Wer ist der bekannteste Sohn Murtens? Albert Bitzius, besser bekannt als Jeremias Gotthelf, wurde am 4. Oktober 1797 im reformierten Pfarrhaus in Murten geboren. Bei seinem Tod am 22. Oktober 1854 in Lützelflüh im Emmental kannten ihn alle als den bernischen Schriftsteller par excellence. Der Wegzug seiner Familie aus Murten ist symptomatisch für das Ende der Gnädigen Herren aus Bern in Murten.

Auf das Ancien Régime der 13 privilegierten Orte, welche bis 1798 die Eidgenossenschaft bildeten, folgte die Herrschaft der Franzosen. 1815 beendete der Wiener Kongress diese Epoche, und die darauffolgende Restauration stellte die alten Verhältnisse wieder weitgehend her. Erst die Regeneration von 1830 durch liberale Kräfte und die Gründung des Bundesstaates 1848 wiesen in die moderne Zukunft.
Die Gesellschaft verabschiedete sich in den 100 Jahren von 1750 bis 1850 von den vorherrschenden wirtschaftlich-religiösen Gemeinschaften. Dank der Aufklärung begann man, Religionskritik zu üben. Man lobte das Individuum. Der befreite (männliche)Bürger, wirtschaftlich erfolgreich und politisch mündig, wurde zum Leitbild.
Galt vormals, dass es für alle gut ist, wenn es dem Kollektiv gut geht, kam die Losung auf, dass es für alle gut ist, wenn es dem Einzelnen gut geht.


Quelle Historisches Lexikon der Schweiz

Wer unter den Gnädigen Herren in Freiburg und Bern in Murten etwas besondere sein wollte, war Burger gewesen. Das waren Einheimische, die vom Burgernutzen profitieren konnten. Sie konnten im Wald Holz beziehen, auf die Jagd gehen und im See fischen. Wenn sie heirateten oder ein Haus bauten, gab es einen Zustupf. Verarmten sie, gab es eine gemeinschaftliche Unterstützung. Schlechter gestellt waren die Frauen, die Knechte, Gesellen und, wo es sie noch gab, die Leibeigenen.
Nach dem Vorbild Berns und Freiburgs bildeten die Burger Murtens ab dem 17. Jahrhundert eine zunehmend geschlossene Gesellschaft. Sie kapselten sich ab, um den Burgernutzen nicht zu strapazieren. Wer zuwanderte, blieb Hintersasse. Das musste nicht mit Armut einhergehen, denn es gab durchaus Zuzüger, die durch ihre Tätigkeit reich geworden waren. Aber man war Einwohner zweiter Klasse. Vor allem hatte man keine politischen Rechte.
Auch unter den Burgern kam es zu einer Differenzierung: Denn zu Ämtern zugelassen wurden nur noch Burger mit besonderem, meist langem Stammbaum, Boden- und Hausbesitz.
Wer als Selbständiger ins Erwerbsleben trat, musste auch in Murten einer der handwerklich ausgerichteten Zünfte angehören. Auch hier wurde die Aufnahme erschwert, damit keine Berufsleute zugelassen wurden, welche die hiesigen konkurrenzieren konnten.
Über der Gemeinschaft der Privilegierten stand in Murten die reformierte Kirche. Sie kontrollierte minutiös das Sozialleben, die Fürsorge und die Schulen. Der oberste Kirchenvater war der Pfarrer.
Ende des 18. Jahrhunderts war dies Sigmund Bitzius. Er und seine dritte Ehefrau Elisabeth Bitzius-Kohler waren Alberts Eltern.

