Teil 5 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Keine Generation wurde durch lange Haare, politische Bücher und Mundart Rock so stark geprägt als die 68er.


Foto Gaskessel

In den Protokollen der Stadtpolizei findet sich am 22. Juni 1968 eine Notiz zu einer „alpinistischen Meisterleistung“. Der Held war ein Jugendlicher, der die Flagge des Vietkongs auf der Spitze des Berner Münsters gehisst hatte. Gestartet wurde damit ein Aktionstag zugunsten der Befreiungsbewegung in Vietnam. Fast alles blieb ruhig.
Typisch für Bern!

Die 68er Jugend war eine weltumspannende Bewegung der Neuen Linken. Sie war politisch unruhig, in ihren Aktionen bisweilen auch gewalttätig, letztlich aber gesellschaftlich libertär. Gemeinsamer Nenner war die fundamentale Kritik von Machtstrukturen.
Angefangen hatte es mit Bürgerrechtsbewegung in den USA. Das politisierte die StudentInnen im Westen. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei gab nochmals Schub. Nachdem man «Ho, Ho, Hi Chi Minh» skandiert hatte, folgte nun «Dubcek, Swoboda, Dubcek, Swoboda»!

In der Schweiz brachen die Unruhen für die Oeffentlichkeit mit dem Globus-Krawall in Zürich aus. Das war der Urknall der neuen Jugendbewegung!
Das Experiment mit dem Autonomen Jugendzentrum hatte eine lange Vorgeschichte, aber nur eine kurze Geschichte. Sie dauerte letztlich nur wenige Wochen. Ende Oktober 1970 wurde das AJZ in einem Luftschutz-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. In der Silvesternacht erklärte es die Bunkerjugend zur «Autonomen Republik Bunker» und trat aus der Schweiz aus. Die Polizei griff ein, räumte den Bunker für alle Jugendlichen. Heute befindet sich da das Polizeimuseum der Stadt Zürich.
Politisch bleibender war die Gründung der Progressiven Organisationen der Schweiz, kurz POCH. Sie wirkte als Partei der Neuen Linken. Aus ihr entstand 1977 die OFRA, die feministische Organisation für die Sache der Frau. Erst in den 1990er Jahren löste sich die POCH auf, die meisten ihrer PolitikerInnen gingen zu den Grünen, einige zur SP.

In Bern verliefen die Jugendunruhen einiges ruhiger. Das hatte auch damit zu tun, dass die Stadtbehörden bald schon auf die Hauptforderung der Jugendlichen nach einem eigenen Jugendzentrum eintraten. 1971 wurde der #Gaskessel nahe der Aare als Jugendzentrum eröffnet, – anders als in Zürich wurde er zum dauerhaften Treffpunkt.
Anders war auch der Hintergrund der Berner Jugendbewegung. Wichtig waren hier Nonkonformisten. KünstlerInnen, LehrerInnen und Medienschaffende trafen sie sich seit langem in der «Chramere 37», dem Keller der Kramgasse 37, heute das Haus der Hanftheke. Da debattierte man, inspiriert von Volkskundler Sergius Golowin, späterer LdU-Grossrat, alles Mögliche, was die Gesellschaft verändern könnte.
Bisweilen waren auch prominente Redner zu Gast. Theodor W. Adorno, Professor für Soziologie in Frankfurt, war einer davon. Seine epochale Studie zum „Autoritären Charakter“ passte den Nonkonformisten ausgezeichnet. Denn nichts hassten sie da so wie den «sturen Grind der Vätergeneration».

Selber kam ich 1980 nach Bern. Die Chramere lernte ich nicht mehr kennen, dafür traf ich Sergius Golowin. Seine ausgedehnten Wanderungen unter Berns Lauben waren ein frühes Vorbild für den heutigen Stadtwanderer.
Als Hilfs-Assistent am Institut für Soziologie der Universität Bern hatte ich einen Bericht über die «Politische Mündigkeit Jugendlicher» zu schreiben. Dafür brauchte ich aktuellste Literatur, die ich mir in der «Buchhandlung für Soziologie» an der Münstergasse besorgte.
Da wehte noch der Geist der 68er. Ganz im Sinne der Linken, wonach Wissen Macht sei, hatte #UlrichRiklin eine spezialisierte Buchhandlung gegründet, die das politischen und kulturelle Wissen unter die Bevölkerung bringen sollte.
1978 trennte sich die Frauenbuchhandlung ab, betrieben von #IreneCandinas, der Partnerin von Ueli Riklin. Mit ihr bekam die feministische Literatur ihr Zentrum in Bern.
In den 1990er Jahre streifte man den Hintergrund ab, wurde jetzt zur Münstergass-Buchhandlung.

2012 erlebte ich da an einer Vernissage eine wache Erinnerung an die Berner 68er. Präsentiert wurde damals das Buch „Pluralistische Staatstheorie. Oder der Konsens zur Uneinigkeit“. Das war das Fragment der Habilitationsschrift von Hans Peter Matter, viel besser bekannt als Chansonnier Mani Matter. Er kam 1972 bei einem Autounfall tragisch ums Leben, ohne seine Qualifikationsschrift an der Uni vollenden zu können.
Doch pflanzte er mit dem Pluralismus eine Generation von Studierenden Ideen ein, die für Kontroversen sorgten.
Das war konträr zur dominierenden Konsenskultur der damaligen Schweiz! Aber es passte zum Wertewandel einer ganzen Generation, die nach mehr individuellen Entwicklungsmöglichkeiten dürstete.

Die 68er lehnten die Konkordanzdemokratie rundweg ab. Die Konkurrenzdemokratie der Pluralisten befürworteten sie nicht einhellig. Denn der radikale Teil war ausserinstitutionell ausgerichtet und favorisiert die Basisdemokratie. Der gemäßigtere Teil dagegen hing durchaus einem Politsystem mit Regierung und Opposition an und begann den langen Marsch durch die Institutionen.
Fast wäre der politische Systemwechsel gelungen. Nachdem Lilian Uchtenhagen 1983 bei der Wahl als erste Frau in den Bundesrat übergangen worden war, erwog die SP den Gang in die Opposition. «Zauberformel – fauler Zauber» lautete der Titel des Aktionsbuches von damals. Schliesslich blieb die SP eine Regierungspartei, und heute ist sie überwiegend reformistisch und auf der Linie der politischen Konkordanz.

Zu den radikaleren 68ern von damals zählten in Bern namentlich die «Härdlütli». 1971 kandidierten sie für das städtische Parlament. Auf ihrem Wahlplakat waren sie nur leicht bedeckt, letztlich nackt. Gewählt wurde nur Margrit Probst, die einzige Frau im Quartett.
Andere wie Polo Hofer scheiterten, feierten aber als Förderer des Schweizer Mundart Rocks große Erfolge. Keiner verbreitete das Lebensgefühl seiner Generation wie er. Sein Nachruf nach dem Tod 2017 nennt den 68er das «legendäre Nationalheiligtum».


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