebaut. gleichzeitig zerfiel die römische herrschaft nördlich der alpen.

nach 534 aventicum ein zentrum der fränkischen könige von reims. 561 dürfte der definitive niedergang begonnen haben. das mittelland, in helvetischer zeit eine einheit bildend, wird entland der aare. die grenze markiert gleichzeitig die grenze zwischen den fränkischen königreichen von burgund resp. von austrasien. sie scheidet auch die völkerschaften der burgunder und alamannen.

bischof marius, der als schriftsteller bekannt wurde, verlegte in dieser zeit seinen sitz von aventicum nach lausanne, wo der hügel über dem lac léman schutz bietet. aventicum versinkt nun in die dedeutungslosikkeit. 610 wird es von den alamannen gänzlich zerstört.

erst im 11. Jahrhundert wird es von lausanner bischof burkhart von oltigen als mittelalterliche stadt neu gegründet und nun definitiv auf den hügel verlegt, wo heute noch avenches steht.

burgund-wanderer

tathaus statt rathaus

lieber andreas rickenbacher

heute ist dein grosser tag: vereidigung als bernischer regierungsrat im ehrwürdigen rathaus von bern. ich wünsche viel erfolg bei deiner neuen tätigkeit als volkswirtschaftsdirektor!


der neue bernische volkswirtschaftsdirektor schreitet zur tat (foto: stadtwanderer, anclickbar)

erinnere dich gelegentlich an die stadtwanderung 2005, als wir auf dem müsnterplatz vor “deiner” direktion halt machten und mit dem ganzen gfs.bern ausschau hielten, bis zu welchen europäischen zentren bern einmal reichte. nimmt das als massstab, dass es eurer wirken in der neuen regierung bern mit tat und kraft erfüllen möge, und dass es über kantons- und landgrenzen ausstrahle.

ich bin natürlich ein wenig stolz, der erste arbeitgeber des neues chefs für das allgemeine wirtschaftliche wohl des kantons bern zu sein. ich erinnere mich gut, wie du damals 1992 bei mir begonnen hast.

zwar ist bis heute unklar, ob das am 1. oder 2. mai war, als du zu arbeiten begonnen hast. es ist mir aber noch klar, mit welchem elan du an die arbeit, die ewr-volksabstimmung vorzubereiten, gegangen bist. das hat mich beeindruckt und gezeigt, dass du politische weichenstellungen erkennst und deine tätigkeiten zielstrebig darauf hin ausrichten kannst.

gut, das ergebnis kam anders, und damit muss man in der direkten demokratie leben. das war seinerzeit so, und das wird wohl auch inskünftig bei dir gelegentlich der fall sein.

du weisst aber, dass du bei mir ein zweites mal anlauf genommen hast und ein ausgezeichneter assistent der geschäftleitung resp. ein sehr guter projektleiter geworden bis. du warst schnell eine man der tat, und gfs.bern verdankt dem in der aufbauphase viel. merci!


foto: stadtwanderer

als du mit dem wunsch gekommen bist, in die bernische politik einsteigen zu wollen, hat mich das nicht mit begeisterung erfüllt. verzeich mir das! du hast, und das zeugt von grösse, meine bedingung angenommen: nicht bei einem milizamt stecken bleiben, sprich als grossrat auf- und abzusteigen, sondern auf einem vollamt zu arbeiten. ob das nun stadtpräsident oder regierungsrat heisst, war mir egal. nun hast du das beste daraus gemacht, was mich besonders freut.

in letzter zeit habe ich in der mediendokumentation über gfs.bern häuftig mir unbekannte artikel erhalten. das hatte einen grund: mein ehemaliger mitarbeiter und regierungsrat in spe gab in seiner biografie getreu an, einst beim gfs-forschungsinstitut, wie es damals hiess, gearbeitet zu haben. der compi hast so nicht nur unsere, sondern auch deine aktivitäten erfasst. so war ich immer gut informiert über deinen engagierten wahlkampf und über deine interviews vor und nach der wahl.

bleib ein mann der tat! mach aus dem rathaus ein tathaus. ich werde es genau verfolgen, was du aus der berner wirtschaft machst, wenn ich bei meinen fast täglichen spaziergängen am rathaus vorbeikomme!

schöne zeit

stadtwanderer

der neue volkswirtschaftsdirektor

der unglaublichste chronologist

chronologien sind in jeder geschichte unverzichtbarer alltag. wer darauf verzichtet, erzählt geschichten. wer geschichte erzählen will, kennt also das geschäft. doch hier wird man mit sicherheit überrascht. der unglaublichste chronologist, den es gibt, leert auf seiner website seine noitzzettel aus, und erstellt ordnungen, die man noch nie gesehen hat.


nett, dass roland müller eine fliege trägt

er heisst roland müller und ist dr. phil. er lebt in der schweiz. wo genau, sagt er nicht. selber dürfte er 60 sein, wie genau, sagt er auch nicht. wahrscheinlich ist er betriebswirtschaft, physiker, psychologe oder historiker. was genau, sagt er selbstverständlich nicht. nur das fügt er bei: abstract of the doctoral thesis: „Das verzwistete Ich“ (1971).

sonst nimmt er es seit vielen jahren sehr genau. was dabei heraus kommt, ist die verrückteste chronologiensammlung auf dem web, die ich kenne. “es packte mich offenbar ein heiliger chronologischer Eifer, der mich bis heute nicht losgelassen hat”, sagt der enthusiast. seine website ist wiederum das gegenteil davon. funktional ist sie gegliedert in

. wirtschaft
. pschologie
. modell
. frühmensch
. esotrik und
. spezialitäten.

jede rubrik zählt mindestens soviel unterrubriken. zu denen gehört beispieslweise die spezialität schweiz. und da gibt es unterunterrubriken zu

. persönlichkeiten
. schweizer wirtschaft
. geschichtliches und
. fritz zwicky

und jede dieser unterunterrubriken ist geballt voll mit chronologien: die wirtschaftsrubrik listet 370 schweizer erfindungen und entdeckungen (auf dt. und engl.) auf, sie enthält die ältesten permanenten schweizer firmen (1367-1799), 350 aktuelle firmengründungen (1700-1988), und den ausverkauf der schweizer wirtschaft (seit 1984). die persönlichkeiten wiederum sind gegliedert in: swiss hall of fame (mit 300 namen aus über 2000 jahren), berühmte schweizerInnen im ausland, 700 bemerkenswerte schweizer (vor 1400 und danach), schweizer, die im lande blieben, autoren (ab 600), künstler (ab 800), gelehrte, geistliche und mystiker (ab 900), mechaniker, ingenieure und architekten (ab 1400), unternehmer und firmengründer (ab 1500), ferber 380 berühmte schweizer, die im ausland wirken (ohne usa und kanada, dafür ab 111 vor christus), danm die 100 wichtigen schweizer in nordamerika (seit 1550) separat, und schliesslich einige feldherren sowie (ab 1840) auch anarchisten und politische persönlichkeiten.

und wer meint, das wärs, klickt dann eine der fundgruben an, und kann sich ewig darin verweilen. fleissiger als jedes ameisenvolk, gekonnter als manches lekikon, und knapper als jeder 20 minuten artikel werden jahreszahlen, namen, bemerkenswerte taten und folgen zusammengestellt vorgeführt. ein lebenswerk.

selbst in den rubriken, in denen man sich heimisch fühlt(e), wird man eines besseren belehrt. “die insgesamt 1000 dateien sind zwischen einer und hundert seiten. die vornamen sind meist ausgeschrieben.” trockener geht die selbstwerbung nicht mehr!

echt, wie lange muss ich da wandern? bis ich das alles gesehen habe. und wieviele anregungen zu wissensgebieten erhalte ich da, von denen ich noch nicht einmal weiss, dass es sie gibt? selbst über bern habe ich diese nacht vergessenes, verschwiegenes und verdrängtes im nu erfahren. der autor dazu: “Mit der chronologischen Darstellung möchte ich den unzähligen Forschern und Denkern, die heute meist vergessen sind, Reverenz erweisen. Gleichzeitig ergibt sich ein lebendiges, kulturgeschichtliches Bild grosser Themen und zeitbedingter Trends, manchmal erstaunlich, oft überraschend, ab und zu rätselhaft.”

also, wer wissen will, was wann wo auf dieser welt geschah, schlägt am einfachsten nach bei

roland müllers chronologiensammlung

der staunende stadtwanderer

mit meinen neuen favoriten unterwegs

tja, bloggen ist dynamisch, und ich bin frisch dabei. so ändert sich meine favoritenlisten rasch! für den monat juni empfehle ich den politsch-kulturell und historisch interessierten stadtwanderInnen:

1. weiach

gebe zu, bis vor kurzem wusste ich nicht, wo weiach liegt. gut, das mit dem alitalia flugzeugabsturz in diesem dorf wusste ich noch, aber wie die gemeinde hiess, vergass ich. verstehe, dass der ort von diesem image wegkommen will. und das mit dem besten blog macht, den ich kenne. ich sage nur: suuuuper gemacht, fast jeden tag neues zur lokalgeschichte von weiach und weit darüber hinaus!

