auffahrtstag – ruhetag. zeit, die zeit zu lesen. zum beispiel, die 10 ideen für eine besser schweiz. hier die sätze, die mir beim lesen blieben. nicht, weil ich sie alle gut oder schlecht finde, sondern weil sie mich auf- oder angeregt haben, hier die hitparade in meiner ordnung:

Samih Sawiris
Samih Sawiris, Begründer von Neu-Andermatt, soll Direktor der Pro Helvetia werden

10. Muammar al-Gadhafi, Staatspräsident Libyens:
„Ich rufe auf, das Staatswesen der Schweiz aufzulösen. Die Schweiz ist eine Weltmafia und kein Staat. Sie wurde gebildet aus einer italienischen Gemeinschaft, die zu Italien zurückkehren sollte, einer deutschen Gemeinschaft, die zu Deutschland zurück sollte, und einer französishcen Gemeinschaft, die Frankreich zurückgegeben werden sollte.“

9. Walter Wittmann, Oekonom:
„Die spektakuläre Erfolggeschichte des Schweizerischen Bundesstaates von 1848 bis 1914 basierte auf einem völlig anderen System, als wir es heute haben. Es gab Majorzwahlen, es gab eine handlungsfähigen Bundesrat mit sieben Radikaldemokraten, ab 1891 auch mit einem Vertreter der Katholisch-Konservativen. Der Föderalismus war schwach entwickelt, die direkte Demokratie spielte eine untergeordnete Rolle. Man konnte regieren – und tat das auch zügig.“

8. Martin A. Senn, Journalist:
„Der Kern des Selbstbewusstseins der Schweiz fusst auf einer Schweiz, die konservativ, aber auch ökologisch und sozial nachhaltig sowie wirtschaftlich-technologisch modern ist: auf der realen Schweiz. (…) Falls Sie dies schönfarberisch finden: Es war der ungelenkte deutsche Finanzminister, der mit seiner Wildwestmetapher die Sympathien unfreiwillig zugunsten der Schweiz verteilt hat. Denn die Indianer sind seit Karl May die Sympathieträger der Welt.“

7. Ludwig Hasler, Philosoph:
„Die Gesundheitspolitik muss um 180 Grad gedreht werden. Sie soll die Leute stärken, nicht vor allen Uebeln verschonen. Stark wird ein Mensch am Widerstand. Eine Politik, die an kräftigen Bürgern interessiert ist, ermutigt deren Freiheit, sicher nicht deren Unmündigkeit -wie soeben mit den messianischen Nichtrauchergesetzen.“

6. Bruno S. Frey, Oekonom:
„Jede staatliche Aufgabe soll sich in dem Raum abwickeln, der dafür die passende Ausdehnung hat. So entstünden funktionale Körperschaften, die sich überlappen und die für ihre Aufgaben nötigen Steuern in einem demokratischen Verfahren erhebendürften. (…) Das stellt eine neue Form von Föderalismus und Demokratie dar, in der sich die staatlichen Strukturen den Erfordernissen der Individuen anpassen – nicht umgekehrt.“

5. Simonetta Sommaruga, Ständerätin
„Ich schlage vor: Einem vollzeitlich erwerbstätigen Mann wird, wenn er Vater wird, das Arbeitspensum automatisch um mindestens 30 Prozent reduziert. (…) Dies hat zur Folge, dass auch Frauen Kaderpositionen anstreben und erhalten. Denn viele Frauen sind heute nicht bereit, für einen Chefposten, Familie, Freundschaften und Hobbys zu vernachlässigen und emotional zu verkümmern.“

4. Margrit Sprecher, Journalistin:
„Unsere Schweizer Volksvertreter machen nicht nur ein schlechte Figur. Sie genügen auch nicht dem internationalen Standard. Just die Schweiz, die so viel Wert auf höchste Qualität ihrer Produkte und Ausbildung legt, lässt sich sich von Amateuren vertreten, die ihren ausländischen Gegenspielern, gewandten, geschulten und cleveren Profis – hoffnungslos unterlegen sind. (…) Aber wollen wir das?“

3. Roger de Weck, Publizist:
„Eine in mehreren Kulturen verhaftete, global ausgerichtete Willensnation wie die Schweiz braucht Investitionen in die Mehrsprachigkeit ihrer BürgerInnen und Bürger. Die im Kindesalter gar nicht so grosse Mühe lohn sich, das beweist auch das Luxemburger Beispiel. Im Grossherzogtum sind dank des Schulsystems fast alle sowohl des Deutschen als des Französischen mächtig. Die Luxemburger pflegen überdies ihre lebendige Mundart.“

2. Remo Largo, Kinderarzt:
„Für mein Land wünsche ich mir eine Frauenpartei oder eine Familienpartei, die von Frauen geführt wird. Damit die Schweiz kinderfreundlicher wird. (…) Denn gemäss einer kürzlichen Umfrage des Beobachters würde es Eltern aus dem Mittelstand sehr schwer fallen, auf ihr Auto zu verzichten, weit weniger auf ein weiteres Kind.“

