köniz, 26. juni 2013. die grösste vorortsstadt der schweiz lädt zu einem historischen gedenktag ein. an der türe des gemeindehauses steht: „100 jahre könizer aufstand“. doch am 26. juni 1913 war da nichts, wie ein kleiner gegencheck in google ergibt. viel los war im damaligen dorf jedoch am gleichen tag des jahres 1513. mein bericht der veranstaltung.

gemeindepräsident luc mentha kam gar nicht dazu, alles zu sagen, was er wollte. nur soviel brachte er den weit über 100 anwesenden zuhörerInnen bei: es gehe um den allseits diskutierten stadt/land-konflikt, nicht aus aktuellen anlass, sondern aus einem historischen grund. denn in köniz erhob sich vor genau 500 jahren die jugend an der chilbi zu ehren der kirchweihe gegen die ratsherren aus und in bern. das sei der grund der zusammenkunft, um inne zu halten, nicht um den aufstand zu wiederholen.

dann wurde mentha unterbrochen. schauspielerin satu blanc, verkleidet als magd aus dem 16. jahrhundert, erobert die bühne, um als frau zum damalige geschehen überzuleiten. die männer seien in oberitalien als söldner engagiert gewesen, erläuterte sie, die franzosen habe man erfolgreich aus mailand verdrängt und in novara militärisch besiegt, doch sei der preis hoch gewesen. von 2000 toten habe man gesprochen, und in der bevölkerung der eidgenossenschaft herrsche unruhe, denn niemand wisse, wenn es getroffen habe.

licht ins dunkel der vergangenen ereignisse brachte philippe roggen, spezialist für das söldnerwesen in der alten eidgenossenschaft. denn hans rudolf hetzel, sohn eines angesehenen venners in bern, hatte 2000 junge aus dem bernbiet angeworben. die seien in die picardie marschiert, um dort ausgerechnet dem französischen könig zu helfen, den man tage zuvor mit hohem blutzoll besiegt hatte. grund für den seitenwechsel waren ausgiebige pensionszahlungen: 164 berner ratsherren seien im im solde des königshofes gestanden, geködert mit einer summe, die halb so viel wert war wie der stadtberner haushalt zusammen.

von verrat war die rede, und der unmut habe sich rasch ausgebreitet, erläuterte rogger. dass der dampf in köniz entwich, sei zufall gewesen. denn die wut habe auch in solothurn, luzern und zürich bestanden. doch in köniz marschierten 300 junge männer nach einem feuchtfröhlichen fest ins nahe bern, stürmten die häuser angesehener junker, die im verdacht standen, bestochen worden zu sein. im gegenzug bediente man sich ihrer reichtümer, und machte man so die ganze stadt unsicher.

die eilends herbeigerufenen vermittler aus den anderen eidgenössischen orten schritten zwischen die streitparteien, machten den aufständischen ein angebot, was sie beruhigte. gebrandmarkt wurden die kronenfresser, wie man die geldgierigen ratsherren nannte, namen und höhe der zahlungen öffentlich verlesen worden, und fehlbaren mussten das geld abliefern und von ihren ämtern zurücktreten: mehr als die hälfte des kleinrates war davon betroffen, und ein fast ebenso grosser anteil des grossen rate dazu.

um wieder frieden zwischen stadt und land zu schliessen, vereinbarte man zwischen den parteien den könizer brief, erläuterte historiker roggen gestern: der brachte ein pensionsverbot für berner ratsherren und das konsensgebot bei militärischen schritten zwischen obrigkeit und untertanen.

andré holenstein, bekannter professor für regionalgeschichte an der uni bern, erhellte die grossen zusammenhänge der nicht ganz singulären aktion in köniz. die burgunderkriege hätten die bergler berühmt gemacht und einen söldnermarkt entstehen lassen, mit dem die nachfrage aus frankreich, aus dem kaiserreich und selbst seiten des papstes nach kampfeslustigen burschen aus der eidgenossenschaft rasch gestiegen sei. zwischen der wilden und der organisierten reisläuferei habe konkurrenz bestanden. bis die tagsatzung herr der lage geworden sei, habe es viele einzelkämpfer gegeben, die in ihre eigene tasche gearbeitet hätten – wie eben die berner familie hetzel.

der waffendienst für fremde herren habe sich zur wichtigen einnahmequelle entwickelt, bilanzierte der erfahrene historiker, weshalb aufständische wie die könizer nie aufs ganze gegangen seien. die streiterein hätten sich aber negativ auf die identität der verschworenen gemeinschaft aus früheren zeiten ausgewirkt. von einem bund im heutigen sinn könne man nicht reden, von einer kollektiven sicherheitsregelung schon.

dann wurde holenstein noch grundsätzlicher: den eidgenössischen kleinstädten habe die politische erfahrung gefehlt, um die militärische schlagkraft aussenpolitisch einbringen zu können. vom kaiserreich unabhängig geworden sei man erst wenige jahre zuvor geworden, und die macht der neuen eliten sei letztlich prekär gewesen. deshalb habe man immer wieder auf die zustimmung der untertanen zu aktionen für fremde herren setzen müssen, wie eben im könizer brief.

die reformation 1528/9 setzte der reisläuferein ein vorläufiges ende. bern kehrte erst 1582 zum söldnerwesen zurück, nachdem sich die landschaft in ämteranfragen noch in den 1560er jahren insgesamt unschlüssig gezeigt hatte. der druck aus frankreich, gerade auch der hugenotten, sei schliesslich entscheidend gewesen, bilanzierte holenstein, denn nur wer mit dem französischen könig verhandelt habe, sei berechtigt geweseb, forderungen zu glaubensbrüdern zu stellen.

das bei all dem der bernische alltag des 16. jahrhunderts nicht vergessen ging, lag an satu blanc und ihren regelmässigen einlagen. da war, wie ihre selbst verfasste schilderung eindrücklich aufzeigte, die realität des todes ganz nahe bei den leuten; da ging es um verrohte jungs, die sich nach den erfolgreichen feldzügen in der heimat nicht mehr einordnen mochten, und da kam auch das menschliche zum zuge. man habe zwei verheiratete beim liebesspiel in einer scheune entdeckt, indes nicht mit ihrem ehepartner, sondern über alle erlaubten grenzen hinweg, meinte die magd zum schluss der veranstaltung. das werde im dorf viel zu reden geben – applaus!

am ende des gelungenen abends in köniz 2013 gab einiges zu reden, dass der gemeinderat des veranstaltenden ortes die herren und damen notablen der andern gemeinden zum anschliessenden apéro im benachbarten restaurant lud, nicht aber das gemeine volk. von den „neuen kronenfressern“ war da schon mal die rede, als ich mit dem publikum das gemeindehaus verliess.
für die eilends ausgesprochene einladung an meine adresse, auch zum apéro zu kommen, bedankte ich mich freundlich, nahm sie aber nicht an. zu aufschlussreich war der abend gewesen, über oben und unten im alten (und neuen) bern …

stadtwanderer


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