Gescheit, gescheiter, gescheitert. Das sagt der Volksmund. Und meint damit Leute wie den eben verstorbenen Staatssekretär Franz Blankart. Zurecht oder zuunrecht? Ein Nachruf.

Der Philosoph
Eigentlich war Franz A. Blankart ein weiser Philosoph. Er kannte auf noch so viele Fragen noch so überraschende Antworten. Das machte ihn bewundernswert.
Zudem war Blankart belesen wie kaum ein anderer. Er debattierte stets mit Brillanz. Aber er war auch eitel, je länger desto mehr.
Das Studium der Philosophie schloss er 1964 in seiner Heimatstadt Basel ab. studiert hatte er davor auch in Paris, Exeter und Bern.
Zehn Jahre danach wurde er Dozent an der Uni Genf. Seine akademische Laufbahn beendete er 2002 als ausserordentlicher Professor am renommierten Institut universitaire de hautes études internationales. Europa wurde zu seinem Thema.

Der historische Urahne
1992 hatte ich das Glück, die herausragende Persönlichkeit an einer Bruchlinie der Zeitgeschichte während eines halben Jahres von nah und fern begleiten zu dürfen.
Ein wenig kam mir Blankart stets wie Ignaz P. V. Troxler vor, dem praktischen Philosophen aus Aarau. Der hatte 1815 am Wiener Kongress persönlich interveniert und 1848 massgeblich geholfen, den Bundesstaat mit Volk und Ständen aus der Taufe heben.
Beide, Troxler und Blankart, waren ihrer Zeit weit voraus.
Troxler hatte begriffen, dass sich Europa nach dem Untergang Napoleons veränderte. Man brauchte feste Grenzen und eine neue Staatsform zwischen Staatenbund und Nationalstaat.
Blankart wiederum sah, wie sich die nationalen Märkte im Sog der Globalisierung veränderten. Der Binnenmarkt mit durchlässigen Grenzen für Waren und Personen wurden das Gebot der Stunde.
Blankart, der überzeugten Europäer, warb für den Zwischenweg aus europäischer Isolation und EU-Beitritt.

Der geborene Staatsdiener
Franz Blankart war zeitlebens ein geborener Diener des Schweizer Staates. Das FDP-Mitglied war zuerst Privatsekretär den beiden SP-Bundesräte Willy Spühler und Pierre Graber. Dann avancierte er zum engen Mitarbeiter von Staatssekretär Paul Jolles, der 1972 das Freihandelsabkommen der Schweiz mit der EU vorbereitete. Schliesslich wurde 1986 selber Staatssekretär, eng an der Seite von Bundesrat Kurt Furgler (CVP).
Selbst im Kriegsfall hätte der Oberst der Schweizer Armee als Adjudant des Generals die Rolle des Denkers und Strategen im Hintergrund einnehmen sollen.

Die grosse Mission
Doch wenigstens einmal wollte der ewige Staatsdiener selber im Zentrum stehen!
Keiner hatte die EWR-Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft (heute EU) so geprägt wie Franz Blankart.
Lengendär ist sein Diktum, die Schweiz müsse beitrittsfähig werden, um nicht beitreten zu müssen.
Wäre es nach dem Chefunterhändler gegangen, hätte die Schweiz die einmalige EWR-Chance nutzen müssen, die Jaques Delors offeriert hatte. Neu begründet hätte sie eine veränderte, aber dauerhafte Position im europäischen Konzert finden sollen.
Man weiss es, daraus wurde nichts. Zwar war das Volks-Nein knapp, das Ständemehr aber umso deutlicher. Troxler aus der Staatsgründungszeit liess grüssen.

Der Abstimmungskampf eskalierte

So unendlich viel Blankart auch wusste und konnte, eines verstand er nie: die Schweizer Demokratie mit ihren Volksrechten.
Trat der Chefunterhändler im Abstimmungskampf auf, sprach er selbst vor der SVP des Kantons Zürich hochdeutsch – genauso wie in gelehrten Seminaren. Nur war das vor einem Publikum, das ihn nicht bewunderte, sondern offen rebellierte.
Solche Auftritte trugen dem Karrierediplomaten den bleibenden Ruf ein, elitär zu sein. Der gelernte Kavallerist wirkte wie ein Heerführer aus vergangenen Tagen, ohne Macht über seine Truppe.

Die wechselseitigen Vorwürfe
Der gekränkte Blankart überwand die grösste Niederlage seines Lebens nie. Er hatte dauerhaft mit dem Vorwurf zu kämpfen, die Niederlage befördert zu haben. Im Gegenzug beschuldigte er seine ehemaligen Vorgesetzten, mit dem angekündigten EWG-Beitritt das Geschirr zerschlagen zu haben.
So erfolgreich alles bisherigen Paarungen mit Franz Blankart gewesen waren, er und FDP-Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz harmonierten nicht. Christoph Blocher, seinen Widersacher im Abstimmungskampf verschonte er übrigens auffällig.
Blankarts Karriere als Spitzendiplomat endete, als der Bundesrat Jakob Kellenberger zum neuen Chefunterhändler mit der EU berief.

Der vorzeitige Abgang
62-jährig verliess Blankart den Staatsdienst vorzeitig, um sich anderen Leidenschaften wie der Vermögensverwaltung in der familieneigenen Firma zu widmen. Und er pflegte das Mäzenatentum der Kunst. Seine Bewunderung für das grazile Ballett im hohen Alter wurde sprichwörtlich.
Man wünscht ihm die Harmonie des Himmels.

Zuerst erschienen in Aargauerzeitung, 18.1.2021, hier die leicht überarbeitete Fassung


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