Stadtwanderung zum Klimawandel: 3. Station über der Aare

In ihrer monumentalen „Geschichte der Landschaft der Schweiz“ – vor fünf Jahren erschienen und bereits restlos vergriffen – beschreiben 20 Umweltwissenschafter:innen unter der Leitung von Jon Mathieu, Berner Historiker an der Uni Luzern, wie sich die natürliche Umgebung der Nacheiszeit verändert hat.
Mit Blick auf unser Thema macht es ihrer Ansicht nach Sinn, die Zeitspanne aufzuteilen:
Der erste Teil dauerte etwas mehr als 10000 Jahre. Er geht vor gut geht 1000 Jahren zu Ende.
Der zweite Teil ist viel kürzer, nämlich danach, letztlich bis heute. Allenfalls kann man die Nachkriegszeit davon abgrenzen.

Waldlandschaften
Für die erste Phase schlagen die Historiker:innen den Begriff der Waldlandschaft vor. In die Tundra-Steppen-Landschft unmittelbar nach der Gletscherschmelze wandern Bäume ein: zuerst Birken, dann Föhren, schließlich verschiedene Laubbäume. Später kommen noch Buchen in der Ebene und Tannen im Gebirge dazu. Sie boten Tieren und Menschen, die in der Wildnis existieren konnten, Lebensraum.
Das war Urwald-Landschaft! Das kennen wir heute hierzuland nicht mehr. Denn für uns ist Landschaft in der Regel offen – mit Wiesen, Äckern und Siedlungen. Der Waldanteil liegt bei einem Drittel der Fläche.
In der ersten Phase gab es auch einige waldfreie Gebiete, doch waren sie die Ausnahme. Da war zuerst das Hochgebirge ohne Vegetation. Hinzu kamen Flussläufe mit ihren Auen und Sumpfzonen entlang der Seen. Schließlich gab es auch das sog. Altsiedelland. Das waren beschränkte Rodungsgebiete, die seit der Jungsteinzeit bewohnt wurden.

Die jungsteinzeitliche Warmphase
Sesshafte Bauerngesellschaften in Rodungsgebieten hatten ihren Ursprung im warmen und feuchten fruchtbaren Halbmond vom heutigen Irak bis Syrien und Palästina. Das war vor rund 10000 Jahren. Von da aus dehnten sich die jungsteinzeitliche Migration, wie man die Ausbreitung des sesshaften Bauertums nennt, über die Türkei und Griechenland aus. Kontinentaleuropa wurde wurde vor 9-7000 Jahren erfasst. Eine zweite Route verweist auf die Ufer des Mittelmeeres.
Klimahistoriker sehen einen direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel. Im warmen Südeuropa verläuft der Prozess kontinuierlich, gegen Norden schubweise. Verursacht wurde dies mit Schwankungen der Tage, die jährlich für den Ackerbau nötig waren. Waren sie zahlreich, ging die Ausbreitung schnell voran, und sie war langsam, wenn die Tageszahl tief waren. Im kalten Nordeuropa kam die Entwicklung schließlich ganz zum Stillstand.
Die Zeit vor 5-8000 Jahren gilt als erste richtige Warmzeit der Nacheiszeit. Es war fast so warm wie heute und dies während Jahrhunderten recht konstant. Das begünstige die Ausbau der menschlichen Lebensweise. Wahrscheinlich geschah es aber nicht auf einen Schlag vielmehr geht man von einem lang anhaltenden Nebeneinander aus,

