besonders wenn er seine manuskripte weglegte, war er als hochschullehrer umwerfend. nun ist walther hofer nicht mehr. ein monent der persönlichen erinnerung an einen meiner mentoren.


walther hofer, bei seinem 90. geburtstag (quelle: der bund)

wenn sie den namen „hofer“ hören, denke viele schweizerInnen, vor allem ältere, an walther hofer. in der öffentlichkeit war er bekannt als nationalrat und als medienwächter. die berner bgb, dann die kantonale svp vertrat er in der grossen kammer unter der bundeskuppel, und der srg machte sein hofer-club regelmässig beine, mehr im sinne seiner partei zu berichten, statt linken ansichten zu huldigen. vielen linken und journalistInnen dürfte er deshalb der kalte krieger gewesen sein.

der historiker
in vielen veranstaltungen, die ich zwischen 1980 und 1983 an der uni bern bei walther hofer besuchte, habe ich einen anderen menschen kennen und schätzen gelernt. ein typischer liberaler aus dem berner seeland war er, der als wissenschafter forschungsfreiheit gegenüber staatlicher und gesellschaftlicher einflussnahme stets verteidigte. ein historisch-politischer denker und autor war er zudem, der mit ausgewählten federstrichen das wesentliche am 20. jahrhundert aufzeigen konnte. vor allem aber war er ein leidenschaftlicher debattierer. bei kaum einem anderen professor konnte man damals so gut lernen, seine ansicht zu entwickeln und zu begründen, wie mit walther hofer.
im kolloquium zum abschluss meines geschichtsstudium behandelten wird eines der hoferschen spezialgebiete: den nationalsozialismus – und seine erforschung. dass ich dabei über faschismustheorien vortragen wollte, missfiel ihm; der verdacht, das historisch einmalige am nationalsozialismus negieren zu wollen, lag wie ein schatten über der veranstaltung. natürlich lag mir nicht daran, in die bekannte falle tappen zu wollen, hitler mit mussolini gleichzusetzen, menschliche barbarei mit zweitrangigen machthabern zu vergleichen. dennoch ging es mir um übergeordente kategorien der analyse von phänomenen, welche die welt nach dem ersten weltkrieg in atem hielten und der ersten hälfte des 20. Jahrhunderts ihr gepräge gaben. das begriff schliesslich auch der professor, der sich im schwelenden historikerstreit gegen die historisierung des dritten reichs gestellt hatte, die gegenpositionen aber sehr gut kannte.
nach der veranstaltung zitierte mich hofers damaliger assistent, peter maurer, der heutige ikrk-präsident, in sein büro, um sich mit mir zu unterhalten. von wo ich mein wissen habe, wollte er wissen. aus büchern, die ich gelesen hätte, die von wolf wippermann bis reinhard kühnl, antwortete ich. der eine autor gefiel, der andere weniger. ob ich interessiert sei, meine abschlussarbeit als historiker über die zeit der schweiz im zweiten weltkrieg zu schreiben, schob hofers adlat nach. spontan willigte ich ein.
das war 1981. 36 jahre zuvor war der zweite weltkrieg zu ende gegangen. 35 jahre danach öffnete das bundesarchiv seine ordentlichen quellenbestände aus der umstrittenen zeit für die forschung. dank walther hofers engagierter vermittlung erhielt meine studentInnen-generation als erstes zugang zu den heiklen beständen des politischen gedächtnisses der schweiz. aus meiner hand enstand eine umfangreiche arbeit über die schweizer ärztemission an die deutsch-russische front. es ging um das schweizerische rote kreuz, das in russland aktiv geworden war, von der wehrmacht aber missbraucht wurde und nur deutsche verwundete pflegen durfte. es ging um den anführer der ärztemission, eugen bircher, legendärer chirurg aus aarau, später bgb-nationalrat, der für seine deutschfreundlichkeit bekannt war und die grenzen politischen wirkens und ärztlicher verpflichtung vermischte. und es ging auch um minister frölicher, dem damaligen schweizer botschafter in berlin, der die wirtschaftsverhandlungen zwischen deutschland und der schweiz eingeleitet hatte, als diese eingekesselt war, und, der zur aufweichung der fronten, die idee einer rotkreuzmission aus der schweiz an die ostfront ins spiel gebracht hatte. zur vorbereitung eben dieser aktion schickte man bircher, mit führenden mediziniern wie sauerbruch nach berlin. nach seiner rückkehr im mai 1941 berichtete er, wie der streng geheim gehaltene krieg gegen die sowjetunion vorbereitet wurde, wie das die lage in europa ändern würde und was das für die schweiz hiess. wenn nicht als soldaten, so doch als kriegsmediziner sollte ein kleiner teil der schweiz bei dieser grossem moment dabei sein, folgerte bircher. einen durchschlag seines aufschlussreichen memorials schickte er general guisan, dessen persönliches exemplar ich in archivschachteln fand und auswertete. hofer war bass erstaunt, nannte das bisher unbekannte dokument eine trouvaille und liess mir nach abschluss der arbeit den seminarpreis für die genannte entdeckung aushändigen.
genau das war es, was ich am historiker hofer schätzte: seine unabhängigkeit im geist, seine leidenschaft für die sache, und sein credo für die freiheit, selbst wenn das alles einen seiner parteikollegen in nicht eben vorteilhafter weise betraf. denn das besagte dokument war nicht nur von interesse für die armee, es war auch ausdruck der unkritische nähe schweizer persönlichkeiten zu den nazis.

