bei den osternwahlen 1470 kam es in der stadt bern zum eklat: erstmals wurde mit peter kistler kein stadtadeliger, sondern ein bürgerlicher zum schultheissen gewählt, und eben dieser kistler schickte sich als erstes nach seiner wahl an, ein kleidermandat zu erlassen, dass schnabelschuhe und schleppen, modische distinktionsmerkmale des adels, kurzerhand verbot. doch der stadtadel holte zum gegenschlag aus, und demonstrierte im berner münster, mit langen schnabelschuhen und überbodenlangen schleppen, während der heiligen messe! der bericht zum berner modefrauenstreit von 1470.


1450er jahre: noch dominieren einfache frauenkleider das stadtbild

veränderungen der europapolitik

was nur war geschehen in der stadt bern? 1414 hatte der könig sigismund bern zum vollwertigen stand seines reiches gemacht, und nur ein jahr später forderte er diesen stand auf, gegen das verfeindete haus habsburg vorzugehen, und ihm die stammlande im aargau abzunehmen. erfolgreich, wie man weiss. bern war es auch, das nach der militärischen niederlage in st. jakob an der birs, gegen die französischen truppen der eidgenossenschaft 1452 einen freundschafts- und handelsvertrag mit frankreich schmackhaft machte, und so handel und soldwesen beförderte. 1467 vervollständigte die aufstrebende stadt ihr aussenpolitisches bündnissystem, indem sie mit freiburg, solothurn und zürich auch mit dem hause burgund einen solchen vertrag einging.

das alles passierte, weil im 15. jahrhundert die staatliche territorialisierung des unter adeligen verhältnissen zerstückelten landes eine neuorientierung erforderte, bei der es galt, europäische und lokale interessen in übereinstimmung zubringen. bern handelte in dieser zeit ausserordentlich geschickt, vergrösserte nicht nur ihr territorium, sondern auch ihr ansehen als europäisches zentrum.

doch handel und pensionen, die so aufblühten, hinterliessen gerade in den 1460er ihre teifen spuren in der stadt: man nun wer und zeigte dies auch! der stadtadel war zu reichtum gekommen, musste aber auch vermehrt und weitherum repräsentationspflichten wahrnehmen. es änderte sich nicht nur die ökonomische lage der führenden stadtfamilien, auch das auftreten unterlag einem markanten wandel. in anlehnung an die sitten, durch die renaissance gespiesen und namentlich am burgundischen hof vorgelebt, änderte sich auch die kleidung in bern.


burgundischer hof in dijon: trendsetter in sachen höfischer mode seit den 1460er jahren

veränderungen der berner mode

was für ein skandal war das! männer trugen nun kurze röcke und strümpfe als beinkleider, und frauen pflegten ausgeschnittene und taillerte kleider zu tragen und sich in überbodenlange schleppen zu hüllen. fertig war die zeit des einfachen sacks, dem graden stoffstück, mit einem loch in der mitte für den kopf, das über den körper gestülpt wurde, links und rechts notdürftig zusammengenäht war und einzig mit einer kordell um den bauch etwas geformt wurde. fertig waren auch die zeiten des simplen tuchs, das die frauen auf dem haupte trugen: elegente hüte mit feinem gefrense waren jetzt angesagt!

berner trendsetter in dieser mode war die familie von bubenberg, angestammt und angesehen, und seit der stadtgründung unzählige male mit dem amt des schultheissen betraut. mit ihrem jüngsten spross, adrian von bubenberg, kam das neue outfit en vogue. nicht nur der ritter, vor allem auch seine mutter, anne von rosenegg, und seine zweite frau, jeanne de la sarraz, liebten es, wie an ausländischen höfen durch berns strassen zu defilieren und promenieren.


das kleidergericht: prominente bernerinnen aus dem adel werden durch die sittenmandate des metzgermeisters kistlers angeklagt

bernische sittenmandate gegen europäische unsitten

doch das kam nicht gut! schon 1464 hatte die berner obrigkeit versucht, mit dem ersten kleidermandat der geschichte die äusseren modeeinflüsse abzuwehren. erfolglos war man geblieben, denn die selbstbewusste gesellschft an der junkern- und müstergasse liebte den laufsteg vor dem müster und kleidete sich unversehens weiter modisch, auffällig und extravant.

als peter kistler, der metzgermeister mit politschem ehrgeiz, der aufsteiger, der nicht aus den traditionellen oder nobilisierten familien des stadtadels stammte, 1470 überraschend genug zum schultheissen gewählt wurde, verblüffte er die öffentlichkeit gleich noch ein zweites mal: noch gleichentags mobilisiert er den grossen rat, in dem die handwerker die mehrheit besassen, gegen die junker und kaufleute, die im kleinen rat das sagen hatte. mit einem paukenschlag erneuerte er das kleidermandat von 1464. darin beharrte das aufstrebende bürgertum auf dem verbot von „schnabel und schwänzen“, wie man die männerschuhe und frauenschleppen nannte, löste aber eine öffentliche demonstration der adeligen gesellschaft aus, die in ostentativer übertretung des mandates mit schleppen und schnabelschuhen zur messe im berner münster erschien.

für diesen frechen auftritt im adelsornat wurde zahlreiche stadtadelige vor gericht gestellt, – und gebüsst! in der aufgewühlten stimmung nützten den edlen ihre argumente erstmals nichts mehr. ihr recht auf distinktion, das sich in kleidung, schuhen und schmuck äussere, wurde ihren glatt weg abgesprochen. inakzeptabel erschien es nun, selbst an werktagen, an dem die noble gesellschaft auf seidene und goldene kleider verzichtete, sich mit schnabelschuhe nund schleppen von normalen leuten abheben zu wollen.

