Vor dem Gerechtigkeitsbrunnen

gerechtigkeit

Politische Philosophien der Neuzeit
1513 veröffentlichte Niccolo Machiavelli sein Buch «Il principe». Ganz in der römisch-italienischen Tradition stehend, unterschied es zwischen Monarchien und Republiken.
Die Idee der Republik lebte im europäischen Mittelalter nur in Venedig weiter. Alles andere ging in königlichen oder kaiserlichen Monarchien auf. Nun steckte das Kaisertum in der Krise, den mit der Reformation waren die Städter aus der Vormachtstellung der Adeligen herausgetreten.
Das Entstehen verschiedener Staatsformen symbolisierten die Berner Reformierten mit ihren neu gemachten Stadtbrunnen. Die Katholiken hätten die Muttergottes mit dem Kind als Botschaft bevorzugt. Die Reformierten prägten nun Prinzipien. So zeigt der der Berner Gerechtigkeitsbrunnen von 1541 die Herrschaftsformen der damaligen Zeit: die Theokratie des Papstes, die Monarchie des Kaisers und die Despotie des Sultans. Unklar ist es, was die vierte Brunnenfigur darstellte. Die Historiker schwanken zwischen dem deutschen Königtum, zu dem man noch gehörte, und der Stadtrepublik im Sinne Macchiavellis, die man eigentlich geworden war.

De Republica Helvetiorum
Von der Republik sprach man hierzulande erstmals ausdrücklich 1576. Verfasser des Buches «De Republica Helvetiorum» war Josias Simler.
Erschienen ist sein Buch erst nach seinem Tod. Doch hielt es sich bis ins 18. Jahrhundert als Standardwerk über die Eidgenossenschaft nach der Reformation.
Von Haus aus Theologe, geprägten Simler die Ideen von Zwingli und Bullinger. Seine Landeskunde war von den Niederlanden inspiriert. Diese lag wie die Eidgenossenschaft an der Peripherie des Kaiserreiches, war von städtischer und ausgesprochen reich. Und man hatte sich zu grossen Teilen der Reformation angeschlossen.
Simler skizziert in seinem Buch über die neuzeitlichen Helvetier eine Typologie der helvetischen Kleinstaaten. Demokratisch waren aus Sicht des Theologen die sechs Landsgemeindeorte Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus und Appenzell. Da herrschten freie Bauern. Aristokratisch waren zwei Gruppen: die mit Patriziaten und die mit Zünften. Zur ersten zählten Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern, zur zweiten Zürich, Schaffhausen und Basel. Die Patrizier lebten von ausgedehnten Ländereien und der Kriegskunst. Das unterschied sie von den Zunftregimes, wo Händler und Gewerbler entscheidend waren. Gemeinsam war beiden Formen der Aristokratie die Zentralisierung der Herrschaftsrechte in Stadt zentralisiert; wer auf dem Land lebte, war untertänig.
Monarchien wie bei Machiavelli gab es bei Simler nur noch bei den zugewandten Orten. Der Abt von St. Gallen mit seinen Klosterbesitzungen war eine, der Fürstbischof von Basel, seit der Reformation in Pruntrut ansässig, ebenso. Doch im Kern der 13 eidgenössischen Orte war diese Form für überwunden. Die neuen Helvetier waren republikanisch!
Simlers Werk wurde ins Deutsche, Holländische und Französische übersetzt. Republik verstand Simler noch nicht als Gegensatz zur Monarchie. Vielmehr war es eine Form der Monarchie, die auf eigenen Gesetzen basierte.

Die Tagsatzung als Klammer

Zusammengehalten wurde die vielfältige Republik der Helvetier durch die Tagsatzung. Ihren Höhepunkt hatte sie zwischen den 1470 und den 1520er Jahren. Habsburg suchte für den Friedenssschluss einen Vertragspartner, und mit den Siegen gegen die Burgunder wuchs auch das gemeinsame Bewusstsein.
Getagt hatte die Tagsatzung damals häufig. Bis zu 20 Mal im Jahr kam man zu kurzen treffen zusammen. Geregelt war wenig, was pragmatische Entscheidungen beförderte. War man sich nicht einig, trug man das Ergebnis nach Hause und beriet sich nochmals – mit dem Fachbegriff nannte man das „at referendum“.
Vergleichen mit den Nachbarn, war die Tagsatzung das Pendant zum Reichstag im Kaiserreich und den Generalständen in Frankreich. Es entstracht dem Riksdag in Schweden und der Cortez in Spanien. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Nie war es eine Vertretung der Stände gegenüber einem Monarchen. Immer war es ein Gremium der Selbstverwaltung.
Nach der Reformation kamen Alt- und Neugläubige höchstens noch zur gemeinsamen Beschlussfassung zusammen. Zürich, der Vorort, erstellte die Traktandenliste, was den Reformierten half. Bei der Beschlussfassung hatten aber die katholischen Orte mehr Stimmen und behielten so die Oberhand.
Trotzdem: Die Tagsatzung blieb das wichtigste einigende Elemente der Republik. Sie war die Klammer über den Räumen, die sich kulturell und gesellschaftlich immer deutlicher auseinander entwickelten.

Stadtwanderer


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