Teil 5 der Luzerner Stadtwanderung: Rathaus

Teil 5 der Luzerner Stadtwanderung

Das Rathaus

oder

Die schwierige Geburt der Demokratie

1848 war wie 1789 und 1830 ein europäisches Jahr der Revolutionen. Auch der Bundesstaat von heute ist damals in seinen Grundzügen entstanden. Und er sollte der einzige dauerhaft neue 48er Staat bleiben. Eine Mischung aus Demokratie und Föderalismus macht sein Geheimnis aus. Dafür brauchte es neue Ideen zum Staat, einen Bürgerkrieg und vermittelnde Stimmen. Und immer wieder hatte es mit Luzern zu tun.

Die liberale Bewegung in den Kantonen

1830 gelang es den Liberalen im Kanton Tessin, eine Verfassung einzuführen, die sich gegen das restaurative Regime des Wiener Kongresses von 1815 wandte. Es war die Geburt der repräsentativen Demokratie in der Schweiz.
Die Mehrheit der Kantone, unterstützt von der neuen Meinungspresse, folgte 1831, auch der Kanton Luzern war dabei. Die Stadt wählte in der Aufbruchstimmung 1832 erstmals einen Stadtpräsidenten. Wieder war es ein Pfyffer, nun aber Casimir, der Kandidat der Liberalen.
Die Liberalen versuchten, einen Bundesstaat zu gründen. Doch die Tagsatzung blieb gespalten. Radikalen ging der Vorschlag zu wenig weit, Konservative wollten lieber gar nichts.
Luzern hätte wieder Hauptstadt werden sollen, lehnte das aber in einer außerordentlichen Volksabstimmung 1833 ab. Das Projekt war eine Todgeburt!

Die konservative Reaktion in Luzern

1841 gewannen die Konservativen im Kanton Luzern die Wahlen dank einer neuen demokratisch-konservativen Bewegung. Sie stützte sich auf Gebetsvereine auf dem Land. Sie waren papsttreu oder ultramontan und gegen den liberalen Staat.
Die Sieger führten eine konservative Verfassung ein. Der Ultramontane Konstantin Siegwart-Müller führte diese wieder als Schultheiß. Er holte die Jesuiten zurück und entwickelte einen Plan zur konfessionellen Teilung der Schweiz.
Im benachbarten Aargau bildeten sich paramilitärische Freischaren, unterstützt von Offizieren und Radikalen. Sie versuchten, die Ultramontanen in Luzern zu stürzen. Doch misslang das zweimal.
Nachdem der Bauernführer ermordet wurde, bildete sich ausgehend von Luzern ein Sonderbund der katholischen Kantone. Er wollte den Katholizismus und die kantonale Souveränität verteidigen. Als er medial aufflog, verlangte die Tagsatzung die militärische Auflösung.
Nach gut drei Wochen endete der Krieg mit dem Sieg der Bundestruppen vor den Toren der Stadt Luzern. Siegwart-Müller und mit ihm die Jesuiten flohen. Alle anderen Sonderbundeskantone kapitulierten ohne Widerstand. Luzern wählte ein liberales Parlament.

Der liberale Bundesstaat

Eine Kommission der Tagsatzung arbeitete 1848 mitten in der ausbrechenden europäischen Revolution eine neue Verfassung mit repräsentativer Demokratie und Personenfreizügigmeit aus.
Die Ausgestaltung des Parlaments als Nachfolge der Tagsatzung war die Knacknuss. Ignaz P. V. Troxler aus dem Luzernischen Beromünster wies den Weg. Der liberale Philosoph der katholischen Demokratie optierte nach amerikanischem Vorbild für ein Zwei-Kammer-Parlament. Beide sollten separat entscheiden und gleichberechtigt sein.
Der Verfassungsvorschlag wurde mehrheitlich von den Kantonen angenommen. Dafür waren 15.5 Kantone. Dagegen votierten 6.5 Kantone. Luzern sagte aber nur deshalb Ja, weil man, wie beim Veto, die Abwesenden zu den Zustimmenden zählte.
Luzern unterlag als Sitz von Regierung und Parlament des neuen Bundesstaats Bern. Es sollte der letzte Anlauf sein, sich an die Spitze der Schweiz zu setzen. Zu viele Sympathien hatte der Widerstand im Bürgerkrieg gekostet!

Die Geburt der Volksrechte in den Kantonen

In diese knapp 20 Jahren entstanden repräsentative und direkter Demokratie. Erstere schufen die Liberalen mit Verfassung, Grundrechten und Parlament, das vom männlichen Volk gewählt wurde. Zweiteres entstand schrittweise. Luzern war zweimal vorne mit dabei. Die Liberalen befürworteten 1831 eine Volksinitiative, um Verfassungen unter Beteiligung des Volks ändern zu können. Wiederum war Troxler ihr Vordenker. Die konservativ-demokratische Partei führte 10 Jahre später ein Veto gegen Parlamentsbeschlüsse ein. Troxler gab auch hier den Segen dazu.
Allerdings waren es noch keine Volksrechte wie heute. Denn die Stimmabgabe erfolgte sie in Gemeinde-Versammlungen. Die heutige direkte Demokratie wurde erst in den 1860er Jahre von der demokratischen Bewegung auch in den Kantonen erkämpft und zwischen 1874 und 1891 auf Bundesebene eingeführt.

Schweizer Demokratie und Luzerner Rathaus

Noch ein Wort zur Schweizer Demokratie und dem Luzerner Rathaus. Die Volksrechte hierzulande haben verschiedene Ursprünge. Sie entstanden lokal und kantonal. Sie wurden erst danach auf Bundeebene realisiert.
Das passt zum Rathaus. Auch seine Architektur ist eine Mischung: Der Hauskörper wurde im Stile der bürgerlichen Rennaissance gebaut, aber mit einem Dach kombiniert, das aus dem bäuerlichen Luzerner Hinterland stammen könnte.

Teil 1 Der Schweizerkönig
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Teil 2 Gegenreformatorische Propaganda
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Teil 3 Mühe mit der Trennung von Kirche und Staat
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Teil 4: Hauptstadt der Helvetischen Republik
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cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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