weiacherblog

2. rhetorik

unverändert die beste seite zur (politischen) kommunikation. fast tägliche updates, aktuell, geistreich, gepflegtes layout. hohe kunst der instant vermittlung von informationen, eigentliche pflichtlekütre für alle, die insbesondere die medienrhetorik durchschauen wollen.

knill+knill kommunikationsberatrung

3. ignoranz.ch

interessante seite zur politisierung des alltag, nicht der hohen politik, aber der alltagspolitik. wohl eher links, letztlich aber unkonventionell erfrischend. gegen ignoranz gerichtet, und voll von spannenden anregungen gegen die trägheit im alltag.

ignoranz.ch

4. kulturstattbern

bern – langweilig? nein!, sag ich da. nicht wegschauen! hinschauen! dies ist der beste blog über das kulturleben in bern. kinokritiken, künstlerkritiken, stadtkulturkritiken. und viele bilder. meist gebrauchsfotografie. aber auch spezialfotografie über orte, die man sonst übersieht. von der zeitung “der bund” gesponsort (gegenwärtig ohne chefredaktor).

kulturstattbern

5. hugo stamm

er ist in einem sensiblen umfeld tätig. seit jahren ist er d e r berichterstatter über die sekten und neureligösen fragen in der schweiz. schon als sozialforscher bewundere ich das. und als zeitgenosse faszinieren mich seine analysen und aussagen meistens. ich zähle hugo stamms blog gerne zu meinen favoriten.

hugo stamm

6. ueli haldimann, cr sf drs

wer ein so grossen medienunternehmen wie das schweizer fernsehen täglich führt, muss einen grossen vorrat an ideen haben. wer einen so grossen vorrat an ideen hat, kann das auf seinem blog auch anderen interessant zu gänglich machen. wer das anderen interessant zugänglich macht, verdient meine anerkennung. in diesem fall: ueli haldimann, chefredaktor, sf drs.

ueli haldimann

7. blogwiese

sprachsensibilität entwickelt man meistens dann, wenn man eine sprache erlernen muss. hier ein aufmerksames, einfallsreiches und höchst aktuelles blog zu helvetismen aus deutscher sicht. selbst ich lerne da noch viel, was woher kommt und was es eigentlich meinte!

blogwiese

8. edemokratie

höchst anspruchsvolle seite, mit vielen informationen und kurzanalysen eines politikwissenschafters (aus bern!), der sich der politischen kommunikation via intrnet verschrieben hat. gelegentlich etwas brav, gelegentlich aber auch experimentell. offener, liberaler geist, der die debatte sucht.

edemokratie

9. pendlerblog

stadtwandern ist das eine. informationswandern das andere. 20 stunden bräuchte man, um alle blogs, alle newstickers, alle zeitungen und alle zeitschriften zu lesen, die einem jeden tag begegnen. das fasst einem 20 minuten schon mal jeden morgen gekonnt und bündig zusammen. und des pendlerblog kommentiert das einem jederzeit bündig und gekonnt für die 20 sekunden-lektüre. danke!

pendlerblog

10. medienzirkus

medien bestimmen, was uns bestimmt. und sie verändern sich schnell. gut, dass es da blogger gibt, die versuchen, genau die veränderungen der bedingungen unseres alltagsdenkens zu beschreiben. medienzirkus der beste davon, den ich kenne.

medienzirkus

stadtwanderer

olitgen connections

die meisten menschen wissen nicht, wo oltigen liegt. dabei war oltigen einmal ein herrschaftliches zentrum europas: grafen, bischöfe, ja sogar ein reichskanzler stammen aus oltigen. jetzt wird wieder alles anders: die nachbargemeinde, wileroltigen, feiert diesen sommer das 1000jährige bestehen. und der stadtwanderer beendet im oltige-träff, der einzigen gastwirtschaft in oltigen, seinen diesjährigen betriebsausflug! doch wo nur liegt oltigen?

der untergang des königreichs (hoch)burgund

im jahre 888 ging das fränkische kaiserreich unter. Auf dessen trümmern entstanden zahlreiche neue königreiche, so auch das königreich hochburgund. rudolf, der abt des klosters st. maurice, wurde von den bischöfen in genf, in lausanne und in sitten zu deren könig erhoben, der bald die ganzen gebiete dies- und jenseits des juras beherrschte.


politische landkarte um 900 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen, also bei e von haute-bourgogne

anfänglich war die aare die nordöstliche grenze des königreichs hochburgund zum herzogtum schwaben. 922 verlegte der burgundische könig rudolf II. nach einem eroberungskrieg die grenze an die reuss. bümpliz (pimpinugum), das befestigte, ursprüngliche herrschaftliche zentrum am grenzfluss, verlor dadurch seine bedeutung. da man beidseits der aare zum gleichen herrschaftsverband gehörte, reichte nun auch ein flacher übergang über den fluss. und das bekam man dort am einfachsten, wo aare und saane zusammenfliessen, – in oltigen!

die geschichte des ortes geht mit der strategischen bedeutung des übergangs über die aare auf und ab. die besten jahre waren zwischen 1074 und 1125, als die salischen kaiser in personalunion im reich und in burgund regierten. ihr stellvertreter vor ort war der graf von oltigen.

oltigen als ort im niemandsland

oltigen leitet sich wie üchtland vom althochdeutschen uochta ab. im heutigen sprachgebrauch würde man alles mit ödland übersetzen. oltigen sind die leute, die in diesem ödland leben. deshalb gibt es ja im juragebiet auch weitere oltigen, so in baselland, aber auch im grenznahen elsass. an der aare meinte man damit jenes wenig besiedelte gebiet, das zwischen der romanisierten burgundischen bevölkerung links und der alemannischen rechts der aare frei geblieben war, um streitigkeiten, wie sie im 7. jahrhundert aufgekommen waren, zu vermeiden. geografisch kann man das mit dem spickel zwischen aare und saane eingrenzen, an deren zusammenfluss das ödland aufhörte und oltigen ist.

erstmals erwähnt wird oltigen mit dem niedergang des burgundischen königreiches. 1006 nannte man es in lateinischer sprache ottingin oder oltingin. die namensnennung ist mit der feudalisierung des burgundischen königreiches zu verstehen. die rudolfinische königsfamilie war im 19. jahrhundert bis in neu erstandene kaiserhaus aufgestiegen, während die in burgund an bodenhaftung verlor. rudolf III., der letzte burgundische könig wurde sowohl von den bischöfen arg bedrängt, die hand auf die klöster gelegt hatten, als auch von den grafen von savoyen, eigentlich beamte, welche die alpenübergänge kontrolliert, sich jedoch durch einheirat in die königsfamilie wie die herrscher selber gaben. im mittelland wirkte sich beides nicht aus; von neuenburg aus regierte der könig, doch hatte auch er an den wichtigstens strategischen orte königshöfe, so in bargen, wo ein pfalzgraf die statthalterschaft inne hatte.


politische landkarte um 1000 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen

die grafen von oltigen

dieser kono gilt als erster graf von oltigen. er ist bis ins jahr 1019 bezeugt. vielleicht war er der cousin des königs. dieser vermachte schon vor dem tod sein reich dem kaiser. zwar starb er erst 1032, doch begann der krieg um die erbschaft von vorher, was man im grenzgebiet spürte. denn es intervenierten die bischöfe, welche eudes de blois, einen grafen aus der champagne, der ebenfalls mit dem burgundischen königshaus verwandt war, auf ihre seite zogen. dieser belagerte 1032 neuenburg erfolglos und verwüstete anschliessend weite teile des seelandes, so auch die burgundische pfalz in murten. ihm stand der deutsche könig gegenüber, konrad II., aus dem hause der salier, der auf dem weg war, seine geschlecht in die kaiserschaft zu führen. er verstärkte den einfluss des alemannischen lagers rechts der aare.

schliesslich sollte konrad diesen krieg gewinnen und sich in payerne zum burgundischen könig krönen lassen. eudes machte er zu seinem stellvertreter vor ort, ohne dass dadurch ruhe eingekehrt wäre. bis 1048 sind kriegerische auseinanderansetzungen im grenzgebiet bekannt. so war es erst konrads sohn und nachfolger, heinrich III., der freiden an die aare brachte. in solothurn führte er meinen einen reichstag durch, der die verhältnisse neu ordnete. rektor oder königlicher verwalter von (hoch)burgund wurde graf rudolf von rheinfelden, der rechts der aare begütert war.

offensichtlich war der oltiger aareübergang jetzt wieder interessant. links und rechts stehen jetzt burgen, je eine in oltigen und eine in wileroltigen, die von bukko beherrscht werden, der als graf von oltigen amtet. sein nachbar in fenis, dem heutigen vinelz, war ulrich, ursprünglich herr auf der hasenburg, dann auch herr von neuenburg, der sich jetzt graf ulrich I. von fenis nennt.

