Nov
20
wa(h)re (w)orte
November 20, 2008 | 7 Comments
ja, ich gehe. diesmal wirklich. aber nicht nach sacramento. sondern nach innsbruck, um eine studie unter anderem über das stadtwandern in der schweiz zu präsentieren.
“Wa(h)re Sprache” heisst die tagung des “Europäischen Forums Alpbach”, welche dieser tage an der uni innsbruck stattfindet. alt-bundeskanzler erhard busek hat sie gestern eröffnet. ich wiederum werde das letzte referat der tagung halten.
meine studie handelt von kulturverständnissen, kulturbesuchen und kulturregionen in der deutschsprachigen schweiz. seit gut einem jahr laufen die vorbereiten hierzu, diesen sommer haben wir die hauptarbeit geleistet, namentlich in und um luzern herum. morgen wird erstmals darüber berichtet. der schlussbericht soll anfangs 2009 erscheinen, er wird auch in der schweiz präsentiert werden.
es haben in anderen regionen verschiedene forscher am gleichen thema gearbeitet. so werden wir erstmals vergleichsergebnisse aus baden-württemberg, bayern, vorarlberg und tirol haben. die initiantInnen der studien wollten wissen, welchen beitrag “kultur” zur grenzüberschreitenden förderung von verständnis für europäische und regionale werte leisten kann.
ich habe das als berufsmann gemacht, aber auch als stadtwanderer. denn ich habe in die untersuchung erstmals auch die beteiligung an stadtwanderungen reingeschmuggelt. über die ergebnisse werde ich hier exklusiv berichten. aber erst wenn alles über die bühne ist.
bitte, bitte: glaubt mir, diesmal gehe ich echt unterwegs, nicht nur auf dem internet surfen! ich bin auch nicht mehr krank. es geht mir nicht um ware worte, vielmehr um wahre (w)orte! meine fotos aus innsbruck werden bezeugen, dass ich vor ort bin. und die schweizer stecker sollten in österreich ja passen, sodass ich bloggen kann …
stadtwanderer
Nov
19
grosse scheisse!
November 19, 2008 | 3 Comments
“grosse scheisse”, sagte sich heute, wer über den berner bahnhofplatz schritt, um in die ferne zu reisen.
2,6 milliarden menschen haben keinen zugang zu einer sanitären anlage. denn in ihren hütten fliesst kein sauberes trinkwassen. und ihre notdurft müssen sie irgendwo im freien verrichten.
der preis dafür ist hoch: jeden tag sterben weltweit 5000 kinder an durchfall, 90 prozent davon wegen mangelnder hygiene-einrichtungen in den haushalten. damit ist das problem vier mal gravierender als aids.
auf dieser problematik wurde heute mit einer unkonventionellen aktion auf dem berner bahnhofplatz aufmerksam gemacht. kot lag der strasse, wenn auch nur als attrappe. denn heute ist der welt-toilleten-tag, an dem sich dieses jahr 53 staaten beteiligen.
getragen wird die aktion von der deza, diversen fachstellen und hilfswerken. bern folgt damit einer aktion, die es bis jetzt in new york, berlin und wien zu sehen gab.
wer heute von bern aus in alle welt reiste, sagte sich zurecht: “grosse scheisse!” und er oder sie erinnert sich hoffentlich noch lange an den wirklichen grund für den ausspruch!
stadtwanderer
Nov
17
züriwest und bernost
November 17, 2008 | 1 Comment
wo nur endet züriwest, und bis wo reicht bernost? das ist die frage, die historisch schon so viele antworten bekommen hat. sbb-chef andreas meyer fügte ihr am wochenende bei der 150-jahrfeier zur durchgehenden eisenbahnlinie zwischen den beiden städten eine weitere hinzu, als er von zürich her kommend in burgdorf scherzeshalber meinte, man fahre jetzt von bernost nach züriwest …

bern feierte am wochenende 150 jahre anschluss ans eisenbahnnetz - als züriwest gemäss sbb-general meyer (bild: der bund)
vor den römern gab es keine idee eines gemeinsamen raumes im mittelland. man dachte nicht in der ost-west-kategorie, vielmehr bestimmte die süd-perspektive den blick auf den norden. ad fines, das heutige pfyn im thurgau, markierte den grenzübertritt zwischen dem rheintal und dem mittelland, in dem die aare als nur schwer passierbarer fluss die geländekammern bestimmte.
die geländekammern
burgunder und alemannen wurden nach der völkerwanderung durch die aare getrennt. die grenze verlief aber hart entlang des flusses. die bischöfe in konstanz, über die alemannen gebietend, und in lausanne, herren der burgunder, wachten darüber, dass das auch so blieb. und die fränkischen könige über den bischöfen schauten, dass die sich vertrugen. die aare unterhalb der emme war rechtsseitig klar alemannisch, während sie linksseitig oberhalb des saane-zuflusses im burgundischen besitz war. als die fränkische oberaufsicht nachliess, krachte es. die burgunder holten nach ost auf. 922 einigte man sich nach heftigen kämpfen auf die reuss als neue herrschaftsgrenze.
die klöster und stadtgründungen
mit den klöster- und städtegründungen im hohen und späten mittelalter änderte sich die herrschaftliche durchdringung des mittellandes nachhaltig. bern wurde zuerst zähringisches, dann savoyisches und schliesslich kaiserliches zentrum im no-mans-land zwischen burgundern und alemannen. die stadt entwickelte sich rasch zur territorialmacht im oberen aareraum. zürich, gegenüber dem kaiser gleich wie bern positioniert, organisierte den nord-süd-verkehr über den gotthard. nach der pest, welche die städte erschütterte, schloss man sich dem bund der innerschweizer an. zürich mit seine getreuen zuerst, bern mit den verbündeten danach.
die alte eidgenossenschaft
der krieg gegen die habsburger, von den innerschweizern begonnen und den luzernen fortgesetzt, brauchte die städte bern und zürich gegeneinander auf. bern dehnte sich 1415 bis an die untere reuss aus. es war jetzt der grösste eidgenössische ort. zürich drängte umgekehrt die limmat hinunter nach westen, sodass luzern der riegel dazwischen zu legen versuchte. baden wurde zur neutralisierten zone zwischen den stadtansprüchen, das man gemeinsam verwaltete. wenn bern und zürich sich nicht vertrugen, konnte es schon mal zum bürgerkrieg kommen. wenn sie gemeinsam als stäte handelten, konnte das hinterland ins hintertreffen geraten.
der bundesstaat
letztlich änderte erst der einmarsch der napoléonischen truppen in der schweiz dieses herrschaftliche patt zwischen den politischen mächten im mittelland. der kanton aargau wurde im wasserschloss aus der taufe gehoben, was die ansprüche zürichs limitierte und jene berns gar zurückdrängte. doch die bürgerlichen revolutionen trennten staat und wirtschaft.
dem staat gehörten nach 1803 die kantone, nach 1848 der bund, der diese zusammenfügte. denn die wirtschaftliche dynamik hielt sich nicht an diese engen grenzen. die strassen erschlossen das städtische umland, die eisenbahnen verbanden die urbanen zentren. am ende des feudalismus lebten noch 90 prozent der eidgenossen auf dem lande, heute sind es noch 30 prozent, die ausserhalb der urbanen zentren und ihren agglomerationen wohnen.
eine neue hauptstadt?
doch will mir scheinen, sind alte vorstellungen über landschaftskammern, flussgrenezn und stadtrivalitäten geblieben. züriwest gehört zur jener vorstellung, dass die metropolitanregion zürich am besten die städte basel, solothurn, bern, luzern und st. gallen inkorporieren würde. die sogwirkung der zentrale an der limmat geht auf jeden fall bis pratteln, bis zug und bis burgdorf. selbst wenn das pendlerströme abbildet, bleibt die frage, ob das der vielgesichtigen schweiz wirklich rechnung trägt?
bernost war zu zeiten der burgunder mal in der ostschweiz und unter den gnädigen herren aus der aarestadt immerhin noch bis brugg. das ist sicherlich passé. doch stimmt die auffassung, dass die bundesstaat nur noch ein provinzzentrum ist, das gerade mal bis ins wylerfeld ausstrahlt?
bis dorthin, wo man vor 150 jahren die eisenbahn-gäste aus zürich mit der postkutsche abholte? ist diese welt der alles verbindenden sbb-generaldirektion?
stadtwanderer
Nov
16
die voraussetzungen alltäglicher illusionen
November 16, 2008 | 6 Comments
zwar wurde das bewegte bild mit dem kino erfunden. die projektion farbiger bilder ist indessen älter. das museum neuhaus in biel/bienne weist in seiner sonderausstellung zur technik der illusion auf die spur: die zauberlaterne!
pietro scandolas welt der illusionen aus der zauberlaterne (fotos: stadtwanderer)
pietro scandola ist historiker. früher schrieb er in bern die universitätsgeschichte. ich kenne ihn noch aus dieser zeit. jetzt arbeitet er als leiter des museums/du musée neuhaus. sein neues thema ist die mediengeschichte. ganz überraschend habe ich ihn da wieder getroffen.
