Die Schlacht von Murten – ab heute Abend wird sie, auf dem Schlachtfeld, in Theaterform aufgeführt. Ich wiederum erzähle, was damals war, und was die Folgen dieses welthistorischen Ereignisses vor den Toren Murtens waren.

Unbenannt
Wie muss man sich die Schweiz von 1476 vorstellen? Zuerst, die Schweiz von damals ist ein Bündnissystem, kein eigener Staat, sondern ein Teil des Kaiserreiches, der in Kirchen- und Militärfragen Autonomie beanspruchte. Die Ursprünge gehen aus das 13. Jahrhundert zurück, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nahmen sie festere Formen an. Uri, Schwyz und Unterwalden, aber auch Luzern, Zürich und Bern mit ihren jeweiligen Verbündeten gaben abwechslungsweise den Ton an. 1415 vertreiben die Städte Bern, Zürich und Luzern die Habsburger aus dem Wasserschloss, sodass die Eidgenossenschaft das deutschsprachige Mitteland beherrschte und ihren Einfluss in alle Richtungen auszudehnen begann. Seit 1450 war es Mitgliedern der Eidgenosschaft verboten, einem weiteren Bündnis anzugehören.
Die Nachbarn waren im Osten und Norden die Habsburger Herzöge, im Süden die Mailänder und Savoyer Herzöge und im Westen die Burgunder Herzöge. Seit 1438 stellten die Habsburger ununterbrochen den Kaiser und stiegen so zur mächtigsten Dynastie in Europa auf. Im 15. Jahrhundert waren die Herzöge von Burgund jedoch reicher. Es gelang ihnen, Flandern und Brabant, eines der Wirtschaftszentren Europas, zu ihren Untertanen zu machen, und ebenso kam die Franche-Comté in ihren Bann. Zudem eroberten sie unter Karl dem Kühnen das Herzogtum Lothringen, sodass sich eine neuer Feudalstaat zwischen Kaiserreich und Königreich Frankreich schob. Als sich die Burgunder mit den Herzögen von Savoyen verbündeten, um sich einen Weg nach Rom zu bahnen, wurde es für die Eidgenossenschaft ungemütlich. Aus dem früheren Verbündeten wurde ein Konkurrent um Territorien. Das führte letztlich zum Burgunderkrieg von 1474 bis 1477.

1474 verbünden sich die Eidgenossen, aus der Sicht des Kaisers, die „obere Vereinigung“, mit den Reichsstädten Basel, Colmar und Strassburg, die man „niederen Vereinigung“ nannte. Gemeint waren damit Bündnisse südlich und nördlich von Basel. Gleichzeitig schlossen die Eidgenossen mit Habsburg einen unbegrenzten Frieden, mit dem die Habsburgerkriege, die seit 1315 gedauert hatten, beendeten. Vermittelt wurde dies alles durch den französischen König, dem erbittertsten Feind der Burgunder, der die Eidgenossen gegen seinen Gegner aufwiegelte. Vor diesem Hintergrund erklärten diese unter Führung der Reichsstadt Bern dem Herzog in Dijon den Krieg. Sie griffen sofort Richtung Elsass an und gewannen in Héricourt eine erste Schlacht. Dann erobern die Berner und Freiburger die savoyische Waadt, und die Berner stiessen gegen die burgundische Franche-Comté auf der anderen Seite des Juras vor.
Dagegen reagierte Herzog Karl von Burgund. Zuerst eroberte er das von Bernern besetzte Grandson zurück. In der nachfolgenden Schlacht ausserhalb des Städtchens verlor er aber gegen die heranstürmenden Eidgenossen. In Morges stellt er sich neu auf und griff nochmals an. Ziel war Bern, das Zentrum des Widerstands. Um den Angriff zu parieren, besetzten die Berner Murten, ihre Verbündeten, die Eidgenossen nahmen unter Zürcher Führung das savoyische Freiburg ein. Am 22. Juni 1476 kam es in oberhalb Murtens zur entscheidenden Schlacht. 45000 Mann kämpfen auf beiden Seiten. Die Eidgenossen wurden durch die Niedere Vereinigung, die Lothringer und Habsburger verstärkt. Auf Seiten der Burgunder waren die Savoyer und Söldner aus vielen Orten.
Wie durch ein Wunder gewannen die Eidgenossen die Schlacht. Karl musste fliehen, versuchte die Rückeroberung Lothringens in Nancy zu verhindern, wo es Mitten im Winter erneut zu einer Gefecht kam, bei der der Herzog sein Leben verlor.