auf der höhe der macht

die hohe zeit dieser grafen war während den streitigkeiten zwischen dem papst und dem kaiser, die in den 70er jahren des 11. jahrhunderts entbrannten und unter dem namen des investiturstreits in die europäische geschichte eingegangen sind. es ging um die frage, wer die bischöfe einsetzen könnte. papst gregor VII. berief sich auf die laufende kirchenreform, wonach bischöfe kirchliche würden träger seien, die ihr amt nicht erkaufen dürften. deshalb müssten sie vom papst eingesetzt werden. er forderte auch, dass bischöfe nicht heiraten durfen, denn nur so konnte die kirche die verzettelung ihres grossen besitzes verhindern. gegen diese kirchenreform wehrte sich der junge deutsche könig heinrich IV. er liess es sogar auf einen bruch mit dem papst gregor VII. angekommen.

in diesem streit fielen die herzöge von schwaben, von bayern und von kärnten vom deutschen könig ab, und machten gemeinsame sache mit papst greogor VII. dieser belegte den widerspenstigen könig mit dem kirchenbann und zwang ihn, innert jahresfrist sich bei ihm zu entschuldigen, um wieder in die christliche gemeinschaft aufgenommen zu werden. den weg nach italien schnitten ihm aber die alpen-herzöge ab. so bliebt heinrich iv., der mit dem hause savoyen verheiratet war, nicht anders übrig, als durch das ehemalige königreich burgund, über genf und den mont cenis nach süden zu ziehen. den papst traf er, wie man weiss in canossa, wo der könig drei tag im büsserhemd vor verschlossenen türen wartete, bis er um vergebung bitten durfte.

was man in der regel nicht weiss, ist, dass die burgundischen grafen wie urlich von fenis und kuno II. von oltigen mit von der partie waren. sie hatten zwischenzeitlich ihre macht bis nach lausanne (haus oltigen) und nach basel (haus fenis) ausgedehnt und besetzten im entscheidenden moment die beiden bischöfsämter mit verwandten. beide lehnten die päpstliche forderung aus machtgründen ab, nicht zuletzt aber, um den rektor über ihnen, der sich auf die papstseite geschlagen hatte, loszuwerden. von ihren verwandten auf den bischofssitzen wurden sie unterstützt, weil sie verheiratet waren, und nicht gedachten, diese verbindung aufzulösen.

bukko von oltigen, besser bekannt als bischof burkard von lausanne, war sogar an engster stelle auf heinrichs seite tätig. Er wurde nach dem gemeinsamen gang nach canossa mit dem titel „kanzler von italien“ bedient, das heisst er vertrat die königlichen interessen im süden. dies wurde umso bedeutsamer, als der gestärkte heinrich nach dem tod seines gegners, rudolf von rheinfelden, nach italien zog, um papst gregor vii. vom stuhle petri zu stürzen. ein ihm genehmer papst sollte den deutschen könig zum kaiser krönen. burkard stieg ebenfalls einen rang auf; er wurde reichbannerträger und begleitete den kaiser mit dem reichsadler in der hand in seine schlachten. als dieser 1089 gegen die aufständischen sachsen kämpfte, war auch der oltiger dabei, kam dabei aber selber ums leben.

der niedergang von oltigen

in oltigen regierte weiterhin sein bruder kono II., der treu dem kaiser diente. dieser war bestrebt, sich mit der katholischen kirche, insbesondere mit seinem taufpaten, dem abt des burgundischen klosters von cluny, zu versöhnen. so förderte er den cluniazensischen orden nach massen. auch im seeland begann sich der orden, ausgehend von payerne auszudehnen. wichtigester klostergründer im seeland war graf wilhelm III., ein sohn von regina, der tochter von kono II., die mit dem grafenhaus von besançon-macon verheiratet war. wilhelm III., selber deutschsprachig, dürfte nach dem tod seines vaters 1102 im kreuzzug vorwiegend in oltigen gelebt haben, und er war es denn auch, der die klöster bellmund und auf der petersinsel gestiftet hatten.


politische landkarte um 1100 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen

1122 regelten der papst und der kaiser, heinrich V., sohn von heinrich IV., in worms den investiturstreit. dieser hatte rund 50 jahre gedauert und die zwillinge im reich, den papst und kaiser, gründlich entzweit. in deutschland galt die vorherrschaft des kaisers, und in italien und burgund sollte die päpstlich oberherrschaft gelten.

nur drei jahre später starb heinrich V., der stets schirmherr in olitgen gewesen war, kinderlos, und so brachen wieder unsichere zeiten an. im seeland wurde man sich dessen schnell gewahr: wilhelm III., der klostergründer, starb auf der petersinsel eines gewaltsamen todes. es verschwindet auch der graf von oltigen, der nach 1125 nicht mehr bezeugt ist.

der neue kaiser, lothar von supplingenburg, förderte die als papsttreue verschrienen adeligen, die im gefolge von rudolf von rheinfelden in schwaben wirkten: es schlug die stunde der grafen von zähringen, die vorübergehend herzöge von schwaben und kärnten gewesen waren, 1098 aber als kaiserfreindlich all ihre güter rechts des rheins verloren hatten. zwischen emme und aare blieben sie jedoch die herren. da sie auch den titel der der rheinfelder, das rektorat über burgund 1123 erhalten hatten ,dehnten sie sich ihrerseits über die aare hinaus aus, machten freiburg und murten zu ihren stützpunkten, die sie jetzt als städte förderten, welche die strassen nach süden unterhielten.

aus den einst mächtigen oliger grafen wurden jetzt kleine freiherren, und aus ihren burgen an der aare verloren an stragegischer bedeutung. verwaltet wurde der posten nicht selten durch auswertige grafen, gegen die sich die bauern vom frienisberg 1410 erhoben. 1412 kaufte das aufstrebende bern das darniederleigende städtchen oltigen und machte wohlen zum neuen regionalen zentrum. nach den burgunderkriegen von 1475/6 kam das ganze seeland in bernische hand, und wurde gründlich germanisiert.

neues leben in oltigen

dass oltigen heute bedeutungslos ist, hat mit dem aufstreben berns zu tun. zwischen bern und aarberg konnte keine stadt überleben, die nicht eine strategische bedeutung hatte. dennoch ist die erinnerung an die geschichte wach geblieben. (wiler)oltigen feiert im juli ihre 1000jährige geschichte. leider bin ich bei der premiere des theaterstückes zum volksaufstand von 1410 in den ferien und nicht dabei. umso mehr freue ich mich über die neuentwicklung, die das dort mit dem oltiger-treff nimmt. walter und agathe blunier hatten den mut, im untergegangenen herrschaftszentrum ein gartenwirtschaft zu eröffnen. fern ab vom grossen geschehen. nicht einmal die fussballweltmeisterschaft, die am 9. juni beginnt, interessiert hier: – ein idealer ort also, um des stadtwanderers betriebsauflug zum untergegagnenen burgunderreich zu beenden.

stadtwanderer

quellenangabe:
otto arn: oltigen. ein stück seeländer geschichte, biel 1962

oltige-träff

wileroltigen (mein dorf – 1000 jahre)

kopflos – berner kuriositäten (2)

kopflos? – nein, das ist kein selbsterfahrungskurs, bei dem man seine gedanken abstellen muss, um die sprache des herzens zu erfahren. nein, das ist sodann auch nicht ein fun-film, bei dem ein zauberer mitwirkt, und aus menschen zerlegbare maschinen machen. nein, das ist schleisslich auch kein altertümpicher gerichtsplatz, bei dem ein körper gerade um einen kopf gekürzt worden ist.

“kopflos” ist in bern eine kuriose plastik, die der künstler luciano andreani geschaffen hat. jeder hat sie schon gesehen, und ist wohl etwas kopflos daran vorbei gezogen.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

der kleine “kopflos” ist ziemlich symapthisch. er besteht nur aus füssen und beinen. kein kopf. nur eine verbindung, damit das linke bein dem rechten nicht davon rennt. eigentlich ist er auch ziemlich elegant, die schwungvoll formen, die dynamik und der wille, die stadt unter die füsse zu nehmen, sind speziell.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

wie alle kunst in bern seit der reformation hat auch der kuriose “kopflos” eine erzieherische absicht. die plastik erinnert gross und klein daran, nicht kopflos über die strasse zu gehen. denn das kann dumme folgen haben: ein tram oder bus kann einen anfahren, ein privatwagen oder ein fahrrad einen rammen. so sicher ist die stadt nun auch wieder nicht.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

für uns stadtwanderer ist die bedeutung von “kopflos” vielfältiger: “kopflos” ist gleichzeitig eine einladung, die stadt zu erwandern, und gleichzeitig eine aufforderung, die stadt nicht einfach zu konsumieren: bewusst leben, bewusst sehen, bewusst berichten, ist das motto der stadtwanderer. eben: nicht kopflos sein.

daran erinnert uns die berner kuriosität stets.

stadtwanderer

mit dem chefanalytiker unterwegs

klar, der spannendste abstimmungssonntag war der 21. mai 2006 nicht. der neue bildungsartikel in der bundesverfassung wurde angenommen, – mit einem 86 prozentigen ja-anteil und der zustimmung durch alle kantone. mangelnde spannung heisst nicht, dass an diesem tag politisch nichts geschah, wie der studiowanderer zu berichten weiss. der chefanalytiker der srg erzählt dem studiowanderer exklusiv, was ihm den tag hindurch durch den kopf ging.