die gegenwärtige sonderausstellung heisst “die technik der illusion“. sie könnte auch “illusionen dank technik” heissen, denn es geht darum, wie träume unsere welt beherrschen und was die voraussetzungen dafür sind. entscheidend, so die these der ausstellung, sind die bewegten bilder, die man seit der wende vom 19. zum 20. jahrhundert auf den kinoleinwände sehen kann.
die zauberlaterne als kino vor dem kino
den historiker scandola interessiert es natürlich, was vor dem kino war. pietro sagt: “das kino war nicht eine erfindung der projektion farbiger bilder; es war nur eine perfektion. angefangen hat alles in der mitte des 17. jahrhunderts mit der zauberlaterne.”
dieses gerät bestand ursprünglich aus einer rauchenden petrollampe, aufgerüstet mit einer kanal, der das licht auf eine wand warf. in den kanal konnte man glasscheiben einfügen, auf die man bilder gemalt hatte. am anfang war alles statisch, dann entwickelte man techniken, wie man mehrere scheiben einfügen konnte und so auch dynamik in die projektion kam.
nochmals pietro: “wir haben internet, dvd, video und fernsehen. und wir haben farbbilder. sie sind die voraussetzungen der produktion von illusionen. der mensch des 19. jahrhunderts und davor hatte nichts davon. vielleicht waren die kirchenfenster die einzigen farbigen bilder, die man in seinem leben je gesehen hatte.
da musste die erfindung der zauberlaterne faszinieren. märchen wie rotkäppchen und der wolf waren bei den kindern beliebt. jetzt konnte man sie sehen. auch pinocchio, und erst noch, wie sein nase anschwoll. doch diente die erfindung nicht nur der unterhaltung, sie nützte auch der aufklärung kindern: was geschieht, wenn man ein geschwisterchen bekommt, liess sich so illusionieren: es fliegt der storch aufs dach, und er lässt das kindlein den kamin hinunter. und schon ist das brüderchen oder schwesterchen da!
die grossangelegte sonderausstellung
in der gross angelegten ausstellung kommen freaks der filmmaschinen oder der fotoapparaturen auf ihre rechnung. aber auch all jene, die sich erklären lassen, wie stark wir seit dem 20. jahrhundert in einer projektionswelt leben, werden begeistert sein. nicht zu vergessen sollte man die kinder, denn für sie gibt es an sonntagen ein spezielles programm, bei dem sie auf verschiedenste arten spielerisch auf den ernst des unernsten teils im leben vorbereitet werden.
ein tolles erlebnis für jung und alt, und auch für mich, das mir pietro scandola heute perfekt bilingue in biel/bienne geboten hat. ganz real übrigen …
stadtwanderer
Nov
16
der generalstreik - die sozialpolitische wende
November 16, 2008 | 2 Comments
vor 90 jahren wurde in der ganze schweiz fast eine woche lang gestreikt. der wichtigste sozialpolitische einschnitt in der schweizer geschichte urteilen die fachhistoriker, denen es aber nicht gelungen ist, aus den novembertagen 1918 einen populären gedenktag zu schaffen.

typisch für den generalstreik in der schweiz: robert grimm, streikführer im oltener aktionskomitee, regierte in späteren jahren als berner sp-regierungsrat konsensorientiert
der landesweite generalstreik
die woche war bewegt. das deutsche kaiserreich brach in sich zusammen. und der erste weltkrieg wurde mit dem frieden von compiègne beendet. in deutschland und österreich waren soziale revolutionen ausgebrochen. und auch in der schweiz hatte das oltener aktionskomitee zum landesweiten generalstreik aufgerufen.
bis heute gilt der landesstreik, wie er in der geschichtsschreibung meist genannt wird, als die schwerste krise des 1848 gegründeten bundesstaates. er markiert gleichzeitig auch die wende von anfänglich rein freisinnigen vorherrschaft gegen verschiedenen oppositionen hin zum parteienpluralismus im konkordanzsystem.
die wichtigsten forderungen des oltner aktionskomitees, die während des generalstreikes erhoben wurden, sind heute weitgehend realität. der nationalrat wird seit 1919 aufgrund des proporzwahlrechtes gewählt. das frauenstimm- und -wahlrecht gilt seit 1959. die ahv verbindet die schweizerInnen seit 1947. anderes, wie die 48-stunden-woche oder die sicherung der lebensmittelversorgung ist durch den fortschritt längst überholt worden. schliesslich gibt es forderungen von 1918, die bis heute in diskussion sind: die armeereform zur breiten abstützung des militärs in der gesellschaft, oder eine neue steuer für vermögende, um die staatschulden zu verringern.
die ereignisse
ausgelöst wurde der generalstreik durch die zürcher bankangestellten. es intervenierte kurz vor kriegsende die schweizer armee in zürch. das oltener aktionskomitee unter dem berner robert grimm übernahm erst jetzt die landesweite führung der streiks, die ausser kontrolle zu geraten drohten.
250000 arbeiter in 19 städten beteiligten sich am generalstreik. die missliche wirtschaftlage hatte sie mobilisiert. das gespannte verhältnis zwischen unternehmern und bauern einerseits, der arbeiterschaft anderseits, hatte polarisiert. und die grippewelle am ende des krieges hatte alle hemmungen, in bisher nicht bekannte formen des sozialpolitischen kampfes vorzudringen, schwinden lassen.
doch sollte er nicht lange dauern. denn bereits in der nacht auf den vierten streiktag schickte das oltener aktionskomitee per telegramm die kapitulation an den bundesrat und forderte es die streikenden auf, die arbeit wieder aufzunehmen. am montag der neuen woche war es überall soweit.
die würdigung
die kurze phase der illegalen aktionen war damit auf dem höhepunkte der emanzipationsbestrebungen der schweizerischen arbeiterschaft abgeschlossen, urteilt willy gautschi, der (verstorbene) historiker, der sich am ausführlichsten mit den ereignissen vor 90 jahren beschäftigt hat. dank der voll ausgebauten demokratie in der schweiz habe sich das bewusstsein in der überwiegenden mehrheit des volkes durchgesetzt, “dass sich irgendwelche änderungen der politischen struktur im rahmen der demokratischen freiheiten mit legalen mitteln zu vollziehen hätten.”
der bürgerliche staat wurde in der folge nicht wie im kommunismus abgeschafft. vielmehr wurde er durch sozialdemokratische ideen beeinflusst reformiert. man kann den generelstreik in seinen folgen als die eigentlichen sozialpolitische wende in der schweiz bezeichnen. der wandel gilt auch für die gesellschaft, in die die bisher als vaterlandslose gesellen verschriene schweizer arbeiterschaft so gut aufgenommen wurde, dass es heute den gewerkschaften fast angst und bange wird.
die novembertage 1918 in den schweizer städten sind denn auch ein wesentlicher einschnitt nicht nur in der europäischen, sondern auch in der schweizer geschichte. “Die eidgenössische Demokratie als Staatsform gegenseitigen Vertrauens hatte sich bewährt, doch war gleichzeitig klar geworden, dass sie uns nicht als feste grösse für alle Zeiten geschenkt ist.” dem urteil von gautschi ist eigentlich auch heute nicht beizufügen, selbst wenn die offizielle schweiz diesen erinnerungstag, einmal mehr, durch das tagesgeschehen gezeichnet, fast vollständig vergessen hat.
stadtwanderer
Nov
15
lieber erich hess … (bundesratskandidat der jsvp)
November 15, 2008 | 11 Comments
“Die Seite kann auf Grund der Einstellungen im Jugendschutzfilter nicht angezeigt werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.”
das ist kein jugenschutz in sachen unerlaubter sex-seite. es ist der filter, wenn man die homepage der svp schweiz konsultieren möchte.

mindestens in den internet-cafés der stadt bern, die marktführer www.weblane.ch betreibt.
meine frage an sie, lieber herr erich j. hess: eine politisch ernst zu nehmende aussage? verbreitet ihre mutterpartei effektiv jugendverführerische inhalte? - oder ist das ein weiterer übler eingriff in ihren wahlkampf als berner stadtrat? und wenn sie, der erste und jüngste bundesratsanwärter der jungen svp, tatsächlich ende monat mitglied der landesregierung sind: verbieten sie dann solche einschränkungen der internetfreizügigkeit?
lieber erich hess, bitte übernehmen sie!
stadtwanderer
Nov
15
jahrhundertprojekt bahnhof bern
November 15, 2008 | 4 Comments
der berner bahnhof ist der zweitgrösste der schweiz. und er soll ausgebaut werden. der stadtwanderer macht sich schon mal darauf gefasst, bis zu seiner pensionierung an der umbaustelle von nebenan aus und in den zug steigen zu müssen.
um die grossen pendlerInnen-ströme tagtäglich zu bewältigen, ist bern auf vielerlei angewiesen: einen leistungsfähigen oev; genügend parkplätze in der stadt , attraktiven wohnraum in city-nähe. denn jeden morgen kommen mehr menschen in die stadt, als hier leben. und jeden abend verringert sich die zahl der anwesenden wieder um gut 150000 personen.
hohe priorität kommt bei der bewältigung den menschenmengen dem berner bahnhof zu. in den 70er jahren erstellt, platzt er eigentlich jetzt schon aus allen nähten. 2005 kam die “welle” hinzu. dieses jahr wurde die unterführung neu gemacht, und der bahnhofplatz erhielt präzise auf die euro ‘08 den baldachin.
doch all das reicht nicht. barbara egger, die baudirektorin des kantons bern, machte heute publik, wie der zukünftige bahnhof bern aussehen soll: 30 meter unterhalb des jetzigen bahnhofes soll ein neuer tiefbahnhof mit vier geleisen entstehen. der neue rbs-regionalbahnhof soll so 80 verlängerte züge pro stunde abgewickeln können.
offen bleibt die möglichkeit, dass auch die sbb einen tiefbahnhof mit weiteren vier spuren bekommt. denn man rechnet, dass sich die zahl auch dieser züge, die in bern halten, innert einer generation um 50 prozent erhöhen wird.
