Das Herzstück des sonderbaren Freiburger Mediensystems

Das Mediensystem des Kanton Freiburg entstand aus der Opposition zum Bundesstaat. Ironie der Geschichte: Die Freiburger in Stadt und Kanton stimmten anfangs Jahr anders als die Schweiz klar für das Medienpaket des Bundes. Warum?

Der Boulevard de Pérolles

Wenn die Medienwissenschaft von einem “Mediensystem” spricht, meint sie die publizistischen Aussagen, ihre organisatorischen Voraussetzung und den politischen, ökonomischen und sozialen Rahmens, in dem das alles staatfindet. Meistens geht man davon aus, dass das nationalstaatlich bestimmt wird.
Mit dieser Definition ausgerüstet, war ich gestern in Freiburg i. Ue., meiner Geburtsstadt. Auch nach dem Wegzug meiner Eltern war ich als kleiner Junge immer wieder für Ferien dort. An Sonntagen ging ich mit meiner Cousine meist in die Kirche der Paroisse du Christ-Roi, dem kirchlichen Zentrum des bahnhofnahen Pérolles-Quartiers.
Was mir als damals nie auffiel, fiel mir gestern wie Schuppen von den Augen: Kirche und Medien bilden eine Einheit. Denn tritt man aus der Kirche, steht man umittelbar vor der «Gruppe Saint Paul», dem eigentlichen Zentrum der Freiburger Medienproduktion.
Bekanntestes Produkt des Verlags ist die Tageszeitung “La Liberté”. Hinzu kommen die “Freiburger Nachrichten” und zahlreiche Lokalzeitungen. Die Liberté kennt einen WEMF-beglaubigte Verkauf von rund 35000 Stück und eine Verbreitung von etwas weniger als 40000 Exemplaren. Das sichert ihr eine Reichweit von fast 100000 LeserInnen und die Nummer 1 im Kanton.

Das alte katholische Milieu

Ausserkantonale könnten meinen, eine Zeitung mit der «Freiheit» im Namen sei liberal. Nicht so im Kanton Freiburg!
Die Liberté entstand 1871 mitten im Kulturkampf zwischen Konservativen und Freisinnigen. Sie war ganz bewusst ein Frontblatt der Katholisch-Konservativen – gegen den freisinnigen Bundesstaat gerichtet. Liberté meinte die Freiheit, die katholische Heilslehre massenmedial verkünden zu dürfen.
Gegründet wurde die Liberté am 1. Oktober 1871, dem gleichen Tag wie das “Vaterland” in Luzern entstand. Sie waren die ersten katholischen Tageszeitung. Sie sollten die Politik der katholischen Kurie verteidigen.
Georges Andrey, früher Mediengeschichtler an der Uni Fribourg, nennt die Liberté im Standardwert zur Medienlandschaft der französischsprachigen Schweiz im 19. Jahrhundert eine veritable Kriegsmaschine (“machine de guerre”), gegründet von einem Chorherren, später geführt vom Pauluswerk und beeinflusst vom Piusverein.
Für den Historiker hat die Zeit von 1848 bis 1921 trotz drei unterschiedlichen Regimes im Kanton Freiburg eine Gemeinsamkeit: Man bevorzugte eine gelenkte Demokratie (“democracie gouvernée”), die den Eliten mehr vertraute als dem Volk. Für dieses habe man die Meinungspresse erfunden, nicht zur Volksbildung, aber zu propagandistischen Beeinflussung.
Geprägt wurde die Entstehungszeit durch den Versuch der Freisinnigen, den Bundesstaat von 1848 zu zentralisieren. 1872 scheiterte eine erste Verfassungsrevision an der doppelten Opposition der welschen Föderalisten und der katholisch-konservativen Kantone. 1874 nahm man einen zweiten Anlauf, der bewusst den föderalistischen Einwänden aus welsch-liberaler Warte entgegenkam, gegenüber der katholisch-konservativen Gegnerschaft aber hart blieb. Er fand die nötige Mehrheit. Selbstredend stimmte der Kanton Freiburg zweimal Nein, mit je knapp 80 Prozent.

