eine namentlich nicht genannte berner zeitung notierte es ganz nüchtern: markus freitag ist seit dem 1. august 2011 einer der fünf professoren an der universität bern, die mit dem nächste woche beginnenden herbstsemester ihr arbeit in der aarestadt aufnehmen.

markus freitag, neuer professor am berner institut für politikwissenschaft

lieber herr freitag, ihr lebenslauf hält fest, dass sie in heidelberg studiert und hier doktoriert haben, zunächst in berlin als juniorprofessor, dann in konstanz als professor für vergleichende politik wirkten, bevor sie nun hoffentlich für lange zeit nach bern kommen. die begrüssung an der uni und am institut für politikwissenschaft als ordinarius für soziologie und psychologie der politik überlasse ich gerne den zuständigen stellen; meinerseits lade ich sie zu einer speziellen stadtwanderung ein.

die führung soll sie und die interessierten mitstreiterInnen am institut in die politische geschichte der stadt einführen. ich zwill ihnen aufzeigen, wie sich die politische kultur in bern entwickelt hat. sie hören von allen helvetischen institutionen und wie ihre entstehung lokalhistorisch zusammenhängt. ich lasse nichts aus, was bernischen charme ausmacht: stadtpräsidenten, frauenmehrheiten, grüne patriziersöhne, staatstragende und falschparkierende svp-politiker werden allesamt ins programm integriert!

ich rede auch über pragmatische staatstheoretiker, politisierende philosophen und den ersten empirischen sozialforscher in bern. deutsche flüchtlinge, biertrinkende burschenschaften, instituts- und universitätsgründungen (ver-)folgen uns an auf schritt und tritt. und last but not least dekonstruiere ich die grössten nationalen und lokalen mythen, wonach die schweiz als staat 1291 und bern als stadt 1191 gegründet worden seien. denn gemäss karl r. popper gibt es nicht ein vernünftiges Argument und keinen gesicherten beleg für die wissenschaftlichkeit dieser behauptungen!

ich bin überzeugt, das eine oder andere wissen sie schon, denn die berner politikwissenschaft hat in den letzten jahrzehnten vieles zum systematischen verständnis gerade auch der schweizer politik beigetragen. mir ist es darüber hinaus aber ein anliegen, das alles in der geschichte zu verorten, weil das dem wissen auch sinn verleiht. ein wenig gruner-schule steckt halt immer noch in mir.

ich bediene mich dabei eines tricks, den quintilianus, der erste kaiserlich besoldete rhetoriklehrer roms, entwickelt hat. aus der beobachtung, dass die meisten menschen den gang des geschehens nicht memorieren, einen weg im raum indessen in guter erinnerung behalten können, leitete er sein pädagogisches prinzip ab: die deschichte beim wandern von ort zu ort zu erzählen, sodass die themen der stationen der veränderungen über die zeit ergeben. schöner könnte man das in der stadt, in der einst albert einstein lebte und den begriff der raumzeit erfand, um seine spezielle relativitätstheorie zu verdeutlichen, nicht formulieren!

doch halt, bei mir soll nicht alles relativ bleiben. eine portion skepsis gegenüber dem common sense gehört sicherlich dazu, darüber hinaus will ich aber handfestes vermitteln. und das sind mine stationen und themen der stadtwanderung: „ein besonderer freitag in bern!“

1. beim justitia-brunnen: gerechtigkeit – das grosse ungelöste thema auch in der berner politik und anderswo.
2. vor dem rathaus: der freiheitsbaum der franzosen im herzen des alten berns.
3. in der matteenge: engländer, patrizier und bauernsöhne begründen den tellenmythos aufs neue.
4. im erlacherhof: der wienerkongress, die staatenbund, die landesgrenzen und die neutralität.
5. vor dem von steiger-haus: auf den spuren des ersten berner politischen instituts bis hin zur universitätsgründung.
6. beim zimmermania: radikale versus liberale und die staatsgründung von 1848.
7. beim casino: der bund – kurz erklärt, aber auf eine ungewohnte Art.
8. auf dem bundesplatz (oder leicht daneben): geschichtspolitik im banne nationaler versöhnungsfeierlichkeiten und ihre kritik.
9. unter dem käfigturm: vom gefängnis der schweizer, in sie sich selber bewachen und aus dem sie sich selber befreien – weiterentwicklungen der hiesigen politischen kultur
10. unter dem baldachin: platon, aristoteles und die politische philosophie der demokratie.
11. entweder vor dem hotel national oder auf der europapromenade: bern, eine europäische stadt, mitten in der schweiz mit viel lokalkolorit am vorabend der wahlen 2011.

wir starten, wie abgemacht, am 23. september 2011 um 17:30 beim gerechtigkeitsbrunnen mitten in der berner altstadt, und wir enden nach anderthalb bis zwei stunden fussmarsch an einem ort, der noch nicht ganz bestimmt ist – genauso wie der wahlausgang genau einen monat später, wenn die schweizer und schweizerinnen ihr neues parlament bestellen werden.

ich hoffe, es wird eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche berner Lektion zu ihrem einstand werden!

stadtwanderer


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