1 milliarde franken wird der neue rbs bahnhof kosten, mindestens nochmals soviel ein neue sbb-tiefbahnhof. bezahlt werden muss das aber noch nicht heute und morgen. denn der baubeginn soll 2014 sein. gerechnet wird mit einer bauzeit von 10 jahren.
bis das jahrhundertprojekt beendet sein wird, bin ich wohl rentner. bis dann gibt es wohl viel zu bloggen - von der grössten baustelle in meinem lebensalltag …
stadtwanderer.
Nov
13
was ist das für eine zeit, in der wir leben?
November 13, 2008 | 6 Comments
in momenten der schnellen bewegungen greife ich gerne auf bücher zur zeit zurück. denn spektakuläre machtwechsel, gewaltige börsencrasheund kranke bundesräte sind äussere zeichen tiefgreifender veränderungen: wohin gehen wir? woher kommen wir?, stellt sich unvermittelt als fragen.
auf der suche nach antworten, habe ich futurologisches lexikon gelesen, und auch keine parteiprogramme gebüffelt. ich habe zu einem zeitgeschichtsbuch gegriffen.
christoph dejungs: widerspruCH. auch eine schweizer geschichte seit 1945″, huber verlag 2008 liegt seit einigen tagen neben meinem bett, sodass ich gerne darin schmökere. ich will es gar nicht erst besprechen, denn es unkonventionell gemacht. zwei sätze würde da nicht reichen, und es ist spät am abend.
ich habe aber die zentralen momente und begründungen, die der autor für die zeit nach dem kalten krieg herausgearbeitet hat, rausgesucht.
nun interessiert mich natürlich, was aus alle dem, was die letzten jahre aus der sicht eines zeithistoriker ausmacht, fü euch die heutige zeit am besten trifft? was man hätte weglassen können und was man sonst noch für momente der gegenwartsgeschichte hätte herausstreichen müssen?
ein kleine herausforderung also, eine einladung auch, 10 minuten darünber nachzudenken, was das für eine zeit ist, in der wir jetzt leben!
hier schon mal die vorgaben von dejung, in seien worten:
2007-12-12:
ein bundesrat, der sich vier jahre lang in der subtilen verletzung von spielregeln geübt hatte, wird aus gründen der konkordanz nicht wieder gewählt; damit erleidet sein machtanspruch kurz nach einem historischen wahlsieg ein debakel.
2006-05-07:
die kräfte, die es versuchen, zur stärkung der gemeindeebene rational notwendige bereinigungen vorzunehmen, erhalten den grössten auftrieb durch die direkte demokratie; glarus beschliesst umfassende gemeindefusionen.
2005-06-27:
der pac-car der ethz fährt mit einem liter treibstoff über 5000 km weit; er braucht für diesen rekord eine mit wasserstoffantrieb verbundene brennstoffzelle; der erfolg lässt in dunkler zeit für die wissenschaftlichen zukunft des landes hoffen.
2004-02-08:
überraschend erreicht eine unpolitische frauengruppe, unterstützt von der rechten, die einführung unbefristeter verwahrung trotz rechtlicher bedenken; der text könnte wie einst das schächtverbot als hypothek lange in der verfassung bleiben.
2003-08-11:
in grono erreicht die lufttemparatur erstmals in der schweiz 41,5 grad, was historisch viel wichtiger ist als die modifikation der zauberformel durch einen älteren populisten; diese änderung trifft die junge bundesrätin ruth metzler.
2002-09-22:
in einer referendumsabstimmung wird das elektrizitätsmarktgesetz abgelehnt; im erfolg der vereinten alpenkantone und der linken drückt sich die schwere enttäuschung über deregulierungs- und privatisierungsresultate aus.
2001-10-02:
in der durch die grossattentate von new york und washington verursachten flaute bricht die einst bewunderte, jetzt marode swissair in einem grounding zusammen, worin sich vor allem die 1992 vollzogene abgrenhzung zu europa auswirkt.
2000-01-01:
die erst nach längerem zögern von der politischen rechte bekämpfte neue (dritte) bundesverfassung tritt in kraft; mit einzelnen substanziellen neuerungen, die einen längeren kampf zwischen verfassungsrecht und demokratie erwarten lassen.
1999-01-01:
die erste bundespräsidentin, ruth dreifuss, wird in ihr amt eingeführt; die sozial engagierte frau kann die krankenversicherung nicht dauerhaft reformieren.
1998-12-04:
nachdem drei jahre vorher eine erste veränderung des arbeitsrechtes im sinne kapitalistischer “deregulierungen” knapp angenommen worden war, stoppte das volk die von über 90% der parlamentarier empfohlene vorlage zum arbeitsgesetz.
1997-12-18:
die fusion von bankgesellschaft und bankverein zur ubs wird bekanntgegeben. die zahl der grossbanken, 1945 noch fünf, fällt auf zwei. ein jahr früher war die gleiche reduktion bei den basler chemiekonzernen vollendet worden.
1996-12-12:
zur unterstützung der angegriffenen schweizer grossbanken und zur angeblich unerlässlichen aufarbeitung de geschichte der schweiz im zweiten weltkrieg wird die historiker-kommission unter jean-françois bergier aus der taufe gehoben.
1995-02-14:
das experiment einer öffentlich sichtbaren drogentoleranz scheitert mit der schliessung der drogenszene am letten in zürich; sie erweit sich als unmöglich angesichts der in der ganzen europäischen umwelt herrschenden verdrängungspolitik.
1994-04-07:
unter den augen der schweizerischen entwicklungshelfer beginnt der völkermord in ruanda: das entsetzen über die wiederholung des geschichte bereitet das land auf die frage der verantwortung vor, die sich alsbald beim holocaust stellen wird.
1993-06-18:
die anpassung der schweiz an die europäischen rechtsverhältnisse führt zur rassismus-strafnorm, die bei leicht vorhersehbarem einseitigem interpretationszwang für die geschichtswissenschaft unerfreuliche konsequenzen haben wird.
1992-06-06:
mit der ablehnung des beitritts zum europäischen wirtschaftsraum ewr leistet sich das stimmvolk die krasseste direktdemokratische eskapade, die auf den mühsamen und heuchlerischen weg der bilateralen verträge zwingt.
1991-08-01:
die schweiz tut sich schwer mit der zentenarfeier des ältesten eidegenössischen bundes; die konservative schweiz will in der gleichen art feiern wie zwei jahre früher bei “diamantfeiern” zur erinnerung an die grenzbesetzung.
1990-01-04:
die vom kanton zürich in zusammenarbeit mit den bundesbahnen verwirklichte zürcher-s-bahn wird eröffnet; ein langes hin und her zwischen überdimensionierter metro und nichtstun wird beendet, andere zentren folgen.
1989-11-26:
mehr als ein drittel der schweizer, mehr als die hälfte der zwens befürworten die abschaffung der armee; mit der gleichzeitigen (vergeblichenI) hoffnung auf eine “friedensdividende” gipfelt die stimmung der wendezeit auch in der schweiz.
stadtwanderer
Nov
12
ode für den berner mit stil
November 12, 2008 | 3 Comments
man kennt meine freundliche anerkennung, die ich mit den jahren für adrian von bubenberg entwickelt habe. es ist heute ein guter moment, dem strahlenden schlachtensieger, dem staatsmann, der seinen staat nicht mehr verstand, und dem unglücklichen stilisten unter den berner politikern zu gedenken. denn von bubenberg musste schliesslich seiner schwer angeschlagenen gesundheit wegen unerwartet gehen, ohne einen würdigen abgang gefunden zu haben. ein nachtrag des stadtwanderers also.
unerwarteter abgang: adrian von bubenberg verlässt 1479 nach kurzer krankheit gezwungenermassen die politische bühne berns, bleibt uns aber bis heute in guter erinnerung (foto: stadtwanderer)
heer den herausforderungen der zeit angepasst
in murten gelang adrian von bubenberg ein grosse coup. er siegt gegen alle widersacher, welche die eidgenossenschaft damals hatte. unter von bubenbergs erfolgreicher führung hielt man stand, gab man nicht nach, blieb man hart. das brauchte einen grossen einsatz, ein strenger wille, denn die armee wäre, so wie sie aus den ideologisch geführten inneren kriegen vor bubenbergs zeiten bestand, den herausforderungen der 1470er jahre nicht gewachsen gewesen.
als während der besetzung murtens militärische entlastung aus der ostschweiz kam, war man im seeland mächtig erleichtert. denn jetzt musste sich der feind zunächst auf dem grossen schlachtfeld ob murten wehren, bevor er zu einem weiteren schlag auf adrian von bubenberg ansetzen konnte. dazu kam er gar nicht mehr, brachte doch der unterschätzte gegenangriff die anfänglich wild entschlossenen belagerer arg durcheinander.