1. Daniele Muscionico, Journalistin:
„Samih Sawiris kann als Visionär unserem Land die Welt näher bringen. Die Bedingungen sind ideal: Er hat seinen Dürrenmatt gelesen und ist mit dem Besuch der alten Dame genauso vertraut wie mit dem Stall des Augias. Unser Gast aus Aegypten erfüllt alle Bedingungen als nächster Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia.“

uff, und wow,

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Titus on Mai 14, 2010 01:00

    Na dann nützen wir mal das Kommentarfeld dazu, wozu es gedacht ist…

    10. Wir vergeben ihm die fehlenden geschichtlichen Kenntnisse. Wie verbandelt die Schweizer Finanzwelt tatsächlich ist und was für Machenschaften da im Hintergrund ablaufen (in jedem Falle genug, um die grösste Schweizer Bank offensichtlich für alle unverhofft ins Straucheln zu bringen), entzieht sich meiner Kenntnis. Es wäre allerdings naiv zu glauben, die Hochfinanz wäre nur rechtschaffen…

    8. Ob der Autor da nicht Selbstbewusstsein mit Selbstwertgefühl verwechselt hat?

    Wie auch immer: Es mag zwar richtig sein, dass die Schweiz nach aussen hin nie «gross» oder «pompös» aufgetreten ist. Aber fühlen sich die SchweizerInnen wirklich als «niedriger» oder «minderwertiger»? Ist es nicht gerade die direkte Demokratie, welche das Gefühl vermittelt, uns könne nichts anhaben, weil wir ja gegen alles stimmen können, das gegen uns gerichtet sei…?

    7. Dem stimme ich – aber bitte nicht nur aufs Gesundheitswesen anwenden. Es gäbe noch zahlreiche weitere Bereiche…

    6. In gewissem Sinne haben wir das heute ja schon mit den drei Stufen Gemeinde / Kantone / Bund. Nur stimmen eben diese Räume nicht mehr mit den heutigen Bedürfnissen überein…

    5. Simonetta Somarugas Vorschlag müsste noch etwas verfeinert werden, damit dann nicht plötzlich die Frauen zu 100 % arbeiten. Er müsste eher lauten, dass je Elternteil nie über 70 % gearbeitet werden dürfte.

    Was mich daran stört, ist der bevormundende Charakter, den technisch wäre dieser Vorschlag schon heute möglich. Heute happert es wohl vor allem an der Kultur. Ein CEO à 70 %, ja geht denn das… 😉

    4. Wie zeigten sich doch vor den Wahlen in GB die Kandidaten wieder einmal «volksnah» – um heute, nach der Wahl, wieder in der gleichen «rhetorische und gedankliche Brillanz» weiter zu fahren, die von vielen WählerInnen gar nicht erst verstanden wird. Ich vermute, diesen WählerInnen wäre die Schweizer Variante auch lieber…

    Abgesehen davon: Wenn, hypothetisch betrachtet, ein Politiker pro eine Million Einwohner brillant ist, dann gibt’s davon hierzulande eben auch weniger.

    3. Biel ist dran, aber noch lange nicht am Ziel (einen nächsten Schritt gibt’s ab August). Weiterverfolgen lohnt sich aber bestimmt. Zwischenzeitlich könnte schweizweit die Notwendigkeit der Mehrsprachigkeit hervorgestrichen werden, denn viele leben weiterhin nur in ihrem regionalen Sprachen-Biotop.

    2. Die Schweiz braucht keine Frauen- oder Familienpartei. Wenn aber Autos wichtiger sind als Kinder, dann braucht die Schweiz endlich eine vernünftige Werte-Debatte.

    1. Ich kann mit diesen zehn Sätzen nicht viel anfangen…

    9. und allgemein: Ich vermisse auch in diesen zehn Texten eine Vision, welche von allen getragen wird. Die gab es noch beim jungen Bundesstaat.

    Heute haben wir sehr vieles erreicht. Wir sind genügsam geworden und nur noch bestrebt, das Erreichte zu erhalten. Neue Ziele haben wir kaum, wir bauen höchsten noch etwas aus (z. B. Infrastruktur) oder etwas ab (Renten).

    Und die Welt, das verkennt Wittmann, ist in den letzten Jahrzehnten sicher nicht einfacher geworden. Sie ist vor allem internationaler geworden; wirtschaftlich, klimatisch, verkehrstechnisch, gesellschaftlich, kulturell usw.

    Soll die Antwort darauf wirklich mehr autoritäres Regieren und weniger Mitwirkung sein? Allerdings: Unsere Mitwirkungsrechte wurden in den letzten Jahren mit fragwürdigen Vorlagen bagetellisiert. Dagegen sollte man vorgehen, jedoch nicht die Mitwirkung an sich in Frage stellen.

  2. stadtwanderer on Mai 14, 2010 08:32

    dankedanke für den mehr als ausführlichen kommentar.
    nur soviel: wittmanns analyse ist typisch, und falsch. gerade weil „zügig“ regiert worden ist, entstand die demokratische bewegung, welche die verfassungsrevision von 1874 eingeleitet hat, mit der der übergang zur direkten demokratie eingeleitet wurde. vollzogen wurde er, weil sich die direkte demokratie und das repräsentative system auf die dauer nicht vertrugen.
    historisch gesehen ist die entwickelt logik im zitat falsch. nicht die einführung der direkten demokratie hat das handeln der eliten eingeschränkt, sondern das handeln der eliten hat zur direkten demokratie als korrektiv geführt.

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