mission ostfront

Juni 10, 2014 | 4 Comments

zwischen 1941 und 1943 sammelten 250 aerzte und krankenschwestern in der sowjetunion erfahrungen in kriegschirurgie. doch war es nur äusserlich ein einsatz des roten kreuzes. innerlich war es ein von nazi-sympathisanten und interessenvertretern der exportwirtschaft eingeleitet aktion. ich gehe noch ein wenig weiter: für mich war es ein teil der schweizer aussen(wirtschafts)politik in bedrängter lage, die mit dem angriff deutschlands auf die sowjetunion entstand.

Unbenanntmein samstag begann harmlos. ich war in der stadt, stöberte in einem buchladen und kaufte schliesslich eine dvd. „mission ostfront“ heisst sie. sie ist dem einsatz schweizer aerzte und krankenschwestern im 2. weltkrieg in der sowjetunion gewidmet. das mteressierte mich, denn dazu hatte ich 1982/3 meine lizentiatsarbeit in geschichte verfasst.
was man so zu sehen bekommt, ist alles andere als harmlos. kaum in sowjetischen smolensk vor moskau angekommen, war man im schwersten ernstfall. amputationen von verletzten beinen und armen standen im lazarett hinter der front in serie an. ein arzt berichtet, er habe als erstes eine operation vorgenommen, die er vorher noch nie gemacht hatte. assitiert wurde er von seinem fahrer, ohne jegliche medizinischen kenntnisse. als dieser das abgesägte bein in armen hielt, sei er gleich in ohnmacht gefallen.

die motivationen der aerzte, krankenschwestern und der organisatoren

erfahrungen sammeln in kriegschirurgie. das war das zentrale motto, mit dem das schweizerische rote kreuz meist junges medizinalpersonal im eigenen land für die mission an der Ostfront anwarb. 250 personen kamen so zwischen 1941 und 1943 während je drei monaten zu einem einsatz.
was anfänglich niemand wusste: ennet der grenze unterstand die schweizerischen aerztemission nicht dem roten kreuz, sondern der deutschen wehrmacht; juristisch war man dem deutschen kriegsrecht unterstellt. sowjetische gefangene zu behandeln, war strengstens verboten. ein srk-historiker von heute rüffelt dies im dokumentarflim als krassen verstoss gegen den humanitären auftrag des roten kreuzes.
frédéric gonseth, filmemacher aus lausanne, hat einen eindrücklichen film zu all dem gemacht, der die zeitgeschichte mit erlebnisberichten, tagebüchern und fotografien vergegenwärtigt. filmmaterial namentlich aus deutschen archiven veranschaulicht die historischen umstände. gezeigt wird so, was man damals wusste, und wie man mit der bis in die jüngsten zeit weitgehend verdrängten geschichte umgeht.
was dadurch authentisch wirkt, stösst jedoch auch auf grenzen. so wird eugen bircher als eigentlicher vater der mission dargestellt. der aarauer chirurg besass ausgezeichnete beziehung nach deutschland, vor allem zu fachkollegen, aber auch zu politikern. er war, wie viele bürgerliche seiner zeit, strikte antibolschewistisch eingestellt, was es ihm schwer machte, sich vom nationalsozialismus abzugrenzen. so legte er seinen divisionärshut nieder, als ihn general guisan vor die wahl stellte, entweder an die ostfront zu gehen, oder weiterhin für den grenzschutz am rhein zuständig zu sein. letztlich war das eine klare ansage, wo der hohe militärkopf stand. im film wird zitiert, was schon damals viele munkelten. bei einem deutschen sieg über die sowjetunion wäre das dritte reich definitiv führende kraft in Europa, und die schweiz wäre gänzlich isoliert, in einem deutschfreundlichen Regime würde er, bircher, eine führende rolle spielen.