Vorspiel: lohnt sich die abstimmungssendung überhaupt?

die erwartungshaltung war von beginn weg eindeutig. „nicht wirklich“, antwortete ulrich schlüer, einer der drei nationalräte, der gegen das bildungsrahmengesetz gestimmt hatte, als ihn der studiowanderer fragte, ob er heute siegen würde. denn auch er wusste es: alle regierungsparteien befürworteten die vorlage. selbst die kantonalen erziehungsdirektoren hatten, mit einer ausnahme, dem artikel ihren staatsmännischen segen gegeben. und schliesslich schlossen sich auch die meisten medien dem allgemeinen meinungstenor an. eine breite bevölkerungsdiskussion gab es nicht.

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foto: studiowanderer (anclickbar)

den chefanalytiker hätte es gefuchst, wäre der abstimmungssonntag ausgefallen. Seit dem 6. dezember 1992 ist er lückenlos im tv-studio gewesen. Immer, wenn es eidgenössische abstimmungen gab. insgesamt rund 50 mal. selbst als er eines unfalls wegens im rollstuhl war, kam es ins studio, und analysierte wie die schweiz sich für den kauf von amerikanischen fa-18 kampfjets entschieden. angefangen hat alles mit dem ewr. der chefanalytiker dazu: “ich war der erste, der es wusste, dass es nein war, aber der letzte, der es merkte.” Das ist wohl typisch: seine meinung ist nicht gefragt, sondern seine analyse. und das weiss er. gefragt sind fakten, wer wie warum stimmte.


foto: sf drs (anclickbar)

doch das allein ist es nicht, was ihn treibt: vor 15 jahren war das abstimmungsresultat jeweils erst am abend bekannt. Es wurde von der bundeskanzlei verkündet und stand oft unvermittelt in der landschaft: vox populi – vox die, sagten selbst die politologen in den 60er Jahren und scheuten sich, den volkswillen zu interpretieren. als kleiner, politisch interessierter junge hat sich der chefanalytiker häufig allein gefühlt. warum?, fragt er sich, etwa als man die demokratisierung des nationalstrassenbaus ablehnte. mit welchen folgen?, wollte er wissen, als man die mitbestimmung in den betrieben ablehnte damals wurde ihm klar: man muss mehr wissen, was geschieht, wenn sich 1,2 oder 3 millionen menschen politisch äussern.

angesichts der erdrückenden ja-bank hätte sf drs fast keine abstimmungssendung gemacht. doch dann entschied man sich des service public wegens zur tat. zu recht: das fernsehpublikum ist träge, will immer den gleichen ablauf. und so machte es an diesem tag sinn zu senden, wenn auch experimentieren: die nachrichten und analysen kamen diesmal nicht zur gewohnten zeit aus dem abstimmungs-, sondern im neuen nachrichtenstudio.

Hauptspiel 1: die knochenarbeit der analyse

die beschränkte spannung am frühen sonntag nachmittag erlaubte es dem studiowanderer, sich auch ein wenig umzusehen. viele lange gänge, ist das kennzeichen des studios leutschenbach. Die generelle angst im haus lautet: „… und esch niemeh umecho!“. Wenn man hereinkommt, muss man kundtun, zu wem man will. so ist man wenigstens registriert, und kann per telefonnummer der sf mitarbeitenden jederzeit aufgesucht werden. Besser wäre es heute allerdings, die handynummer zu verlangen. So würde man auch allfällige verschollene wieder finden!
der studiowanderer hasst übrigens die batches. Hatte mal einen und vergessen abzugeben, irgendwo in den vielen gängen liegen gelassen und nie mehr aufgefunden. Hatte eine lange, bürokratische auseinandersetzung nachgezogen …


foto: studiowanderer (anclickbar)

untergebracht ist das hochrechnungsteam, bestehend aus lukas golder, stephan tschöpe und luca bösch (bild) diesmal im sitzungszimmer der chefredaktion. wenn man reinkommt, hat man trotz aller aufhellung im haus den eindruck, im führungsbunker zu sein. UHHH, ueli haldimanns head quarter, sagen die leute: überall beton, keine fenster, nur kunstlicht! Wahrscheinlich auch hermetisch abgeriegelt, um selbst im notfall geschützt zu sein. Zum arbeiten ist es übrigens ganz angenehm: schön ruhig und kein passantenverkehr!

es wird konzentriert gearbeitet. weil alles schneller klar ist, will man sofort alles haben will: das hochgerechnete ergebnis der abstimmung, die voraussichtliche stimmbeteiligung, die vergleiche mit anderen volksentscheidungen, die analyse des abstimmungskampfes, etc etc. dafür wirkt ein ganzes team im hintergrund des chefanalytikers: sammlung der gemeindeergebnisse via telefon, faxe und web. auswertung dieser nach einem vorgegebenen schema, das extrapolationen erlaubt, die zu annahmen führen, wie die kantone stimmen und wie die schweiz. So weiss man es, bevor man es weiss: auf 1 prozent genau ist das extrapolierte ergebnis im schnitt.


foto: studiowanderer (anclickbar)

doch das ist nicht alles, was an diesem Nachmittag errechnet wird: datenbanken auf internet und des hochrechnungsteams erlauben es, die ergebnisse zu vergleichen: was war je die höchste zustimmung?, was die tiefste beteiligung?, will die tagesschau ohne vorankündigung wissen. man positioniert auch abstimmungen, das heisst, sie werden mit anderen in verbindung gebracht: Analyse der räumlichen konfliktmuster, nennt man das. so erkennt man rasch, in welchem masse ein vorlage als links/rechts-polarisierung erfasst wurde, zwischen den modernen und der traditionellen schweiz teilt, oder präferenzen zum ausdruck bringt, die für eine materialistische resp. postmaterialistische schweiz stehen. Es werden auch bezirks- und gemeindeanalysen gemacht, um parteihochburgen zu untersuchen, wahrscheinliche verteilungen der zustimmungen in den parteilagern zu errechnet und für die kommentierung des abstimmungsergebnisses zu verwendet.


foto: studiowanderer (anclickbar)

Aus dem traum des jungen in den späten 70er jahren ist in den 90er jahren ein politikwissenschaftliches geschäft geworden. der politisch interessierte wird zum schrittweise zum chefanalytiker. ihm passt das ganz gut. politisch im eigentlichen sinne ist er nämlich nicht, politisch interessiert aber weiterhin.

Hauptspiel 2: die analyse vom präsentationstisch aus

nach erledigter basisarbeit verlässt der chefanalytiker sein team. er eilt vorbei an einer fotoserie der wichtigsten köpfe bei sf vorbei ins neue tagesschau-studio. diese wirkt ein wenig wie eine ahnengallerie der lebenden tv-stars. „ja, der ist besonders sympathisch“, denkt er sich, „und die ist ganz speziell“, geht ihm durch den kopf. vom neuen tagesschaustudio ist er beeindruckt. das licht kanalisiert die aufmerksamkeit, – fast schon wie in einer kirche. klar ist, wo jesus gekreuzigt wurde, wo maria und joseph das geboren kind hüten, und wo die apostel das neue verkünden. eine mischung aus krippe und abendmal, wenn man den raum und den tisch miteinander in beziehung bringt.


foto: studiowanderer (anclickbar)

doch der präsentationstisch ist bei genauem hinsehen ein bumerang. und heute ist er speziell besetzt. nicht katja s., und nicht heinrich m., dafür urs l. der die abstimmungssendung moderiert, und catherine m., welche die nachrichten verliest. dazwischen, im winkel des bumerangs, claude l. der die abstimmungsanalysen vornimmt. und er handelt ganz danach: was die leute in die urne geworfen haben, wird ihnen jetzt zurückgegeben.


foto: studiowanderer (anclickbar)

von modernisierungskonsens spricht der chefanalytiker. konfliktlinien hat er, trotz aufwendiger suche, heute nicht gefunden. doch die vorlage ist eine modernisierung der schweiz. die polarisierte aber nicht. selbst in appenzell-innerrhoden, wo carlo schmid, das konservative urgestein der cvp, dagegen war, und im wallis, wo oscar freysinger, der walliser gymnasiallehrer mit beschränktem dichtertalent, für das nein warb, ist man mehrheitlich dafür. also haben auch die föderalisten ja gesagt. nicht mehr das kantönligeist-schulsystem ist gefragt, sondern die leistungsschule schweiz ist gefragt.


foto: studiowanderer (anclickbar)

dann gibt’s noch ein interview des chefanalytikers fürs radio, – heute in schneidekabinen der tv-crews untergebracht. wäre es 20 grad kälter, würde man sich in einem iglu fühlen, das mit modernster technik den anschluss an die welt aufrechterhält. doch wo ist der journalist? „michael, michael“, wo bist du? Kurze aufregung, denn bald ist sendung, und der techniker und der reporter sind weg. sind sie, draussen auf dem grossen leutschenbach-gletscher, in eine spalte gestürzt? – gott sei dank nein, sie kommen gerade noch rechtzeitig. So kommt die analyse auch übers radioiglu in ganz grönland an. der präsident des nein-komitees, bruno nüsperli, wird sich übrigens daüber beschweren. sie sei nicht ausgewogen gewesen. Man habe die ja-tendenz in der berichterstattung klar gemerkt, und auch die freude über das ergebnis sei in den kommentaren zum ausdruck gekommen. da kann der studiowanderer nur noch sagen: die tendenz an diesem sonntag war klar, und auch die erleichterung dürfte bei 8,6 von 10 stimmenden spürbar gewesen sein!