In Vielem gleicht die Schlacht von Murten der typischen Vorgehensweise der damaligen Zeit. Ein zentraler Ort wird durch den Angreifer besetzt. In unserem Fall die Berner, die Murten einnehmen und militärisch aufrüsten. Dann kommt der Angegriffene und belagert die Besetzer. Hier die Burgunder und Savoyer, welche die Stadt mit Artillerie angreifen. Schliesslich eilen Verbündete der Besatzer herbei, und sie greifen die Angreifer von hinten an, sodass sie sich selber verteidigen müssen. Diesen Part spielen die Eidgenossen, die sich gegen die Burgunder stellen.
Die Eidgenossen provozierten die Burgunder mehrfach, die sich jedes mal aufstellten, ohne dass es je zum Gefecht kam. Schliessen attackierten die Eidgenossen nach 10 Tagen Vorspiel bei strömendem Regen in voller Wucht und düpierten die Gegner, die nur einen Viertel ihrer Mannschaft kurzfristig aufstellen konnten. Die Artillerie wurde von hinten angegriffen und erobert. Die Reiterei Burgunds unterlag. Es kam zum Rückzug der Truppen nach Meyriez und zur Flucht des Herzogs über alle Berge.
Man rechnet heute mit mindestens 10000 Toten. Viele erlagen ihren Verletzungen auf dem Schlachtfeld, andere davon wurden in der Flucht in den Murtensee getrieben und ertranken. Noch am gleichen Tag war alles vorbei.

Die nationale Geschichtsschreibung vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts wies Adrian von Bubenberg die zentrale Rolle als Held von Murten zu. Wie immer bei solchen Legendenbildungen wurde dabei stark vereinfacht.
Die von Bubenbergs waren, unter den Zähringern, die eigentlichen Stadterbauer Berns. Sie gehörten in der Folge zur führenden Schicht der Stadt, die 1218 zur Reichstadt wurde, und ab 1298 ziemlich selbständig handelte. 1415 wurde Bern zum Reichstand erhoben, einem Stadtstadt, der im Reich selber Politik betreiben durfte. Mehrfach stellten die von Bubenbergs den Schultheiss, Berns Stadtherr. Sie lebten allerdings ganz in der junkerlichen Tradition des damaligen Landadels. Sie unterhielten gute Beziehungen zu den Innerschweizern, aber auch zu Burgund. In Bern und der Waadt waren sie begütert. Wirklich reich an Geld waren sie aber nie.
1470 kam es zu einem eigentlichen politischen Eklat in Bern. Adrian von Bubenberg, eben getrennt von seiner ersten Frau, ehelicht Jeanne de la Sarraz, eine savoyische Adelige, die den burgundischen Hofstils liebte. Im gleichen Jahr misslang die traditionelle Wahl des Schultheissen, erstmals wurde kein Landadeliger, dafür ein Metzger Schultheiss. Der regte sich enorm auf über das Verhalten der von Bubenbergs auf und stellte Adrians Frau wegen unsittlichem Verhalten vor Gericht. Die ehrwürdige Familie von Bubenberg wurde verurteilt, und sie zog sich aus Bern zurück, auf ihr Landgut in Spiez. In Bern übernahmen die Grosshändler der Diesbachs das Regime. Doch starb Niklaus von Diesbach in dem von ihm mitangezettelten Burgunderkrieg frühzeitig. Für Bern bedeutete das eine ausgesprochen missliche Lage. Der Kleinrat, Berns Regierung, pilgerte nach Spiez, und man bat den vertriebenen Adrian von Bubenberg zurück nach Bern zu kommen.
Dort fackelte der neue Schulheiss nicht lange und besetzte das savoyische Murten, im Wissen darum, Karl von Burgund, seinen Jugendfreund, zu provozieren. Der Schutz seiner Ländereien in Savoyen war mit ein Grund für sein Handeln. Den Rest kennen wir.
Die von Bubenbergs waren nach der Schlacht von Murten auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Diese zerfiel mit dem baldigen Tod Adrians jedoch schnell. Denn die Familie, ganz auf die Untertanen in den Ländereien angewiesen, gerieten in finanzielle Schwierigkeit, als der aufstrebende Geldadel den Untertanen anbot, sich freizukaufen. Eine Generation nach Adrian von Bubenberg verlieren sich die Spuren der berühmten Berner Familie in der Manneslinie. Selbst wo Adrian von Bubenberg begraben liegt, weiss heute niemand mehr.

