„philosophie“ heisst das magazin. populärwissenschaftlich ist es, und seit neuestem gibt es die zeitschrift auch auf deutsch. meine heutige stadtwanderung in der klirrenden kälte hat sie aufzuwärmen geholfen. ein einblick.


„Normen sind restriktiv, Werte sind attraktiv“, formuliert der deutsche sozialphilosoph hans joas in der neuesten ausgabe der zeitschrift „philosophie“. und meint damit, dass normen bestimmt handlungen aus juristischen oder moralischen gründen ausschliessen. sein interesse gilt jedoch den werten. sie zeigen bei bestimmte weise der lebensgestaltung auf, die man womöglich nicht kennt. genau das mache sie zu sinnstiftenden vorbildern.

entscheid, so das argument von joas, ist die subjektive evidenz von werten. damit ist gemeint, dass werte nicht gelehrt, nur vorgelebt werden können. „du musst!“, ist keine werteerziehung, auch nicht, wenn da im lehrplan stehen sollte. denn nur ein lehrer, eine lehrerin, der oder die von etwas überzeugt ist, ist ein vorbild. von werten überzeugt zu sein, heisst auch, dass es eine einsicht in ihr wesen braucht. sie existieren, weil sie sich kollektiv bewährt haben, und sie sind einladungen, weil sie individuelle klärungen bringen, was gut ist.

hans joas, vizepräsident der internationalen soziologenvereinigung und bis vor kurzen professor für kultur- und sozialwissenschaftliche studien an der uni erfurt, vertritt ein entsprechendes bildungsideal. selbstverwirklichung sei das erste ziel. bildung solle den menschen sich auf ziele hin entwickeln lassen, die er für sich selber entdecken und sich selber vorgeben muss. da zeigt er sich in der griechischen philosophie eines aristoteles verhaftet: übergeordnete ziele, etwas von der kirche bestimmt und verordnet, akzeptiert er nicht. denn die aufklärung hat damit aufgeräumt, dass es vorgebene ziele gäbe.

beispielsweise den weg des menschen, der auf bild zielt, das gott von ihm hat. das wiederum vertritt annette schavan, die theologin im gleichen gespräch. sie postuliert, bildung sei, dass der mensch nicht hinter den möglichkeiten, die er habe, zurückbleiben dürfe. und, bildung sei die aufgabe von institutionen, der schule, der hochschule, der berufsschule, für die sich die politik einsetzen, gegebenfalls auch gerade stehen müsse.

schon in ihrer dissertation beschäftigte sich die heutige bildungsministerin deutschlands mit der frage, ob und wie es gelinge, empfindsamkeit für gewissenhaftigkeit zu wecken. und nähert sie sich joas an, denn auch sie setzt dabei auf die erfahrung, die einen lehre, wenn auch nicht die individuelle, so doch die kollektive erfahrung, von der man profitieren könne.

und so überrascht es nicht, wenn das gespräch zwischen den beiden beim thema „leitkultur“ kulminiert. für schawan ist es die quelle, aus der sich die gesellschaft speist. zum beispiel, dass der mensch ein herausragende stellung beanprucht, dass die wissenschaft eine relevante quelle des selbstverständnisses von moderner gesellschaft ist, und man durch wissenserwerb einen erkenntniszuwachs habe.

hans joas gibt sich das zurückhaltender. denn leitkultur werde vorschnell mit der idee von europa in verbindung gebracht, ja mit westlicher identität gleich gesetzt. da ziehe er die deutung des deutschen philosophen karl jaspers vor, die 1949 gegeben hatte: demnach leben wir in einer welt koexistierender und hoffentlich auch kooperierender universalismen, gegen die ebenfalls koexistierenden und kooperierenden partikularismen.

durchaus wärmende gedanken, zu meinem wärmenden ingwer-tee, angesichts der kälte von heute, welche die neue populärwissenschaftliche zeitschrift „philosophie“ da bietet!

stadtwanderer


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