zuerst verlor man die stolze artillerie, dann wusste die kavallerie nicht mehr, wessen haut sie angreifen und wessen haut sie retten sollte. als die anführer im getümmel verwirrt umherrannten, verloren sie einen teil des frustrierten fussvolkes. bis ihnen allen nichts anderes mehr übrig blieb, als ganz klein beizugeben. denn die opposition gegen die eidgenossenschaft war nach kurzer zeit zu verlorenen sache geworden.
strahlender schultheiss zu bern
adrian von bubenberg, den die geschäftstüchtigsten unter den eidgenossen, die zum mob geworden waren, ein leben lang so heftig verteufelt hatten, dass er nur noch halber berner blieb und angewidert nach spiez ging, genoss die rückkehr ins siegreiche bern sichtlich. nie hatte man ihn so stolz, so entspannt, und so zugänglich erlebt, wie in diesen tagen. zwa standen in spiez seine getreuen ohne wenn und aber zu ihm. doch war es schlicht interessanter, schultheiss von bern zu sein als ritters am thunersee. denn die macht liebte adrian, der zum staats-, nicht zum hausdienst erzogen worden war.
es war adrian von bubenberg indessen nicht vergönnt, seinen triumpf von 1476 über seine gegner in fremden und eigenen reihen lange zu geniessen. als schultheiss hatte sich der diplomat noch dafür eingesetzt, das zerschlagene geschirr mit den nachbaren wegzuräumen. doch der krug, der zerbrochen war, liess sich nicht mehr kitten. sein versuch, noch einmal mit voller kraft zum anführer erfolgreicher eroberungen zu werden, missriet gründlich. aus dem grossen schlachtensieger von murten wurden ein kraftloser belagerer in bellinzona, der ohne jeglichen erfolg abziehen musste.
geknickter politiker
in den letzten tagen plagten verschiedene sorgen den angeschlagenen adrian von bubenberg. zuerst die finanziellen belange, denn die burgunderkriege hatten auch seine stammlande verwüstet. ein teil seiner güter lag ganz darnieder, ein anderer war zum feind übergelaufen. und die verblieben teile des ehemals so stolzen bubenbergschen hausbesitzes bildeten kein ganzes mehr. mehr persönliche bindungen war ausschlaggebend, dass man beim schultheissen blieb. eine handlungsfähige einheit war das indessen nicht mehr.
das nagte am schwer getroffenen schultheissen. sein ansehen in bern liess nach. es minderte sich, genauso schnell, wie der finanzielle ruin nahte. selbst die kirche musste sich der unrühmlichen sache annehmen. die lokalen wüdenträger versuchten zu beschwichtigen, doch die kritischsten informationen waren bis zum papst, der die unrühmliche angelegenheit untersuchen liess.
plötzliches ende
adrian von bubenberg musste sich nicht mehr mit den ergebnissen der inquisitorengruppen auseinandersetzen. seine gesundheit verschlechterte sich fast von einem tag auf den anderen. die hektischen tage, die bern 1479 erlebte, liessen ihn erkranken. so nahm die berner karriere, die so mustergültig begonnen hatte, die jedem tiefpunkt einen höhepunkt folgen liess, ihr jähes ende.
die ämter, die einst die leute vom schlage bubenbergs bekleidet hatten, nahmen nun die früheren widersacher ein. sie sollten sich in der praktischen politik sogar besser durchsetzen, als der bärner gring des bisweilen quer zum zeitgeist stehende von bubenbergs. doch erinnert man sich heute kaum mehr an einen von ihnen. denn ihnen fehlte in der regel die grösse, sich für mehr als ihre geschäfte, für echte staatskultur einzusetzen.
erinnerungen
in unserem andenken an dieser zeit ist uns nur adrian von bubenberg geblieben, der tragische schlachtensieger, den staatsmann, den man immer wieder behindert hat, und der berner mit stil.
ich werde ihn auch morgen mit respekt grüssen, wenn ich an seine momument vorbei zu meiner arbeit gehe.
stadtwanderer
Nov
11
ich bin dann schon mal überall
November 11, 2008 | 6 Comments
ist irgendwo im überall zu sein nicht gleich wie nirgendwo hier zu sein, fragt der stadtwanderer.
der auslöser
ich war referent im generalsekretariat einer nationalen politischen organisation. thema und gruppe sind für das, um was es mir hier geht, unerheblich. es hätte auch bei anderer gelegenheit “klick” machen können.
anwesend waren die verantwortlichen der organisation und die fachleute zum thema. total rund 15 personen. meine präsentation dauerte mit der diskussion eine stunde. das kenne ich, und deshalb nehme ich mal an, dass das was passierte, nicht mir mir und meinem vortrag zu tun hatte.
das problem war: am ende der stunde niemand, der nicht ein- oder mehrfach den raum verlassen hätte. bei einzelnen war die abwesenheit nur einmal und für kurze zeit, bei anderen fast schon der immer wiederkehrende normalzustand.
was ist?
nach dieser stunde zog ich bilanz: mein publikum war zwar wie abgemacht gekommen, aber gar nicht präsent. die meisten gingen hinaus, um ein handy-gespräch zu führen. andere wiederum berieten sich in kleinen gruppen vor der tür zu weiss ich was während der sitzung. schlimmer noch: ein teil, der da war, hing derweil am labtop oder blackberry: news-kontrollierend, faktenrecherchierend - irgendwo im worldwideweb rumhängend.
als ich ging, fragte ich mich, wo ich eigentlich war, was ich wirklich gemacht habe, und was, von dem, was ich kommuniziert habe, einen empfänger gehabt hat? - wohl nicht viel, war meine ernüchternde bilanz, und ich begann zu suchen, wie man den film, indem ich war, beschreiben könnte.
diagnose
“entortung” ist ein begriff zwischen literatur und soziologie. er meint verschiedenes: zuerst die migration, meist von einem herkunfts- zu einem arbeitsort. dann die mobilität, die möglichkeit also, dank physischer beweglichkeit in rascher folge an verschiedenen orten zu sein.
und schliesslich meint der begriff, dass wir dank neuen informationstechnologien zeitgleich in verschiedensten welten, gesellschaften und gemeinschaften sein können, denn sie alle sind zu fast beliebig austauschbaren interaktionssystemen geworden, in den wir uns kommunikativ technisch leicht aufhalten können.
wenn wir physisch an eine ort sind, gleichzeitig aber mit vielen anderen orten verbunden sind, beginnt das problem: unser körper löst sich nicht auf, wenn sich unser geist verflüchtigten. er bleibt, wo er ist, aber es ist niemand mehr in ihm!
fragen
die überwindung des leiblichen ist das grosse thema der griechischen philosophie. doch geschafft haben es die meisten alten griechen nicht zu transzendieren. wer das konnte, galt als mensch mit übernatürlichen fähigkeiten. als mensch, der sich in der vergangenheit oder zukunft leben kann, wie wenn er oder sie in der gegenwart wäre. oder der andere kulturen so gut kennt, dass er oder sie in ihn leben kann wie in der eigenen.
in unserer gegenwart können wir massenweise transzendieren. doch frage ich mich: ist das, so wie heute geschieht, übernatürlich und bewundernswert, oder unnatürlich und korrektur bedürftig?
stadtwanderer
ps:
eigentlich wollte darüber beim heutigen stadtwandern sinnieren, ich hab’s aber gelassen, und mich direkt mit der stadt beschäftigt. doch bloggen hierzu kann man ja problemlos, den auch das ist eines der so verführerischen interaktionssysteme ohne ort!
Nov
10
no more milky way
November 10, 2008 | 5 Comments
keine angst, ich mache keine meldung in sachen firmenschliessungen! es geht nicht im schokolade, sondern um unsere milchstrasse. wir sehen sie kaum mehr. nicht weil wir in dunkeln löchern leben würden, ganz im gegenteil, weil die nächte so hell geworden sind.
