Bern Colonial

August 9, 2020 | Leave a Comment

Wenn Karl Johannes Rechsteiner vor dem Berner Rathaus Leute für seine Stadtführung «Bern Colonial» versammelt, füllt er den Platz mit Leib und Seele. Kommunikationsbeauftragter für die Kirchen ist er, in Nebenamt Chocolatier im Emmental und Aktivist bei Cooperaxion.org. Für diese Organisation, die kritisch zum Kolonialismus steht, macht er auch seine Stadtwanderung.

Der Dreieckshandel der Moderne
«Dreieckshandel» ist sein übergeordnetes Thema. Im Gefolge der Entdeckung Amerikas durch den Genuesen Cristoforo Colombo entwickelten sich typische Handelsbeziehungen über den Atlantik: Von Europa nach Afrika wurden beispielsweise Waffen geliefert, von Afrika nach Amerika namentlich Sklaven verschifft und von Amerika nach Europa vorwiegend Baumwolle eingeführt. Alles mit dem gleichen Schiff!
Das weiss man höchstwahrscheinlich aus dem Geschichtsunterricht in der Schule noch. Doch Rechsteiner genügt es nicht: Ihn interessiert der «Kolonialismus ohne Kolonien».
Zum Beispiel denjenigen der Schweiz!
Rechsteiners These: Ueber Migration, Warenhandel, Finanzgeschäfte, militärische Hilfen, ideologische Rechtfertigungen war die Schweiz Teil eben eben diesems Kolonialismus. Natürlich gehört sie auch dazu, weil die Kritik an ihm mitunter aus der Schweiz kommt.

Die Stadtwanderung
Der Stadtwanderer erinnert zuerst an das Ende des Berner Bankenplatzes vor präzis 300 Jahren. In wenigen Wochen ging die führende Berner Bank Malacrida zu Grunde. Sie war über die Börse in Paris an der Mississippi-Gesellschaft Frankreich beteiligt, als diese in Louisiana mit der Sklavenwirtschaft für den Staat erwirtschaften sollte. Doch die Blase platzte im August 1720 und vernichtete Vermögen. Es war die erste grosse Spekulationsblase Europas, die sich im Nichts auflöste – und auch das patrizische Bern substanziell betraf. Die Bank selber musste in einem mühsamen Prozess aufgelöst werden und verschwand für immer.
Vor der Franzosenkirche ging es Rechsteiner wie erwartet um hugenottische Flüchtlinge, die hier ihr eigenes Gotteshaus hatten. Sie brachten neue Handwerkstechniken nach Bern, so die Indienne Stoffe aus Baumwolle in allen Farben. Dafür importierten sie die Rohstoffe. Mit dem neuen Erwerbszweig kam auch neues Denken nach Bern. Hieronymus Küpfer war ihr erster Fabrikant am Sulgenaubach und familiär eng mit Samuel Henzi, dem hingerichteten bürgerlichen Revolutionär verbandelt.
Kulturelle Spuren des Kolonialismus ortet der Stadtführer aus dem Emmental bei der «Zunft». «Zunft zum Mohren» mag er nicht mehr sagen. Aber man sieht auf seiner Wanderung das Zunftwappen an der Rathausgasse. Die Kritik an den stereotypen Darstellungen mit schwülstige Lippen, fliehender Stirn kommt sofort: Sie soll an ein grosses Maul mit kleinem Gehirn erinnern! Der Streit um die Symbolik ist in Bern schon vor Jahren entbrannt. Seit «Black Lives Matter» ist sie wieder hochgekommen. Rechsteiner hält nichts von den historischen Herleitungen zur Rechtfertigung. Das Wappen sei aus der Belle Epoque und spiegle typisch rassistische Vorstellungen, die man hier nicht so nenne.
Eindrücklich sind Rechsteiners Schilderungen der «Menschenschauen», beispielsweise auf dem Waisenhausplatz. Menschen aus Afrika, einzeln, in Familien oder Sippen wurden zur Belustigung der Einheimischen regelrecht ausgestellt und dienten der nationalen Selbstfindung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Sie sagten, so wie in Afrika sind wir nicht. Uns geht es seit der Gründung der Schweiz gut. Wir können den Armen sogar helfen. Kombinierte Tier- und Menschenschauen fanden übrigens im Zirkus bis 1964 statt.
Kolonialwarenhändler wurden ab 1800 auch in Bern beliebt. Es gab sie beispielsweise als «Drogerie&Kolonialwaren Salzmann», direkt neben dem Holländerturm. Heute steht da eines der «Starbucks». Das passt! Denn Kaffee gehörte nebst Baumwolle und Takak zu den wichtigsten Importwaren im Dreieckshandel. Namentlich mit dem Tabak kam auch die Nikotin-Sucht nach Europa und Bern. Beispielsweise mit den Berner Offizieren in niederländischen Diensten, die sich nach dem 30jährigen Krieg von 1618 bis 1648 den Wehrturm kauften, um da in Abgeschiedenheit ungestört ihrem verbotenen Verlangen nachgehen zu können.

Lust auf mehr
Die Führung aus dem Hause Cooperaxion ist aus dem Leben gegriffen, anschaulich und lehrreich zugleich. Natürlich inspirierte sie mich zu weiteren gedanklichen Stationen. Etwa vor dem Haus an der Junkerngasse, wo einst der Universalgelehrte Albrecht Haller wohnte. Sein Sohn, verheiratet mit einer Niederländerin, eröffnete einen der ersten Kolonialwarenladen in Bern. Dessen Sohn wiederum, Karl Ludwig, wurde als Autodidakt der führende Staatstheoretiker der Anti-Aufklärer. Mit seinem «Patrimonialstaat» leugnet er das aufkommende Naturrecht vollständig, propagierte dafür den Erhalt der göttlichen Ordnung.
Die Abschaffung der Sklaverei, die während seiner Zeit in halb Europa heiss diskutiert wurde, war für ihn grundlegend falsch: Denn die Sklaverei verdanke ihren Ursprung der Menschlichkeit, indem man Feinde nicht töte, sondern ihnen die Gelegenheit gebe, «beständigen Dienst» zu leisten. Man verkaufe auch nicht Sklaven, sondern das Recht auf deren Arbeit, schrieb Haller 1818. Auch für die Versklavung von Kindern der Sklaven hatte er ein Argument bereit: Im Erwachsenenalter könnten sie die Kosten für Wohnung, Nahrung und Unterricht dank ihrer Erziehung durch Arbeit selber wettmachen.
Da gibt es nach Columbus auch in «BernColonial» noch viel mehr zu entdecken, als man sich bis vor kurzem ausmalte.

Die Niederlande in Bern (Teil 8)

Nimmt man den Index der Globalisierung zur Hand, den die Konjunkturforschungsstelle 2019 publizierte, ist die Schweiz das globalisierteste Land der Welt. An zweiter Stelle liegt übrigens die Niederlande. Beide Länder kommen auf 91 von 100 möglichen Punkten.
Die C&A Mode KG ist da ein typisches Beispiel für ein Unternehmen in Zeit der Globalisierung. Gegründet wurde das Unternehmen 1841 in der niederländischen Gemeinde Sneek (heute Zuidwest-Friesland). Heute ist C&A in 24 Ländern mit mehr als 2000 Filialen präsent und beschäftigt alleine in der Produktion knapp eine Million Mitarbeitende.
Der Firmenname leitet sich von den Namen der Firmengründer ab, die Clemens und August hiessen, abgekürzt C&A. Gerade mal 20-jährig hoben sie das Unternehmen aus der Taufe. Bis heute entspricht die Firmenstruktur nicht dem, wie man sich ein globalisiertes Unternehmen gemeinhin vorstellt.
C&A ist bis heute ein Familienunternehmen. Wer Eigner werden will, muss zur Sippe der Brenninkmeijers gehören, einen niederländischen Pass besitzen und streng entsprechend dem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis leben.
Zahlreiche Mitglieder der Unternehmensleitung leben in der Schweiz, beispielsweise in ländlichen Gebieten am Aegerisee oder am Albis, aber auch in vornehmen Agglomerationsgemeinden von Zürich oder Basel.
In den 1990er Jahre geriet das Unternehmen in die Krise und wurde diversifiziert. Dabei ging C&A in die Cofra Holding AG über, mit Sitz im steuergünstigen Zug. Zur Holding gehören auch Immobilien-, Finanzdienstleistungs- und Private-Equity-Firmen.
Der Wert der Holding soll heute mindestens 25 Milliarden Euro betragen. Damit gehören die Brenninkmeijers zu den reichsten Europäern überhaupt. Manager müssen sich mit 55 Jahren zurückziehen und Firmeneigner ihre Anteile mit 65 verkaufen. Seit der Restrukturierung in den 1990ern dürfen übrigens auch Frauen FirmeneignerInnen werden.
Immer wieder wird in der Öffentlichkeit, angeheizt durch NGOs, zu skandalträchtigem Verhalten der Unternehmen spekuliert. Das gilt etwa für die Verwendung waschaktiver Substanzen, die die Abwasser belasten, aber auch für den Einsatz von Kinderarbeit zur kostengünstigen Produktion. Mehrfach wurden dem Unternehmen auch vorteilhafte Rankings attestiert.
Unabhängig vom Aktienbesitz sind die Stimmenanteile unter den Teilhabern gleichmässig verteilt. Für uns von besonderer Bedeutung ist, dass die Entscheidungen stets im Konsensverfahren gesucht werden. Ziel ist es, Aufspaltungen der begehrten Firma zu vermeiden. Sollte es dennoch zu Streitigkeiten kommen, hat man ein eigenes Familiengericht.
Der Sitz von C&A in Bern ist durchaus interessant. Denn hier, wo wir jetzt stehen, stand dereinst das Restaurant Falken. An diesem Ort residierte vor der Reformation der Bischof von Lausanne. Bern gehörte kirchlich seit dem 13. Jahrhundert zu seinem Bistum und während er in Bern seinen Geschäften nachging, hatte er im Vorläuferbau des Restaurants Falken seinen festen Amtssitz.
In meinem früheren Leben als Meinungsforscher rund um Abstimmungen bin ich nach der Volksentscheidung über die Aufhebung der Pauschalbesteuerung von Ausländern von der Cofra Holding AG eingeladen worden, eine Abstimmungsanalyse zu machen. Die Brenninkmeijers tagten in den Zuger Firmenräumen und interessierten sich vor allem für meine Einschätzungen zu Steuerregimes in der Schweiz.
Meinerseits interessierte mich, ob die Brenninkmeijers gewusst hätten, dass sich ihre Berner C&A-Filiale just im früheren Amtssitz des Bischofs von Lausanne befindet. Sie waren ganz schön amüsiert, verneinten aber ein Vorwissen.
Mein Ausstieg aus der Geschichte zu den Niederlanden in Bern basiert also auf Zufall. Mit der geraden Linie von der Reformation in der Schweiz, zum Calvinismus in den Niederlanden, der Religionsfreiheit im nachrevolutionären Europa hin zum ausserordentlichen Traditionsbewusstsein niederländischer Katholiken ist es also nicht allzu weit her. Es wäre ja zu schön gewesen…
Fertig!
Foto: Stadtwanderer

Die Niederlande in Bern (Teil 7)