Nachspiel: innensicht der parteipräsidenten, aussensicht der bundestagsabgeordneten

zum schluss geht es doch noch ins abstimmungsstudio. die elefantenrunde der parteipräsidenten bedarf eines round-tables, wie sich der moderator urs leuthard ausdrückt. und dafür reicht der abendmahl-tisch im anderen studio nicht aus. da braucht es schon das gewohnte halbrund.


foto: studiowanderer (anclickbar)

wie gewohnt werden sie in stellung gehen: primo, ueli maurer, der lob für sein interview im tagesanzeiger zur vorschau auf die kommenden parlamentswahlen bekommt, das aber, weil es aus unerwartetem mund kommt, nicht annehmen kann; secundo, hans-jürg fehr, der schaffhauser, der historiker, der intellektuelle, der die heutige sozialdemokratie ruhig und besonnen vertritt; terzio, bruno frick, heute als ersatz für doris leuthard, in aufgeräumter laune und fast schon wie der neue parteipräsident der cvp. ja, und dann, noch fulvio pelli, auch schon mal selbstsicherer, vielleicht auch arroganter gewesen. heute grüsst er jeden im studio, dem er begnet, freundlich, fast so wie wenn er auf der suche nach neuen wählenden wäre! Weiter so!

wenn am abstimmungssonntag die politiker kommen, hat der chefanalytiker seine sonntagsarbeit normalerweise getan. auch heute überlässt er den höhepunkt zum binnendiskurs den parteichefs. doch nicht um nach hause zu gehen. ihn interessiert an diesem tag noch die aussensicht auf das geschehene. er geht noch rasch an die veranstaltung von iri, dem institut für initiative & referendum der universität marburg, denn dieses betreut eine delegation des deutschen bundestages, der zu studienzwecken in zürich weilt.


foto: hotel alexander, thalwil (anclickbar)

dort wir der chefanalytiker auch auf roger de weck treffen. Wie er ein freiburger, doch aus der aristokratie. dem chefanalytiker seine familie ist das einfacher: zuerst staatsangestellte, dann industrieangestellte. doch die beiden so unterschiedlichen freiburger referenten verstehen sich heute bestens. roger de weck spricht von der politischen kultur der deutschen und der schweizer: die deutschen lebten von gegensätzen in der öffentlichkeit, seien aber, davon abgeschirmt, durchaus bereit, kompromisse zu finden. Die schweizer wiederum würden über dem tisch stets die gemeinsamkeit betonen, während unter dem tisch mächtig in alle richtungen gezerrt werde. Zu den gemeinsamkeiten, welche die schweiz zusammen hält, zählt er die geschichte, den reichtum, den integrationswillen der daraus entsteht, und die direkte demokratie. die konservativen im publikum staunen ob dem patriotischen eifer, denn der abkömmlings einer aristokratenfamilie an den tag legt.

eine gewisse skepsis ist bei den gästen spürbar, wenn sie volksabstimmungen hören. im innern läutet es alarm: weimar! Nach aussen zweifeln sie an der legitimität von volksabstimmung mit geringer beteiligung. Doch die jüngeren abgeordneten, linker und grüner, wissen um die die partizipationsdefizite des deutschen parteienstaates, und bewundern die themenoffenheit der schweizer debatte.

der chefanalytiker spannt den bogen zum scheinbar bedeutungslosen abstimmungstag. deutliches ja zur zentralisierung des bildungswesens und modernisierungskonsens in sachen bildungsraum schweiz, sind seine stichworte. und er verweist auf die einigkeit der parteien, die fehlende polarisierung in der bildungspolitik. wenn es um fragen der europäischen integration geht, ist das ganz anders. dann herrscht aufruhr, dann regieren die emotionen, und die beteiligung ist hoch. heute war sie tief, der sockel konstant teilnehmender bürgerInnen entschied heute. dennoch ist das keine krise der direkten demokratie. diese wird im grund von allen akzeptiert. Sie ist die schweizer erfindung. der demokratieimport à la francaise 1798 funktionierte nicht. es brauchte die liberale bewegung, um die verschlossene schweiz zu öffnen, die radikale bewegung, um die herrschaft zu brechen, und die demokratische bewegung, um direkte demokratie auch mit werten zu füllen. In der schweiz ist das seit den 1870er jahren weitgehend unbestritten. Zur gleichen zeit sei deutschland eine verspätete nation geworden. Die schweiz hätte das nie richtig interessiert. Im vielvölkerstaat schweiz kommt der nationebegriff nicht gut an, wie in germanien. Doch habe man seit 1874 die kantonskompetenzen schrittweise zentralisiert. Zuerst bei militär, heute im bildungswesen. Insofern ist er sogar ein wenig historisch, der 21. mai 2006.


foto: studiowanderer (anclickbar)

die deutschen gäste danken den referenten mit einem diplom von des künstlers stüttgen, – dem grossen fan der direkten demokratie in deutschland. der chefanalytiker gibt den dank gleich weiter: bei der einführung der volksrechte in den kantonen seien die unzufriedenen bauern die soziologische basis der direkten demokratie gewesen. das unzufriedene bürgertum sei dann zum politischen vollstrecker geworden. Angeleitet wurde es jedoch durch einen unzufriedenen deutschen. ludwig snell, den die reaktion aus deutschland ausgewiesen habe, und den die revolutionäre in der schweiz als flüchtling aufgenommen haben. Deshalb habe die schweiz heute über die zentralisierung des bildungswesens abgestimmt. hat der deutsche bundestag gleiches schon gemacht?

man sieht es: aus dem traum des jungen politinteressierten in den 70er jahren ist in den 90er jahren ein politikwissenschaftliches geschäft geworden. dieser schritt ist abgeschlossen, doch kündigt sich schon der nächste an. aus dem schweizerischen anlass “volksasbtimmungen” soll ein europäischer werden. der chefanalytiker ist mit der direkten demokratie unterwegs. und wir mit dem chefanalytiker unterwegs.

erstanalyse

onlinebericht

politische kultur zürichs im licht und schatten von alfred escher

ich habe heute einen kleinen versuch gewagt, das polit-kulturell angeregte stadtwandern neu auch in zürich zu riskieren. für fritz und gunda plasser. die von wien und insbruck nach zürich gekommen sind, für eine kommunikationswissenschaftliche fachtagung des ipmz. dienstleister für die demokratie? wurden untersucht. es ging um politische kommunition als werdendes berufsfeld in der schweiz. professor fritz plasser leitete mit seiner weltweiten campaigningstudie die tagung ein.

der spaziergang war anstrengend, aber auch ganz anregend. ich war kaum vorbereitet, der entscheid fiel gestern an der tagung. kurz nacht. doch dann drei stunden zeit, für stadteindrücke, für historische informationen. und für gedankenaustausch. hier mein protokoll.

start: bahnhof, denkmal für alfred escher

bewusst starten wir im schatten von alfred escher. es gibt ja grad eine neue biografie. voluminös. so wie seine leistungen. escher, das ist der pionier. das ist der politiker. das ist der unternehmer. das ist aber auch das schweizerische problem. gelebt hat er von 1819 bis bis 1882. seine familie war bankrott gegangen, hatte aber in übersee neues geld gemacht. er stieg in die kantonale politik ein, wurde nationalrat, war mehrfach parlamentspräsident. er hat das polytechnikum begründet. er hat die ska und die rentenanstalt mitbegründet. er war der eisenbahnkönig. er bestimmte, dass der eisenbahnbau in der schweiz privat geschah. er sollte aber auch daran scheitern. zu hoch waren die kostenüberschreitungen beim gotthardtunnelbau. dessen eröffnung hat er knapp nicht mehr miterlebt.

die fragen seitens meiner gäste, auf dem weg zur ersten station sind direkter: wie viele menschen sprechen rätoromanisch? kaum jemand mehr exklusiv, ist die antwort. gesprochen wird es noch von einigen tauschend menschen. 1938 wurde es landessprache, nicht jedoch amtssprache für die bundesbehörden. in den 70er jahren setzte die bewegung für eine rätoromanische hochsprache ein. daraus entstand das romantsch grishun. ob so der untergang der ältesten sprache in der schweiz verhindert werden kann, ist unsicher. immerhin, microsoft prodziert seit diesem jahre ihre programm auch in dieser sprache.