“national geographic” hat mich am wochenende geschockt. denn in der aktuellen ausgabe werden die jüngsten forschungs-ergebnisse der lichtverschmutzungs-wissenschaft referiert.
schon beim begriff stutzt man. und bei der sache nicht weniger. denn auf dem titelblatt angekündigt wird nicht geringeres als das ende der nacht.
schuld ist das urbane leben, das ich so liebe. am schlimmste ist die werbung, denn die lichtsucht der sog. kreativen stiehlt uns die dunkelheit. es folgen die architekten, die hochhäuser bauen, in denen die menschen vereinsamen und deshalb stets und überall licht an machen. und am ende kommen auch noch die autobahnen ihr fett ab. übertriebener eifer beim sicherheitsdenken erhellt uns nicht. doch stiehlt es uns die sicht auf den himmel.
europa brennt, könnte man meinen, wenn man sich die karten der lichtverschmutzungswissenschafter ansieht. denn alles ist hell. je städtischer desto schlimmer. die poebene sticht heraus, und flandern auch. london, paris, madrid, berlin und wien sind bald überall.
das alles ist nicht ohne folgen für die mensch und tier: für zwei drittel der europäerInnen gibt es gar keine richtige nacht mehr. der himmel ist unnatürlich hell, sodass die galaktische orientierung ausbleibt. wir alle leben heute am polarkreis, wo es nördlich davon im sommer nicht mehr dunkel wird. und südlich: das gleiche auch im winter. tendenz: rapide verbreitung auf dem alten kontinent.
doch nicht nur das: auch die vögel sind ganz verwirrt on der heller werdenden nächte. sie sterben in scharen, vor allem die beliebten singvögel, weil sie zu tief fliegen und des “nachts” in menschengemachte umgebungen krachen. schon gibt es schulen, die tote vögel einsammeln, um uns zu zeigen, wie weit wir schon gegangen sind.
ich bin ganz unsicher geworden nach der artikellektüre. als erstes sagte ich mir: übertrieben! doch jetzt hallt das gelesene nach: gibt es ob all den strassenlampen die milchstrasse noch? gibt es milky way bald effektiv nur noch mit menschengemachter schokolade?
stadtwanderer
Nov
9
ein quantum burgdorf
November 9, 2008 | 1 Comment
wenn man nach einem spannenden film frage, wird man heute auf quantum of solace verwiesen. ich halte dagegen: wenn man eine spannende lesung erleben möchte, dann sollte man besser die burgdorfer krimitage 2008 besuchen.
zum beispiel die “schattmattbauern”
dem stadtwanderer besonders angetan hat es die szenische lesung der “schattmattbauern”. denn es gibt keine kriminalgeschichte, die besser zu burgdorf passen würde, als die, die carl albert loosli anfangs des 20. jahrhundert veröffentlich hatten. aufgenommen hat der bümplizer schriftsteller, der vormals selber gerichtsschreiber und geschworener war, wie gerichtswesen und gerechtigkeit im emmental (nicht immer) funktionierten.
fritz grädel ist die tragische figur. sein schwiegervater, der alte schattmattbauer, arbeitet gegen ihn, wo es nur geht. doch der stolze jungbauer, hält dagegen. im konflikt wünschte er den altbauer schon mal den tod. am morgen nach dem tanz in habligen entdeckt man dessen schwiegervaters, und schnell fällt der verdacht auf fritz.
als fritz zur untersuchung ins schloss aufgeboten wird, verlagert sich die ganze gesellschaft mit den lesern dorthin. der beschwerliche aufstieg zur höchsten autorität burgdorfs wird gleichsam zur öffentlichen anklage. aus grosen lautsprechern vernimmt man den stand der beschuldigungen während des viermonatigen verfahrens.
oben angekommen, wird man in den wirklichen gerichtssaal gebeten. fritz muss mangels beweisen nicht ins gefängnis. damit ist zwar der krimi zuende, doch der roman beginnt hier erst. denn aus fritz wurde danach kein freier bauer mehr, sondern er war ein gebrochener mann. nach weniger als einem jahr stirbt er an seinem verdruss ob all den beschuldigungen.
25 jahre später erhält der gemeindepräsident von habligen post aus brasilien. christian, der bruder des altbauern, vermachte sein vermögen fritz oder dessen nachfahren. in der begründung beschreibt er, wie sein bruder geübt habe, sich so umzubringen, dass es niemand merke. er habe davon gewusst, doch sei in der schuld des bruders gestanden, und musste er deshalb sein leben lang schweigen.
dieser habe, gesteht christian, um fritz zu schaden, mit schnur und fleischerhaken, an dem eine pistole hing, jene vorrichtung konstruiert, mit der er sich schliesslich selber erschoss. der clou sei gewesen, dass die pistole nach dem schuss wegspickte, und so den verdacht auf den jungbauern lenkte. denn fritz, den tochtermann, mochte der alte nicht, war er doch der sohn seiner früheren geliebten, die ihn dann verstossen hatte. gerächt hat sich der alte auf seine art, die makaberer nicht sein konnte.
burgdorfs kriminelle energien
mit solche spannenden, authentischen und lebensnahen lesungen hat sich burgdorf in den letzten jahren als hautpstadt des deutschsprachigen krimis profilieren können. der frankfurter jan sehgers, der 2008 mit dem krimipreis geehrt wurde, fasst das so zusammen: unter den krimiautoren, die nie in burgdorf gewesen seien, erscheine die kleinstadt an der emme des begehrten preises wegen mindestens 100 mal grösser als sie effektiv sei.
elisabeth zäch, die burgdorfer buchhändlerin und programmchefin der krimitage, fasste das lob als auftrag auf . die nächste woche widmet sie fast ganz dem gelingen des festivals, und wenn noch etwas zeit bleibt, betreibt sie wahlkampf: stadtpräsidentin der krimimetropole will sie ende monat werden!
mal sehen, ob die burgdorferInnen soviel kriminelle energien haben, ihre stadt auf der landkarte der aufmerksamkeiten ganz neu zu positionieren. ein quantum davon haben sie schon mal unter beweis gestellt.
stadtwanderer
carl albert loosli: die schattmattbauern. werke, bd. 3/kriminalliteratur, 2006
Nov
8
hitler töten wollen, dafür mit den Tod bestraft werden und in vergessenheit geraten
November 8, 2008 | 6 Comments
es war der 9. november 1938. maurice bavaud hatte einen platz auf der ehrentribünen zum gedenkmarsch zum münchner putsch von 1923. er hatte sich als begeisteter nazi ausgegeben, um zu verbergen, dass er hitler töten wollte. doch es kam nicht soweit, denn die wirklich begeisterten nazis vor ihm hatten den arm zu gruss ausgesteckt, als der führer vorbeikam. sie schützten ihm so, denn sie versperrten bavaud die sicht. die weltgeschichtliche tat misslang.

das leben von maurice bavaud
bavaud, maurice, wurde 1916 in neuenburg geboren. die familie lebte ärmlich, der vater war pöstler, die mutter gemüsehändlerin. das milieu war katholisch, denn man stammte aus dem waadtländischen bottens, nähe echallens, wo trotz reformation stets katholisch geblieben war. das prägte auch den junge bavaud. nach einer lehre gibt er in die bretagne, um sich zum missionar ausbilden zu lassen. dort fasst er den plan, den tyrannen, der den katholizismus bedrohe, umzubringen.
am 9. oktober reiste er nach münchen, lauert hitler auf, kam aber nie genau nahe an den führer heran. das geplante attentat scheiterte, nicht zuletzt weil bavaud kein geld mehr hatte. er beschloss nach paris zu gehen, konnte aber die fahrkarte nicht lösen. der schwarzfahrer wurde verhaftet und der gestapo übergeben. unter folter gestand er seinen plan. zweieinhalb jahre sass er in berlin im gefängnis. an seine familie beschreibt er seine gefühlslage: “içi, dans le Brandebourg, c’est l’hiver perpétuel. Il pleut, il fait froid. Et en Helvétie?”
am 14. mai 1941, morgens um sechs, wird maurice bavaud in berlin-plötzensee von den nazis hingerichtet.
die aufgehobene todesstrafe
1955 strengte maurices vater die revision des todesurteils in berlin an. der tod durch enthaupten wird nachträglich aufgehoben, doch wird maurice bavaud posthum zu 5 jahren gefängnis verurteilt. eine rechtfertigung im sinne der diktatortötung kenne das strafrecht nicht, hiess es. ein jahr später hob deutschland dies urteil jedoch auf. bavaud wird endlich freigesprochen; seine familie erhält 40′000 franken wiedergutmachung.
doch die schweiz schweigt. genauso wie während des krieges. hans frölicher, der schweizer gesandte im dritten reich, besuchte seinen landsmann im brandenburger gefängnis nie, denn er hielt bavaud für einen wirrkop, dessen absicht eine verabscheuungswürdiges verbrechen darstelle. es braucht die stimme des deutschen schriftstellers rolf hochhuth in der “zeit”, um die schweiz auf ihre verlorenen sohn aufmerksam zu machen. 1976 feiert er den vermeintlichen hitler-attentäter. er stellt ihn direkt neben wilhelm tell, denn er ist überzeugt, dass es ohne hitler keinen weltkrieg gegeben hätte.
das ringen um die schweizer rehabilitierung
niklaus meienberg, der verstorbene schweizer schriftsteller, reagiert auf die publikation hochhuths. er bringt 1980 unter dem titel es ist kalt in brandenburg. ein hitler-attentat ein buch über maurice bavaud heraus. zusammen mit villi hermann und hans stürm macht er auch einen film über bavaud. klaus urner, leiter des archivs für zeitgeschichte, hält dagegen. mehr als 40 jahre nach dem tatversuch entsteht in der schweiz endlich eine diskussion über.
während seinen recherchen treffe ich niklaus in aarau. denn schon nach kurzer lektüre der damals vorhandenen informationen erkenne ich das milieu, in das bavaud geboren wurde. auch meine familie kommt aus der gegend und gehört zu den wenigen, die nicht zur reformation übergetreten sind. doch das ist nur der biografische zugang. mich interessiert die sache mehr, denn ich skizziere meine diplomarbeit. sie soll von schweizer ärzten handeln, die mit der deutschen wehrmacht in die sowjetunion gingen. dort werden sie, von den nazis gezwungen, gegen den rotkreuzgedanken verstossen, indem sie nur deutsche verletzte pflegen. fröhlicher ist auch für mich ein thema, der april 1941 auch, denn ich bin überzeugt, die sachen hängen zusammen.
die schweizer politik jedoch tat sich damals noch sehr schwer, sich an bavaud und seinen tatversuch zu erinnern. erst 1989 räumt man ein, sich ungenügend um den fall gekümmert zu haben. gestern rehabilitierte der bundesrat, 70 jahre nach dem attentatsversuch den freigesprochenen landsmann. bundespräsident pascal couchepin sagte: maurice bavaud verdiene unsere erinnerung und anerkennung.
stadtwanderer
Nov
7
wähle deine präsidentin oder deinen präsidenten!