meine these: ein teil der schweizer aussen(wirtschafts)Politik in bedrängter lage
bei den recherchen zu meiner lizentiatsarbeit vor dreissig jahren kam ich bezüglich der aerztemission zu einem anderen schluss. entscheidende person war hans fröhlicher, der schweizer botschafter in berlin. 1941 kam er in bedrängnis, als er einen wirtschaftsvertrag zwischen dem dritten reich und der schweiz verhandeln musste, mit dem sich deutschland die waffenproduktion hierzulande sicherte. finanziert wurde das ganze durch einen kredig der schweizerischen Nationalbank; abgegolten werden sollte die schuld in form von naturalien aus eroberungen in russland.
da kam ein memorial von eugen bircher im frühling 1941 gerade recht, das er nach einem besuch an der berliner charité verfasst hatte. professor sauerbruch, sein chirurgenkollege, hatte den schweizer divisionär in den streng geheim gehaltenen krieg gegen die sowjetunion eingeweiht, und der schweizer militär im Generalsrang kehrte mit einer auffällig genauen frontaufstellung in sein heimatland zurück. guisan klassierte das memorial sofort, informierte die behörden, die so bestens über den angriff hitlers auf stalin im bilde waren. das verschaffte zeit, um sich einzustellen.
auf die schweizer elite blieb die voraussichtlich definitive wende im krieg nicht ohne folgen. ein Vertreter der schweizerischen kreditanstalt stellte spenden aus namhaften industrieunternehmungen der schweiz zusammen, die an exporten nach russland interessiert waren. eugen birchen mobilisiert die mediziner, und das srk sammelte das nötig pflegepersonal.
die unterstellung der mission unter deutsches kriegsrecht sollte nicht nur die richtige rotkreuzarbeit vor ort verunmöglichen; sie wirkte sich auch nach der rückkehr der teilnehmerInnen fatal auf. denn die schweiz hatte sich verpflichtet dafür zu sorgen, dass keine details aus persönlichen erfahrungen der teilnehmenden in die Öffentlichkeit gelangten.
das verlangte schweigen durchbrach als erster der Luzerner arzt rudolf bucher, der spätere begründer der rega, der insgesamt 100 vorträge hielt, und auf diesem weg die leitung der mission wegen sympathien zu den nationalsozialisten attackierte, bis sich bundesrat von steiger, der chef des ejpd, auf deutschen druck veranlasst sah, amtich für ruhe und Ordnung zu sorgen.

kleine würdigung

schade, sage ich, das im höchst bemerkenswerten film von swissimage und tsr, gefördert von der pro helvetia und der der migros, die weiteren umstände der aerztemission weitgehend ausgeblendet bleiben, davon vor allem dem westschweizer publikum das erzählt wird, was seit dem rings-bericht ende der 60er jahre dem deutschschweizer publikum bereits einmal gezeigt wurde. stark ist die dokumentation vor allem da, wo sich überlebende teilnehmerInnen vor der kamera äussern. wertvoll ist der film, weil er auch russische gefangen sprechen lässt, die in deutschen lagern arbeiteten und in die schweiz flüchteten. für die nicht spezialistInnen ist so ein zeitdokument einer wenig bekannten episode der schweizerischen verhältnisses zum dritten reich entstanden, das aus fachsicht einer bessern historischen einordnung bedurft hätte.
denn erst so wird die widersprüchlichkeit des damaligen handelns zwischen menschlichkeit und verrat klar!

stadtwanderer

ps: geschrieben hatte ich die arbeit bei prof. walther hofer. korrigiert und preisgekrönt wurde sie von peter maurer, hofers assistent von damals heutiger präsident des ikrk.


Comments

4 Comments so far

  1. Meier Pirmin on Juni 15, 2014 20:54

    Ein noch interessanter Kommentar, auch wegen der Erwähnung von Prof.Walther Hofer.Im Schweizer Monat online analysierte ich dessen Geschichtsdarstellung des Nationalsozialismus als antitotalitär, während nachher die sog. antifaschistische Lesart aufkam, wieder mit ganz neuen Feindkonstellationen.