In den Burgunderkriegen machten die Eidgenossen reiche Beute, vor allem in Grandson fiel ihnen der eigentliche Burgunderschatz zu. Zudem eroberten sie Teile der burgundischen Artillerie. Last but not least fielen ihnen die Marketenderin in die Hände, die Waschfrauen der burgundischen Söldner, gleichzeitig auch ihre Prostituierten.
Nach der Schlacht war die Eidgenossenschaft aufgewühlt. An der Fasnacht 1477 kam es in Zug zum sogenannten Saubannerzug. Die Innerschweizer Jugend brach zu einem ungeordneten Kriegszug nach Genf auf, wo man eine ausgebliebene Kriegskontribution eintreiben wollte. Dabei bedrohte man auch eidgenössischen Städte. Bern, Freiburg, Solothurn, Luzern und Zürich bildeten ein Sonderbündnis – gegen die Innerschweizer. Es brauchte Vermittlung, von Niklaus von der Flüh, einem Innerschweizer Eremiten, und einen neuen inneren Friedensschluss. 1481 unterzeichnete man das Stanser Verkommnis zwischen den Eidgenossen. Angriffe durch Eidgenossen auf Eidgenossen waren hinfort verboten. Das städtische Element wurde durch die Aufnahme von Solothurn und Freiburg in den Bund gegenüber dem ländlichen verstärkt.
Eingeführt wurde eine neue Beuteverteilregel. Eroberungen in Form von Geld sollten anteilsmässig unter den Soldaten verteilt werden. Eroberungen in Form von Land sollte gleichmässig unter den Fähnlein, die Orte oder Kantone, verteilt werden. Damit stellte man die grossen, bevölkerungsreichen, und die kleinen, bevölkerungsarmen Orte zufrieden. In gewissem Sinne erinnert das an das heutige Ständemehr bei Volksabstimmungen, wo ein Ausgleich zwischen Gross und Klein gesucht wird.
1499 gewannen die Eidgenossen den Schwabenkrieg gegen die Habsburger. Mit dem Friedenschluss wurde ihre Autonomie im Reich gestärkt. Die Reichsreform von 1500 und 1512 mussten sie nicht mitmachen.
Schliesslich stärkten die Burgunderkriege das Selbstbewusstsein der Eidgenossen mächtig. Sie wurden zu gefragten Söldnern, beim französischen König, beim Papst, beim Kaiser. 1494, wurden sie auf verschiedenen Seiten in den Krieg um Italien verwickelt. 1513 waren sie auf der Höhe ihrer Macht. Mailand fiel in ihre Hände. Sie erhielten ein Protektorat über das Herzogtum. Bern griff auch das burgundische Dijon an und erhielt ein Protektorat über die Freigrafschaft. Nie war die Eidgenossenschaft so mächtig wie damals.
Allerdings gab es kaum eine politische Führung. Die militärischen und wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Orte bestimmten ihre Politik. So liessen sie sich auch leicht auseinander dividieren. Politisch obsiegten die Habsburger und Franzosen. Bern, Freiburg und Solothurn liessen sich vor allem von Frankreich beeinflussen, und zogen sich gegen Geldzahlungen aus den besetzten Gebieten zurück. Die verbliebenen Eidgenossen in Italien erlitten grosse Niederlagen, die das Ende der Grossmachtpolitik bedeuteten.

Die Herzöge von Burgund wiederum versuchten mit ihrer Expansionspolitik das fränkische Mittelreich, das unter den Nachfolgern von Kaiser Karl dem Grossen entstanden war, wieder herzustellen. Der Plan schritt unter den Valois-Herzögen schnell vor; man nennt die Zeit von 1360 bis 1477 das burgundische Jahrhundert. Denn die Burgunderherzöge waren zu ihren Lebzeiten die reichsten Fürsten, bestrebt, einen eigenen Königstitel zu führen, um auch auf den Kaisertitel aspirieren zu können.
Der Plan gelang beinahe. Mitten in den Burgunderkriegen heirateten der habsburgische Erzherzog Maximilian und die burgundische Prinzessin Maria. Durch den Tod von Herzog Karl und das frühe Ableben von Maria, kam es nicht zur Kaiserkrönung der Burgunder, sondern zum habsburgischen Erbe fast des ganzen Burgunderreiches. Nur das anfängliche Herzogtum ging an Frankreich zurück. Das bedeutete denn auch den Anfang des Gegensatzes zwischen Nachbarn, nämlich zwischen dem Kaiser und dem französischen König. Die Habsburger verbanden sich dabei mit Spanien und stiegen über der Entdeckung Amerikas zu einem Weltreich auf, während die französischen Könige sich mit den Osmanen verbanden und so das Kaiserreich regelmässig von West und Ost bedrohten. Die Konstellation sollte, in Variationen, dauern und erst am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Vereinigung von Deutschland, Frankreich und den Beneluxstaaten überwunden werden.

Claude Longchamp


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