die ereignisse überstürzten sich. neue stadtwanderung, alter bundesrat. das ist die bilanz der beiden letzten tage, die – bei mir wenigstens- ganz im zeichen der zähne standen. ende der weisheit (oben rechts), ist die ansage.

gestern noch war alles in ordnung.
ich hatte premiere mit meiner neuen stadtwanderung. das politische system der schweiz – von seinen anfängen bis in die nahe zukunft“ heisst die tour, die ich nächstes jahr regelmässig anbieten werden. meine ersten gäste arbeiten das jahr durch als kommunikationsfachleute für das bundesamt für sozialversicherungen. zum jahresende trafen sie sich zum gemütlichen beisammensein – und einer stadttour mit mir. ich begann in der alten predigerkirche – besser bekannt als franzosenkirche – dort wo vor 700 jahren die versammlungen des rats der 200 der stadt bern stattfanden. gewählt wurde man damals noch nicht, ernannt schon, vom 16er, einer art versammlung der 4 quartiervorstände aus den stadtvierteln. je vier männer waren das, vertreter der metzger, bäcker, gerbern und schmiede, die ihrerseits vom venner, dem quartiermeister ernannt wurden. erste aufgabe der quartiervorstände war, beim eintreiben der steuern zu helfen, während der rat der 200 die wichtigsten beschlüsse sanktionieren musste – nicht zuletzt zu den ausgaben, die sich aus der beginnenden stadtexpansion aufs land hinaus ergaben. für diese standen der schultheiss, selber vom könig ernannt, bevor er die venner ernannte, der die stadt regierte, umgeben von einem rat, bestehend aus den sippenführer der stadtgründer. – von da an entwickelte ich zwei geschichten – eine durch die stadt vorbei am rathaus, bis heute sitz der kantonsregierung, des kantonsparlamentes und der berner synode, mit zwischenhalt beim erlacherhof, weiland residenz der französischen generäle, dann tagungsort des ersten bundesrates und heute büro des stadtpräsidenten, um schliesslich vor dem bundeshaus zu stehen, wo sich national- und ständerat auf die wahl der neuen bundesregierung vorbereiteten. die andere geschichte ging um die entwicklungen die das regierungssystem der stadt, des kantons und der eidgenossenschaft in den 700 jahren gemachten hatten. das ende der tour war offen: zur auswahl standen je eine spezialstation, von den teilnehmenden zu bestimmen; zur auswahl standen die europapromenade, das hotel national oder das restaurant harmonie. meine gäste waren sich schnell einig, sie befürworteten die harmonie, wo ich ihnen den ausblick auf die bundesratswahlen machte.

heute nun war alles anders.
denn ich musste zum zahnarzt. der weisheitszahn oben rechts war so weit. der backenzahn davor hatten ihn angesteckt. „ex 7 und 8“ war der erschütternd befund meiner zahnärztin letzte woche gewesen. angefangen hatte alles mit ein paar spanischen nüssen, an denen ich mir einen teil der zähne ausgebissen hatte. da sich komplikationen angekündigten, war ich heute beim kieferchirurgen, dr. schmoker, dem legendärsten zahnarzt der stadt. er hat es mit ruhiger hand vollbracht, was man sich und andern nie wünscht. anschliessend war ich tilt, brauchte zeit, um mich zu finden, schlief gottseidank ein wenig. nun bin ich wieder wach und sehe, dass ich um die nacht der langen messer vor der bundesratswahl gekommen bin. halb so schlimm!, ist meine bilanz, denn von der svp, die dieses jahr alles gewinnen wollte, und so vieles davon verpasst hat, war kaum jemand im bellevue zugegen. bruno zuppiger, der von blocher ernannte kandidat, war die ausnahme, der grandios gescheiterte bundesratskandidat, und this jenny, der kritik des triple b an der parteispitze. fulvio pelli scheint immer noch auf eine überraschung zu hoffen, zu 40 prozent wahrscheinlich, wie er sagt, wenn es um die wahl von eveline widmer-schlumpf geht. was seine bundesräte betrifft, gibt er sich sicher. dennoch, svp und fdp scheinen, zumindest wenn man den medienbericht traut, die verlierer von morgen zu sein. die abwahl von ews dürfte scheitern, denn nebst der kleinen bdp wird sie von der sp, der cvp, der gps und der glp unterstützt – von von blocher nachernannte bauernpräsident walter hin oder her. allgemein rechnet man mit dem status quo im bundesrat, der wiederwahl aller bisheriger und einem der beiden romands-genossen für die abtretende micheline calmy-rey.

am morgen noch gab ich mein letztes interview in dieser sache der radio der deutschen ard – meinem letzten in voller weisheit. ich sprach vom medienspektakel, den königsmachern und königsmördern, dem wahlrecht und der wahlgewohnheit, der erwartung der wende während des wahljahres, dem desaster der svp vor allem bei den ständeratswahlen und dem ausbleibenden kompliment einer persönlichkeitswahl, das den parteihardlinern das ende beschertes. so dürfte der grössten partei des landes nicht viel mehr bleiben, als morgen den machterhalt der andern zu beklagen, der eigentlich personelle stabilität und politische kontinuität bedeutet. der journalist nahm’s mit undeutscher gelassenheit in der auf hektik getrimmten schweiz, während mir der organisator der stadtwanderung vom vortrag eine sms schickte, als ich wartenden auf dem schragen lag: „Lieber Claude, nochamls grossen Dank für die Stadtwanderung von gestern. So macht Bernsehen spass; uns allen war es ein inners Blumenpflücken!“

freut mich, dachte ich mir, genauso wie es mich freut, wenn morgen alles beim alten bleibt, während ich mit grossem halbtuch um die backe fernsehen werde, um mir vom bett aus die bundesratswahlen anzusehen.
ende der durchsage!

stadtwanderer


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