    Nicht erwähnt ist im Beitrag die mehrhundertseitige Biographie Birchers von Daniel Heller, langjähriger FDP-Politiker AG und jetzt Präsident des Badener Kantonsspitals. Eugen Bircher gehörte im 2. Weltkrieg u.a. zu den Gründern der Schweiz. Paracelsus-Gesellschaft, wobei seine eigenen Forschungsbeiträge bescheiden und amateurhaft blieben. Vor 1936 besuchte der berühmteste deutsche Medizinhistoriker Karl Sudhoff, in späten Jahren Mitglied der NSDAP, Aarau, wobei Bircher ihm einen Aufenthalt des Paracelsus in Aarau im Winter 1532/33 einreden wollte. Ich habe Birchers medizinhistorische Legend im Detail widerlegt.

    Die Ärztemission war im übrigen interessant und hat im Prinzip nichts mit Verrat zu tun, sondern mit damaligen Interpretationen der Neutralität; die Einstellung zum 3. Reich hing ja teilweise von der Kriegslage ab. Bekanntlich hat Meinrad Inglin das bedeutendste Schweizer Buch der dreissiger Jahre, den „Schweizerspiegel“, wie Huggenberger die meisten seiner Publikationen, im deutschnationalen Leipziger Stackmann-Verlag 1938 publiziert, wo früher auch manches von Heinrich Federer herauskam.

    Was Aarau betrifft, wären vor allem die Mobbing-Aktionen gegen den damals leistungsstärksten Aargauer Historiker Hektor Ammann, Jahre nach dem 2. Weltkrieg, eine Aufarbeitung wert, sie waren um einiges schlimmer als das Mobbing der NZZ gegen Rudolf Farner 1956. Zumal was die Sippenverurteilung betraf. Interessant ist ferner die Kristallnacht in Schaffhausen 1945, das Zerschlagen der Scheiben deutscher Geschäfte, die Walther Bringolf, der sich darüber beschämt zeigte, an SA-Aktionen erinnerte. Der Antibolschewismus bedeutete, wiewohl es sich bei Bircher anders verhalten haben mag, nie automatisch die Unfähigkeit, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen. Die eindrücklichsten Beispiele in der Schweiz sind Prof. Wilhelm Röpke, ab den dreissiger Jahren in Genf, und der Publizist William Sigmund Schlamm, dessen Buch „Diktatur der Lüge“ von 1937, in Zürich gedruckt, ähnlich wie der Nebelspalter, aber auf viel exakterem Informationsgrad, diese doppelte Abgrenzung vollzog. Schlamm hat 1937 nachgewiesen, wie stark Mussolini, Hitler und Stalin einander gegenseitig bewunderten, wenigstens „technisch“ und in der Praxis der Handhabung der Macht.

    Dass die Ärzte an der Ostfront immerhin an Operationen dabei waren und mit Risiko einiges erlebt und erfahren haben, bleibt insgesamt eindrucksvoller als die Reise einer Schweizer Parlamentarierdelegation in Maos China, wo sich Lilian Uchtenhagen und andere via Dolmetscherin erklären liessen, wie glücklich die chinesischen Frauen seien, sie sagten es gleich selber.

    Das mit der besseren historischen Einordnung der Zeit des 3. Reiches ist wünschbar. Mir selber ist aufgefallen, dass Meinrad Inglin ex post sein Verhältnis zum 3. Reich noch selber dargestellt hat, während das bei Huggenberger „von aussen“ aufgearbeitet wurde, was natürlich eine ganz andere Perspektive ergab. In den letzten 40 Jahren wurde Hitler endlich auch von Historikern und Publizisten des breiten Durchschnitts besiegt.