Das bestehen gebliebene Pauluswerk

Die Formel des Pauluswerkes war lange einfach und klar: Die Priester führten die Redaktion. Die Schwestern machte die Druckerarbeit. Beides geschah kostengünstig. Es war eine Aifgabe Gottes.
Entstanden war das Pauluswerk in Italien vor dem Ersten Weltkrieg. Es hat sich in über 50 Länder ausgebreitet. Stets verfolgt es die Absicht, den päpstlichen Standpunkt der Politik durch Massenmedien zu verbreiten. Ihre kirchliche Approbation erhielt die Organisation kurz nach dem Zweiten Krieg durch Papst Pius XII.
Doch hatte sich die katholische Welt seither nicht zuletzt mit dem zweiten Vatikanischen Konzil stark geändert. Die Gesellschaft wurde offener, pluralistischer. Im Kanton Freiburg verlor die CVP 1966 die Mehrheit im Kantonsparlament und damit die politische Vorherrschaft über den Kanton. Etabliert haben sich seither ein bürgerliches und ein rotgrünes Lager mit einer Regierung nach Konkordanzmuster.
Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Mediensystem. Seit 1970 führen professionelle Journalisten die Chefredaktion auch die Liberté. Mit ihnen kam auch liberale und kirchenkritische Standpunkte ins Blatt. Das machte es möglich, dass auch nicht eingefleischte Katholiken alter Manier die Liberte lasen.
Neuerdings fehlt es dem Pauluswerk an Nachwuchs und damit an Schlagkraft. Das Buchprogramm müsste veräussert werden. 2014 musste man auch das Akionariat öffnen. Seither gehören je 15 % der Freiburger Kantonalbank und dem Energiekonzern Groupe E., der sich grösstenteils in staatlichem Besitz befindet. Die Organsiation ist halbstaatlich geworden, ebenso finanziert.

Die neue Berechtigung

Selbst wenn man aus liberaler Sicht über das Freiburger Medienmodell stutzen kann: Alle kontaktierten Medienkenner des Kantons betonen, verlagsmässig sei man ein Sonderfall, doch funktionierten die Produkte wie andere auf dem heutigen Medienmarkt. Trotz offensichtlichem kirchlichem Hintergrund sei die journalistische Unabhängigkeit im normalen Masse gewährleistet.
Gesagt wird immer wieder, man identifiziere sich mit dem Verlagshaus, weil es dem nur mittelgrossen, zweisprachigen Kanton zwei verschiedensprachige Tageszeitungen sichere. Angesichts der brüchigen Identitätsbildung entlang der Sprachgrenze sei dies für die Identitätsbildung im Kanton ein geradezu essentieller Vorteil.
Die Rolle bleibt ambivalent: Medienwissenschaftler Roger Blum klassierte Mediensystemzwischen den Polen eines Lautsprechers und eines Widersprecher. Lautsprecher war die Liberté einmal. Wdersprecher wird sie nie werden. Sie ist etwas dazwischen. Sie kennt ihre ursprüngliche Klientel, weiss um die heutige politische Landschaft im Kanton und sucht ihre Leserschaft. Der Verlag setzt bewusst auf Zweisprachigkeit und hatte alte Grabenkämpfe überwunden. Arrangiert haben sich die Kirche und der Staat.
Die obige Definition der Medienwissenschaft muss mit dieser Erfahrung präzisiert werden. Die Rahmenbedingungen der massenmedialen Produktion sind nicht nur politischer, ökonomischer und sozialer Art. Sie sind es auch kulturell-konfessioneller Hinsicht. Das gilt ganz besonders in der Schweiz, die nicht nationalstaatlich, sondern föderalistisch geprägt bleibt. Denn das Mediensystem Freiburgs wird eindeutig kantonal bestimmt.
Auch wenn es nach Ironie der Geschichte aussieht, dass ausgerechnet Freiburg 2022 klar für das Medienpaket des Bundes stimmte. Es hat seine Gründe.

PS
Mitte Juni 2022 mache ich für Medienschaffende eine Stadtwanderung zu Medien im Kanton Freiburg. Dazu veröffentliche ich hier ein paar impressionistische Schlaglichter.

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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