Galantes Bern

Der Berner Twingherren-Streit von 1470 war ein grosses Ereignis während der spätmittelalterlichen Geschichte der Stadt. Twingherren waren private Inhaber der Gerichtsbarkeiten auf dem Lande, meist Junker aus der Stadt. Im Streit ging es darum, dass die Twingherren die Einnahmen daraus als ihre betrachteten, während sie für die Handwerker und Kaufleute ausschliesslich der Stadt gehörten.
1470 wurde mit Metzgermeister Peter Kistler für einmal kein Stadtadeliger Schultheiss von Bern. Er fackelte nicht lange und zitierte die Frau von alt Schultheiss Adrian von Bubenberg und weitere adelige Gemahlinnen vor das Sittengericht. Anlass war ihre höfische Kleidung der Junker, die den Stadtbürgern als burgundisch-extravagant galt. Der Prozess endete mit der vorübergehenden Verbannung verschiedener Adelsfamilien aus der Stadt.

Im kleinen Büchlein “Galantes Bern” von Sergius Golowin (und Oskar Weiss), das ich über Pfingsten wieder gelesen habe, wird der Twingherrenstreit auf die spezielle Art des verstorbenen, sagenhaften Geschichtenerzählers aufgenommen.

Das lebensfrohe Leben der Frauen und Kinder
Da verstehen sich die eigenwilligen Stadtadeligen mit ihren Frauen nicht an die Gebote von Papst und Kaiser gebunden. Gemäss den Sagen kleidet sich letztere nach orientalischer Sitte. Die Frauen tragen eine Tracht mit tiefem Ausschnitt bis zum Bauch, verhüllen dafür ihr Gesicht mit leichten Tüchern. Selbst Glöcklein hätten an ihren Kleidern gehangen, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Auch die Kinder der Stadtadeligen sollen vom Morgenland träumen. Die Söhne schlossen gerne Kreuzzügen nach Jerusalem an, und die Töchter erlernten mit Vorliebe das Tanzen vor Männern. Ziel war es gewesen, durch Ruhm und Ehre sozial aufzusteigen. Das erregte den Widerspruch der Handwerker für die nur der berufliche Erfolg zählte.
Sagenhafter Startschuss für die fremdländischen Frivolitäten im frohen 15. Jahrhundert sei der Besuch des Kaiseraspiranten König Sigismund von Ungarn gewesen, steht im Buch. Die Stadt habe selbst die Bordelle angewiesen, die hohen Besucher auf Stadtkosten zu unterhalten. Zahlreiche Damen hätten sie bereits nackt badend in den städtischen Brunnen empfangen.

Viel Sagenhaftes wohl mit wenig Wahrheitsgehalt
Golowin und Weiss erzählen auf gut 60 Seiten noch viele ähnliche Geschichten. In der Stadt habe die Strenge der Reformation schliesslich gesiegt. Nicht so auf dem Land, wo zahlreiche Bäder und Tanzbühnen für allerlei Vergnügen bestanden. Neu aufgelebt sei das frohe Stadtleben aber mit den Weinkellern, welche die Franzosen in grosser Zahl wieder erlaubten.
Einiges erinnert einem an den Kulturkampf von heute zwischen sittenstrengen Bürgern und Anhänger:innen der verschiedenen Alternativkulturen, der sich immer wieder an Kleidern entzündet.
Das ganze Büchlein zu damals ist leicht und flüssig geschrieben, sodass man gelegentliche Hinweise, dass die Quellen die mündlichen Überlieferungen oft nicht stützen würden, gerne übersieht.
Die Autoren haben dafür auch eine Erklärung. Die Herren in Ämtern der Stadt seien dem Gemeinwohl verpflichtet gewesen und hätten sich an die obrigkeitlichen Normen gehalten. Anders die Frauen und Töchter, die frei von solchen Verpflichtungen zahlreiche Kontakte zu Fremden pflegten, dabei viel Wissen erwarben und eine Art Gegenmacht mit viel Eigenleben geblieben seien.
Keine konforme, aber eine galante Macht in Bern.

Gastliches Emmental, zum Beispiel der Löwen in Grosshöchstetten

Heute waren wir auf Beizentour im Emmental angesagt. Inspiriert hat mich dieses kleine Büchlein, das ich beim Zügeln wieder gefunden und nun neu entdeckt habe.