    Das Hitlersystem kam ab 1940vielen umso verbrecherischer vor, je mehr sich im 2. Weltkrieg eine Niederlage Deutschlands abzeichnete. Unter den literarischen Darstellungen jener Zeit finde ich das Stück „Der Gesandte“ von Hürlimann, über Frölicher, schon anfangs der neunziger Jahre verfasst und ohne Druck in Richtung politischer Korrektheit dargestellt, weit überdurchschnittlich. Das Meisterwerk der Darstellung des Überlebens der Schweiz im 2. Weltkrieg einschliesslich Flüchtlingspolitik finde ich „Das Schneckenhaus“ von Rudolf Jakob Humm, auch aufgenommen in die von Federico Hintermann besorgte Sammlung bester Schweizer Erzähler im Manesse-Verlag.

  2. stadtwanderer on Juli 1, 2014 14:35

    bircher bekommt man mit wenigen zeilen nicht in den griff; mit vielen aber auch nicht sicher. heller und ich waren und schon damals nicht einig.
    mich interessierte aber frölicher vielmehr.
    direkt auf meinen recherchen, aber mit eigener wertung, hat urs widmer sein theater „sprung in der schüssel“ verfasst. es wurde in zürich uraufgeführt; für den damals frisch gebackenen historiker, der ich war, eine ziemlich stolze angelegenheit.
    http://www.exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/urs-widmer/der-sprung-in-der-schuessel-froehlicher-ein-fest/id/9783886611287
    neuerdings hat sich ja auch der diplomat paul widmer mit der figur fröhlichers beschäftigt. seine buchpräsentation an der hsg habe ich kurz gewürdigt.
    http://www.stadtwanderer.net/?p=15855
    neu in der debatte war vor allem die stellungnahme von prof. geiser, dem enkel fröhlichers, der ihn „von links“ her verteidigte, mit dem argument, seine diplomatie habe der schweiz mehr genützt als alles anderes, was nach ende des krieges insbesondere der armee und dem geheimdienst nicht gepasst hätte, weshalb sie aktiv an der demontage fröhlicher und der diplomatie gearbeitet hätten.

  3. Meier Pirmin on Juli 2, 2014 09:46

    Ich glaube, wir sind uns einig, geschätzter Stadtwanderer, dass Frölicher für die Schweizer Geschichte wichtiger ist als Bircher, den man zumal nicht überschätzen sollte. Dabei ist auch das wortreiche Buch von Heller gewiss nicht das letzte Wort. Sie haben recht, dass sowohl viel als auch wenig Text die Treffsicherheit nicht garantieren. Widmer und Hürlimann haben zum Thema auf literarischem Niveau Beachtenswertes geleistet, und für den Hinweis auf den Frölicher-Enkel bin ich dankbar.

    Ich bedaure, für neuere Medizingeschichte wegen anderer Projekte nicht so viel Zeit zu haben wie es nötig wäre. Sehr viel interessanter und ergiebiger wären nämlich Forschungen über Reichsgesundheitsführer Dr. Leonardo Conti, gebürtig aus Lugano, und dessen Mutter, Reichshebamme Nanna Conti, die Exfrau des Posthalters von Lugano. Die beiden Conti illustrieren auf nicht gerade gemütliche Weise das „Progressive“ des nationalsozialistischen Gesundheitswesens, beide waren sehr antikatholisch, wegen der Haltung der Kirche in der Frage von Euthanasie und Abtreibung. Nanna Conti „litt“ sehr unter der Unbelehrbarkeit bayrischer Hebammen, hielt auch als Reichshebamme im Ausland Propagandavorträge betr. Zunahme der Geburtenzahl nach der Machtergreifung Hitlers. Sie befürwortete aber eugenetische Abtreibungen usw. Leonardo Conti erhängte sich in Nürnberg, war auch schon ab ca. 1942 bei der SS entmachtet, so dass er trotz seiner beachtlichen historischen Bedeutung eine Randfigur blieb. Natürlich kann man die Contis in keiner Weise mit Bircher vergleichen, bloss dass sie für historischen Zeitaufwand ergiebiger wären…

  4. Stadtwanderer on Juli 2, 2014 20:23

    Ganz interessant, was sie da schreiben. Viel Spass bei der weiteren Aufarbeitung,

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind