lachen mit peter sloterdijk

aus der tasche auf dem boden ragt ein buch, in dem ein kugelschreiber steckt. das zeugt von aktiver lektüre der “theorie des romans”.
ob es georg lukacs’ buch war, weiss ich jetzt noch nicht. immerhin weiss ich, wer es las: peter sloterdijk, einer der bekanntesten deutschsprachigen philosophen der gegenwart.

618-peter-sloterdijk-1philosoph peter sloterdijk (quelle: siegfried woldheg)

was ein so berühmter mensch im regionalzug nach spiez mache, will ich spontan wissen, ohne mich vorzustellen.
er sei in interlaken an einer tagung gewesen, wolle nach bern, nein, eigentlich zum flughafen in zürich, denn sein ziel sei lyon, erwidert mir sloterdijk.
ich bin vorerst perplex mit in diese reise zu geraten. dennoch ergibt sich das gespräch schnell, denn ich bekomme es nicht nur mit dem autor der “kritik der zynischen vernunft” zu tun, sondern auch mit dem wachen, geistreichen und unkomplizieten philosophen, der auf jedes stichwort einzusteigen weiss.

zum beispiel auf das der sozialdemokratie, bei deren berner kongress in interlaken ich eben war. “rotgrüne mehrheit in der regierung verteidigt, während beide parteien bei den parlamentswahlen verlieren”, sei mein thema gewesen, sage ich. der deutsche schwenkt die geistige kamera postwendend nach hessen: “rot-grün-rote mehrheit im parlament – und doch keine linke regierung, kontert er!
warum eigentlich nicht, will ich wissen. der gefragte fackelt nicht lange: das wäre der tatsächliche ausstieg aus der atomenergie gewesen, mitten in deutschland. 70 bis 80 prozent des stroms können man heute mit alternativenergien produzieren, die umstellung dauere eine, maximal zwei legislaturen. deshalb habe die energiewirtschaft mit ihrem lobbyisten wolfgang clement das linke regierungsexperiment so gründlich diskretiert. eine spur des bedauerns wird spürbar. vielleicht, schliesst sloterdijk, wäre hessen so in die politischen ideengeschichte eingegangen, – genau so wie die schweiz als erfinderin der demokratie.

und der philosoph lächelt.

ich erzähle meinem gegenüber, an der uni st. gallen wahl- und abstimmungsforschung zu unterrichten – und liefere damit unfreiwillig das nächste stichwort. die uni sei gut, auf allen podien der welt vertreten, um ihre businesslehren zu verbreiten, urteilt der weitgereiste rektor der karlsruher hochschule der künste. wirkliche denker, theoretiker, deduktivisten, wirft er allerdings ein, gäbe es unter den professoren in st. gallen nicht. eher induktivisten, empiriker und praktiker.

jetzt lächle ich.

doch dann kommt der gegenschlag: keiner von diesen könne heute mehr sicher sein. denn die erfahrung alleine lehre nicht mehr, was die zukunft bringe. damit sind wir nahtlos bei den schwarzen schwänen. es sei erstaunlich, sagt der autor des wohl meist verkauften philosophischen werkes auf deutsch, dass nassim talebs buch mit diesem titel zum weltbestseller geworden sei. denn er habe einen kleinen ausschnitt aus der realität analysiert. der aber offenbare die ursachen der heutige unsicherheit am besten, folgert er.
ob er an schwarze schwäne glaube, will ich vom tausendsassa der gegenwartsdiagnose wissen. dieser fährt sich kurz ins haar. philosophisch sei die frage, ob es weisse schwäne gäbe, auf jeden fall heikler. denn jeder wisse, dass schwäne weiss seien, und wer von weissen schwänen spreche, sugeriere, dass man schwarze finden würde, wenn man nur lange genug suche.

in thun, wo wir zwischenzeitlich sind, gibt es schwarze schwäne, werfe ich ein. die seien aus australien eingeflogen worden und durch ihre ablehung seitens der tierschützerInnen zum politikum aufgestiegen. das habe den zorn der touristiker hervorgerufen. die grösste demonstration in thuns gegenwart sei zugunsten schwarzer schwäne gewesen.

jetzt lacht sloterdijk herzhaft.

in extremadura, dem altersitz von kaiser karl v., das er mit seiner frau besucht habe, gäbe es auch schwarze schwäne. einer hätte seine tierliebende partner angegriffen, sodass sie ihm erzählt habe, beinahe vom schwarzen schwan gepackt worden zu sein. also müsse es sie geben.

nun lachen wir beide.

in spiez, wo wir auf unserem kurzen gemeinsamen weg umsteigen mussten, erlebte ich für einen kurzen moment den unsicheren menschen im philosophen sloterdijk. was für zeit es sei, frage ich mich. zuerst wusste ich nicht, ob das als prüfungsfrage gedacht war. doch dann wurde klar, dass es nur um die uhrzeit ging. denn es beschäftigte den rastlosen philosophen, dass seine uhr plötzlich hinten nach gehe, und er den anschluss verpassen könnte.
anschluss gefunden haben im zug nach bern durchaus auch andere passagiere, die, wie ich im augenwinkel merkte, immer interessierter unserer heiteren philosophischen runde lauschten.

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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