1. station: lindenhof; thema: römer und habsburger

58 vor christus wandern die tiguriner, die helvetier, die rauracer und die boier aus ihren angestammten gebieten aus. sie weichen vor den nach süden vorrückenden sueben. doch sie treffen auf den römischen statthalter gaius julius caesar, dem sie in bibractae militärisch unterliegen. stark dezimiert, kehren sie in ihre angestammten gebiete zurück. in zürich meint man, es seien die tiguriner gewesen, die hierher zurückkamen. deshalb heisst zürich auf lateinisch bis in 19. jahrhundert nach diesem stamm. heutte weiss man, dass das falsch ist.

richtig ist aber, dass auch in zürich eine galloromanische kultur entsteht, diese im 2. und 3. jahrhundert von der pax romana profitiert. auch dank dem limes zwischen rhein und donau, der die germanen fern hält 260 kommt aber bewegung ins römische kaiserreich. germanische schlägerbanden drängen über den rhein in schweizerische mittelland. sie zerstören, was ihnen im weg steht. mit der neuordnung des kaiserreiches unter diokletian wird dieses mittelland zur totalen provinz.

in diese waldgegend siedeln die römer im 5. jahrhundert die burgunden an, ein ostgermanischer stamm, der sukzessive an den rhein vorgerückt ist. ob die burgunden auch turicum besiedeln, ist nicht nachgewiesen. sicher ist aber, dass die später einwandernden alemannen die kernbevölkerung zürich ausmachen werden. diese werden im 9. jahrhundert hauptteil des herzogtums schwaben, zu dem auch zürich gehört. man nennt sie auch mal die schönste stadt schwabens. halten kann sich dieses herzogtum eigentlich nur bis 1098. dannach zerfällt es als folge des investiturstreits zwischen kaiser- und papsttreuen adeligen. zürich wird jetzt das erste zähringische zentrum (papstpartei), und bei deren aussterben reichsstadt. die einheitliche herrschaft ist weitgehend zerfallen. es regieren die regionalismen. bis heute.

nach dem tod von kaiser friedrich II. streiten sich genau die lokalen grafen um die vorherrschaft. es siegen die habsburger, die nicht von wien, sondern von habsburg bei brugg sind.rudolf I. wird deutscher könig, reorganisiert das untergegangene kaiserreich im osten erfolgreich, im westen scheitert er aber. seine beiden söhne, albrecht und rudolf, werden herzöge von österreich. in wien bleibt aber nur albrecht. der andere sohn stirbt im burgund. auch rudolf, der vater, stirbt 1291. in speyer.

jetzt erheben sich alle, die keine habsburgerdynastie wollen: bischöfe, wie jener in konstanz, grafen, wie jene von rapperswil bis savoyen, unddie reichsstädte zürich resp. bern. und uri. und schwyz. nur von unterwalden gibt es keine nachrichten. albrecht von österreich versucht, den aufstand niederzuwerfen. in zürich kommte es zu einer schlacht, welche zürich verliert. die männer brachten es nicht, dagegen wehrten sich zürichs frauen tapfer. man gedenkt ihnen noch heute mit dem brunnen auf dem lindenhof. dennoch zürich kommt in habsburgische hände, doch wird albrecht umgebracht, von einem verwandten, der eine offene rechung hatte.

der ritterliche adel kann sich in zürich noch bis 1336 halten, doch dann ist ende. es beginnt das zunft-regiment unter dem ersten bürgermeister rudolf brun. mit dem sächsilüüte gedenkt man bis heute an diesen prägenden wechsel. zürich wird 1351 teil der eidgenossenschaft, dieser speziellen form der selbstverwaltung im kaiserreich. es bleibt aber ein unsicherer partner. 1436 geht es mit kaiser friedrich III. ein bündnis ein, doch das führt zum ersten bürgerkrieg unter den eidgenossen. zürich verliert seine länderein. erst als es für immer von habsburg abschwört, bekommt es sie, mit wenigen ausnahmen zurück. mit dem alten zürichkrieg entsteht auch die eidgenossenschaft als bündnissystem, das von habsburg getrennt ist.

die gäste wollen wissen, wann der rütlischwur war? 1291, sagt die offizielle geschichtsschreibung. das sieht man aber erst seit 1891 so. damals schlossen die verschiedenen richtung im bürgertum ein burgfrieden. der konfessionelle gegensatz sollte verschinden, denn man hat einen gemeinsamen feind: die sozialisten! und die feiern den internationalistischen 1. mai! also verordnet der bundesrat den 1. august 1891 als bürgerliche gegenmanifestation in der schweiz. 1941 ist das auch nützlich: der general versammelt angesichts der deutschen bedrohung die gesamt generalität, auf dem rütli, und feiert den geburtstag der unabhängigen schweiz. doch seit dem humanisten gilg tschudi glaubte man, dass der rütlischwur am mittwoch vor martini war, also am 8. november, und das im jahre 1307! man verband sich damals gegen die habsburger, die den tod von könig albrecht ausgehend von königsfelden blutig rächten. 1907 feierte übrigens der bundesrat, der um die terminverschiebung des rütlischwurs wusste, unter ausschluss der öffentlichkeit die 600 jahr feier nochmals nach! doch was solls: eine staatsgründung war es so oder so nicht. es war die beschwörung eines bündnissystems, von denen es zwischen 1240 bis 1393 in wechselnden koalition ganz viele beispiele gibt.

2. station: grossmünster; thema: christianisierung und reformation

die in der völkerwanderung eindringenden germanenstämme werde in unterschiedlichem masse mit der restposten der spätantiken, römischen kultur assimiliert. bei den burgunden im 5. jahrhundert geht es, die langobarden im späten 6. jahrhundert nehmen auch die latinita an. doch bei den alemannen scheitert der prozess vollständig. sie sind ein untertanenvolk der franken, die sich wegen dieser herrschaft christianisieren liessen. bei den alemannen löst es das gegenteil aus, sie bleiben bei den germanischen göttern.

erst im 8. jahrhundert christianisieren die karolinger die alemannen zwangsweise. missionare und herzöge kommen. die alemannen formieren die abwehr. sie verfassen ihre rechte. und berufenn sich auf das untergegangene merowingische königtum, das sie in ruhe gelassen hatte. doch die karolinger setzen sich durch. es entstehen klöster wie die reichenau, wie st. gallen und wie das züricherische grossmüster und fraumüster. jetzt beginnt der kult um die stadtheiligen: felix und regula sollen nach ihrem matryrium im 4. jahrhundert ihre köpfe in den eigenen händen getragen habe, bevor sie ganz umfielen. das soll am ort des grossmünsters gewesen sein.

ob dieses von kaiser karl dem grossen gestiftet worden ist, bleib bis heute unsicher. sicher ist aber, dass sein nachfahre, karl der dicke, hier war. in dieser zeit war alemannien kurzfristig ein karolingisches königreich, und zürich war das letzte zentrum des untergehenden imperiums.

der spät eingeführte katholizismus hält sich in zürich bis ins 16. jahrhundert. doch dann wird er gründlich abgeschafft: wie auch die anderen eidgenossen beteiligt sich zürich an der armee für papst julius II., die für ihn in oberitalien erfolgreich krieg führt. doch nach der niederlage der schweizer in marignano, mag zürich nicht in den eidgnössischen chor miteinstimmen, der sich frankreich anschliessen.

ulrich zwingli ist der soldgegner der ersten stunde. dafür wird er katholischer pfarrer im grossmünster. und er reformiert die kirche erfolgreich. er mischt sich in der politik der stadt tatkräftig mit. nur militärisch ist er unbedarft. 1531 verlieren die reformierten städte gegen das katholische land in kappel. zwingli rückte mit nur 800 getreuen gegen 11000 innerschweizer an, und er findet dabei den tod.

dennoch ist die reformation in zürich nicht aufzuhalten. bullinger setzt sie fort, er arrangiert sich auch mit der zweiten reformationswelle, die jean calvin in genf auslöst. die consensuspolitik unter den reformierten städte entsteht. man wehrt sich so gegen die gegenreformation, welche die katholische verherrschaft mit zentrum luzern stärkt. der zürcher protestantismus bleib, anders als der calvinismus, der weltweit erfolgreich wurde, weitgehend eine lokale erscheinung. immerhin, das protestantische zürich bleibt offen für neues, und entwickelt sich wirtschaftlich.

die reformation hat übrigends dein kult um die stadtheiligen abgeschafft. 1950 wurde er wieder aufgenommen. an ihrem legendären todestag. dem 11. september. dann ist knabenschiessen. es geht um den tapfersten kämpfer der stadt!

die gäste nicken. so kennt man die schweizer. international vernetzt, wirtschaftlich erfolgreich, kriegerisch wacker, europapolitisch jedoch weitgehend abstinent. doch sie wollen den zusammenhang mit christoph blocher genauer geklärt haben; ich muss nochmals etwas ausholen: heute sind zwei zürcher mitglieder in der landesregierung. beide sind protestanten. bei sind pfarrerssöhne. moritz leuenberger repräsentiert den urban-modernen zürcher protestantismus. christoph blocher steht für den rural-konservativen zürcher protestantismus. dieser ist wirtschaftlich potent, während jener vor allem den staat steuert. beide haben unverändert weltlich-religiöse züge. und sind moralisierend, wenn auch in die konträre richtung. man dankt für die klärung! ich empfehle noch das heutige interview von christoph blocher im tagesanzeiger.

