der titel des buches ist mehrdeutig. „der rote boss“ spielt sowohl auf benedikt weibel, ist. geschrieben haben das buch christian dorer und patrick müller, beides redaktoren beim „sonntagsblick“. entstanden ist so eine mischung auf spannungsreicher verkehrsgeschichte der gegenwart und lesenswertem portrait eines erfolgreichen wirtschaftsführers der heutigen schweiz.


die erste biografie benedikt weibels, gerade rechtzeitig zu seinem rücktritt als ceo der sbb (foto: stadtwanderer, anclickbar)

wie ein buch entsteht …

der ort der buchpräsentation ist ausgesprochen symbolisch: obwohl von der buchhandlung „stauffacher“ veranstaltet, findet sie im „hotel bern“ statt, – dem ehemaligen berner volkshaus, das heute für eine modernisierte sozialdemokratie steht: und das passt zum portraitierten erfolgreichen aus den sp-reihen. benediktus ist dabei eher trügerisch, denn beppo, wie die genossen ihn nennen, ist nicht nur ein gutredner; er ist vor allem ein gutmacher und müsste demnach eigentlich bonifatius weibel heissen!

wenig real erscheint dagegen die geschichte der beiden jung-autoren, wie sie zum buchschreiben gekommen seien. man habe sich zu zweit auf der bellevue-terrasse getroffen, um die berufliche situation zu besprechen. dabei sei man übereingekommen, nebst dem kurzfutter für die sonntagspresse mal „was grösseres“ verfassen zu wollen. eine biografie zu schreiben, sei das losungswort gewesen, – und „benedikt weibel“ sei das bevorzugte thema gewesen. mit dem rücktritt habe als gratispromotion habe das gar nichts zu tun.

doch benedikt weibel wusste von seinem bevorstehenden rücktritt schon länger, wie er bei der buchpräsentation sagt. er habe mit seiner frau im herbst 2005 abgemacht gehabt, nicht wie vorgesehen bis 2008, sondern nur bis ende 2006 an der spitze der SBB zu bleiben. kommuniziert hat er es aber erst am 24. februar 2006. und mit diesem hintergrundwissen stieg er vor einem jahr in das buchprojekt ein, um, ganz der clevere marketinger, die sich bietende chance zu nutzen. immerhin ist so ein anregender rückblick auf 28 Jahre unternehmensgeschichte und auf weibels steile karriereleiter vom sekretär der generaldirektion bis zu dessen präsidenten und zum ersten ceo der ehemaligen staatsbahnen entstanden. glaubwürdig ist die schreibe, weil sie negatives wie positives zu weibels wirken enthält. lesenwert ist sie, weil sie kurzweilig und einfach verständlich geschrieben ist, nützliche statistiken zur eisenbahngeschichte und eine chronologie der ereignisse seit weibels wirken bei der SBB enthält. und illustriert ist das buch, weil es den sportler benedikt, den politisierende studenten beppo und den znternehmer weibel mit zeittypischen fotos vorstellt.


stationen einer erfolgsstory: fotos aus dem berufsleben von benedikt weibel (foto: stadtwanderer, anclickbar)

wie eine karriere entsteht …

was man weibel ihm im zeitalter der raschen firmenwechsel, des raschen geldes und des raschen verschwindens aus der verantwortung hoch anrechnen muss, ist seine standfeste persönlichkeit als führungskraft. er nutzte seine fähigkeiten als analytiker und motivator, als entscheider und kommunikator nicht nur, um das unternehmen zu modernisieren. er brachte sie, gerade auch in der medialen öffentlichkeit, stets gewinnbringend für „seine“ sbb ein, mit dem er sich in guten wie in schlechten zeiten uneingeschränkt identifizierte.

gerade das spürt man an der buchvernissage in bern: weibel kennt seinen betrieb. er weiss um die mentalitäten seiner angestellten. und er ist bestens informiert über die kundschaft, die man gemeinsam bedient. „ihr sorgt dafür, dass die sbb heute fährt, und ich sorge dafür, dass sie morgen auch noch fährt“, ist sein motto an die belegschaft. dabei überschätzt er sein bewusstsein nicht, weiss er um die bedingtheit vom sein: wie kein anderer kennt die anfälligkeit des komplexen systems „sbb“. und: „je besser eine person ist, umso mehr fehler begeht sie“, zitiert er an diesem abend peter drucker, seinem vorbild in der managementlehre. solche einsichten haben zum reflektierten botschafter der eisenbahnen gemacht, der die organisation modernisiert und das image popularisiert hat: das viel zitierte „bahnland schweiz“ ist substanziell mit der ära-weibel verbunden.

beppo, der 68er rebell aus lebensgefühl, ist zwischenzeitlicher reifer geworden und hat besondere fähigkeiten zur synthese entwickelt. bis heute verabscheut er formale autorität: „status ist keine legitimation“, bekennt er freimütig. vorgesetzte können ihre vorteile nur durch kompetenz begründen. und genau daran arbeitete er sein ganzes leben lang: zuerst als assistent für betriebswirtschaft an der uni bern theoretisch, dann in der lehre als unternehmer bei migros-chef pierre arnold praktisch. und noch heute steht er nicht still: 50 bücher liesst er im jahr, nicht selten auf langen bahnfahrten nach paris, berlin oder rom. das alles hat den charismatischen wirtschaftskapitän aus fleisch und blut geformt.

dem unternehmen sbb hat es zur erfolgsstory gereicht: unter weibels führung haben die sbb ihre zugs-, personen- und tonnenkilometer zwischen 25 und 50 prozent gesteigert. boomender personenverkehr und prosperierende bahnhöfe haben geld in die leeren kassen der staatsbahnen gespült. alle volksabstimmungen zur sbb sind seit 1987 im sinne des unternehmens ausgegangen, und bahnjubiläen resp. publikumsanlässe wozu-auch-immer sind publikumsmagnete geworden. sogar ins ausland expandiert das unternehmen, und ihr chef ist bei europäischen bahnpartnern ein gefragter ratgeber.

der linken hat der kräftige modernisierungsschub des ehemaligen staatsbetriebes nicht immer gepasst: namentlich die gewerkschaften haben den personalabbau nach der finanziellen krise von 1995 nicht akzeptieren wollen und versucht, „ihren Beppo“ aus der sp auszuschliessen; – erfolglos, wie man sich erinnert. erfolglos waren sie auch, als sie sich gegen die umwandlung der sbb in eine aktiengesellschaft wehrten, denn der übergang vom beamten zum angestellten war ihnen ein dorn im auge. nicht so weibel, der diesen zustand als anachronismus bekämpfte.

fast gestrauchelt wäre weibel dann aber, als er zum ceo befördert worden war. denn damit wurde auch ein neues lohnsystem durchgedrückt, das quer zum umfeld weibels und auch seinen eigenen überzeugungen stand. doch der politische instinkt blieb dem sozialdemokraten auch hier erhalten. mehr verantwortung bedinge mehr lohn, weniger erfolg aber weniger bonus, verkündete er nach dem strom-blackout 2005. und die summe seines gehalts liess er – demonstrativ gegen den willen seines verwaltungsratspräsidenten – nach oben einfrieren.

dieser wird auch nach dem rücktritt seines ceos, benedikt weibel, nicht ohne arbeit sein, den baustellen gibt es bei den eisenbahnen unverändert zahlreiche: der güterverkehr hat den turn-around noch nicht geschafft, die signaltechnik etcs funktioniert nicht wie gewünscht, und die pensionskasse der sbb ist, herkules weibel zum trotz, noch bei weitem nicht im lot.