Es entstand zwar schon 1988. Dennoch gibt es eine gute Uebersicht über fünfzig empfehlenswerte Gasthäuser, Restaurants und Hotels im Emmental. Ergänzen kann man es mit der aktuellen Zusammenstellung auf Internet 😊 https://emmental.ch/de/essen-trinken.html).
Besonders gefallen hat mir der Löwen. Das ursprüngliche Gasthaus stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist so alt wie die erste gesicherte Taverne in der Stadt.
Grosshöchstetten liegt 30 km von Bern entfernt, der klassischen Distanz im Pferdezeitalter für einen Zwischenhalt auf dem Weg durchs Emmental und Entlebuch nach Luzern.
Der Löwen ist heute ein prächtiges Landhaus. Ursprünglich diente es kirchlichen Zwecken, vielleicht als kleines Kloster, wie uns eine kleine Glocke davor zeigt. heute noch erinnert.
Lange war der Loie das einzige Gasthaus im Dorf. 1427 wird es erstmals als das geführt. Deshalb diente es auch aus Gerichtsstätte im alten Bern, und in neuerer Zeit befand sich die Post hier.
Mitten im 18. Jahrhundert begann der Neubau, abgeschlossen war er erst nach über 100 Jahren. Früher bestand eine direkte Verbindung zur Dorfmetzgerei. Heute ist es repräsentativer Treffpunkt mit gutbürgerlicher Küche. Angegliedert ist eine Bar und zum Badi-Restaurant gibt es eine enge Bindung.
Wir haben die Milchkaffees mit Nussgipfel genossen und ein wenig dem angeregten Jass-Gebrabbel am Tisch nebenan gelauscht. Die Bedienung war sehr aufmerksam und nett.
So können wir nur Gutes berichten!

Der Territorialstaat der Zähringer

Die Tage im Schwarzwald haben gut getan. Genau gesagt waren wir im Markgräfler Land, dem Gebiet nahe dem Rhein auf deutscher Seite.
Ich habe auch einiges über die Zähringer gelernt. Denn der Schwarzwald war eines der (vielen) Gebiete, die im Hochmittelalter (10.-13. Jahrhundert) besiedelt wurden. Massgeblich waren dabei die kirchlichen Klöster und der weltliche Adel.

Im Schwarzwald muss man die Zähringer an erster Stelle nennen. Ursprünglich waren sie Grafen mit Stammsitz in Staufen (bei Freiburg i. Br.). Später trugen sie den Titel eines Herzogs, doch hatten sie nie eines der existierenden Stammesherzogtümer (wie das von Schwaben) beherrscht. Nur kurzzeitig waren sie im entfernten Kärnten Herzöge gewesen. Doch wurde ihnen das Lehen entzogen, als sie sich bei der Königswahl auf die Seite von Rudolf von Rheinfelden und damit gegen die aufstrebenden und siegreichen Staufer stellten.
Genau das sollte jedoch der Wendepunkt in ihrer Geschichte mit dem Schwerpunkt im 12. und 13. Jahrhundert werden. Denn sie nun trieben zuerst nördlich des Rheins, dann auch südlich die Kolonisierung bisher kaum besiedelter Gebiete systematisch voran, um als Konkurrenten zu den begüterten Staufer zu werden.
Wir erinnern uns an sie als Städtegründer, doch waren sie eher Strassenbauer, zuerst von Staufen, ihrem Stammsitz nach Rheinfelden, dann aber südlich der Aare von Herzogenbuchsee bis Bern und dann in die heutige Suisse romande.
Gerne vergleicht man diese Modernisierung im Schwarzwald nicht ohne Stolz mit den Normannen in Sizilien, die auch am bisherigen Adel vorbei einen eigenen neuartigen Territorialstaat aufbauten. Die strategisch wichtigen Uebergänge über Flüsse wie Rheinfelden über den Rhein, in Burgdorf über die Emme, in Bern über die Aare und in Fribourg über die Saane bildeten die Ausgangspunkte ihres Territorialstaates, vollendet mit Städten dazwischen, die als Raststätten dienten und je einen Markt für den lokalen Handel erhielten. So verwoben sie zusehends ein wirtschaftliches Territorium.
Die Konkurrenz zu den Stammesherzogtümer mit ihren alten Landschaftskammern sollte von Erfolg gekrönt sein. Denn der zähringische Territorialstaat entwickelte sich als wirtschaftliche Alternative zu den herrschaftlich bestimmten Stammesherzogtümern hervorragend. Vor allem die beiden letzten Zähringer, Berchtold IV. und Berchtold der V., waren gezielte Kolonisatoren des westlichen Mittellandes.
1218 verstarb letzterer kinderlos. Der Sage nach, weil die Kiburger, Konkurrenten im südlichen Schwaben, Berchtolds Kinder vergiftet haben sollen. Zudem verloren die Zähringer im Burgundischen verschiedene Schlachten gegen die Savoyer und ihre Vasallen, bis die erfolgreiche Hauptlinie in der Mannesfolge ausstarb.
Die Nebenlinie existierte übrigens weiter und stellte bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Markgrafen von Baden – eben da, wo wir in den Ferien waren!