Das keltisch-römische Brenodor
Wann man auf dem Gebiet der Schweiz sesshaft wurde, weiß man nicht. Das Historische Lexikon erwähnt einfach das 6. Jahrtausend vor Christus. Das älteste Brot kommt aus Twann, es ist jünger, aber auch 5550 Jahre alt. Es handelt sich um Urdinkel, und es war ein Sauerteigbrot.
Im Aaretal um Bern ist die nachweisliche feste Besiedlung einiges jünger. Sie wird im erst im 3. Jahrhundert vor Christus greifbar, und ihre Spuren verlieren sich im 3. Jahrhundert nach Christus.
In den 1980er Jahren entdeckten ArchäologInnen ein Namenschild auf der Engehalbinsel, nur wenige Kilomerüter flussabwärts von hier. Seither heißt die Virmals namenlose Siedlung „Brenodor“.
Sie gehörte zur keltischen Kultur. Da beherrschte man schon die Eisenberarbeitung. Das erlaubt härtere Geräte für Ackerbau und Krieg.
Auch diese Technik kam breitete sich im 1. Jahrtausend in ganz Zentraleuropa aus.
Brenodor war eine keltisches Oppidum, eine feste keltische Siedlung, die vorerst offen war, dann befestigt wurde. Solche gab es auf dem Gebiet der Schweiz wohl ein Dutzend. Sie waren entweder auf Hügeln und befestigt wie auf dem Mont Vully, oder sie wurden von Flüssen umgeben. Dazu passt die Lage von Brenodor, ganz in der Flussscheife rund um die Engehalbinsel.
Heute weiß die Archäologie: Brenodor war ein politisches und religiöses Machtzentrum der helvetischen Aareregion mit einem vom profanen Gebiet abgegrenzten Heiligtum. Hier lebten Leute der Oberschicht sowie Händler und Hand- werker, also Töpfer, Drechsler, Wagenbauer, Schmiede und weitere, die ihre Erzeugnisse auch für das weitere Umland produzierten.
Mit der Zeitenwende bis ins 3. Jahrhundert nach Christus folgte nahtlose am der römische Vicus wiederum mit Häusern, einem Gräberfeld und einem Tempelbezirk. hinzu kamen ein Amphitheater und eine Sauna.
Erneut sei unsere Archäologie zitiert: Das Oppidum blieb nach der Eroberung Galliens durch Caesar um 50 v. Chr. weiterhin bewohnt und war in römischer Zeit eine Kleinstadt, ein Vicus. Diese Siedlungskontinuität kann anhand von Münzen und Gewandschliessen, wichtige Bestandteile der einheimischen Tracht, bestätigt werden.“ Neu war allerdings, dass die Römer für repräsentative Bauten Stein nutzten.

Vom Zentrum zur Peripherie
Die keltisch-römische Siedlung umfasste maximal 140 Hektaren. Das ist 30 Mal weniger als das heutige Stadtgebiet. Damit war Brenodor in keltischer Zeit das flächenmässig grösste Oppidum weitherum. Zudem lag es mitten im Herrschaftsbereich der wichtigen Helvetier. Man geht davon aus, dass es weitherum ausstrahlte. Das dürfte sich in römischer Zeit reduziert haben. Denn das Aaretal war für die Römer kein Durchgangsgebiet, eher eine Sackgasse.
In keltischer Zeit führte der wichtigste Weg durch die Schweiz über Genf, Lausanne, Yverdon nach Windisch, von wo aus mindestens drei Strassen in den Norden bekannt sind. Das gilt auch in römischer Zeit. Neu kam ein fester Übergang über den Großen St. Bernhard hinzu. Zudem wurde Aventicum eigentliche Hauptstadt der Römischen Herrschaft. Brenodor reichte da nicht mehr heran.

Die römische Warmphase
In römischer Zeit lebten wohl 120000 Menschen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Alleine Aventicum soll 20000 gehabt haben. Denn es war die eigentliche Drehscheibe. Nach Süden war via Straßen direkt mit Rom verbunden, nach Norden gab es einen Wasserweg bis nach London.
Auch bei dieser Siedlungsphase gibt es einen direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel. Man spricht heute vielfach von der römischen Wärmeperiode, mit einem Klimaoptimum um das Jahr 0. Es war damals weniger warm als während der jungsteinzeitlichen Revolution und damit auch als heute. Aber es war wärmer als lange Zeit davor und lange Zeit danach.
Es ist bekannt, nach den Römern zerfiel ihre Zivilisation. Zwischen Brenodor und der Stadt Bern gibt es trotz räumlicher Nähe keine Siedlungskontinuität. Denn es beginnt die Zeit der Völkerwanderung. Die geht allgemein gesprochen von Norden und Osten nach Süden und Westen, was ein Hinweise für eine klimatische Abkühlung ist.
In unser Gebiet kommen die Burgunder im 5. Jahrhundert von Westen her, die Alemannen im 6. Jahrhundert von Norden. Die Burgunder stammten wohl aus dem heutigen Thüringen, die Alemannen aus dem Schwarzwald. Die zerfallende römische Herrschaft erlaubte es, sich im wärmeren Süden niederzulassen.
Die Aare wurde spätestens im 9. Jahrhundert zur herrschaftlichen und kulturellen Grenze. Denn die Burgunder passten sich der römischen Lebensweise an und wählten Genf zu ihrer ersten Königstadt. Sie sprachen eine latinisierte Sprache. Die Alemannen mieden die verlassenen römischen Zentren, bevorzugten den Wald, den sie zu roden begannen, um frei von königlicher Herrschaft zu leben. Da bewahrten sie ihre germanischen Sitten und Dialekte hartnäckig.
Die alemannischen Rodungen sollten die Phase der Waldlandschaft schrittweise beenden. Ein ökologischer Einschnitt wie heute im Amazonasgebiet.
Nicht ohne Auswikrungen auf das Klima! Davon an der nächsten Station.

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