beleg einer begegnung: benedikt weibels dank für die politisch-idelle unterstützung seiner lebenswerkes (foto: stadtwanderer, anclickbar)

wie ein mythos entsteht …

mit benedikt weibel wird ende 2006 ein intellektueller macher der schweizerischen und europäischen eisenbahnen vom zug steigen. die bilanz der autoren dorer und müller lautet: im stationenreichen prozess der sbb-modernisierung war weibel weder gott noch teufel. vielmehr war er querdenker, antreiber, bahnarchitekt, abzocker und vorkämpfer in einem. mit den arbeitnehmerorganisationen lag er mehrfach im streit, den kaktus der woche, ausgeteilt durch die „schweizer illustrierte“, hat er gleich neunfach erhalten, und auch die bahnkunden mit spezifischen interessen haben ihm x-fach erboste briefe geschrieben. das alles trug seinem ruf als ausgezeichneter bahnchef mit sitzleder keinen abbruch. denn ebenso häufig erhielt er in all diesen jahren dankesbriefe, die rose der woche und fürchten sich die bähnler heute vor dem, was kommt, wenn der rote boss geht.

am berner abend der buchpräsentation vor über 100 bähnlern, kundinnen und interessierten outet sich weibel auch ein wenig. den nimbus des erfolgreichen, der weibel seit jahren umgibt, stammt aus den zeiten der einführung des halbtaxabonnements. das kostete zu beginn der 80er jahre noch 350 CHF, – viel zu viel, wie man heute weiss. doch dann kam das waldsterben und mit ihm die gesellschaftliche kritik am einseitig geförderten individualverkehr. umdenken in der bürgerschaft war die herausforderung, die weibel instinktsicher aufnahm und in der sbb-generaldirektion durchsetzte. statt alter politik sei neue gefordert, verkündete er. statt preiserhöhungen zu lasten der konsumentInnen verlangte er preissenkungen zugunsten eines grösseren verkehrsvolumens.

diese forderung wurde in den 80er jahren zum programm mit namen: benedikt weibel, damals marketing-chef der sbb, erfand den „borromini“, das 100-franken-abo, für das mit dem tessiner architekten francesco borromini, der weiland noch die 100er note zierte, warb. zum eigentlichen wendemoment in der bahngeschichte wurde es, fasst weibel zusammen: in den besten jahren hatten die sbb und anverwandte unternehmen 2 mio. kunden mit einem sbb-borromini im sack. und auch heute noch ist das halbtax, „trotz geringfügigen preisaufschlägen wegen den zugewandten orten“ (weibel zur preisstaffel 150, 250, 350 CHF) ein renner, der beppos aufstieg zum „mister sbb“ politisch wie unternehmerisch sicherte.

und da kann auch ich mich outen: in meinen politischeren jahren war schon mal ebenso tatkräftig dabei, der idee des halbtax zum durchbruch auf politischem parkett zu verhelfen. dafür dankt der bahnchef schon mal herzlich.

der stadtwanderer von heute nimmt das schon mal gelassener, als der polikämpe von damals. er fragt nach den folgen des engagements, denn er ist seit vielen jahren ein bahnkunde. fast jeden tag nutzt er die angebote. der sbb, und fast immer ist er zufrieden, – besonders seit man im zug gar nicht mehr rauchen darf. immer wenn er aus dem ausland zurückkomme, weiss er zudem die überwiegende ordentlichkeit, die vorherrschende pünktlichkeit und weitestgehende sicherheit der sbb besonders zu schätzen. schliesslich ist er als berner ein grosser fan der welle über den geleisen, symbolträchtig zu weibels perfektestem werk, dem fahrplanwechsel vom 12. dezember 2004, erbaut.

seinen persönlichen entschluss, 1984 aufs autofahren zu verzichten, hat er nur deshalb in die tat umsetzen können, weil die sbb unter ihrem chef benedikt weibel eine erfolgreiche vorwärtsstrategie eingeleitet haben. dafür dankt er dem vorbild im nach hinein ebenso herzlich.

„mister sbb“ ist benedikt weibel in der öffentlichkeit schon lange. „mister euro08“ will er nach dem übertritt von der sbb- zur fussball-fangemeinde noch werden. sollte dem tausendsassa auch das gelingen, ist dem junggebliebenen der titel des „mister schweiz“ wohl auf lebzeiten sicher. meine nominationsstimme hat er jedenfalls jetzt schon …

stadtwanderer

Christian Dorer, Patrick Müller: Der rote Boss. Die Benedikt-Weibel-Story, Orell Füssli Verlag, Zürich 2006, 34.80 CHF


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