November 7, 2008 | 19 Comments

“yes, we can”: die kampagne obamas löste den neuen american dream aus. haben wir eine solchen?, frage der stadtwanderer.
politisches system nach amerikanischer art, ausser beim präsidenten
die schweiz hat ja vieles von den usa übernommen. 1848 waren die vereinigten staaten von amerika vorbild für die schweiz. ein moderne republik jenseits der monarchien wollte man werden. ein gemeinsames parlament sollte man bekommen, das aus zwei kammer bestand. und ein gemeinsames, höchstes gericht sollte die rechtsprechung in der nation vereinheitlichen. das alles gab es nur in den usa.!
nur den präsidenten haben wir von den amerikanern nicht übernommen. da sind wir ganz napoléonisch ausgerichtet. wir haben zwar einen bundespräsidenten, dem zur seite auch ein bundeskanzler steht. das ist das französische erbe. “salon du président” heisst zwar der nebenraum des ehrwürdigen bundesratszimmers, wo man sich zum gemütlichen stelldichein nach der sitzung treffen kann. doch der amtsinhaber ist jeweils nur auf zeit der chef des raumes. nach einem jahr gibt es das amt wieder ab. der bundespräsident in der schweiz hat weder besondere aufgaben. er kann auch keine ministerInnen berufen und entlassen. und in den abstimmungen sind alle gleich wichtig.
anders als die amerikanerInnen bestimmen wir unseren präsidenten auch nicht via volkswahlen. was bei bundesratswahlen herauskommt, liegt in der macht der vereinigten bundesversammlung. unser wahlrecht im nationalrat ist auch nicht auf mehrheitsbildung ausgerichtet. die kraft des freisinns, der lange über den partikularinteressen die geschicke des landes führte, ist längst gebrochen. die konkordanz ist an seine stelle getreten: die beteiligung aller namhafter kräfte, um ein wenig dabei zu sein, aber nicht so stark, dass man auf die anderen nicht angewiesen wäre. das erträgt keinen (starken) präsidenten.
was wäre wenn …
was aber wäre, wenn wir einen präsidenten wie in amerika hätten, ergänzt durch einen vizepräsidenten? käme dann alles besser? oder viel schlechter? hätten wir dann bei wahlen auch historische momente, die lange in der erinnerung haften werden? würden wir dann auch von schauspielern, lügnern und kriegstreibern regiert? würden sich bei uns auch clan wie die kennedys, die bushs und die clintons bilden, die über längere zeit nationale politik wie ein familienunternehmen betreiben würden? und hätten wir dann auch massenmediale blender zu oberst und spitze lewinsky-liebhaber statt staatsmännern?
let’s have a dream …
das ist eine reflexionsrunde wert! genauso wie die frage, wer denn diese personen sein könnten? wer heute der beste wäre, präsidentIn zu sein? wen er oder sie als stellvertreterIn berufen sollte? und wen man auf die ministerposten hieven müsste?
nehmt den schwung mit, den der election day von dienstag auch in der schweiz auslösen kann. so wie ich fiktiv in den staaten war, um über etwas echtes nachzudenken, fordere ich euch zum träumen auf: nominiert eure favoriten für die höchsten staatsämter der schweiz, die es real nicht gibt, die aber erdacht werden müssen, um uns auch eine besser schweiz vorstellen zu können!
stadtwanderer
ps: es ist auch erlaubt, mit zu diskutieren, wenn man nicht zu den stammgästen zählt!
Nov
5
i have to say sorry!
November 5, 2008 | 30 Comments
ich muss mich bei meiner leserschaft entschuldigen. ich war dieser tage n i c h t in den vereinigten staaten. die vier letzten berichten habe ich nicht aus sacramento, denver und washington, sondern aus dem krankenbett in hinterkappelen geschrieben.
dabei begann alles so gut: ich wolle zu den wahlen und abstimmungen vom 4. november 2008 für ein paar tage beruflich in die usa. californien, colorado und die hauptstadt washington standen auf dem programm. besuche bei gouverneuren und senatoren waren angesagt, aber auch viele gespräche mit aktivistInnen standen auf dem programm.
am vorabend der reise spukte mehr oder weniger aus dem nichts mein magen meine kräfte liessen nach und mein hausarzt schrieb mich reiseunfähig. der tripp war futsch!
wenigstens real, denn mental kam der hammermann, je länger ich im bett war. so fasste ich mir ein herz, recherchierte im fotoalbum flickr, ob es fotos von meinen stationen gäbe, und fügte ich recherchen aus den reisevorbereitungen samt aktuellen informationen aus dem internet zu berichten über arnold schwarzeneggers volksabstimmungen, sarah palins wahlkampagne und die mobilisieungsanstrengungen der amerikanischen parteien zusammen. in der wahlnacht klebte ich dann vor dem tv und am internet, aber nicht in zentrum des geschehens, sondern im hinterkappelen, in der bernischen provinz.
verfasst habe ich die berichte, wie wenn ich vor ort gewesen wäre. das war eine echte täuschung, für die ich mich zu entschuldigen habe. ich bin haltlgerne die gwundrige mickey mouse, und leide, wenn ich ein schlappen eichhörnchen sein muss. verzeiht mir!
immerhin, es hat spass gemacht und mir die zeit im bett verkürzt!
zwischenzeitlich geht es mir wieder besser, am montag werde ich wieder normal arbeiten. allen, die mir gute besserung gewünscht haben, danke ich nochmals ganz herzlich. alle, die in rage waren, weil ich zu lasten meiner gesundheit am spektakal teilgenommen habe, sage nochmals, was ich im ersten beitrag unter “wahre lügen” angekündigt habe:
“was von dem, was gesagt, gezeigt und geschrieben wird, ist echt, und was nur ein fake?” das ist nicht nur in schwarzeneggers “true lies” ein thema, sondern ganz generell …
ex-staatenwanderer
Nov
5
wenn obama basketball spielt …
November 5, 2008 | 9 Comments
barack obama hat sich zurückgezogen. um basketball zu spielen. das ist ein zeichen des sieges. denn bisher er nie eine wahl verloren, wenn er während der spannendsten zeit mit freunden den ball in den korb warf, der für seine gegner zu hoch war.
quelle:flickr
die news-lage auf den amerikanischen sendern ist dicht, aber unübersichtlich. belanglose zwischenergebnisse, exitpolls, die gewisse rückschlüsse erlauben, und projektionen auf das endergebnis stehen recht unvermittelt gegeneinander. da gilt es, ruhe und übersicht zu bewahren, unwichtiges, von wichtigem zu trennen. realclearpolitics liefert auch hierzu die bestmöglich übersicht.
bis jetzt gibt es keinen einzigen grund, an den einschätzungen, die man aus den prognosen ableiten konnte, ernsthaft zu zweifeln. demnach gewinnt obama die wahl.
die wahlbeteiligung ist für amerikanische verhältnisse sehr hoch. der wechsel greift. die sicheren staaten sprechen klar für obama und gegen mccain. dessen kalkül, bisher demokratische staaten wie pennsylvania oder new hampshire für sich zu gewinnen, ist nicht aufgegangen. umgekehrt liegt obama in so wichtigen swing states wie ohio und auch florida vorne.
das heisst nichts anderes, als dass mccain die magische grenze von 270 elektorenstimmen nicht schafft resp. obama sie bereits jetzt überschritten hat. auch wenn man es noch nicht in zahlen weiss. die zentralen figuren hinter den mächtigsten politikern der welt haben das längst begriffen. karl rove, der wichtigste berater des bisherigen präsidenten, gab den kampf schon heute morgen verloren. auf seiner website veröffentlichte er knallhart den sieg obama mit 338 elektorenstimmen; 200 werden seiner einschätzung nach an mccain gehen.
auch david axelrod, der einflussreichste berater hinter barack obama, sprach eben an den amerikanischen sendern. er sprühte nur so vor zuversicht. für ihn war klar, dass die zeit für den wechsel nicht nur kommen wird, sondern jetzt schon gekommen ist. die hoffnungen, die man seitens der demokraten in diese wahlen gesetzt hatte, haben sich erfüllt.
der sieg ist klar, es geht nur noch um das ausmass im kongress und im senat.
eigentlich ist das die botschaft, die man jenseits der einzelergebnisse, die weiter im halbstundentakt verkündet werden, festhalten sollte: barack obama ist der neue präsident der vereinigten staaten von amerika. der schwarze politiker zieht ins weisse haus ein. der börsencrash und der irak-krieg haben sich gegen die republikaner gewendet. die bürgerInnen der usa wollen den wandel, genauso wie die mehrheit der menschen auf der ganzen welt ihre wünsche an obamas fersen hefteten.