Häufig werde ich gefragt, ob der «Holländerturm» in Bern eigentlich eine Windmühle ohne Windflügel sei. Gebäudenamen und -formen legten dies jedenfalls nahe.
Ich muss dies regelmässig verneinen!
Das Gebäude stammt aus dem 13. Jahrhundert und war ursprünglich ein Teil der Stadtbefestigung gegen den natürlichen Graben hin, jetzt als aufgefüllter Bärenplatz bekannt. Die Form dürfte von jener einer «Motte» herrühren, einem mittelalterlichen Wehrtürmen, die auch bei uns verbreitet war.
Der beste Beleg für den Irrtum der populären Namenskunde ist, dass der Name «Holländerturm» erstmals erst um 1896 nachgewiesen ist. Davor hiess er «Raucherturm».
Den anfänglichen Namen hatte er von den Offizieren in fremden Diensten während des 30jährigen Krieges. Als sie nach 1648 aus den Niederlanden nach Bern zurückkehrten, waren viele süchtig und suchten nach einen Ort, um ungestört paffen zu können. Dafür erwarben sie den leerstehenden Wehrturm, bauten die Dachkammer aus und nutzen sie quasi als erstes «Fixerstübli» der Stadt.
1891 feierte man Bern gleich mehreres: zuerst 700 Jahre Stadtgründung, dann 600 Jahre Eidgenossenschaft. Der Raucherturm wurde renoviert und verharmlosend in «Holländerturm“ umbenannt.
Nun kann man diese Namensänderung auch in einem anderen Kontext deuten. Bestehend bleibt der Bezug zur Niederlande!
1891 wird in der Schweiz der 1. August erstmals als Bundesfeiertag begannen. Freisinnige und Katholisch-Konservative schlossen politischen Burgfrieden. Letztere bekamen einen Sitz im bisher rein freisinnigen Bundesrat, eingeführt wurde die Volksinitiative.
Hintergrund dafür waren die Folgen des 1874 eingeführten Referendumsrechts. Die Freisinnigen, die bis dann alle Wahlen gewonnen hatten, verloren nun zahlreiche Volksabstimmung in Serie.
Das zwang sie, ihr Verhalten im Parlament zu ändern. Statt die Mehrheitsmeinung gegen Widerstände durchzudrücken, waren nun Verhandlungen zwischen Mehr- und Minderheit angesagt, um das Ergreifen des Referendums zu vermeiden.
Die Politikwissenschaft sieht darin den Uebergang zur Konsensdemokratie. Zu deren Eigenheiten gehört, dass die politischen Prozesse auf Kompromisse angelegt sind. Das wird der Wettbewerbsdemokratie gegenüber gestellt, bei der, wie beispielsweise in Grossbritannien oder den USA von Wahl zu Wahl die politische Macht neu verteilt und dann ungebrochen ausgeübt wird.
Nun ist der Erfinder dieser Typologie, Arend Lijphart, ein bekannter niederländischer Politologe. Er hat das alternativen Demokratiemuster anhand der niederländischen Demokratie entwickelt. Geprägt wurde sie durch die konfessionelle Spaltung und die vorrangige Vertretung städtischer Interessen im Staat. Beides hat die führende Rolle liberaler Parteien in der Politik geführt.
Das ist ja in der Schweiz ja nicht gross anders. Und, in beiden Staaten war man bemüht, Konsensregeln zu etablieren und den politischen Konflikt zu mindern: die Parität der Konfessionen und die Inklusion ganzer Gesellschaftsgruppen durch politische Vermittlung. Das Proporzwahlrecht steht sinnbildlich dafür, das eine Mehrparteiensystem, aber auch eine Mehrparteienregierung begründet hat.
Gelehrige AnhängerInnen fand Lijphart nicht ganz überraschend bei den PolitikwissenschafterInnen der Uni Bern. Allen voran hat Adrian Vatter eine schweizerische Version der Theorie der Konsensdemokratie entwickelt. Andere wie Alexander Arens und Rahel Freiburghaus stossen da nach. In ihrem jüngsten Beitrag schreiben sie, dass sich die Schweiz von einer idealtypischen Wettbewerbsdemokratie im 19. Jahrhundert (1848-1891) zu einem Extremfall der Konsensdemokratie (1946–92) entwickelt hat. Seit 1993 ist eine Re-Normalisierung zu beobachten. Dabei folgte man über die Zeit Vorbildern aus der USA „“SisterRepublic“), Deutschland („Sozialdemokratie“) und der Niederlande („Konfliktlösung“).
Lijphart bemerkte allerdings einmal, die neuerlich intensive Beschäftigung mit dem Konsensmodell sei eine Folge ihres schrittweisen Zerfalls. Das begann in der Niederlande früher ein als in der Schweiz, wird aber in beiden Staaten sichtbar.
Eine Ursache dafür ist der tiefgreifende Wandel der Religionslandschaft. So ist in den Niederlande seit 2015 die Mehrheit der EinwohnerInnen konfessionslos; in der Schweiz waren es bei der jüngsten Erhebung 25 Prozent, Tendenz steigend!
Dahinter stehen Entkirchlichung der Gesellschaften durch Säkularisierung. das erlaubt individualisierte Lebensläufe. Es trifft die reformierten Glaubensgemeinschaften stärker als die katholische. Ihre Zahl ist denn in beiden Ländern hinter die der Konfessionslosen, aber auch der Katholiken zurückgefallen.
Vielleicht sollte man vor dem Holländerturm über diese Tendenzen des sozialen und politischen mehr nachdenken, als nach den jederzeit inexistenten Windflügel zu suchen. Prominent hingewiesen wurden wir nämlich durch einen niederländischen Wissenschafter.

Die Niederlande in Bern (Teil 6):

In seinen Grundzügen entstand der heutige Bundesstaat 1848. Im globalen Vergleich war die Demokratie, die so entstand, fortschrittlich; heutigen Anforderungen an die Demokratie mag sie nun bedingt genügen.
Das Volk wählte den Nationalrat im Mehrheitsverfahren, die Kantone, in der Regel vertreten durch ihre Parlamente, bestimmten die Ständeräte. Die Bundesrat ging aus einer Wahl in der Vereinigten Bundesversammlung hervor. Ein parlamentarisches Regierungssystem, wie man vermuten könnte, ging daraus jedoch nicht hervor. Weder konnte das Parlament die Regierung vorzeitig entlassen, noch war es der Regierung erlaubt, das Parlament aufzulösen.
Beides regelte die erste Bundesverfassung mi festen, damals dreijährigen Amtszeiten. Die jungen Institutionen sollten so geschützt werden. Vorgesehen war nur ein vage formuliertes Vorgehen für eine Totalrevision, nicht für Partialrevisionen. Denn die damalige Bundesverfassung galt als wichtigste Garant für die Unabhängigkeit des Landes.
Trotzdem musste man die Bundesverfassung verbessern könnten. 1874 war dies mit der ersten zuerst geglückten Totalrevision der Fall. Dazwischen gab es Probleme. Denn man hatte die Menschenrechte, welche 1789 die Französische Revolution deklariert hatte, nur beschränkt umgesetzt. Namentlich fehlte eine Garantie der Religionsfreiheit. Sie galt nach schweizerischem Verständnis nur für beiden christlichen Konfessionen römisch-katholisch und evangelisch-reformiert.
Als sich der junge Bundesstaat anschickte, mit dem Ausland lebensnotwendige Freihandelsverträge abzuschliessen, sollte genau das eine diplomatische Krise auslösen.
Allen voran ging 1863 ausgerechnet das Königreich der Niederlande! Denn die Niederländer hatten mit die Religionsfreiheit bereits fest verankert. Mit dem Hinweis auf die fehlenden Grundrechte der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz verweigerte das Königreich die Ratifizierung des vorbereiteten Freihandelsvertrags. Das Kaiserreich Frankreich doppelte nach, indem es mit der gleichen Begründung auf Verhandlungen mit der Schweiz gar nicht eintrat. Das Veto des Nachbar hatte Gewicht!
Innert Jahresfrist akzeptierte das eidg. Parlament in der Bundesstadt Bern die Bedingung. Vorangegangen war allerdings eine hitzige Debatte zur Niederlassungsfreiheit der Juden resp. der Kantonssouveränität. Schließlich entschied man sich für Ersteres.
Mit der Ratifizierung der Handelsverträge mit Frankreich und der Niederlande begannen die innenpolitischen Probleme jedoch erst. Denn neuen Niederlassungsrechte galten nur für die Juden dieser Länder, nicht aber für alle anderen, auch nicht für die Schweizer Juden. Der Bundesrat lancierte darauf hin das erste eidgenössische Abstimmungswochenende. Entschieden wurden über neun einzelne Vorlagen.
Am 14. Januar 1866 war soweit: Angenommen wurden jedoch nur der neue Verfassungsartikel zur Niederlassungsfreiheit. Er stellte hierzu alle Schweizer Bürger, also auch die jüdischen. gleich. Alle anderen Neuerungen lehnte der Souverän jedoch mehrheitlich ab. Dazu zählte das Stimm- und Wahlrecht für alle Niedergelassene auf kommunaler und kantonaler Ebene, ihre Besteuerung und die generelle Glaubens- und Kultusfreiheit. Erst mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 wurden diese Einschränkungen aus dem Weg geräumt und die Gleichstellung der Juden auch in politischer und religiöser Hinsicht gewährleistet.
Rückblickend kann man sagen, Wirtschaftsinteressen der Schweiz brachten Fortschritte bei den Menschenrechten, die man bis anhin verweigert hatte. Allerdings war es kein freier Wille, sondern Druck aus dem Ausland, den ausgerechnet zwei Monarchen, allen voran der König der Niederlande, vorbereitet hatte!

‪Niederlande in Bern (Teil 5):‬
Zurück zu Teil 4

‪Mit der französischen Revolution ändern sich aber die Verhältnisse grundlegend: Aus den Niederlanden wird eine Monarchie, die Schweiz bleibt eine Republik.‬
‪Napoleon hatte ein unbekümmertes Verhältnis zu Grösse. Unterworfene Staaten nannte er nach ihren mythischen Ursprungsvölkern. Aus den Niederlanden wurde die Batavische Republik, aus der Eidgenossenschaft die Helvetische Republik. Beides erinnerte an keltisch-germanische Stämme, die nach der Eroberung durch die Römer in einer neuen fränkischen Gesellschaft aufgingen. ‬
‪Die Batavische Republik wurde allerdings nur 11jährig; sie dauerte von 1795 bis 1806. Am Anfang stand ein von Frankreich diktierter Friedenvertrag. Er auflegte den neuen «Bataviern» 100 Millionen Gulden Kriegsschulden, und sie mussten 25000 Soldaten für die französischen Armee stellen. Beide Staaten gingen dafür eine umfassende Militärallianz ein, vor allem gegen Grossbritannien, aber auch gegen Oesterreich gerichtet. ‬
‪Die Staatsform war nun eindeutig zentralistisch. Die frühere Konföderation mit der Provinz Holland als «Vorort» wurde überwunden. Realisiert wurden mit dem neuen Regime Ansätze der Menschenrechte und der Demokratie. Zu ersteren gehörte die neu eingeführte Religionsfreiheit. Um die demokratische Entwicklung zu beschleunigen, kam es 1798 zum ersten Staatsstreich; dessen Errungenschaften wurden jedoch 1801 im zweiten Staatstreich wieder zurückgenommen. ‬
‪1806 beendete er das republikanische Experiment ganz, indem er seinen Bruder Louis als neuen König von Holland einsetzte. Damit war auch die Spur hin zur bleibenden Monarchie gelegt, wie wir heute wissen. Der Wiener Kongress schuf 1815 einzige eine grössere Monarchie mit dem heutigen Belgien, das sich aber 1830 bereits wieder abtrennte.‬
‪1795 verfolgte das regierende Direktorium in Paris noch die Absicht, der modernen Republikform als Alternative zu den vorherrschenden Monarchien den Durchbruch zu verschaffen. Entstehen sollten revolutionäre Tochterrepubliken. Das wollte Napoleon auch, als er 1798 die Eidgenossenschaft besetzen liess. Wiederum sollte eine zentralistisch gesteuerte Tochterrepublik entstehen. Frankreich war auch auf der Siche nach militärischen Verbündete, diesmal allerdings mehr gegen Oesterreich und Russland gerichtet.‬
‪Mit der Helvetischen Republik gingen auch demokratische Neuerungen einher. Alle Erwachsenen Männer der Helevtischen Republik erhielten nun das Wahlrecht. Die Behörden konnten sie zwar nicht direkt wählen, aber Wahlmänner, die ihrerseits das Parlament wählten. ‬
‪Widerstand erfuhr Frankreich bei den «Helvetiern» bei der Realisierung der Religionsfreiheit. Das Parlament der Republik entschied sich, eine christliche Nation zu sein, was sich direkt gegen die Gleichstellung der Juden richtete. ‬
‪In der Helvetischen Republik wurde wie in der Batavischen „geputscht“, hier gleich vier Mal. Am Ende eskalierte alles in einen Bürgerkrieg. Der entzündete sich ausgerechnet an der ersten Verfassungsabstimmung in der Schweiz. Mit der wollte Napoleon einen Ausgleich zwischen Zentralismus und Regionalismus schaffen, erfolglos! Nötig wurde eine weitere Verfassung ohne demokratische Legitimation einzuführen. ‬
‪In der Schweiz wurde das revolutionäre Projekt bereits 1803 nach nur sechs Jahren beendet. Geschaffen wurde jetzt ein Bundesstaat mit ausgedehnten Kantonsrechten. Zu den 13 alten Orten kamen neu auch sechs «napoleonische» Kantone hinzu. Der Wiener Kongress fügte 1815 drei weitere Kantone hinzu und legte erstmals die Grenzen der «Schweizerischen Eidgenossenschaft» fest. ‬
‪Zwangsläufig war die so gefestigte republikanischen Grundstruktur allerdings nicht. 1806, als Frankreich das Königreich Holland schuf, spekulierte man auch damit, ein Königreich Baden aus dem Grossherzogtum Baden im heutigen Südwesten Deutschlands und der deutschsprachigen Schweiz zu schaffen. Diese wäre so in die zähringische Wiege zurückgelegt worden. ‬
‪Nicht auszudenken, was mit uns passiert wäre, wenn dieser Fusionsplan geschaffen worden wäre!‬