der hochschullehrer

sein ganz grosses ziel, schweizer aussenminister zu werden, erreichte walther hofer nicht. dennoch schwang in seinen seminaren ein hauch von weltpolitik mit, und man wähnte sich, ein wenig der schweizer henry kissinger vor sich zu haben. unübertrefflich war hofer in seinen veranstaltungen, wenn er sein meist austrariertes manuskript weglegte und frei dozierte. denn dann kam sein esprit zum zug, sein holismus, das wesentlichen im ganzen zu erkennen, aber auch seine fähigkeit, angehende historiker mit dem feuer für die geschichte zu beseelen. das war meist dann der fall, wenn es sich eben über einen fachkollegen in deutschland geärgert hatte, der, aus welcher optik auch immer, versucht war, die bedeutung adolph hitlers für das geschehen im 20. jahrhundert zu relativieren. dann blühte walther hofer förmlich auf. scharf in der analyse, behände in der rhetorik und geschickt in der mischung aus vermittelnder didaktik und herausfordender provokation konnte er die argumente seiner gegner einführen, um sie dann mit dialektischem können stück für stück zu widerlegen. war man als student damit nicht einverstanden und widersprach man ihm, steigerte er sich fast bis zur extase, meist um so mehr, je deutlicher und je mehr man ihm entgegnete.
1983 nahm der stilsichere lebemann sein ganzes seminar an studentInnen mit auf seine reise nach berlin. „50 jahre reichstagsbrand“ war das thema des grossen kongresses in den klirrend kalten wintertagen des neuen jahres. hofers lieblingsthema quasi, denn mit der untersuchung eben dieses ereignisses samt den folgen für die machtergreifung hatte sich der junge berner historiker einen ruf in deutschland geschaffen, der ihn professor an der freien universität werden liess. der bekannteste geschichtsforscher aus der schweiz in seiner zeit, wurde er genannt, denn sein standardwerk wurde x-fach neu aufgelegt, in mehrere sprachen übersetzung und es fand eine unglaubliche menge an leserInnen. mehrfach, bisweile mit den höchsten preisen ausgezeichnet wurde hofer für sein schaffen in der bundesrepublik. und wenn er nach berlin kam, zollte man ihm respekt: minister verschiedener parteien waren zugegenen, als der berner in der schweizer botschaft an der spree, politiker und diplomaten, gelehrte und lernende, deutsche und schweizer zusammenbrachte, um über das wesen des nationalsozialismus zu sprechen.

der weltzugewandte
sicher, das bild zu walther hofer wäre unvollständig, würde man ihn nicht auch für seine dezidierte ablehnung des bolschewismus zu würdigen. denn die kommunistische sowjetunion war dem anhänger der totalitarismustheorien ebenso suspekt wie das nationalsozialitische deutschland. doch hielt den (welt)offenen historiker, publizisten und politiker auch das nicht ab, linke wie rechte studierende in seinen veranstaltungen abzuziehen und sich mit ihnen zu streiten – intellektuell notabene! so waren seine kurse wahre fundgruben für forschungsergebnisse aus der zeit von 1933 bis 1945, aber auch orte der geistigen auseinandersetzung mit den grossen strömungen des 20. jahrhunderts, welche eine ganze generation angehender historikerInnen an der universität bern prägten. und sie waren eine unverzichtbare vorbereitung für eine aktives leben in der schweizerischen und europäischen zeitpolitik, die ich nicht missen möchte.

claude longchamp


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