“it happens”, der ball ist im korb, im basketballspiel des barack obama in seiner heimatstadt chicago.
stadtwanderer
hinterkappelen bei bern (schweiz)
03:00 mez
Nov
4
good morning, it’s a historic day!
November 4, 2008 | 5 Comments
“good morning, it’s a historic day!”, tönte es am morgen aus allen demokratischen sprachrohren. begrüsst wurden der election day, der barack obama die amerikanische präsidentschaft bringen soll.

legende: ist tanner tillotson (vorne) aus dixville der trendsetter an diesem historischen tag?, fragt der staatenwanderer (bild: ap)
auftakt nach mass
es gehört fast schon zur tradition, dass dixville notch den amerikanischen election day eröffnen. das kleine dorf in new hampshire öffnet und schliesst die wahlurnen unmittelbar nach mitternach; gezählt wird gleich anschliessend: 15 stimmen für obama, 6 für mccain, resultierten diesmal. man muss bis ins berühmte jahr 1968 zurückgehen, um eine demokratische mehrheit in dixville zu finden!
das erste ergebnis sorgte im demokratischen head quarter trotz des gestrigen todes von obamas grossmutter für gute stimmung. doch weiss man da, dass die grosse arbeit erst noch ansteht. denn es wird bei den wahlen 2008 eine wahlbeteiligung von mehr als 70 prozent erwartet; für us-verhältnisse könnte gar ein rekordergebnisse herausschauen.
die mobilisierungskampagne
beide parteien setzen heute auf die mobilisierung der 150 million wählerInnen, die sich registieren liessen. obama warnte die seinen vor tagen: ein wahlsieg in den umfragen sei nichts, nur ein wahlsieg in den wahllokalen zähle. seither ist alles darauf ausgerichtet, die menschen, die überzeugt sind, den demokraten zu wählen, zur tat zu bewegen.
typisch hierfür ist ein video, das die demokraten motivieren soll. gezeigt wird, wie das wahlergebnis verkündet wird: mccain siegt mit einer stimme vorsprung. das wurmt: wäre ich nun auch gegangen, hätte obama doch gewinnen können. der sünder, der den wahltag vergessen und damit die politik bestimmt hatte, wird denn auch beim namen genannt; er soll zu spüren bekommen, was er verscherbelt hat.
die demokraten greifen damit ein dilemma auf, das die wahlforscher schon länger beschäftigt: was ist mein persönliches interesse, wählen zu gehen, wo doch die chance, dass meine stimme den ausschlag gibt, fast null ist?, lautet die frage. denn wer individualistisch argumentiert, wie das viele amerikaner tun, kann leicht zum schluss kommen, nichtwählen sei gleichwertig wie irgend etwas wählen.
wahlkampf in der schweiz - wahlkampf in den usa
die schweiz könnte sich eine scheibe von dieser art wahlkampf abschneiden. wählkämpfe in der schweiz bestehen häufig darin, einer gruppe verdienter parteimitglieder die ausarbeitung eines programms zu übertragen, einen befreundeten politologen das ganze bewerten zu lassen, um dann direkt zum werber zu gehen, der schon längst eine idee für ein gutes wahlplakat hatte, das er nun umsetzt. um die zeitungen dafür zu interessieren, plaziert man noch einige bezahlte inseraten in der lokalpresse.
in den usa finden die wahlkämpfe zwar auch in den medien statt. doch darüberhin sind ganze stäbe freiwilliger, die auf die mobilisierung des elektorates aus sind. die vorwahlen sichern, dass sich die parteigebundenen wählerschaft frühzeitig identifiziert. danach realisiert man grossveranstaltungen, um in regionen, die parteipolitisch umkämpft sind, die entscheidung zu beeinflussen. und schliesslich kommt das klinkenputzen von tür zu tür, die mobilisierung telefon- und sms-aktionen.
die vorzeitige stimmabgabe
21 monate lang hagt barack obama kampagne geführt. 450 million dollar hat er ausgegeben, knapp doppelt so viele wie sein gegner. damit hat alles bisherige auf den kopf gestellt. das heute ein historischer tag ist, bekommt so eine doppelte bedeutung.
nicht mitgehalten hat mit diesem tempo und ausmass die modernisierung der wahllokale. die wahlmaschinen, welche die stimmabgabe registrieren, bleiben knapp bemessen. deshalb sind diesmal 34 gliedstaaten dazu übergegangen, die vorzeitige stimmabgabe zuzulassen. in vier jahren soll das landesweit möglich sein. man hofft, so den drohenden kollaps am election day vermeiden zu können. den das gedränge ist nach stunden langem schlange stehen gross. man rechnet mit einer minute zeit, die man hat, seine stimme für den präsidenten, für das repräsentantenhaus und für den senat abzugeben. abgesehen von den 11 governorwahlen, und den volksabstimmungen in den staaten.
bis gestern hatten bereits mehr als 30 millionen us-amerikanerInnen ihr kreuz gemacht. ob für obama oder für mccain weiss man nicht, doch sieht man der registrierung an, ob es sich um wählende der demokratischen oder republikanischen partei handelt. angenommen, sie wählt auch die partei, für die sie sich registrieren liessen, kann man jetzt schon abschätzen, wer führt. einen schweizer wahlbeobachter wie mich schüttelt es dabei kräftig: denn nicht nur die beteiligung wird umgehend kommuniziert, auch die voraussichtlichen kräfteverhältnisse werden in den medien bekannt gemacht.
ist dixville überall in den usa?
demnach scheint dixville nicht nur ein dorf zu sein, an das man sich alle vier jahre erinnert. vielmehr steht es 2008 stellvertretend für viele orte in den vereinigten staaten. denn heute morgen führten die demokraten mit 57 prozent vor den republikanern mit 43 prozent der stimmen.
morgen wissen wir es (hoffentlich!), ob es richtig war, heute schon zu sagen: “good morning, the new united states!”
town rambler
between denver and washington
Nov
3
no, you can’t!
November 3, 2008 | 11 Comments
keine politische bewerbung polarisiert gegenwärtig so wie die von sarah palin. die wiederauferstandene muttergottes ist sie für die einen, ein miserabler abklatsch von paris hilton für die andern. ein augenschein des stadtwanderers.
sarah palin, the running mate von john mccain, wie sie sich gerne gibt und wie sie gesehen wird
die newcomerin in der amerikanischen politik
in den drei tagen nach der nomination von sarah palin (sprich: pale-in) als republikanische running mate lasen mehr als eine million menschen ihren im englischen mächtig frisierten wikipedia-eintrag, was diesen auf platz 1 der nachgeschlagenen beiträge im global verfügbaren internet-lexikon brachte.
zwischenzeitlich weiss man auf der ganzen welt mehr über stärken und schwächen der gouverneurin aus alaska als man auf wikipedia nachlesenkann. zwar brachte das liebkind der religiösen rechten in den usa zunächst einen mächtigen schub in die john-mccain-rally, traf das gemischte doppel doch die schwäche obamas kampagne, nachdem er sich mit hillary rodham clinton überworfen hatte und nur im herrendoppel antrat.
doch dann offenbarte sich im knallharten mediensystem der usa rasch, wo die schwäche von sarah palin ist: in den tv-interviews konnte die alles entscheidende fernsehnation live miterleben, wie wenig frau von nationaler politik verstehen darf, um bei den republikanischen grossvätern gehätschelt zu werden.
die bisherigen reaktionen
überheblicher elitismus sei nicht angebracht, kritisieren seither die republikanischen editorialisten die negativ-kampagne der intellektuellen städter gegenüber der politikerin aus wasilla. in der tat, fragt man die menschen im mittleren westen, gibt es nicht nur schlechte zensuren. die 46jährige wirkt als energischer motor auf den politbühnen der republikanern, denn sie ist viel enthusiastischer als der 71jährige vietnam-veteran. die vierfache mutter strahlt die typisch amerikanische unbekümmertheit aus, die den imperfekt der politischen lösungen in den usa rechtfertig: sie ist lebensfreudig, optimistisch und unverdrossen. und: ihr berühmt gewordener zeigefinger an der rechten hand weiss, wo es inskünfig ganz allgemein entlang gehen soll!
palin wirkt auf die konservativen amerikaner aktiv, ja attraktiv. dabei ist sie nie schulmeisterlich, aber meisterlich. das hat sie zur vorbild für viele gemacht, sie sich liebend oder auch verachtend in ihr widerfinden. ihre hochgesteckte frisur wirkt stilbildend, die palin-brille ist ein markenzeichen und ihre feuerroten jacket sind kult.
selbst die comediantInnen kommen nicht mehr an palin in all ihre facetten vorbei. tina fey ist nur die bekannteste unter ihnen, die selbst palin zum lachen brachte. weniger öffentliche freude dürfte die vizepräsidentschafts-bewerberin dagegen haben, wenn stripperinnen ihren jugendsünden nacheifern. die werbung hat den trend zur beliebten immitation der letztlich unbeschriebenen newcomerin in de amerikanischen sofort erkannt und nachgedoppelt. palin als elch-jägerin und barracuda-fischerin garantieren bodenständigkeit, die sich zur kompetenten air force pilotin weiterentwickelt oder sich auch im patriotischen bikini als waffennarr präsentiert.
doch damit nicht genug: die gegner haben edvard münch hervorgeholt, um die angst vor palin zu symbolisieren; generell machen sie mit subkultureller streetart auf ihre sichtweise der kandidatin aufmerksam.