Die Niederlande in Bern (Teil 4)
zurück zu Teil 3 („Republiken, Republiken, Republiken„)

Ihre Heimat war das osmanische Reich, heute vereinfacht gesagt die Türkei. 1592 schrieb der niederländische Gelehrte Carolus Clusius ein Buch über sie, das sie über Nacht begehrt machte. Die Rede ist von den Tulpen aus Holland. Sie sollten Wirtschaftsgeschichte schreiben, und das bis nach Bern.
Angefangen hatte alles mit der Eröffnung der Amsterdamer Börse 1612. Gehandelt wurden da unter anderen Tulpeneinkäufe. Eine eigentliche Tulpenmanie entstand. Namentlich in den 1630er Jahren erreichte sie bisher unbekannte Ausmasse. Sie liess die Preise ins Unermessliche steigen. 1637 stürzten sie jedoch ebenso unermesslich ab.
Geplatzt war damals die erste Spekulationsblase der Geschichte. Nun war nur noch vom Tulpenschwindel die Rede. Selbst in Bern zeitigte er Auswirkungen. Denn auch hier hatte man sich fleissig an der neuen Einkommensmöglichkeit in Amsterdam beteiligt. Verdienen ohne zu arbeiten kannte das Berner Patriziat ja bereits bestens.
Oekonomisch wichtiger und politisch umstrittener waren im 17. und 18. Jahrhundert jedoch die fremden Dienste. Da man selber kein stehendes Heer hatte, könnte man reichlich Söldner liefern. Traditionellerweise war das für Frankreich der Fall. Allerdings gab es kein Monopol, nicht zuletzt, weil Frankreich katholisch war. Die calvinistische Niederlande bot da für reformierte Orte wie Bern eine willkommener Ausweg.
Tragischer Held meiner Ortsgeschichte ist Gabriel von May. Seine Familie war Ende des 15. Jahrhunderts als Zitronenhändler aus Norditalien nach Bern gekommen. Da steig sie wegen des unternehmerischen Talents rasch in die führenden Kreise auf. Das von Mayhaus mit dem prunkvollen Erker zeugt bis heute davon.
Gabriel wurde 1661 als Sohn eines Kleinrats und damit Regierungsmitglieds in Bern geboren. 32jährig trat er auf niederländischer Seite in das Berner Regiment von Müllinen ein. Als dessen Eigentümer avancierte er nach mehreren Feldzügen im Span. Erbfolgekrieg 1709 zum Brigadier.
Da führte er im gleichen Jahr in Malplaquet, heute in Belgien gelegen, sein Regiment in die Schlacht zwischen Frankreich und den Niederlanden. Und er traf am 11. September 1709 auf seinen Vetter Hans-Rudolf, ebenfalls Brigadier, aber für Frankreich arbeitend.
8000 Eidgenossen blieben an diesem Tag für das Königreich resp. die Republik auf dem Feld liegen.
Das Ereignis sorgte für beträchtlichen Wirbel in der europäischen wie auch eidgenössischen Oeffentlichkeit. Selbst die Tagsatzung musste sich mit dem ausserordentlichen Fall beschäftigen und erliess eine Weisung. Fast 100 Jahre kämpften danach Eidgenossen in einer Schlacht nicht mehr auf beiden Seiten.
Gabriels Aufstieg im aristokratischen Bern trug das Desaster jedoch keinen Abbruch. Er quittierte den Militärdienst nach der Schlacht, heiratete Juliana Effinger aus gutem Hause und politisierte als Grossrat. 6 Jahre lang war er zudem Landvogt in Moudon. 1735 wurde er, wie sein Vater es gewesen war, Kleinrat.
Eine richtige Katastrophe für das damals überaus reiche Berner Patriziat ereignete sich noch zu seinen Lebzeiten. Wiederum stand 1720 ein Börsencrash am Anfang, diesmal aber nicht in Amsterdam, sondern in Paris und London gleichzeitig. Das florierende Privatbankenwesen Berns wurde dabei arg in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte sich nicht mehr wirklich erholen und ist seither keine führende Branche mehr, wenn es um Geschäfte in Bern geht.
Bild: Schlacht von Malplaquet, 11.9.1709 (Sammlung Online-Belvedere)

Niederlande in der Schweiz (Teil 3)
Zurück zu Teil 2: Wie die Reformation die frühe Niederlande begründete.

Wir stehen vor dem Gerechtigkeitsbrunnen aus dem Jahre 1543. Er steht in seiner ganzen Symbolik für die Reformation, versteckt auch für die Republik. Auf dem Postest steht Iustitia mit verbundenen Augen und der Waage in der Hand. Das meint, das Recht soll unabhängig von der Herkunft gelten. Die Frauenfigur überragt auch alle damaligen Herrscher: den Kaiser, den Papst, den Sultan und … ja, bei der vierten Männerfigur gehen die Deutungen auseinander: Die Geschichtsforscher sehen in ihm den deutschen König, die Lokalhistoriker den Berner Schultheiss. Warum?
1576 war ein einschneidendes Jahr für die damalige Staatstheorie. Zuerst veröffentlichte der Franzose Jean Bodin seine «Six livres de la République». Dann doppelte der Josias Simler mit «De Republica Helvetorium» aus der Eidgenossenschaft nach.
Bodins Werk begründete die neue Souveränitätslehre. Demnach war nicht nur der Kaiser souverän. Vielmehr plädierte er für eine wohlgeordnete Monarchie mit Gesetzen, Republik genannt.
Bodin behandelte auch die Eidgenossenschaft, die er als aristokratischen Staatenbund charakterisierte, entstanden aus einer Liga verbündeter Orte im Kaiserreich. Genau das führte der Theologe Simler mit der ältesten Landeskunde der Schweiz aus.
Traditionell geblieben seien Kantone wie Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug und Appenzell mit ihren Landesgemeinden. Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern waren Patriziate mit Grundbesitzern in den Städten lebten. Zürich, Schaffhausen und Basel wiederum kannten Zunftregimes mit einer gewerblich ausgerichteten Führung der Stadt. Für ersteres verwendete er den Begriff der Demokratie, für letzteres den der Republik.
Simlers Landeskunde erschien, wie es sich noch gehörte, in Latein, wurde aber auch ins Deutsche und Französische übersetzt. Und, man staune,1613 auch ins Niederländische!
Denn nur drei Jahre nach Erscheinen des Buches in Zürich hatten die Niederländer ernst gemacht mit der neuen Staatsform. Wilhelm I. von Oranien, den wir bereits kennen gelernt haben, führte den Kampf gegen die herrschenden Habsburger aus Spanien an. Diese waren selbstredend Katholiken. Die niederländische Opposition hingegen war calvinistisch. Schriften eines reformierten Theologen aus der Schweiz interessierten da!
Die Geschichtsschreibung beschäftigt sich seither gerne mit dem Vergleich der Niederlande und der Schweiz. Denn nach den traditionellen Republiken in Venedig und Genua waren sie die ersten, die mit der neuen Staatsform experimentierten. Zu ihrer Zeit begingen sie also einen Sonderweg.
Die gemeinsamen Ursprünge der neuen Republiken von damals liegen im Unabhängigkeitskrieg gegen Habsburg. Die Eidgenossen fochten ihn von 1315 und 1477 in einem 160jährigen Prozess aus. Die Niederlande brauchte von 1568 bis 1648 halb solange 80 Jahren.
In den Niederlanden verliefen Reichstrennung und Reformation gleichzeitig. Das führte zum Bruch. Anders in der Eidgenossenschaft, wo beides nacheinander geschah. Die Reformation verstärkte nur die Entfremdung vom Reich in ihren Orten. Der westfälische Friede war ein Einschnitt, aber kein gänzlicher Bruch.
1648 entstand die Republik der sieben Provinzen als eigener Staat. Die Eidgenossenschaft bezeichnete der Friedenvertrag als „Corpus Helvetiorum“ als „Staatenbund der Helvetier“.
Das hatte auch Gründe im Innern. Die Reformation in den Niederlanden verlief uniformer. Holland war in der Konföderation immer das Machtzentrum. Und die Oranier sahen sich stets in der Rolle eines Quasi-Monarchen. In der Eidgenossenschaft blieben die lokalen Unterschiede, der Regionalismus und die Wachsamkeit, das keine Zürcher oder Bern zu stark werden konnte.
So haben die frühneuzeitliche Niederlande und Eidgenossenschaft durchaus Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede!

Niederlande in Bern (Teil 2)

Ohne es zu wollen, erschütterte Martin Luther 1517 nicht nur die Glaubenseinheit des christlichen Abendlandes. Er machte auch das christliche Bekenntnis in seinen verschiedenen Formen zu einem wirksamen Instrument im Kampf um Einfluss und Macht in Europa.
Alles begann mit seinem Thesenanschlag in Wittenberg. Am Ende setzte sich im Kaiserreich der Grundsatz «Cuius regio, eius religio» (Wessen Gebiet, dessen Religion.) durch.
Die Eidgenossenschaft war ein frühes Zentrum an Reformationen. Zuerst in Zürich, dann in Bern und schliesslich in Genf setzten sich die Ideen der Neugläubigen durch. Das blieb nicht ohne Gegenwehr. 1529 und 1531 fanden die ersten Religionskriege in Europa auf eidgenössischem Boden statt. Das spaltete die Kantone in konfessionelle Lager.
Erst mit den 1550er Jahren trennte man die verschiedenen reformatorischen Kirchen deutlicher. Das war ein Vorwirkung des Augsburger Religionsfriedens von 1555, der die Lutheraner im Kaiserreich anerkennen, die Calvinisten aber verbieten sollte. Dafür breiteten sich die Hugenotten in Frankreich aus, bis sie 1685 definitiv vertrieben wurden und als Flüchtlinge unter anderem in die Schweiz kamen.
In den Niederlanden wurden die Calvinisten zur vorherrschenden Konfession der Gegner der herrschenden habsburgischen Spanier. 80 lange Jahr lag man miteinander im Krieg. 1579 formierten die sieben nördlichen Provinzen den ersten republikanischen Staat der Niederlande. 1648 legalisierte der Westfälischen Friede diesen Status.
Der «30jährige Krieg» davor verwüstete halb Europa. Gleich zu Beginn des Krieges versammelten die niederländischen Calvinisten auf der Synode von Dordrecht Glaubensbrüder. Auch die Schweizer Reformierten waren dabei. Propagiert wurden eine strenge Lehre und ein gemeinsamer Buss- und Bettag.
Die Schweiz übernahm letzteres, entwickelte aber eine eigene Tradition. Denn man blieb von Krieg und der Pest weitgehend verschont. Selbst die hiesigen Katholiken dankten dankten , wenn auch an einem anderen Tag.
Die Niederlande und die Schweiz sind bis heute als konfessionell gemischte Staaten. Anders als in Belgien oder Oesterreich verlor die römisch-katholische Kirche ihre Vormachtstellung. Anders als in England, Schottland oder Schweden etablierten sich aber keine neuen Nationalkirchen.
Das sollte die politische Kultur der beiden Länder prägen. Davon wird noch die Rede sein.