Wenige Wochen nach Alberts Geburt wurden die Murtner Behörden vor grosse Veränderungen gestellt. Französische Truppen, vom Geiste ihrer Revolution beseelt, griffen an. Sie wollten eine neue Republik nach dem revolutionären Vorbild schaffen: Die Prinzipien «liberté, fraternité et égalité» sollten nun auch in der Eidgenossenschaft gelten.
Am 12. April 1798 wurde die Helvetische Republik ausgerufen. Das war seit der Reformation das wichtigste Modernisierungsprojekt. Ein Staat nach französischem Vorbild sollte entstehen: zentralistisch, von oben nach unten geführt, aber mit Gewaltenteilung, wie es die Aufklärer gefordert hatten.
Erstmals gab es ein Parlament, eine Regierung und ein oberstes Gericht, die voneinander unabhängig tagten. Die alte Republik wusste nicht einmal, wie man Gewaltenteilung buchstabierte.
Auch in Murten war der Schultheiss, seit dem 13. Jahrhundert ein feste Institution, alles in einem gewesen.

Die Herrschaft der Franzosen spaltete die Gesellschaft. Die alten Familien mit traditionellen Vorrechten waren selbstredend gegen Frankreich. Unterstützt wurde die Revolution von allen, die zuvor diskriminiert waren. Das waren vor allem die Nicht-Burger. Nun profitierten sie, dass alle citoyens, nun Bürger geheissen, die gleichen Rechte bekamen, wenn auch nur unter den Haushaltsvorständen, sprich den Männern.
Aufgehoben waren nun die Unterschiede der Stände. Ausgerufen wurden Handels- und Gewerbefreiheiten. Abgeschafft waren nun die Zünfte. Einzig eine behördliche Bewilligung brauchte es noch, wenn man ein Geschäft eröffnen wurden.
Bald schon reihten sich unter den Lauben Murtens zahlreiche Wirtshäuser aneinander. Mit der Bürgergesellschaft kam auch der allgemeine Konsum auf.

Wer das 20. Altersjahr abgeschlossen hatte, bekam das Wahlrecht. Wer fünf Jahre am Ort gelebt hatte, konnte gewählt werden. Ausgeschlossen waren neben den Frauen nur die Pfarrherren, die eigentlichen Reaktionäre.
Für die Familie Bitzius, die vormals in Murten das Sagen hatte, war das eine riesige Schmach!
Auf der städtischen Ebene gab eine Munizipalität, von der Generalversammlung der Aktivbürger bestimmt. Sie trafen sich in der reformierten Kirche an der Deutschgasse, direkt neben dem Pfarrhaus. Neue Bürger und alte Burger waren gleich gestellt. Die Nicht-Burger stellten auf Anhieb vier der fünf Regierungsmitglieder.

Doch stand die Helvetische Republik unter keinem guten Stern. 1802 entglitt Napoleon die dossierte Erneuerung nach einer Verfassungsänderung. Ein Bürgerkrieg zwischen Modernisten und Traditionalisten brach aus. Murten geriet zwischen die Fronten. Der Munizipalrat empfahl, wie es in Murten üblich war, neutral zu bleiben.
Zuerst besetzten die Truppen der Altgesinnten Murten. Doch mussten sie nach einer Woche abziehen. Es kamen die Truppen der Neugesinnten. Sie machten dem Muniziplarat Vorwürfe, verlangten eine Entschädigung, die Murten nicht leisten konnte. Die Besatzer nahmen Geiseln aus der Murtner Bevölkerung..
Die militärische Entscheidung fiel am 3. Oktober 1802, als die Altgesinnten obsiegten.
Bonaparte erliess 1803 die Mediationsakte. Sie begründete die heutigen Kantone. 19 gab es damals davon, die 13 alten Orte und die sechs neuen Kantone. Alle waren sie gleichberechtigt. Das sollte sich bewähren.
Die Doppelherrschaft über Murten war zu Ende. Das Städtchen kam definitiv zu Freiburg.

Familie Bitzius gefiel das nicht mehr. Sie verliess Murten Richtung Emmental. Dort wuchs auch Klein-Albert in traditionellen Verhältnissen auf und es wurde Gross-Jeremias aus ihm. Als konservativer Kritiker des bürgerlich-liberalen Gesellschaft machte er sich im bäuerlichen Hinterland einen Namen, den man heute noch kennt.
Murten jedoch schritt voran. Die reformierte Minderheit im katholischen Kanton sollte das Provinzstädtchen gehörig aufmischen.


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