22 edle damen und herren wurden nach diesem gerichtstag aus der stadt bern verwiesen. die von bubenbergs, die von scharnachtal und die von diesbach waren wegen ihrer mode in die verbannung gedrängt worden.


die rückkehr des europäisierten stadtadels aus der modeverbannung

die rebellion der europäisierten stadtadeligen

doch der gepeinigte stadtadel liess sich nicht lumpen! er organisierte seine hausmacht auf dem lande und setzten die stadt unter wirtschaftlichen druck. peter kistler sah sich schon nach einem monat gezwungen, die verbannten wieder herein zu bitten und die kleiderordnung zu ihren gunsten zu modifizieren. sie durften ihre statussymbole, welche den sozialen und politischen führungsanspruch der junker und kaufleute dokumentierten, behalten und gingen aus dem grossen modestreit in bern, den sie mit der bürgerschaft ausfochten, sozial voll rehabilitiert hervor.

ein jahr später wurde peter kistler als schultheiss nicht mehr wieder gewählt. sein versuch, die stadt zu reformieren, war gescheitert. vielmehr hatte man ihm mit spitzen schnabelschuhe das bein stellt, und war er über bodenlange schleppen politische ins abseits gestolpert.

the devil allways wears prada?

allerdings, wäre die geschichte unvollständig erzählt, wenn man sie nur aus der modesicht schildern würde. eine einfache „the devil wears prada“-story will ich ja nicht bieten. also lesen sie die nächste ausgabe in meiner kleinen berner modereihe aus dem spätmittelalter!

stadtwanderer


Comments

5 Comments so far

  1. Der Wanderer von Arlesheim on Oktober 15, 2006 12:03

    Kleine Ergänzung: Die vornehmen Berner Familien wohnten damals – nebst der Junkerngasse – in der Kesslergasse und der Kirchgasse; erst vor etwa 40 Jahren wurden diese beiden Gassen in die Münstergasse umbenannt.

    Nicht viel anders als in Bern ging es übrigens im Kanton Basel zu und her, wo die Obrigkeit seit dem 14. Jahrhundert Kleider- und Schmuckordnungen erliess.

    Und auch in Zürich soll sich bereits im 14. Jahrhundert ein Hoffartserlass mit Kleidervorschriften befasst haben: Nebst anderem seien auch Schnabelschuhe bei Busse verboten gewesen. Mit der Zeit habe man sich jedoch an diese Schuhe gewöhnt, so dass sie im Sittenmandat von 1472 nicht mehr verboten worden seien, nur den grössten Auswüchsen habe man Einhalt geboten: die Spitzen der Schuhe sollten von den Zehen an gemessen nicht länger als der Zeigefinger sein …
    Grund für diese Vorschrift dürfte die Tatsache gewesen sein, dass die Länge der Schuhspitzen auf den Stand bzw. Reichtum des Trägers hinwies, daher auch der Begriff „auf grossem Fuss leben“.

  2. stadtwanderer on Oktober 15, 2006 18:54

    dankedanke, wandererkollege.

    klar, das mit den strassenamen ist ja immer so eine sache. paris war die erste stadt, die anfangs des 16. jahrhunderts die strassen anschrieb, bern folgte 1798; – damals allerdings mit zahlreichen französisch-revolutionären anspielungen. so hiess die junkerngasse vorübergehend \"rue de liberté\"! verschiedene strasse haben im volksmund verschiedene strassennamen auch nach der deutschsprachigen beschriftung bewahrt, die alles andere als übersetzungen sind. zudem ist nicht immer und überall klar, wo eine strasse anfängt und aufhört. typisch hierfür die kram- und die gerechtigkeitsgasse, deren übergängen mehrfach geändert wurden.

    eines tolles verzeichnis für alle diesen schnickschnack findet sich im historisch-topographichen lexikon der stadt bern, das man auch unter digibern nachschlagen kann.

    http://www.digibern.ch/weber/weber_hilfe.html

    für alle wanderkollegInnen: das ist sowas wie der historisch-politkulturelle informationsstand über das leben der berner strassen!

  3. Der Wanderer von Arlesheim on Oktober 15, 2006 21:54

    Danke für den supertollen Link! Nach dessen Konsultation muss ich meinen Kommentar von heute Mittag korrigieren: auch die Junkerngasse gehörte zur Kirchgasse; die vornehmen Berner Familien wohnten somit alle an der Kirchgasse…
    😉

  4. stadtwanderer on Oktober 16, 2006 07:30

    toll, so lernen wir alle hinzu.

    das mit der kirchgasse erstaunt ja nicht gross. die geschichte, die ich erzählt, kommt aus dem 15. jahrhundert, man weiss noch nicht von reformation und protestantismus, dafür ist man katholisch und steht zur kirche, wie immer man lebt!

    der modeteufel bringt uns ganz schön en vogue!

  5. yaken on November 14, 2006 09:29

    Ich habe Ihrer BLOG gelesen und finde ich ihn sehr Interessant.
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