Niederlande im Bern (Teil 1)


© Urs Baumann

Wie hiess der griechische Meeresgott? Poseidon! Das weiss man doch aus den Beschreibungen der Seefahrten Homers.
Aber Arausio? Das war der ligurischen Wassergott, der das Meer des Volkes von Genua mit Ausläufern ins Rhonetal schützte. Seit die Germanen 105 vor Christus in Arausio die Römer schlugen, weiss man auch um einen Ort mit diesem Namen.
Im Mittelalter wird durch Lautverschiebung daraus «Orange», heute im südfranzösischen Departement Vaucluse gelegen. Ein örtlicher Bischof ist seit dem 3. Jahrhundert nach Chr. nachgewiesen, ein Graf seit dem 9. Jahrhundert. Genau auf diese Grafen hatte es Kaiser Friedrich I. Barbarossa abgesehen, als er versuchte, das ehemalige Königreich Burgund im Rhonetal ins Kaiserreich einzubinden. 1163 beförderte sie zum Prinzen von Orange. Damit macht er die neuen Reichsfürsten zum Getreuen des Kaisers.
19 Prinzen von Orange kennt die Geschichte, bevor der regionale Adel ausstarb. Doch es blieb der Titel. Per Erbschaft ging er an das Haus Nassau in den Niederlanden. Der historisch bekannteste Naussauer war Wilhelm I., der sich zwischen 1544 und 1584 Fürst von Orange und Statthalter von Holland nannte. Er gilt als wichtigster Anführer des niederländischen Aufstandes gegen die habsburgischen Spanier, welche damals die Niederlande regierten. Der 80jährige Unabhängigkeitskrieg endete erst mit dem westfälischen Frieden von 1648 mit dem Austritt aus dem Kaiserreich.
Das war die Geburtsstunde der Niederlande. Wilhelm von Orange, niederländisch Willem van Oranje, ist deshalb der eigentliche Stammvater der Niederländer, der die Farbe Orange in den kontinentalen Norden brachte. Daran erinnern heute sowohl das niederländische Königshaus wie auch die niederländische Nationalmannschaft im Fussball. Beide heissen bis dato „Oranje“.
Letzteres weiss in Bern seit der Euro08 jeder Erwachsene. 100000 Fans aus Niederlanden begleiteten ihre Stars in die Bundesstadt, wo sie allerdings im Viertelfinale gegen Russland ausschied, wenn auch erst in der Verlängerung. Die Kornhausbrücke heisst seither “Korenhuisbrug”, selbstredend in oranger Farbe.
Nur der Bezug zu Arausio, dem ligurischen Wassergott, ist fast ganz in Vergessenheit geraten.
Foto © Urs Baumann

Am 16.6. bin mit ich mit der #SPAG, der Schweizerischen Public Affairs Gesellschaft, in Bern unterwegs. Thema wird das Lobbying in Bundesbern sein. Die Tour ist ganz neu, ein eigentlicher Primeur erwartet die Teilnehmenden. Es kann sein, dass sie sich als Gäste und als Akteure wiederfinden werden …
Am 30.6. folgt dann gemeinsam mit dem Sekretariat der #KdK, der Konferenz der Kantone/ch Stiftung ein Rundgang durch Murten. Auch diese Tour ist ziemlich neu. Ich habe sie ja jüngst hier auf Facebook vorgestellt.
Die Corona-Verhaltensregeln, die dann gelten werden, werden eingehalten.
Weitere Wanderungen im Juli und August sind in fester Planung. Ich werde sie ankündigen. InteressentInnen können sich direkt bei mir melden. Bevorzugt werden Gruppen zwischen 8 und 20 Personen, die sich eine rund 1,5stündige Thementour wünschen.
Nie mehr kopflos durch eine Stadt gehen!

Wie soll man eine Führung durch Murten beenden? Ich denke, der Sprung der traditionsreichen Stadt in die Moderne ist angezeigt. An Ereignissen und Stationen bieten sich an:

 der Eisenbahnbau und der Bahnhof
 der Tourismus und der Hafen
 die Juragewässerkorrektion und Seesenkung.

Ich habe mich für letzteres entschieden. Und so stehen wir, mit wunderbarem Ausblick, vor dem Wasserstandsmelder.

Ohne die Juragewässerkorrektion wäre das Seeland immer noch das, was der Name sagt: ein Seengebiet bei steigendem Wasser, ein Sumpfgebiet bei sinkendem. Denn ohne tiefgreifende Eingriffen in die Natur waren trat die Aare immer wieder über das Flussbett hinaus in die Weite. Überschwemmungen waren die Regel. Hauptgrund war, dass die Aare zwischen Thun und Büren fast kein Gefälle hat. Deshalb wurde sie an vielen Orten schnell vom Fluss zum See. Betroffen waren auch verschiedene Zuflüsse: die Emme ab Burgdorf, die Schüss ab Biel/Bienne und die Broye bis fast ins Quellengebiet hinauf. Letzteres hatte zur Folge, dass auch der Murtensee wiederkehrend anschwoll.
Für die Betroffenen stellten die Überschwemmungen eine dauerhafte Gefahr dar. Eine Naturgewalt zeigte sich beispiellos. Und Seuchen breiteten sich aus. Es ist absolut verständlich, dass man das zu verhindern suchte.
Lange reichte die Technik nicht aus, um die Katastrophen zu bewältigen. Den nötigen Fortschritt brachte erst das 19. Jahrhundert. Doch es brauchte mehr: Es war auch ein Verbund nötig, um die Herausforderungen politisch zu meistern.

Die Geschichte des Juragewässerkorrektion ist eine Geschichte des frühen Schweizer Bundesstaates. Die Kantone, die vormals wie Kleinstaaten auftraten, waren nicht in der Lage, ein solches Grossprojekt zu stemmen. Planung, Finanzen und Durchführung waren eine exemplarisch nationale Aufgabe.
Die Initiative kam aus Nidau, genauer gesagt vom Arzt Rudolf Schneider. Dieser gründete 1833 in Murten eine private Aktiengesellschaft, die das Projekt vorantreiben sollte. 1840 kam der Bündner Ingenieur Richard La Nicca hinzu, Er hatte schon mehrere Grossprojekte in der Ostschweiz geleitet. Bereits nach zwei Jahren stand sein Plan: Die drei Seen – Murten-, Neuenburger- und Bielersee – sollten zusammen ein Ausgleichsbecken bilden, das Überschwemmungen vermeiden konnte. Dazu musste man deren Seespiegel im Schnitt jedoch um 2,5 Meter senken.
Ein Bauwerk von bisher unbekannter Grösse wurde nötig!
Es brauchte vier Kanäle, um die mäandernde Aare zwischen Aarberg und Büren still zulegen. Durch den Hageneck-Kanal sollte sie neu in den Bielersee fliessen und mit dem Nidau-Büren-Kanal wieder in das alte Flussbett zurückgeführt werden. Korrigiert werden sollte auch die Zihl mit einem Kanal zwischen dem Neuenburger- und Bielersee, ebenso die Broye zwischen dem Murten- und Bielersee.

1868, 20 Jahre nach der Gründung des Bundesstaates, legte man los. Nach 23 Jahren war die erste Phase vorbei. Die zweite begann 1935 und ging weitere 38 Jahre. Dabei erreichte man den heutigen Stand. 2018 leitete man eine dritte Phase ein, die nochmals 30 Jahre dauern und das Grosse Moos betreffen soll.
Der Murtensee wurde zwischen 1876 und 1880 gesenkt. Der Seespiegel verringerte sich von 433 auf 430 Metern. So entstand ein trockengelegter Streifen von 40 bis 60 Meter Breite, der den See von Murten wegrückte. Nötig wurde dadurch ein neuer Hafen, den man nach einigem hin und her 1895 eröffnen konnte.

2015 ergab eine Umfrage von economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Unternehmen, bei 13000 Menschen in der ganzen Schweiz, Murten sei die Stadt mit der höchsten zugeschriebenen Lebensqualität. Die Ordentlichkeit der Kleinstadt trägt dazu bei, aber auch die Schönheit der Landschaft war ausschlaggebend. Ohne Melioration des Sumpfgebietes wäre es nie so weit gekommen.
Wie wichtig die Bändigung des Seelandes ist, wissen wir aus Erfahrung. In guten Zeiten ist das Seeland unser nationaler Gemüsegarten. In schlechten können sich die Überschwemmungen der Aare bis tief in den Aargau hinunter auswirken. Das haben uns die grossen Unwetter im 21. Jahrhundert mehrfach gezeigt.
Heute nutzt man das neu entstandene Hafengebiet vor allem touristisch. Ein Teil der Expo.02 fand hier statt.

Nun ist die Pantschau, wie man das Flachgebiet zwischen dem Murtner Ryf und dem See nennt, nicht nur ein Ort von nationaler Bedeutung. Auch in meiner Biografie spielt sie eine Rolle.
Ich habe da 1977 meine ersten Drillübungen in der Rekrutenschule erlebt. Ich habe versprochen, auf meiner Führung ausser der Story rund um meine Fliege darüber nichts Genaues zu erzählen. Eine Ausnahme mache ich noch.
In den ersten RS-Tagen lernten wir auf der Pantschau das militärische Antreten:
«In Formation Sammlung!»
Das bedeutet, man solle in Reih und Glied antreten.
Der gesellschaftlich interessierte Rekrut, der ich damals schon war, verstand allerdings:
«Information Sammlung!».
Ich nahm das als Befehl, die Gäste am See zu befragen, was sie von der Armee hielten. Es war quasi meine erste Umfrage!
Mir gefiel das, meinen Vorgesetzten deutlich weniger.
Damals litt ich; heute lache ich!
Fertig.

1848 brach in halb Europa eine Revolution aus. Meist wurde sie vom Bürgertum getragen, teilweise auch von der Arbeiterschaft. Der Schweizer Bundesstaat entstand in diesem Umfeld. Er ist das einzige Projekt aus dieser Zeit, der Bestand hatte.
Der Bundesstaat brachte den Freisinn hervor, ein Zusammenschluss aus Liberalen und Radikalen. Sie übernahmen nach einem Bürgerkrieg die Macht im ganzen Land. Im Oktober 1848 bestätigten die ersten landesweiten Parlamentswahlen die neuen Verhältnisse.


Quelle: Wikipedia

Murten war Trendsetterin. Wie in allen anderen Städte hatten die Bürger 1798 unter Frankreich die wichtigsten Freiheiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur erhalten. Besonders wirkte hier aber die Kantonszuteilung. Denn 1803 kam das reformiert-liberale Murten ausschließlich zum katholisch-konservativen Kanton Freiburg. Da führten zumindest im Schulwesen erzkonservative Jesuiten das Szepter, protegiert von der patrizisch ausgerichtete Kantonsregierung.
1830 brach im Kanton Tessin, den seinerzeit Napoleon geschafften hatte, die bürgerliche Revolution aus. Rasch vermehrte sie sich auch nördlich der Alpen. Auch in Freiburg wurde die alte Regierung gestürzt.
Murten jubilierte!
Es sollte der Startschuss für den Aufstand der Stadt gegen die Kanton werden.

Das neue Selbstbewusstsein des Städtchens drückte sich am besten im frisch gebauten Schulhaus aus. Geplant wurde es im Auftrag der Stadt von Johann Jakob Weibel, der in München Architektur studiert hatte und die dortigen Bauten gut kannte. Von da übernahm der den biedermeierhaft wirkenden Stil – typisch für erwachende Bürgertum im ländlichen Umfeld.
Auffällig war auch der Ort. Waren die Schulen Murtens bisher bei den Kirchen und an der Schulgasse, verliess man nun die Altstadt. Das Schulhaus kam vor die Tore zu liegen, ein Zeichen der Offenheit und des weiten Blick auf das Land werden. 1839 war der Bau fertig, ab 1840 wurde hier unterrichtet.
Die Schule sollte eine neue Generation Murtner hervorbringen. Und sie setzte dafür auf neue Lehrer. Einer von ihnen war Johann Kaspar Sieber, ein richtiger Radikaler aus dem Kanton Zürich. Politisch warb er für einen Zentralstaat, ganz so, wie es seinerzeit die Franzosen wollten. Selbst die Bezeichnung als «Jakobiner» schreckte ihn nicht.
Lehrer Sieber unterrichtete mit Begeisterung Mädchenklassen. Es waren politische Lektionen. Doch übersah er in seinen engagierten Schulstunden, dass der Wind gekehrt hatte. Die Konservativen erstarkten in den 1840er Jahren zusehends.

Am 9. Juni 1846 ging der Grosse Rat in Freiburg in die Offensive. Er schloss den Kantons dem katholisch-konservativen Sonderbund an. Dieser hatte sich in aller Heimlichkeit in der Innerschweiz gebildet, um den unveränderbaren Bundesvertrag von 1815 zu verteidigen. Dafür hatten man die Unterstützung von Fürst Metternich in Wien erhalten.
Irrtümlicherweise publizierte Freiburg die Entscheidung. Was öffentlich bisher niemand kannte, wurde rasch Allgemeingut. Der schwelende Konflikt zwischen Modernisten und Traditionalisten eskalierte. 1847 kam es zum Sonderbundskrieg, in dem die Liberalen und Radikalen siegreich waren. Ihr Hauptmerkmal: Sie waren antiklerikale Freigeister!
In Murten löste schon der Beitritt zum Sonderbund einen Aufstand aus. Reformierte Bürger und Bauern versammelten sich in der Deutschen Kirche. Da beschloss man eine Resolution, die ans Eingemachte ging: Murten solle sich vom verhassten Kanton trennen!