personalisierung ja, mehrheitsthemen nein
von der politikwissenschaftlichen wahlforschung, die von amerikanischen professoren geprägt wird, habe ich gelernt, dass es selbst in den usa mit ihrer traditionell hohen parteibindung schwierig ist, parteien als ganzes zu kommunizieren. deshalb greift man hierzulande gerne auf vereinfachende konzepte wie die personalisierung oder themenzuspitzung zurück.
effektiv ist es palin gelungen, sich in ganzer kurzer zeit in den staaten wie auch auf der welt bekannt zu machen. keine kampagne hat die aufmerksamkeit der amerikanischen öffentlichkeit so focussiert wie ihre. im imagekorrektur der partei war der alten garde abgewirtschafte neokons nur recht, denn sie sind nur noch ein müder abklatsch der konservativen revolution, die ronald reagan vor einem viertel jahrhundert eingeleitet hatte.
doch ist es sarah palin nicht gelungen, auch nur ein drängendes politisches thema so zu besetzen, dass sie als mögliche präsidentin der usa ernst genommen werden kann. kreationismus in der schule, rigidste abtreibungspolitik und verbot gleichgeschlechtlicher ehen lässt bei der minderheit der religiösen fundamentalisten das herz schneller schlagen. doch für die mehrheit muss man in der wirtschafts-, gesellschafts- und aussenpolitik punkten, wo sich bei palin eine ebnso grosse leere wie in den taschen der wallstreetler öffnet. lawrence eagleburger, früherrer republikanischer secretary of state der vereinigten staaten, ist denn auch überzeugt, dass palin das amt, das sie anstrebt, nicht ausfüllen könnte.
so ist es nicht verwunderlich, dass es die lokalen geschichten über amtsmissbrauch der gouverneurin, über doppelmoral in familie und politik durchschlagend bis in die weltpresse schaffen und nur misstrauen gegenüber einer republikanischen kandidatur für das amerikanische präsidium zulassen.
auch bei mir, sodass mir nur eins bleibt: no, they can’t!
town rambler
denver, colorado
Nov
2
wahre lügen
November 2, 2008 | 17 Comments
wie treffend bidu mit seinem nächtlichen kommentar war: ich bin kein schlappes eichhörnchen nicht, sondern eine gwundrige maus. das mit dem durchfall war eine täuschung. hier mein erster bericht aus den staaten.
direkte demokratie in california am beispiel der “prop. 11″
kalifornien ist die grösste direkte demokratie der welt. 37 millionen menschen sind hier stimmberechtigt. anders als bei uns wird abgestimmt, wenn wahlen sind. 12 vorlagen, sog. propositions, liegen diesmal zur entscheidung auf.
um einen direkten eindruck vom geschehen zu bekommen, besucht unsere reisegruppe die abschliessende medienkonferenz des gouvernors arnold schwarzenegger zu “proposition eleven”. keine einfache sache, denn es geht um die interessen der parteien,auf die der regierungschef angewiesen ist.
bisher konnte das parlament die wahlkreise festlegen. gemäss einer initiative soll das inskünftig eine kommission von 14 mitgliedern, bestehend aus 5 demokraten, 5 republikanern und 4 parteilosen, machen.
schwarzeneggers kampagne
arnies auftritt im garten vor seinem regierungssitz ist ausgesprochen professionell. der ehemalige bodybilder, leicht in die jahre gekommen, profitiert davon, ein überzeugender schauspieler zu sein. sein habitus ist staatsmännisch, seine worte sind gewählt. er kommt gleich zu sache, und er hält sich kurz.
er verspricht weniger parteienmacht, wenn man, wie er, “prop. 11″ zustimme. denn das parlament habe kein interesse an wahlkreisreformen, das die bisherigen gewählten nicht stütze. das erhalte die bestehende macht, weiss der republikanische gouvernor, und es bevormunde die bürgerInnen, setzt er nach.
schwarzenegger sind vor allem die wirtschaftsverbände gefolgt. sie haben, nebst den freunden des regierungschefs, die unterschriften für die volksabstimmung gesammelt, und sie bilden mit ihm die pro-kampagne. eine illustre schar prominenz aus politik verstärkt das komitee, das namentlich in den wichtigen zeitungen wie die los angeles times unterstützung findet.
die letzte umfrage macht vorteile für die befürworterInnen sichtbar. leicht anwachsende 45 prozent stehen auf ihrer seite. die gegnerschaft hat bisher nur 30 prozent hinter sich. und 25 prozent sind eine knappe woche vor der abstimmung unschlüssig. das kenne ich!
von schwarzeneggers gegenspielern hören wir wenig. doch sie werben im fernsehen. senatorin barbara boxer führt die opposition an. ihr ist es vor allem gelungen, ihre demokratische partei in dieser frage auf die nein-seite zu ziehen. nancy pelosi, die mächtige präsidentin des amerikanischen repräsentantenhauses in washington, weiss sie auf ihrer seite.
die gegnerInenn wettern wegen den kosten gegen “prop. 11″. kalifornien sei hoch verschuldet; es können sich ein neues wahlkreisgremium, dessen mitglieder je 300 dollar im tag kassieren würde, nicht leisten. das muss schwarzenegger treffen, der im demokratischen kalifornien vor allem wegen der misswirtschaft seine vorgängers gouvernor geworden ist. auf der nein-seite lässt man denn auch kein argument gegen die momentane macht aus: hinter dem rücken der wahlkreisexperten würden sich partikularinteressen unabhöngig von der politik durchsetzen, ist ihr giftigstes argument.
schweiz und kalifornien im vergleich
die befürworter stecken 2,5 mio. dollar in die kampagne; die gegner haben nur 1 million. darüber spricht man in kalifornien ganz ohne scham. und auch der gouvernor schweigt nicht wenige tage vor der entscheidung, die mittels umfragen bis zum schluss begleitet wird.
trotz dieser offensichtlichen differenz zur schweiz, erinnert der abstimmungskampf in vielem an das, was man aus der schweiz kennt: wenn lokale interessen im spiel sind, haben die parteien mühe, ihre exponenten hinter sich zu scharen; die wirtschaft sponsort kampagnen, welche die parteienmacht brechen, und die medien favorisieren die exponenten, die (warum auch immer) als personen für ein ja oder nein stehen.
wer gewinnt, wissen wir in der wahlnacht. wer mitfieber will zu “prop. 11″ kann dies via ballotpedia tun, einer hervorragenden übersicht über alle 152 volksabstimmungen, die am kommenden dienstag in den vereinigten staaten stattfinden.
vom sinn des einblicks vor ort
einen vorteil hat es allerdings, direkt vor ort zu sein: in den tagen, in denen wegen börsencrash, verschuldungsfalle und rezessionsängsten jeder jedem misstraut, ist “credibilty” ein doppeldeutig entscheidendes wort. was zählt, ist was man in den eigenen händen hat und was man selber gesehen hat. das könnte fast zum schlagwort über die auslaufenden amtszeit des präsidenten werden, der mit einer lüge einen krieg entfachte, von der sich mittlerweile sein eigener aussenminister von damals distanziert hat.
in kalifornieren hat das noch mehr brisanz, denn eine der hauptrollen, die arnold schwarzenegger inne hatte, war ausgerechnet die in “true lies”, den wahren lügen. genau das ist es, was man nicht zu unrecht in der politischen debatte hier immer wieder hinterfragt: was von dem, was gesagt, gezeigt und geschrieben wird ist echt, und was nur ein fake. denn wahre lügen sind beides!
town rambler
nachtrag:
die vorlage wurde schliesslich mit 50.6 prozent zustimmung angenommen!
Okt
31
bullshit!
Oktober 31, 2008 | 12 Comments
da wollte ich doch endlich in die usa. einen hauch vom american dream erleben, bevor er an der wall street ganz beerdigt wird.
da habe ich mich vertieft mit demokratie im kapitalismus beschäftigt. mit volksabstimmungen in california und anderswo. und selbst derdie unsägliche mcpalin landete in meinem radar.
um all das hautnah mit zu bekommen, habe sogar ich mir diesen biometrischen pass angeschafft. für ein wenig sicherheitsgefühl auf den ami-flughäfen bin selbst ich gekippt.
selbst den stadtwanderer habe ich eingespannt, um meinen inneren spannungsaufbau nachzuzeichnen: schwarzenegger wurde in meine leserschaft eingeführt, die amerikanische botschaft habe ich belagert, und die vorgeschichte des cias blieb nicht unerwähnt.
und jetzt? - jetzt liege ich flach. wie ein schlappes eichhörnchen. denn beim stadtwanderer ist bettruhe angesagt.
gottseidank nicht in san fancisco. nein, in hinterkappelen bei bern.
mein biorhythmus zeigte im entscheidenden moment wie die börsenkurse nach unten, und das flugzeug startete wie die umfragewerte von obama steil nach oben. ich habs nicht einmal gesehen, denn meine reisepläne endeten schon vor kloten irgendwo zwschen meinem dünn- und dickdarm!
bullshit!, sag ich da. werde in den nächsten tagen also mehr mental denn real durch die usa wanderern. denn gesundheit geht vor erlebnis, that’s clear!
stadtwanderer


















