vom tiefpunkt des röstigrabens

ich weiss, es ist ein heikles thema. gerade heute, wo der kanton thurgau das frühfranzösisch strich. aber sie muss erzählt werden, die geschichte, wie der röstigraben entstand!

fortifikation
grafik bernerzeitung; anclicken, um sie zu vergrössern

die gestrige “bernerzeitung” berichtete im rahmen der reihe zur “festung schweiz” über die westliche verteidigungslinie der schweiz im ersten weltkrieg. eigentlich sollte sie das land einigen. der titel über dem artikel machte aber schnell klar, dass dem nicht so war: “Als die Schweiz ihre Sprachgrenze bebfestigte”, lautete er. und es ging um spaltung der schweiz in Landesteile.

jon mettler erzählte darin die geschichte der fortifikation murten. gemeint ist damit ein eine kilometer lange verteidigungslinie, von der saane zum murtensee, über den mont vuilly an den neuenburgersee und dem zihlkanal entlang an den bielersee. begonnen wurde mit dem bau damit 1914, auf geheiss der schweizer armee. beendet wurde das bauwerk 1917.

zielsetzung des verteidigungsbaus war es, einen angriff der franzosen auf die bundesstadt bern aufzuhalten. brisanz erhielt er wegen seinem der verlauf – genau entlang der sprachgrenze. zwar würden historiker bestreiten, die kulturelle grenze hätte bei der planung den ausschlag gegeben; vielmehr sei die topografie massgeblich gewesen.

die spannungen, durch die umsetzung des plans erzeugt wurden, wirken bis heute nach. denn aus diesem kontext sei der begriff des “röschtigrabens” entstanden, dem gefühl der romands, von dem alemaniques vernachlässigt zu werden, schreibt die bernerzeitung. und genau dieses gefühl prägt in zyklischen schüben das zusammenleben in der schweiz. nach abstimmungen, bei grossinvesititionen. beim umgang mit relevanten Symbolen.

nun ist bekannt, dass der erste weltkrieg einen tiefen graben in den beziehungen zwischen den landesteilen riss. soziale divergenzen zwischen reich und arm spalteten die gesellschaft. sprache wurde zum konstituierenden merkmal der kulturellen identitäten. und der freisinn, die staatsgründer-bewegung von 1848, verlor die alleinherrschaft über das land.

um die sozialen spannungen zu beseitigen, setzte der bundesrat militär ein. der kulturelle graben verdichtete sich, weil in der folge immer mehr organisationen entstanden, die nicht kantonal, sondern sprachregional konstituiert wurden. und der politische stil änderte sich hin zur parteiübergreifenden Konkordanz. letzteres bröckelt, und die polarisierungen gerade zwischen den landesteilen werden wieder heikler.

bis heute ist das ende der ersten weltkrieges das sinnbild der schweizer spaltung geblieben. zwar konnte sie dank weisen leute und Staatskunst verhindert werden, aber die hinweise darauf flackern immer wieder auf. was mir gestern abend beim fischessen im la sauge, genau auf der sprachgrenze, bei der lektüre des artikels in der bernerzeitung erstmals richtig aufgegangen ist, will ich nicht verheimlichen: der verteidigungsplan der schweiz im ersten weltkrieg, für den die fortifikation murten bis heute steht, nützte zwar Bern, der bundesstadt und damit der schweiz. er richtete sich aber gegen die sprachminderheit im westen, die bei einem angriff frankreichs oder england wohl kampflos abgegeben worden wäre. denn murten war der befestigte hauptort.

das war, wie man weiss, 438 jahre früher, schon in den burgunderkriegen so. und auch im stäcklikrieg 1802 spielte murten einen entscheidende rolle. 1914/18 kam es gottseidank nicht dazu. den anders als früher, griffen im ersten Weltkrieg weder die burgunder noch die franzosen die schweiz an. dass man in diesem krieg die deutsch-, nicht aber die französischsprachige schweiz verteidigt hätte, entbehrt nicht der Ironie der geschichte. denn der moderne Bundesstaat von 1848, den man 1914 verteidigen wollte, wäre nie so geworden, wie er war, ohne dass es die helvetische republik von frankreichs gnaden gegeben hätte.

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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