Nun bliess auch die Murtner Lehrerschaft zum Angriff auf Freiburg. Allerdings waren die Revoluzzer schlecht gerüstet. Bereits im nahen Courtepin endete der Marsch. Hätte man die Hauptstadt erreicht, wäre es wohl zum grossen Gemenge gekommen. Denn aus Bulle und Estavayer hatten die Katholisch-Konservativen Verstärkung erhalten.
Murten wurde als Rädelsfrüher gegen die Obrigkeit verurteilt. Das brach den örtlichen Radikalismus. Als Lehrer Sieber zurückkehrte, war er seine Stelle bereits los.
Neu wandte sich der Ex-Lehrer der Publizistik zu. Er wurde Journalist und leitete die religionskritische Zeitung «Der Wächter». Mit Worten ging er nun auf die Kleriker und ihre Macht los.
1848, nur wenige Tage nach der Gründung des neuen Bundesstaates, wurde Sieber über die Kantonsgrenze spediert.
Just als in Europa die Revolution ausgebrochen war, beendete sie Murten förmlich.

Sieber machten seinen Weg trotzdem: In Uster wirkte er zuerst als Sekundarlehrer. Da machte er sich für den Uebergang von der repräsentativen zur direkten Demokratie stark.
1869 wählte ihn der Zürcher Souverän als Vertreter der Demokraten in den Regierungsrat. Da war er jahrelang Erziehungsdirektor des Kantons Zürich. 1878 verstarb er im Amt.
Die Gedenktafel in Uster ziert der Spruch: „Das Volk ist es wohl wert, dass man ihm die Wahrheit ganz und unverhüllt sage.“

Wer ist der bekannteste Sohn Murtens? Albert Bitzius, besser bekannt als Jeremias Gotthelf, wurde am 4. Oktober 1797 im reformierten Pfarrhaus in Murten geboren. Bei seinem Tod am 22. Oktober 1854 in Lützelflüh im Emmental kannten ihn alle als den bernischen Schriftsteller par excellence. Der Wegzug seiner Familie aus Murten ist symptomatisch für das Ende der Gnädigen Herren aus Bern in Murten.

Auf das Ancien Régime der 13 privilegierten Orte, welche bis 1798 die Eidgenossenschaft bildeten, folgte die Herrschaft der Franzosen. 1815 beendete der Wiener Kongress diese Epoche, und die darauffolgende Restauration stellte die alten Verhältnisse wieder weitgehend her. Erst die Regeneration von 1830 durch liberale Kräfte und die Gründung des Bundesstaates 1848 wiesen in die moderne Zukunft.
Die Gesellschaft verabschiedete sich in den 100 Jahren von 1750 bis 1850 von den vorherrschenden wirtschaftlich-religiösen Gemeinschaften. Dank der Aufklärung begann man, Religionskritik zu üben. Man lobte das Individuum. Der befreite (männliche)Bürger, wirtschaftlich erfolgreich und politisch mündig, wurde zum Leitbild.
Galt vormals, dass es für alle gut ist, wenn es dem Kollektiv gut geht, kam die Losung auf, dass es für alle gut ist, wenn es dem Einzelnen gut geht.


Quelle Historisches Lexikon der Schweiz

Wer unter den Gnädigen Herren in Freiburg und Bern in Murten etwas besondere sein wollte, war Burger gewesen. Das waren Einheimische, die vom Burgernutzen profitieren konnten. Sie konnten im Wald Holz beziehen, auf die Jagd gehen und im See fischen. Wenn sie heirateten oder ein Haus bauten, gab es einen Zustupf. Verarmten sie, gab es eine gemeinschaftliche Unterstützung. Schlechter gestellt waren die Frauen, die Knechte, Gesellen und, wo es sie noch gab, die Leibeigenen.
Nach dem Vorbild Berns und Freiburgs bildeten die Burger Murtens ab dem 17. Jahrhundert eine zunehmend geschlossene Gesellschaft. Sie kapselten sich ab, um den Burgernutzen nicht zu strapazieren. Wer zuwanderte, blieb Hintersasse. Das musste nicht mit Armut einhergehen, denn es gab durchaus Zuzüger, die durch ihre Tätigkeit reich geworden waren. Aber man war Einwohner zweiter Klasse. Vor allem hatte man keine politischen Rechte.
Auch unter den Burgern kam es zu einer Differenzierung: Denn zu Ämtern zugelassen wurden nur noch Burger mit besonderem, meist langem Stammbaum, Boden- und Hausbesitz.
Wer als Selbständiger ins Erwerbsleben trat, musste auch in Murten einer der handwerklich ausgerichteten Zünfte angehören. Auch hier wurde die Aufnahme erschwert, damit keine Berufsleute zugelassen wurden, welche die hiesigen konkurrenzieren konnten.
Über der Gemeinschaft der Privilegierten stand in Murten die reformierte Kirche. Sie kontrollierte minutiös das Sozialleben, die Fürsorge und die Schulen. Der oberste Kirchenvater war der Pfarrer.
Ende des 18. Jahrhunderts war dies Sigmund Bitzius. Er und seine dritte Ehefrau Elisabeth Bitzius-Kohler waren Alberts Eltern.

Wenige Wochen nach Alberts Geburt wurden die Murtner Behörden vor grosse Veränderungen gestellt. Französische Truppen, vom Geiste ihrer Revolution beseelt, griffen an. Sie wollten eine neue Republik nach dem revolutionären Vorbild schaffen: Die Prinzipien «liberté, fraternité et égalité» sollten nun auch in der Eidgenossenschaft gelten.
Am 12. April 1798 wurde die Helvetische Republik ausgerufen. Das war seit der Reformation das wichtigste Modernisierungsprojekt. Ein Staat nach französischem Vorbild sollte entstehen: zentralistisch, von oben nach unten geführt, aber mit Gewaltenteilung, wie es die Aufklärer gefordert hatten.
Erstmals gab es ein Parlament, eine Regierung und ein oberstes Gericht, die voneinander unabhängig tagten. Die alte Republik wusste nicht einmal, wie man Gewaltenteilung buchstabierte.
Auch in Murten war der Schultheiss, seit dem 13. Jahrhundert ein feste Institution, alles in einem gewesen.

Die Herrschaft der Franzosen spaltete die Gesellschaft. Die alten Familien mit traditionellen Vorrechten waren selbstredend gegen Frankreich. Unterstützt wurde die Revolution von allen, die zuvor diskriminiert waren. Das waren vor allem die Nicht-Burger. Nun profitierten sie, dass alle citoyens, nun Bürger geheissen, die gleichen Rechte bekamen, wenn auch nur unter den Haushaltsvorständen, sprich den Männern.
Aufgehoben waren nun die Unterschiede der Stände. Ausgerufen wurden Handels- und Gewerbefreiheiten. Abgeschafft waren nun die Zünfte. Einzig eine behördliche Bewilligung brauchte es noch, wenn man ein Geschäft eröffnen wurden.
Bald schon reihten sich unter den Lauben Murtens zahlreiche Wirtshäuser aneinander. Mit der Bürgergesellschaft kam auch der allgemeine Konsum auf.

Wer das 20. Altersjahr abgeschlossen hatte, bekam das Wahlrecht. Wer fünf Jahre am Ort gelebt hatte, konnte gewählt werden. Ausgeschlossen waren neben den Frauen nur die Pfarrherren, die eigentlichen Reaktionäre.
Für die Familie Bitzius, die vormals in Murten das Sagen hatte, war das eine riesige Schmach!
Auf der städtischen Ebene gab eine Munizipalität, von der Generalversammlung der Aktivbürger bestimmt. Sie trafen sich in der reformierten Kirche an der Deutschgasse, direkt neben dem Pfarrhaus. Neue Bürger und alte Burger waren gleich gestellt. Die Nicht-Burger stellten auf Anhieb vier der fünf Regierungsmitglieder.

Doch stand die Helvetische Republik unter keinem guten Stern. 1802 entglitt Napoleon die dossierte Erneuerung nach einer Verfassungsänderung. Ein Bürgerkrieg zwischen Modernisten und Traditionalisten brach aus. Murten geriet zwischen die Fronten. Der Munizipalrat empfahl, wie es in Murten üblich war, neutral zu bleiben.
Zuerst besetzten die Truppen der Altgesinnten Murten. Doch mussten sie nach einer Woche abziehen. Es kamen die Truppen der Neugesinnten. Sie machten dem Muniziplarat Vorwürfe, verlangten eine Entschädigung, die Murten nicht leisten konnte. Die Besatzer nahmen Geiseln aus der Murtner Bevölkerung..
Die militärische Entscheidung fiel am 3. Oktober 1802, als die Altgesinnten obsiegten.
Bonaparte erliess 1803 die Mediationsakte. Sie begründete die heutigen Kantone. 19 gab es damals davon, die 13 alten Orte und die sechs neuen Kantone. Alle waren sie gleichberechtigt. Das sollte sich bewähren.
Die Doppelherrschaft über Murten war zu Ende. Das Städtchen kam definitiv zu Freiburg.

Familie Bitzius gefiel das nicht mehr. Sie verliess Murten Richtung Emmental. Dort wuchs auch Klein-Albert in traditionellen Verhältnissen auf und es wurde Gross-Jeremias aus ihm. Als konservativer Kritiker des bürgerlich-liberalen Gesellschaft machte er sich im bäuerlichen Hinterland einen Namen, den man heute noch kennt.
Murten jedoch schritt voran. Die reformierte Minderheit im katholischen Kanton sollte das Provinzstädtchen gehörig aufmischen.

Sie hießen beispielsweise Magdalena, kamen häufig vom Land und waren meist Frauen. In Murten ging es Hexen nicht besser als anderswo. Der schrecklichste Teil meiner Führung.
Der italienische Schriftsteller Petrarca bezeichnete die Zeit nach den Römern bis ins 14. Jahrhundert, in dem er lebte, als «tenebrae» oder finster. Er nannte sie das Mittelalter, die undurchsichtige Zeit, die der Humanist überwinden müsse. Das Bild sass!
Das „Mittelalter“ als Begriff blieb, und sein Ruf ist heute noch zweifelhaft. Doch ist das, was in der Neuzeit geschah in Europa nicht minder finster. Denn zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert kamen bis zu 60000 Hexen ums Lebens. Vorgeworfen wurde ihnen in aller Regel ein Pakt mit dem Teufel oder ein heidnisches Vergehen gegen die Christenheit. Dafür brauchte es ursprünglich eine kirchliche Verurteilung. Später übernahm der Staat die Anklage, um gegen unangepasste Mitglieder der Gesellschaft vorgehen zu können.


Hexenprozess in der Westschweiz, 16. Jahrhundert (aus: Tagesanzeiger 2.11.2011)

Zentraler Punkt des Verfahrens war das Verhör, das in drei Phasen geschah: zuerst als gütliche Befragung, dann mit Vorzeigen von Folterinstrumenten wie Daumenschrauben oder Steckbank und schliesslich als peinliche Befragung mit angewandter Folter. Ziel war es, so ein Geständnis zu erpressen. Bisweilen wurden auch Proben eingesetzt. Bei der Wasserprobe beispielsweise musste man einen Stein aus einem Kessel mit kochendem Wasser holen. Wenn die Wunde nach Tagen nicht eiterte, war die Probe bestanden, – wenn doch, galt das als Gottesurteil. Lag das Geständnis vor, kam es zu Verurteilung und Hinrichtung. Der Feuertod bedeutete, dass man auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt wurde. Wurde man davor enthauptet oder erdrosselt, galt das als Gnade.
Zu den Eigenheiten der Hexenprozesse zählte, dass das Verhör und die Verurteilung unter Ausschluss der Oeffentlichkeit stattfand, die Hinrichtigung dagegen erfolgt mit Publikum. Denn sie sollte abschreckende Wirkung haben.
Heute ist alles umgekehrt: Die Verhandlungen vor dem Urteilsspruch sind mindestens teil-öffentlich. Der Vollzug hingegen ist nicht öffentlich. Todesstrafen wurden abgeschafft, wenn auch mit nicht unwesentlichen Ausnahmen. Das hat mit der Zivilisierung der Gesellschaften zu tun. Und mit der Demokratie, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen dieses alte Strafrecht zu wenden begann.