3. universität/ethz; thema: geld und geist

die französische revolution bringt neue gedanken in die eidgenossenschft: freiheit, gleichheit und brüderlichkeit werden neu definiert. doch die revolutionierung der alten republiken von oben scheitert. der koalitionskrieg gegen frankreich wird auch in zürich ausgetragen. russen und österreicher tummeln sich auf zürichs strassen. und der wiener kongress bestätigt die alten verhältnisse wieder.

erst mit der zweiten französischen revolution, 1830, fasst der liberale gedanke in zürich fuss. die bürger machen gleiche sache mit den bauern, und deutsche intellektuelle entwickeln die bewegung weiter. der kanton bekommt eine liberale verfassung. um den liberalen schwung zu halten, braucht die bewegung aber ein feindbild: die erzkonervativen jesuiten, seit der gegenreformation, sind das opfer. der katholisch-konservative sonderbund versucht diese zu verteidigen, unterliegt aber in einem bürgerkrieg. die revanche für kappel 1531 ist perfekt.

mit der liberalen bewegung der 1830er jahre entsteht die universität zürich als kantonale hochschule. sie soll den geist der zürcher entwickeln. mit dem freisinnigen bundesstaat wird zürich zwar nicht hauptstadt, aber es erhält in den 1850er jahren das polytechnikum, wie man die heute eth zürich damals nannte. hier wird die technik entwickelt. mustergültig! weltweit immer noch eine spitzenhochschule! nur die entwicklung einer nationalen kultur misslingt, wie man am fehlen einer nationaluniversität sieht. zu gross sind die vorbehalte der sprachlichen minderheiten und der konfessionellen gegensätze, dass aus der schweiz eine nation würde.

immhin, es gelingt der durchbruch bei der industrialisierung. der eisenbahn sei dank. das prägt auch das freisinnige staatsverständnis in zürich: die zivilgesellschaft soll die innovation richten, beschliesst der staat. der kapitalismus dominiert, der liberalismus ist auf siegeskurs.

die gäste sind müde, sie wollen sitzen. etwas trinken! und verschnaufen, ob dem wasserfall an historisch-politisch-kultureller information, der übr sie gespritzt ist! aber sind sind schlicht erstaunt, dass die universitäten in der schweiz erst im 19. jahrhundert entstehen. ja, so war es, ausser in zürich. paris, bologna und wien waren eine sehr lange zeit die ausweichorte für die gscheiteren herren.

4. bürkliplatz; demokratisierung und polarisierung

die machtballung, die unter alfred escher in zürich entstand, führte direkt zur demokratischen bewegung. sie verlangte die beschränkung der macht des freisinns. sie forderte die zivilisierung des entfesselten prometheus. und sie hat erfolg! die zürcher verfassung wird demokratisiert, und die die volksrechts wurden gesamtshweizerisch eingeführt. die schweiz war 1874 die institutionell am weitesten entwickelte demokratie.

im linken spektrum akzeptierte man die bürgerliche direktdemokratie nur als übergang zur gewünschten räterepublik. so karl bürkli, dem gegenspiel von alfred escher an der bahnhofstrasse. er fordert das genossenschaftswesen, die konsumvereine, die utopischen gesellschaftsentwürfe. wie escher war auch er ein mann der tat. aber der tat für die arbeiterschaft! 1918 ist ihr grosser moment: landesstreik. 7 hauptforderungen. und militärische gegenwehr. schliesslich der durchbruch für das linke demokratieverständnis: proporzwahlrecht, später auch sozialstaat, und ganz am ende auch frauenstimmrecht.

doch das proporzwahlrecht hatte nicht nur die erwartete konsequenzen. zwar wurde die sp wählerstärker. auch die bgb, ausgehend von bern, die innert 8 jahre zur nationalen regierungspartei aufstiegt. 1970 wird daraus die svp. und in den 90er jahren sammelt diese, im zerfallenden bürgerlichen lager den gesamten nationalkonservativen protest. unter christoph blocher steigt sie in zürich und gesamtschweizerisch zur grössten partei auf. die polarisierung bricht die vorherrschaft der fdp, die auf elisabeth kopp gesetzt hatte, die den niedergang der swissair nicht verhindern könnte, und sich zunehmend nur noch mit sich selber beschäftigen kann.

die gäste wollen wissen, ob dieses system eu-tauglich wäre. beschränkt, ist wohl die richtige antwort. die direkte demokratie ist schweiz-offiziell kein hinderungsgrund für den beitritt. es bräuchte wohl aber ein opting out. so jedenfalls kann man die jüngsten positionen der schweizer aussenministerin zu deuten. einer sozialdemokratin.

sicher ist, dass die svp nicht mehr als die bisherigen integrationsschritt will. und sie weiss in dieser frage des schweizerischen bankgeheimnisses wegen die zürcher bankenwelt hinter sich. das ist wohl das haupthindernis für einen eu-betritt. ob der je kommt, ist offen. die schweiz hofft wohl, dass es möglichst viele beitrittskandidaten gibt, die ausnahmen verlangen, und aufgenommen werden. bis dahin hat man sich bilateral arrangiert. nicht nur zum nachteil beider seiten.

5. vorläufige bilanz

ja, alfred escher polarisierte. zürich hatte seit dem 14. jahrhundert keine aristokraten mehr. aber alfred escher war wie ein aristokrat. er hatte den übernamen zar von zürich. dafür war er ein pionier sondergleichen. die credit suisse feiert das gegenwärtig mit einer neuen biografie. doch seinerzeit hatte man das gar nicht gern. deshalb sind spuren am lack bis heute geblieben. licht und schatten sind nahe beeinander. in der schweiz.

polit-kulturell symptomatisch entzündete sich die gesamtschweizerische reaktion auf den werdenden nationalstaat genau an alfred escher. und führte statt zum nationalstaat zur direkten demokratie, statt zu machtkonzentration zu machtteilung! das ist wohl die wichtigste lektion. sie hat die dezentralität der schweiz gefördert.

diese hat ihre basis in der herrschaft, die im 11. jahrhundert in hunderte von regionalen kleinreichen zerfiel. in der geschichtsschreibung fasst man das gelegentlich auch als anarchie zusammen. nicht der adel, sondern die städte- und landbünde schafften wieder etwas ordnung. sie verstelbständigten sich als eidgenossenschft innerhalb und ausserhalb des reiches. grosse politik liess sich damit nicht machen, denn die konfessionspaltung lähmte die entschwicklung der schweiz. der nationalismus à la francaise war auch kein erfolgsprojekt. aber er stärkte das bewusstsein für die vielsprachigkeit der schweiz. auf diesen konfliktlinien aufbauend entwickelten sich die bürgerliche demokratie und die industrialisierung ganz ordentlich. die moderisierung des sozialen konfliktes im 19. und 20. jahrhundert führte zur konkonrdanz. diese garantiert, dass parlamentarismus und volksrechte sinnvoll neben einanderbestehen können. ohne den willen zur konsenspolitik ist die schweiz aber wieder schnell blockiert. das ist jedenfalls meine bilanz!

man bedankt sich freundschaftlich für den gedankenaustausch. und dann noch das geschäftliche: auf dem rückweg noch kurze projektbesprechung. wir wollen gemeinsam ein buch schreiben! auch mit professor oscar w. gabriel. es soll die politischen kulturen deutschlands, oesterreichs und der schweiz miteinander vergleichen. sie sollen nicht historisch analysiert werden, wie heute, sondern mit umfragedaten aus den letzten 30 jahren. auch ganz anspruchsvoll! wie heute.

bis ende august sollen die manuskripte stehen. phuu!, fertig stadtwandern. jedenfalls für heute …

stadtwanderer (in zürich)

politisches standortmarketing bern

das politische stadtwandern geht in die nächste runde: heute start der rundgang “demokratiegeschichte der schweiz”. erzählt werden in gut einem dutzend stationen in der stadt, wie aus der alten republik bern die neue republik schweiz wurde, wie die aristokratie durch die bürger abgelöst wurden, wie die liberale bewegung die demokratie erkämpfte, wie intellektuelle diese radikalisierten, wie der freisinn aus der schweiz eine repräsentative demokratie formte, wie die demokratische bewegung diese zur halbdirekten umfunktionierte, wie der parteien den klassenkampf führten, wie das proporzwahlrecht diesen milderte, gleichzeitig aber auch zur gründung der bgb, heute svp, führte, wie die zauberformel als richtlinie für die zusammensetzung der vierparteienregierung entstand, und was sich seither alles ereignet hat.