Die Schweiz war in Sachen Hexenverbrennungen in Europa führend. Es sollen 6000 Menschen so den Tod gefunden haben. In der Eidgenossenschaft wiederum war Freiburg führend. Da wurden zwischen 1429 und 1731 rund 300 Hexen verurteilt und verbrannt. Die höchste Dichte findet man im Broyetal.
Auch in Murten kam es während rund 130 Jahren zu Hexenprozessen. Genaue Zahl sind nicht bekannt. Die Anklagen dreht um Formen des Bundes mit dem Satan.
Damit konnte einerseits der vermeintliche Beischlaf mit dem Teufel gemeint sein, andererseits fiel aber auch das unterstellte Verhexen von Kindern und Tieren darunter.
Die erste Hexe, die in Murten umkam, stammte aus Büchslen. Sie war die namentlich nicht bekannte Ehefrau von Bendicht Spack. Die letzte Hexe hiess Magdalena Fornalla und kam aus Sugiez. Zwar waren es zumeist Frauen aus den umliegenden Dörfern, die verdächtigt und verurteilt wurden, doch fanden sich unter den Leidtragenden bisweilen auch Männer und Städter.
Oberster Ankläger Murtens war der Schultheiss. Meist war es ein Auswärtiger, der die politische Macht in Freiburg oder Bern vertrat, und über Leben und Tod entscheiden konnte.
Die Verbrennungen selber sollen mitten in der Stadt stattgefunden haben.

Murten war wegen der politischen Herrschaft besonders exponiert. Denn Freiburg war beim alten Glauben geblieben, Bern zum neuen übergegangen. Die Reformation führte zu internen Kämpfen, die nur knapp entschieden wurden. Das Kirchenwesen in Murten wurde danach von Bern bestimmt. Doch blieb die Umgebung weitestgehend katholisch.
Die HistorikerInnen sehen heute auch einen zweiten Grund. Zentralistische Staaten hatten es einfacher, ihren politischen Willen auch gegen Abweichler durchzusetzen. Dezentral organisierte Staaten wie die katholischen Kantone Freiburg hatten da schon mehr Mühe.
Es war die Zeit der «Gnädigen Herren» aus Bern und Freiburg. Ihr Stil war paternalistisch: fürsorglich, solange man gehorchte, aber aufbrausend, falls man sich nicht anpasste.
Ich mache hier auch kurzen Prozess. So, wie es die Folterer damals taten.
Aber ich mache es nicht im Verborgenen. Denn diese finstere Zeit in Murten wird von HistorikerInnen immer mehr aufgearbeitet.

Es kommt nicht oft vor, dass die Schweiz globalgeschichtlicher Taktgeber war. Doch beim Calvinismus ist das so. Ihren Ursprung hatte die Reformation 1517 in Wittenberg. Martin Luther begründete da den neuen Glauben. Zürich folgte, Bern und Basel zogen nach. Derweil blieb die Reformation in der heutigen französischsprachigen Schweiz weitgehend aus. Erst 1530 änderte sich das. Während die Lehre Zwinglis stets im Schatten des Luthertums blieb, zog Guillaume Farel, Prediger in Murten, Calvin nach, der die Weltreligion begründete.
Man kann Murten durchaus als Scharnierstelle zwischen zwei grossen reformiatorischen Bewegeungen sehen, die je ihren sprachkulturellen Hintergrund hatten.

1526 beschloss Freiburg von oben herab, beim alten Glauben zu bleiben. Anders entschied sich Bern, wo man sich dem neuen Glauben anschloss. Was würde Murten tun, das seit 1484 unter der gemeinsamen Herrschaft der beiden Orte stand?
Freiburg bestand nach hergebrachtem Recht darauf, die Bevölkerung zu befragen. Bern willigte unter der Bedingung ein, einen Reformpredigers einzusetzen. Dieser sollte die neue Lehre auch in Murten bekannt machen.

Den Verkündern der neuen Botschaft fand man in der Person von Guillaume Farel, Gelehrter aus Paris, der bereits in Strasbourg, Metz und Lausanne gepredigt hatte. In Neuenburg hatte er 1530 erfolgreich die Reformation durchgesetzt.
Das sollte er nun auch in Murten erreichen!
Die entscheidende Volksversammlung sprach sich mit einer knappen Mehrheit für die neue Lehre aus. Bern hatte sich durchgesetzt, wenn auch mit etwas Glück: Denn von 1525 bis 1530 war Bern an der Reihe den Schultheissen zu stellen, der bei der Meinungsbildung kräftig nach half.

Reformator Farel blieb nicht in Murten. Er predigte ab 1532 in Genf und führte da 1536 gemeinsam mit Jean Calvin die neue Lehre ein. Gott sei allmächtig, der Mensch ein Nichts, predigte er. Nur ein absolut gottesfürchtiges Leben sollte belohnt werden.
Die moralische Strenge der Erneuerer teilten nicht alle. Bereits nach zwei Jahren wurden Calvin und Farel in Genf wieder ausgewiesen. Farel liess sich definitiv in Neuenburg nieder, Calvin kehrte nochmals zurück, um sein Lebenswerk doch noch zu vollbringen
Am Ende seines Lebens zerstritt sich Farel mit seinem Glaubensbruder. Wegen der beabsichtigten Heirat mit einem 18-jährigen Mädchen, was der sittenstrenge Calvin nicht billigte.

Mit der Reformation löste sich die Stadt Murten von ihrem katholischen Hintergrund. Das hatte auch mit der geteilten Herrschaft zu tun. Freiburg stand in der Folge Savoyens und es wurde für die zivile Verwaltung und das militärische Aufgebot zuständig. Bern wiederum pflegte die Kultur. Zuerst war das der reformierte Glauben, dann aber auch die deutsche Sprache.
In der Eidgenossenschaft pflegte Murten mit der mehrfachen Grenzlage die aufkommende Neutralität. An den Konfessionskriegen des 17. Jahrhunderts beteiligte man sich demonstrativ nicht.

Heute stellt sich die Frage, ob Murten ein Vorbild für die verfahrende Situation in Moutier sein könne. Könnte Murten gar Modell für Moutier werden, wie es der Genfer Politikwissenschafter Nenad Stojanović kürzlich vorgeschlagen hat?
Die vermittelnden Kultur hat zweifelsfrei was für sich. Mehr Respekt für anders Gesinnte würde auch Moutier gut anstehen.
Dennoch bleibe ich skeptisch. Die Herrschaftsteilung in Murten war die Folge einer gemeinsamen Eroberung. Zwar übernahm die Eidgenossenschaft das vormals savoyische Murten, doch zog sie sich schon wenige Jahre danach zurück. Sie überliess es den Eliten in Freiburg und Bern ziemlich autokratisch einen modus vivendi zu finden.
Das ist in Moutier undenkbar. Wenn schon müsste die Stadt ganz der Schweiz gehören, während die Kantone sich in die Verwaltung teilen würde.
Schliesslich lehrt uns Murten die unschöne Seite der Neutralität von oben kennen zu lernen. Sie besteht in der Kontrolle, ja Repression nach Innen.

Wir müssen dazu nochmals an den Platz, auf dem ich erklärt habe, warum Murten eine Zähringerstadt sei!

Es soll der 22. Juni 1476 zur Mittagsstunde gewesen sein. Und es soll fürchterlich geregnet haben.
Die versammelten Eidgenossen griffen Murten aus dem Wald oberhalb der Stadt her an. Direkt vor ihnen war der Grünhag. Dahinter befand sich der Hauptharst der burgundischen Kämpfer mit den Bogenschützen. Links war die Reiterei, und rechts stand die Artillerie.
Zur Ueberraschung der Burgunder überwanden die ersten beweglichen Eidgenossen den sog. Burggraben, ein Landschaftseinschnitt, der die Kanoniere schützen sollte. Plötzlich stand Feind nicht mehr nur vor ihnen, sondern auch hinter ihnen. Von da aus stiessen dies schnellsten Eidgenossen direkt bis zum belagerten Städtchen vor. Da spielte sich Gewohntes ab. Bern hielt Murten besetzt, die Burgunder und Savoyer belagerten es. Doch nun eilten eidgenössische Soldaten von hinter auf die Belagerer zu. Sie befanden sich im Zweifrontenkrieg.

Der überraschte Herzog Karl bliess zum Rückzug. Seinen Hauptharst trieben die Eidgenossen oberhalb Murtens vorbei Richtung Meyriez. Dort versenkten sie die Ueberlebenden Burgunder im See.
Die Schlacht war am Abend zu Ende. 25000 Eidgenossen und Verbündeten hatten 20000 Burgunder und Savoyer überwältigt. 10000 sollen an diesem Nachmittag den Tod gefunden haben.
Selbst das international ausgerichtete Handbuch «Schlachten, die unsere Welt veränderten», das mit der Gefecht von Marathon bei den alten Griechen beginnt und mit dem Desert Strom der Amerikaner im Irak endet, erwähnt die Murtenschlacht, – nicht zuletzt wegen des unerwarteten Ergebnisses – und seiner weitreichenden Folgen.

Im 15. Jahrhundert trat die mittelalterliche Welt aus ihren bisherigen Fesseln. Der Aufstieg des Herzogtum Burgunds gehörte dazu. Wir haben gesehen, dass das frühmittelalterliche Burgund im gesamten Rhonetal kein beständiges Königtum etablieren konnte. Im 10. und 11. Jahrhundert trennten sich die Wege. Der grössere Teil, darunter auch die Gebiete in der heutigen Schweiz, kamen zum Kaiserreich und zerfiel in Adelsherrschaften. Der kleinere Teil, Herzogtum Burgund genannt, schloss sich damals der französischen Krone und überlebte. Um diesen Teil von Burgund ging es nun.
Die Herzöge von Burgund aus der Valois-Dynastie emanzipierten sich im 15. Jahrhundert von ihrem König. Durch Erbschaft hatten sie grosse Gebietsgewinne in Flandern und Umgebung gemacht. Das Kernland um Beaune war jetzt die oberen Lande, während die neuen Gebiete die niederen Lande genannt wurden. Daraus entstand später die Niederlande.
Würde es gelingen, beide Teile Burgunds auch territorial zu vereinen, wäre ein wesentlicher Bestandteil des fränkischen Mittelreiches, in dem der Kaiser herrschte, wiederherzustellen. Zunächst fehlte Lothringen, dann das Schweizerische Mittelland, und schliesslich Italien.
Das wiederherzustellen war die tollkühne Idee von Herzog Karl. Bei uns heisst er Karl der Kühne, auf Französisch nennt man ihn «Charles le téméraire». Wörtliche übersetzt ist das eigentlich der Tollkühne.
Karl, vormals Graf von Charolais, wurde 1467 neuer Herzog von Burgund. Seine Pläne waren eine Kampfansage an den französischen König, einem Verwandten, dem er unterstand. Doch hatte er auch Kaiser Friedrich III., ein Habsburger, im Visier. Von ihm wollte er den Titel «rex romanorum», König der Römer, was dem Ticket entsprach, Kaiser werden zu können. Friedrich verlangte die Heirat seines Sohnes Maximilian mit Karls einziger Tochter Marie. Karl lehnte ab und führte Krieg gegen den Kaiser.
Auch die Eidgenossen, seit dem Ende des 14. Jahrhunderts in einem Bündnis aus Waldstätten, Zürich und Bern miteinander verbunden, bemerkten die Bedrohung. Sie einigten sich mit den Habsburgern. 1475 beschloss man die „Ewige Richtung“, der einem vorläufigen Friedensvertrag gleichkam. Das wiederum machte den Weg frei, den Burgundern die Stirn zu bieten.
Am 14. Oktober 1474 erklärten die versammelten Eidgenossen in Bern Burgund keck den Krieg. Es folgt ein Präventivschlag gegen das verbündete Savoyen. Unter anderem wurde auch Murten besetzt, wenn auch versehen mit dem Versprechen, die traditionellen Rechte unter den Savoyern bewahren zu können.
Herzog Karl griff von der anderen Seite des Juras an. Bern besetzte Grandson und weitere burgundische Städte im Savoyerland. Da belagerte der Herzog Grandson. Er gewährte den Bernern freies Geleit, würden sie sich zurückziehen. Das taten sie, nur hielt sich der Herzog nicht daran. Die vierhundert Besatzer wurden alle vor den Stadttoren an Bäumen aufgehängt.
Wenige Tage danach stürmten die Eidgenossen mit ihrem Gewalthaufen, einem Viereck aus Kriegern und Langspiessen, die wartenden Burgunder. Diese waren perplex, denn sie waren sich den edlen Kampf unter Rittern gewohnt, nicht aber, gegen grölende Bauernsöhne. Ohne nennenswerte Kriegshandlungen siegten die Eidgenossen und machten grosse Beute:Kanonen, Schmuck und Marketenderinnen nannten sie bald ihr Eigen.
In Morges rüstete Burgund mit Savoyen zum Gegenschlag. Ihr Weg nach Bern sollte sie durch das Savoyerstädtchen Murten führen. Die Burgunder belagerten es von Muntelier her. 14 Tage dauerte die Bedrohung. Die Versorgungslage wurde kritisch, die Mauern drohten angesichts der Katapultgeschosse einzustürzen.
Dann kam es zum Treffen oberhalb der Stadt, wie einleitend berichtet.

Der Schlachtensieg sollte die Tektonik Europas verändern. Die Niederlage in Murten läutete den Niedergang des Herzogtums Burgund ein. Nur ein halbes Jahre später starb Karl bei seinem Angriff auf Nancy. Dafür stieg Frankreich zur führenden Macht in unserem Westen auf. Im Osten waren es die Habsburger, welche die burgundischen Besitzung in den niederen Landen übernahmen. Im Frieden von Senlis 1493 regelt man die Verhältnissen nördlich der Alpen. Südlich ging der Wettlauf um die Macht in Italien erst richtig los.
Der Schlachtensieg katapultierte die Eidgenossen in die erste Reihe der gefragten Söldner. Das schnelle Geld lockte und bald verkaufte man die Jungs der Eidgenossen an den Vatikan, den Kaiser und die Franzosen. Wer dabei zu kurz kam, diente sich als Reisläufer an. 40 Jahre dauerte dies, bis die Reformation ihm ein vorläufiges Ende setzte.
Die politische Struktur der Eidgenossenschaft mit der Tagsatzung als einziger gemeinsamen Institution entsprach der Militärmacht, die man geworden war, nicht mehr. So kam es nach Murten zu keinen überragenden Gebietsgewinnen. Der französische König überliess den Eidgenossen die eroberten burgundischen Gebiete wie Grandson, Orbe und Echallens. Alles, was savoyisch war, mussten die Eidgenossen zurückgehen.
Behalten konnten die Eidgenossen nur Murten. Das ging zuerst an die Eidgenossenschaft, dann an Bern und Freiburg als gemeinsame Herrschaft. Alle fünf Jahre stellten sie abwechslungsweise den Schultheiss, der in ihrem Namen Murten regierte. Bis 1798 die Franzosen kam, und damit aufräumten.
Erinnert wird an die Schlacht mit dem jährlich durchgeführten Murtenlauf. 10000 rennen dabei wie es die Legende will nach Freiburg, um den Sieg gegen Burgund zu verkünden. Auch das folgt dem grossen Vorbild der Schlacht von Marathon, an die der Marathonlauf erinnert.

Der 4. April 1416 gilt als tiefer Einschnitt in der Geschichte Murtens. Die Stadt ging am Vorabend in Flammen auf. Grosse Teile brannten in einer Nacht nieder. Häuser mehrheitlich aus Holz, enge Gassen und ein kräftiger Wind trugen massgeblich zur Katastrophe bei.
Stadtbrände waren in mittelalterlichen Städten keine Seltenheit. Sie begannen aus entweder Unachtsamkeit oder wurden bewusst gelegt. Was davon in Murten der Fall war, ist bis heute nicht abschliessend bekannt.

Das Brandjahr wird zum Umbruchsjahr. Denn die Zeit der Savoyer im Murten kann man in drei Phasen teilen: Die ersten 84 Jahre, von 1291 bis 1377, waren ohne grossen Einfluss der Grafen; dann folgten, bis 1416 39 Jahre mit savoyischer Führung; und schliesslich kamen 59 Jahren mit zerfallendem Einfluss hinzu. 1475 war Schluss.
Als Murten 1377 das savoyische Stadtrecht bekam, war das ein Abstieg. Denn nun regierten Kastlane als savoyische Amtsträger in der Murtner Burg. Sie hatten weitreichende militärische, aber auch für wirtschaftliche, finanzielle und administrative Kompetenzen. Das alles diente Savoyen, einen straff geführten Staat aufzubauen.

Der Stadtbrand änderte zuerst das Stadtbild: Denn nun bekam Murten nach der Steinmauer, der Burg auch ein Rathaus. Es war der Vorläuferbau des jetzigen an der gleichen Stelle. Nun setzte man auch auf Stein als Baumaterial. Damit wurden die Fassaden der Holzhäuser gesichert. Die neue Bauweise erlaubte es, systematisch Arkaden zu bauen und so das Gewerbe zu fördern.
Zudem erliess der Stadtherr die Abgaben für 15 Jahre, neu konnte man auch eine Steuer auf exportierten Wein erheben.

Auffälligster Vertreter Savoyens in dieser Zeit war Amadeus VIII., genannt «der Friedfertige». 1391 wurde er Graf und 1416 Herzog von Savoyen. Nur zwei Jahre später war er auch Fürst von Piemont. Seine beachtenswerte Karriere als weltlicher Würdenträger legte er allerdings bereits 1434 ab, um sich gemeinsam mit sechs Rittern im Kloster Ripaille südlich des Genfersees der gelehrten Einsamkeit zu widmen.
1439 wählte ihn das Konzil von Basel zum Papst. Das überraschte, denn Amadeus war nicht nur ein kirchlicher Laie; er war auch Witwer und mehrfacher Familienvater. In sein Amt eingeführt wurden er als Felix V. in Basel. Ein wenig konnte sich Murten so rühmen, nun auch Papst zu sein!
Anerkennung fand Felix V. allerdings nur in den Bistümern Basel, Lausanne und Genf, also Teilen des ehemaligen Königreich Burgunds, sowie in den Kirchen von Aragon, Bayern und Ungarn. Nach nur zwei Jahren kehrte der unglückliche Felix nach Savoyen zurück und trat 1449 mit Privilegien ähnlich eines Kardinals vom Amt des Papstes ganz zurück. Sein «Papsttum» galt nun nur noch in seinem Herzogtum Savoyen!
Mit Felix V. begann allerdings eine unrühmliche Geschichte: erstmals kamen Hexentheoretiker zusammen, um sich zu beraten. Hintergrund war die Kirchenspaltung, das sog. abendländische Schisma, das 1378 mit rivalisierenden Päpsten begann und erst 1449 ganz bereinigt werden konnte.

Der Umbruch um Murten nach dem Stadtbrand spiegelte sich nicht nur im Stadtbild. Man merkte ihn auch in Kriegen: Zuerst weigerten sich 1442 die Guggisberger die savoyische Weinsteuer zu bezahlen. Sie belagerten Murten. Bern und Freiburg mussten ordnend eingreifen.
1448 ging es um einen richtige Regionalkrieg. Bern, traditionell mit Freiburg verbunden, wechselte an die Seite Savoyens. Gemeinsam griff man das Freiburg an – und gewann. Hintergrund war hier, dass die Eidgenossenschaft mit der Eroberung des Aargau zur führenden Macht im Mittelland aufgestiegen war. Das hatte Freiburg regelrecht von den habsburgischen Besitzungen abgeschnitten.
Geregelt wurde der Frieden in Murten. Alles, was Rang und Namen hatte, kam: Selbstredend die Savoyer und die Berner, aber auch der Bischof von Basel und der Herzog von Burgund schickten Garantien für den Frieden. Gastiert hatte man im Schwarzen Adler.
Doch der Friede war nicht von Dauer. Denn einer der Beteiligten sollte sich mit seinen tollkühnen Träumen nicht an die Abmachungen halten.
Mit Folgen für halb Europa!

Bild: Rathaus von Murten
Foto: Stadtwanderer

Gegen Mönch Guido de Pontellia aus dem Kloster Münchenwiler bei Murten fand ein kirchliches Verfahren statt. Er solle in Murten ein Bordell besucht haben, das er mit Geld vom Wucherer für entwendetes Kirchengut bezahlt habe. Wie das Verfahren ausging, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass es sehr unsichere Zeiten waren. Man schrieb das Jahr 1289 und notierte das erste „fait divers“ in Murten.


Das Kaiserreich am Ende der Staufer-Dynastie (ca. 1250)

Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts wird in unseren Breitengraden von der französischsprachigen Literatur «anarchie féodale» oder Anarchie der Feudalherren bezeichnet. Das hat mit dem zerfallenden Kaiserreich zu tun. Murten war nach dem Aussterben der Zähringer eine Königsstadt und direkt betroffen.
Friedrich II. war der letzte grosse Kaiser. Er wuchs in Italien auf, wurde schon als Kind König von Sizilien, und er entwickelte eine unübliche Vorstellung vom Kaisertum. Denn er suchte die kulturelle Einheit des Mittelmeeres wiederherzustellen. Sein Kreuzzug war kein Kriegs-, vielmehr ein Friedensprojekt. Das weckte den Argwohn des Papstes. Dass Friedrich II. die heranrückenden Mongolen aus Asien lang gewähren liess, brachte das Fass zum überlaufen. Der Papst machte ihm den Prozess und liess ihn als Antichrist brandmarken: der Kaiser als Teufel! Damit zerfiel die Macht der Staufer Schritt für Schritt. Parallel dazu zerfiel das Kaiserreich in viele Einzelherrschaften.

Murten verdankt dieser Entwicklung sein ältestes Schriftstück. 1238 gewährte die Kanzlei des römischen Königs der Stadt eine Abgabenerleichterung. Dafür sollte man die Stadtmauer aus Stein bauen, um gewappnet zu sein.
Städten wie Murten, Bern oder Solothurn stand ein Schultheiss vor. Der hatte seinen Namen von «Schuld heischen» oder Steuereintreiber des Königs. Daneben hatte sich nur ein niederer Adel etabliert, häufig kirchlich geprägt.
Allerdings hatten sich im Osten und Westen zwei grosse Grafengeschlechter durchsetzen können: die Kyburger aus Winterthur und die Savoyer aus der Gegend des Genfersees.
Kaum war der letzte Staufer tot, brach eine Phase der Unruhe aus. Die Savoyer und Kyburger stritten sich um das Königsland. Das veränderte auch Murten äusserlich. Die Holzstadt der Zähringer, die in vielem einem germanischen Flecken glich, erhielt nun am westlichen Stadtrand ein Burgviertel aus Stein. Man wurde deutlicher noch als bisher zur mittelalterlichen Stadt.
Der mächtige Donjon steht heute noch. Zwar wurde er im 20. Jahrhundert renoviert, doch ist er bis heute unverändert eines der Wahrzeichen Murtens.

Protagonist der savoyischen Expansion war Pierre. Die Geschichte hat ihm den Beinamen «le petit Charlemagne», den kleinen Karl der Grosse, gegeben. Eigentlich war er ein Kirchmann mit überregionalem Einfluss. Doch quittierte er den Kirchendienst, um der grosse Förderer der Waadt zu werden. Ihm war es gelungen, das Vertrauen des englischen Königshauses zu gewinnen. Das sicherte Einnahmen, die er für den grosszügigen Städtebau von Yverdon bis Cudrefin brauchte. Der englische König wiederum erreichte so eine starke Stellung in den Alpen. Die hätte er gebraucht, wäre er, wie beabsichtigt, römischer König und Nachfolger der Staufer geworden.
Die Gegenspieler unseres famosen Pierre, der erst am Schluss Graf von Savoyen wurde, kamen zunächst aus dem Grafengeschlecht der Kyburger. Die beiden Adelsgeschlechter waren übers Kreuz verbunden. Das hatte seinen Grund in der Nachfolge der Zähringer. Denn die Savoyer beanspruchten das Königsgut der Zähringer, die Kyburger deren Eigengut. So kamen sie Savoyer bis Bern, und die Kyburger bis Freiburg. Um Ruhe zu bewahren, verheiratete Kaiser Friedrich die möglichen Kontrahenten.
Nach dem Aussterben der Kyburger in den 1260er Jahren traten die Habsburgern bei Brugg auf den Plan. Rasch stiegen sie in die Rolle der Kyburger auf, ohne mit den Savoyern verheiratet zu sein.
1265 brach der sog. Grafenkrieg zwischen ihnen um die Vorherrschaft im Mittelland aus. Er wütete vor allem im Voralpengebiet. Nach drei Jahren wurde er ohne Ergebnis eingestellt. Den Frieden schloss man in Löwenberg bei Murten.