die gerechtigkeit beschäftigte alles systeme aller zeiten, doch die antworten, die die demokratie darauf gibt, sind einmalig
quelle: gfs.bern (anclickbar)

geladen ist heute eine gruppe von demokratie-freunden aus ungarn und bulgarien, die sich für die weiterentwicklung ihrer demokratien interessierten. organisiert vom initiative & referendum institute in marburg, unterstützt von präsenz schweiz, sind sie bis am sonntag ausbildungshalber in der schweiz, und werden als erste gruppe in den genuss kommen von den berner stadtwanderungen. diese werden heute bianca rousselot und claude longchamp führen. angemeldet haben sich journalistInnen aus dem ausland, politologieprofessoren verschiedener unis, und auch verschiedene vertreterInnen der bundeskanzlei, der wirtschaftsverbände und der interessengruppen in der schweizer werden erwartet. nicht abgemeldet hat sich alexander tschäppä!

die recherchen zur demokratiegeschichte in bern begannen mit einem paukenschlag. die wikipedia, das mass aller dinge in der internetwelt, erzählt ausführlich die geschichte der stadt und des kantons bern. die entscheidende stelle für den anfang der demokratiegeschichte wird indessen weggelassen; originalton: “Der durch die Französische Revolution erwachte demokratische Geist vertrug sich nicht mehr mit diesen Zuständen. Das nach dem bernischen Staatsschatz lüsterne französische Direktorium bot den unzufriedenen Waadtländern die Hand, und indem Bern trotz heldenmütigen Widerstandes unter Karl Ludwig von Erlach und Niklaus Friedrich von Steiger gegen die Truppen des Generals Balthasar Alexis Henri Antoine von Schauenburg bei Fraubrunnen und in der Schlacht am Grauholz sowie des Sieges unter Johann Rudolf von Graffenried gegen die Truppen des Brigadegenerals Pigeon bei Neuenegg am 5. März 1798 der französischen Übermacht erlag, stürzte die Aristokratie zusammen. Durch die helvetische Verfassung wurden Waadt, Aargau und Oberland als eigenständige Kantone von Bern losgerissen. Nachdem die helvetische Einheitsrepublik 1802 im Stecklikrieg untergegangen war, hielt die Mediationsakte von 1803 die Selbständigkeit der Waadt und des Aargaus aufrecht, vereinte dagegen wieder das Oberland mit Bern und gab dem Kanton, der vor 1798 ein Aggregat der verschiedenartigsten Bestandteile mit mannigfaltigen Lokal- und Partikularrechten gewesen war, seine gegenwärtige Einheit.”


die traditionelle sicht auf die helvetik
(quelle: georg kreis)

virtuell noch gar nicht stattgefunden hat die helvetische republik in bern. es kamen die französischen truppen, man vierteilte den bären und war still, bis die einheitsrepublik untergegangen war. so einfach ist das in der wikipedia.

sicher, die helvetische republik basierte auf krieg, auf besetzung, auf fremden truppen. doch wie steht es mit dem bundesstaat. auch er ging aus eine krieg hervor, auch hier ging es nicht ohne militärische aufgebote und einsätze gegen aufständische reaktionäre. dafür machte die helvetische revolution die schweiz mit den gedanken der französischen revolution vertraut. liberté, égalité und fraternité setzten sich zwar nicht sofort durch in bern, die unverrückbaren massstäbe, die sie heute noch abgeben, wurden damals aufgebaut. menschenrechte, für die sich bundesbern heute mit berner professoren in der ganzen welt einsetzt, kamen nicht von alleine hierher. sie wurden von den revolutionären truppen mitgebracht, sie fanden in den patriotischen propagandisten ihre verkünder, und sie prägten die liberale bewegung, die zur gründung des kantons, der universität, des volksschulwesens und der gemeindeselbstverwaltung führte. und wenn das nicht genug an argumenten sind, dann noch dies: gäbe es zeitungen, pressefreiheit und eine öffentliche streitkultur, ohne die demokratisierung der schweizerischen gesellschaft im 19. jahrhundert, die just in der so verpönten helvetik hatte?


jean-jacques rousseau kam in bern nicht an, begründete aber die naturrechtliche philosophie, die auch hier die demokratischen werte begründete
quelle: wikipedia (anclickbar)

wer das alles unterschlägt, verkennt, dass demokratie stets erkämpft werden musste. genauso wie die schweiz war bern bis zur helvetischen revolution keine demokratie im modernen sinne. nötig war die politische philosophie eine jean-jacques rousseau, der auf die ungleichheit in der gesellschaft hinwies, die dekadenz der aristokratischen gesellschaft anprangerte, und den feudalen charakter der patrizischen politik diskreditierte. all dem stellte er das naturrecht gegenüber. er war es, der postulierte, dass jeder mensch, unabhängig von geschlecht, von alter, von ort, vonstaatszugehörigkeit, also nicht durch konvention, sondern allein von natur aus mit unveräusserlichen rechten ausgestattet sei. er war es, der der gesellschaft den blick auf das recht auf leben, auf körperliche unversertheit und auf persönliche freiheit öffnete.


karl ludwig von haller, ein konservativer von europäischem format prägte die gedenkaen der antidemokraten
quelle: wikipedia (anclickbar)

vorübergehend lebte rousseau in berns nähe, in motier und auf der petersinsel. in bern hatte er jedoch vorerst keinen erfolg. selbst nicht, als die bürgerliche philosophin, julie bondeli, mit ihren gelehrten clubs versuchte, seinen ideen den weg zu bahnen. stark genug waren die konservativen kräfte: die aufgeklärte, alte republik propagierte albrecht von haller, selbst ein verdrängter, aber anhänglicher berner. montesquieu hätte er am liebsten in bern umgesetzt. doch auch dazu kam es nicht. sein enkel, karl ludwig von haller mobilisierte gegen die helvetische republik, mit allen kräften, die ihm zur verfügung standen: mit seinem politischen einfluss, mit seinen verbindungen nach wien, mit seinen seinem intellekt als geschichtsprofessor in bern und mit seiner spitzen feder, die in royalistischen zeitschriften zu schärfen wusste. er, ein berner, hat sogar der epoche nach dem wiener kongress den bis heute gebräuchlichen namen gegeben: restauration. restauration der staatswissenschaften war von hallers lebenswerk, womit die säuberung der politischen lehre von den revolutionären gedanken gemeint war. schliesslich restaurierte er auch seine wesentlichen überzeugungen, wandte sich – der nachfahre des berner reformator berchtold von haller – heimlich auch zum katholizismus zurück. als das publik wurde, entliess man den vorkämpfer der reaktion improtestantischen bern kurzerhand aus allen ämtern.


ludwig snell, politischer flüchtling und politischer schriftsteller, prägte die gedanken der radikaldemokraten in bern
quelle: ortsmuseum küsnacht (anclickbar)

von haller bekam auch einen würdigen gegenspieler in bern: ludwig snell, ebenso politiklehrer, nun an der frisch gegründeten universität. deutscher, theologe, gymansialdirektor, flüchtling vor den demagogengesetze war, als er nach basel, zürich und küsnacht kam, wo er die liberalen manifeste für den ustertag von 1830 verfasste, und an der regenerierten verfassung zürich mitschrieb. das alles trug ihm die erste politikprofessur in bern ein. und hier verfasste er das handbuch des schweizerischen staatsrechts, bildete demokratisch gesinnte juristen wie den späteren bundesrat jakob stämpfli aus, schärfte den sinn zwischen wirtschaftlichem liberalismus und demokratischem radikalismus. 1846 trug er wesentlichen dazu bei, das bern eine radikale regierung und eine radikale verfassung bekam, mit der erstmals in bern auch volksrechte institutionalisiert wurden. mehr noch: die führung der berner radikalen in der sterbenden tagsatzung war es, die den sonderbund der konservativen orte für ungültig erklärt, mit militärischer macht auflöste und so den schweizerischen bundesstaat begründete.

“1798” ist aus dieser sicht, nur eine episode, aber eine entscheidende!, für das werden des bundesstaates, – der, weltweit früh und einmalig die entwicklung zur direkten demokratie ermöglichte. die schweiz ist hierfür unverändert ein vorbild. doch schmilzt der vorsprung: überall, in städten, in glied- und nationalstaaten, aber auch auf europäischer ebene befasst man sich mit fragen der demokratisierung, der bürgerInnenpartizipation und der lenkung staatlicher willensbildungsprozesse von unten.


claude longchamp, institutsleiter gfs.bern, vor dem neuen christoffel, dem schutzheiligen der (stadt)wanderer in sachen demokratiegeschichte
quelle: gfs.bern (anclikcbar)

genau diesen prozess zu begleiten, ist die aufgabe des instituts initiative & referendum in marburg. und genau dieses insitut ist es, dass der schweiz neue demokratiefreunde bringt. präsenz schweiz fördert das, und gfs.bern betreibt hierfür ein wenig politisches standortmarketing für bern. ab heute abend! am gerechtigkeitsbrunnen, und anderswo …

stadtwanderer

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