1273 wurde Rudolf von Habsburg römischer König. Dank seinen beiden Söhnen legte Rudolf die Grundlage für die spätere Machtbasis seiner Familie. Sohn Albrecht wurde Herzog von Österreich und später ebenfalls König. Rudolf, der zweite Sohn, hätte neuer Herzog von Burgund werden sollen, welches man dies- und jenseits des Juras herstellen wollte. Dafür eroberte der König Bern und Besançon. Doch starb Sohn Rudolf frühzeitig. Zwei Jahre danach folgte ihm Vater Rudolf in den Tod.
Von der Herrschaft der Habsburger merkte man in Murten nicht viel, wie auch die einleitend zitierte Geschichte des Mönchs im Bordell nahelegt. Geblieben von der «anarchie féodale» ist das Durcheinander der Sprachen. Murten dürfte nämlich von Anbeginn an zweisprachig gewesen sein. Die Zähringer sprachen schwäbisch, haben ein mittelalterliches Deutsch mitgebracht. Die Savoyer wiederum redeten francoprovenzialisch, einem französischen Idiom. Später sollten die Berner und die Fribourger dieses Mischverhältnis fort. Seit Kurzem heisst der örtliche Bahnhof wieder «Murten/Morat».

Murten Stadtwanderung (Teil 2)

 Woran erkennt man eine Zähringerstadt?
 Klar doch, an den Lauben!
 Einspruch!


Quelle: Wikipedia

Arkaden, wie der Fachbegriff heisst, kennt man, seit es Städte aus Stein gibt. Im grossen Alpenraum findet man sie in Städten wie Innsbruck, Turin oder Bern. Sie bieten in erster Linie Schutz vor Unwetter. Das erlaubt es, Waren feil zu bieten, ohne Marktstände zu haben. Denn der Laden ging anfänglich nicht zur Seite auf, sondern nach unten. Unsere kleinen Geschäfte heute, Läden genannt, kamen so zu ihrem Namen.
Nur hat das nichts mit den Zähringern zu tun. Die bauten keine Städte aus Stein, was eine Voraussetzung für das Errichten von Arkaden war. Repräsentative Bauten wie Kirchen und Rathäuser aus Stein entstanden erst nach dem Aussterben der Zähringer

Ist Murten überhaupt eine Zähringerstadt?
Ich sage es so: Ja, auch wenn es keinen Beweis dafür gibt.
Nötig ist ein Indizienbeweis!
Mein Hauptgrund ist die Lage der Stadt. Mein zweites Argument ist der Grundriss.

Mittelalterliche Städte entstanden entweder als Bischofsstädte, oder Adelige resp. Händler gründeten sie. Bischofsstädte waren beispielsweise Chur, Konstanz und Basel im Rheintal sowie Sitten, Lausanne und Genf im Rhonetal. Für Handelsstädte wie Kiel, Venedig oder Genua fehlt bei uns der Meeresanschluss.
Also bleibt der Adel als Stadtgründer!

Alles beginnt 1122. Der Papst, die geistliche Macht im Reich, und der Kaiser, die weltliche, beendeten ihren epochalen Streit um die Einsetzung der Bischöfe. Im alten, fränkischen Teil des Kaiserreichs blieb das Recht beim Kaiser und im italienischen Teil beim Papst. Für das Rhonetal, Burgund genannt, brauchte es einen Kompromiss. Denn die Bischöfe waren da wie in Italien papsttreu, residierten aber häufig auf kaiserlichem Land. Der Kompromiss sah vor, dass die Einsetzung der Bischöfe durch den Papst im Beisein eines kaiserlichen Vertreters erfolgen sollte.
Die Rolle eines Gouverneurs sollten die Grafen von Zähringen bekommen. Dafür wurden sie zu Herzögen befördert, ohne eines der traditionellen Stammesherzogtümer zu bekommen. Vielmehr mussten sie sich ein eigenes Herzogtum durch Kolonisierung schaffen. Das musste im dünn besiedelten Gebiet zwischen zwischen Freiburg im Breisgau, ihrem Stammsitz, und Lausanne, der nördlichsten Stadt mit einer Wasserstrasse zum Mittelmeer entstehen.
Der Plan ging nicht auf. In Payerne verloren die Zähringer 1132 eine Schlacht gegen den burgundischen Adel. Die sahen in ihnen unnötige teutonische Kolonialisatoren.
Auch heiratete Kaiser Friedrich I. 1156 in zweiter Ehe Beatrix von Burgund und machte sich so zun Herrschers über das Rhonetal. Die Zähringer braucht es nicht mehr.
Sie begannen deshalb ihre erobertes Gebiet mit Städten zu sichern. Freiburg wurde 1157 Frontstadt. Den Weg dahin sicherten man mit einem System an neuen Städten, die alle etwa 30 Kilometer auseinander lagen. Das entsprach der damaligen Tagesstrecke mit dem Pferd. Hinterlassen haben die Zähringer so ein System von mittelalterlichen Städten im westlichen Mittelland. Bern und Burgdorf lassen sich so begründen!
Dazu gehörte aber auch Murte, exponiert im zähringischen Grenzgebiet zum verbliebenen Königreich Burgund. Ausser ihnen hätte das zu diesere Zeit niemand gekonnt. Denn sie waren die Pioniere im Städtebau. Die einzige Alternative wären die Grafen von Savoyen gewesen. Doch kamen sie erst 1255 in das Gebiet – als Murten urkundlich bezeugt bestand.
Wann genau Murten gebaut wurde, wissen wir nicht. Es muss in der zweiten Hälfte der 12. Jahrhunderts gewesen sein.

Mein zweites Argument betrifft den Grundriss der Stadt. Er ist einfach. Längsgasse, allenfalls Quergasse, Stadtring. Ursprünglich alles aus Holz.
Die Kolonien wurden da angebaut, wo man sie gut verteidigen konnte. Der Handel vor Ort war nicht entscheidend. Deshalb haben die Zähringerstädte in der Gründungszeit keinen festen Marktplatz.
Sehen Sie sich mit diesem Wissen Murtens gut erhaltener Grundriss nochmals an!
Sie verstehen mein zweites Argument sofort: dominante Hauptgasse. Stadtmauer. Kein Marktplatz. Genau Murten!

Dass es keine Urkunde gibt, die das bezeugen würden, hat mit den Umständen zu tun. Die Zähringer waren Macher. Sie eroberten und warteten nicht, bis man ihnen etwas schenkte. Sie nahmen, was sie brauchten. Und sie waren das Gesetz.
Ganz abgesehen davon, dass sie noch gar nicht schreiben konnten! Das galt unter ihresgleichen als minderwertig!

Vorbemerkung
Im September 2018 machte ich in Murten eine Führung für alt Bundesrat Kaspar Villiger. Organisiert hatte sie Daniel Eckmann und Annemarie Lehmann. Daraus ist eine amüsante und lehrreiche Geschichte des Städtchens geworden.
Hier die Premiere!

IRGENDWO IN MURTENS RATHAUSGASSE

An diesem Tag geschah ungeheuerliches in der Stadt Murten. Aufgeregte Menschen trieben durch die Gassen. Kanonendonner ertönte. Dann war es still.
Der Elefant war tot.

Ich beginne meine Führung durch Murten nicht mit der Schlacht von Murten 1476. Eine Historikerin aus Murten erzählte mir einmal, sie habe es satt, darauf reduziert zu werden. Also starte ich mit dem Jahr 1866 und der rührendsten Lokalgeschichte des Stedtlis 150 Jahre danach schrieben die Freiburger Nachrichten folgendes:
«1866 gastierte ein amerikanischer Zirkus in Murten und zeigte Kunststücke mit Elefanten. Einer der Elefanten tötete seinen Wärter und brach aus. Das Tier rannte unkontrolliert in der Altstadt umher, zerstörte Kutschen und Fenster und versetzte das Stedtli in Angst und Schrecken. Die Murtner konnten den Elefanten nicht unter Kontrolle bringen und sahen keinen anderen Ausweg, als das Tier zu erschiessen. Da herkömmliche Gewehre den Dickhäuter nur kitzelten, forderten die Murtner in Freiburg eine Kanone an und erschossen das Tier.»
Heute weiss man, dass Elefantenbullen aggressiv werden, wenn sie die Geschlechtsreife erlangen. Damals begnügte man sich damit, das erlegte Tier dem Metzger zu überstellen, denn Elefantenfleisch war in unseren Breitengraden ausgesprochen rar.

Es ist üblich geworden, zur Popularisierung der Historie kürzeste Geschichten zu schreiben. Stephen Hawkins, Einsteins Nachfolger unter den Physikern, hat die kürzeste Geschichte der Zeit verfasst. John Hirst schrieb die kürzeste Geschichte Europas.
Die allerkürzeste Geschichte Murtens lautet: «Murten: erstmals als Hof «Muratum» erwähnt, von Zähringern als Stadt gegründet, von den Savoyern beherrscht, von Karl dem Kühnen belagert, von Napoléon dem Kanton Freiburg zugeteilt.»
Das besser zu verstehen, ist die Absicht meiner Führung. Wir machen eine Wanderung im doppelten Sinne: durch Murten und durch die Zeit!
Hier das Programm: Muratum gehörte zum untergegangene Königreich Burgund. Murten wurde von den Zähringern gebaut. Es gehörte dem römischen Könign, bevor es für lange Zeit an Savoyen ging. Deren Nachfolger waren die Berner und Freiburger gemeinsam, die hielten sich Murten als Untertan. Heute gehört Murten zum Kanton Freiburg. Einmal wollte man sich vom ihm trennen und marschierte los. Erfolglos!
Murten war immer an der Grenze: zuerst zwischen deutscher und französischer Sprache, dann zwischen der Reformation im deutschen und im französischen Sprachraum. Die Grenzlage prägte das Städtchen. Es erlebte die schrecklichen Hexenverbrennungen – und den Krieg: 1476 mit der Schlacht von Murten, 1802 während dem Stecklikrieg. Genau 200 Jahre später ist Murten dank der Juragewässerkorrektion ein Ferienparadies mit ihrer wunderbaren Riviera.
Viel geholfen hat mir bei der Aufarbeitung der Geschichte Murtens das wunderbare Buch «Murten» von Markus F. Rubli und Heini Stucki. Ohne dieses Werk wäre die heutige Führung nicht möglich geworden. Allerdings ist mein Zugang anders. Ich werde nicht nur Lokalgeschichte, auch europäische und schweizerische Historie präsentieren. Und sie bekommen meine Biografie mit, soweit diese in Murten spielte.

In Murten habe ich 1977 meine Rekrutenschule absolviert. Das damalige Hotel Engel diente als Kantonement.
Die Schweizer Armee und ich wurden keine guten Freunde. Ich erspare ihn deshalb den Bericht zu den 17 Wochen hier. Nur so viel: Am Ende der Rekrutenschule schwor ich mir auf dem Schulhausplatz in Murten:
«Nie wieder Krieg. Nie wieder Krawatte!»
Das sollte Folgen haben!
Als mich 1992 das Schweizer Fernsehen auf Herz und Nieren prüfte, ob ich als TV-Kommentator für die eidgenössischen Abstimmungssonntage tauge, gewann ich den kleinen Wettbewerb gegen drei Kollegen. Werner Vetterli, damals in der Chefredaktion von SRF, später für die SVP im Nationalrat, hatte das Verfahren unbestechlich geleitet. Sein Gehilfe, Balz Hosang, teilte mir das Ergebnis sorgenvoll mit: Zwar sei mein Talent klar geworden, und man würde mich gerne engagieren. Doch der weisse Rollkragenpullover in der Probesendung gehe gar nicht. Das sehe aus wie #AndiGross im Parlament.
Mir schwante, ich würde eine Krawatte tragen müssen, um TV-Analytiker zu werden.
Ich wusste: niemals!
Nach längeren Verhandlungen einigten wir uns auf einen «Zischtigclub». Ich mit einer bunten Fliege. Ich bestand.
Geleitet wurde der Club damals von Ueli Heiniger, ein bunter Hund aus Murten.
Trotzdem lieb ich unschlüssig und ging nach der Sendung auf ein Bier. Im Niederdorf stellte ich, gerade mal 35 Jahre jung, fest, dass sich erstmals Frauen über 50 umdrehten. Nicht wegen mir, aber wegen der Fliege!
Am anderen Morgen telefonierte ich mit dem Studio Leutschenbach. Es sei ok, ich nähme den Job, sie bekämen die Fliege.
So entstand mein Markenzeichen für die 25 Jahre dauernde Kommentierung im Fernsehen. 7 Wahltage waren dabei, 77 Volksabstimmungen dazu. In einem Land mit sieben BundesrätInnen eine ganz runde Sache!
Doch bin nicht in Murten, um aus meinem Leben zu plaudern. Ich will die Stadtgeschichte erzählen. Wir machen 10 Mal halt, jedes Mal gibt es ein Häppchen Infotainment.
Am Ende wissen Sie trotzdem mehr: quasi «10vor10» für Murten-Interessierte.
Nun los!

Foto: Naturhistorisches Museum Bern


Baijii Australia | Things to look for before you actually decide on the various sound track treatment products

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