stadtwandern auf zürcher abwegen

eigentlich wollte ich nur einmal nach zürich. denn ich hatte eine einladung, von einer ehemaligen mitstreiterin in meiner firma. doch dann trafen wir alles andere als zu zweit: ingrid deltendre, die heutige fernsehdirektorin, hatte die begegnung mit mir gleich im hallenstadion arrangiert. und erst noch während der preisverleihung für den swiss award! so kam ich ganz schön auf abwege, – beim stadtwandern in zürich!

spiessrutenlaufen, um zutritt zu erhalten

stadtwandern an so einem anlass ist nicht ohne. selbst wenn du gute schuhe montiert hast, holt dich eine limusine im hotel ab. nichts taugt der tag für lange spaziergänge, vorgefahren wird man, und aussteigen darf man nur vor dem roten teppich!

dann beginnt gleich das schwierigste des ganzen abends für mich und meine stadtwanderin: das spiessrutenlaufen zwischen scheinwerfern und blitzlichtern, – und zwischen kreischenden teenis und fragenden journis. doch wir haben glück: roman kilchberger, nicht mein favorit unter den tv-schaffenden, stürzt sich auf rolf knie vot uns, dem er umgehend seinen deal anbietet. wir kommen so, auch ohne gedealt zu haben, ins hallenstadion.

drinnen hats schon megamässig leute; die meisten aber tragen eine ebenso megamässig ungeeignete wanderausrüstung: schuhe, die einem keine 50 meter weit tragen, eng anliegende kleider, die einem wohl jede beinbewegung einengen, und leichte schulterteile, die bei ersten windstoss weggeweht werden dürften, machen nur so die runde. ich glaube, die meisten am swiss award wollen auch gar nicht stadtwandern! sie sind hier, um zu sehen, das man sieht, wie man aussieht. und um gesehen zu werden, man darin aussieht, was man später auszieht!


der stadtwanderer claude longchamp mit der wirklichen schweizerin des jahres, der nationalratspräsidentin christine egerszegi (foto: stadtwanderin, anclickbar)

die wirkliche schweizerin des jahres

ich sehe als erstes christine egerszegi. eigentlich ist sie ja die schweizerin des jahres. im dezember 06 wurde sie, bei der richtigen wahl im nationalrat, zur präsidentin der grossen kammer gewählt, – und ist damit, verfassungsgemäss, für ein jahr die höchste schweizerIn. die begrüssung ist herzlich. anders als die meisten anwesenden hat unsere präsidentin nämlich keine allüren, und kennt das stadtwandererpaar persönlich. uns so steht ein eigenwillige dame aus dem aargauischen melligen (“sumo-ringen ist mein lieblingssport”)vor mir, die ihre politkarriere als präsidentin der musikschule in ihrer kleinstadt begann und auch heute noch die musikgruppe des parlamentes präsidiert: “c’est le ton qui fait la musique”, hatte die geistreiche romanistin ihr programm für das wahljahr 2007 zusammegefasst! ich kann ihr da nur das wasser reichen, denn ein cüpli will sie nicht. „ich habe noch eine funktion zu erfüllen“, sagt sie, nicht ohne stolz.

und diese funktion besteht darin, den schweizer des jahres in der kategorie „politik“ zu ehren. das ist dann an diesem abend dick marty, der tessiner ständerat, der unerschrocken die europäischen regierungen angeklagt hat, welche die amerikanischen überflüge über ihre länder im irak-krieg verschwiegen und vertuscht zu haben. er bezichtigte gar georges bush der lüge und verurteilte ihn, ein schlechtes vorbild für die welt zu sein. die jury dankte es ihm, nomierte ihn wie rolf bloch und doris leuthard, für den politikpreis, und die academy, welche die stimmen vergab, setzte ihn auf den ersten polit-platz.

das schweizer comeback des jahres

doch es ist unübersehbar: an so einem abend steht die politik nicht im zentrum steht. sie ist schon im publikum schlecht vertreten; denn es dominiert die cervolat-prominenz! es ist der abend der populären, nicht der besten.

es singen und tanzen die jungen, – und auch die sind nicht immer die besten. bianca ryan ist zwar laut, aber wirklich musikalisch ist der auftritt der 12 jahrigen nicht! und die music stars dürfen zum ersten und letzten mal gemeinsam auftreten; anderntags werden sie sich schon ein erstes mal selber dezimieren, um zu wissen, wer weniger schlecht ist. anne-sophie mutter wiederum ist zwar elegant und stilvoll; stimmung mit nur einer geige und viel rauch entsteht im grossen hallenstadion aber nicht. take that, as it is!, sag ich schliesslich da, als die gleichnamige band ihr comeback gibt, und freue mich eigentlich nur über die wirkliche auferstehung des jahres, als polo hofer, der berner unterhalter (“im lätschte johr es es meer huere schlächt gange”)das schweizer shogeschäft wieder von hinten aufrollt!

mein schweizer des jahres

nimmt man den stadtwanderer als massstab, wer schweizerIn des jahres hätte werden müssen, hätten von den vornominierten benedikt weibel, doris leuthard und melanie winiger auf dem podest sein müssen. beppo schaffte schon das assesement durch die academy nicht, und doris hatte eine schwere woche im bundesrat und im blätterwald hinter sich, sodass eigentlich nur melanie blieb. doch auch die rotzfreche schauspielerin setzte sich an diesem abend nicht durch, – wohl hatte sie anderen stress in ihrer nahen umgebung zu bewältigen,als wirklich siegen zu wollen …

so waren dann giorgio noseda, der oberste krebsforscher der schweiz, heliane canepa, die orginellste unternehmerin des landes, daniele finzi pasca, der geniale regisseur der eröffnungsshow an den olympischen winterspielen aus dem tessin, und, natürlich, stephanie glaser, die herbstzeitlose schauspielerin, die mit 85 jahren ihre erste hauptrolle in einem kinofilm gespielt hat, für die höhepunkte verantwortlich.

nachträglich am besten gefallen hat mir aber daniele, weil er mit einem unübertreffbaren charme das stadion erobert hat und auf der bühne allesamt wichtigen, schönen und kompetenten (das heisst sandra studer), unendlich lange in seine arme genommen hat.

des schweizers schweizer des jahres

dem fernsehpublikum wiederum am besten gefallen haben die schweizerInnen, die an diesem abend gar nicht ausgezeichnet wurden. peinlich!, sag ich da, denn in der volkswahl setzten sich fast durchwegs die sportgrössen durch, die ihre eigene, von einer grossbank gesponserte gala schon im dezember abgehalten hatten. und dies obwohl roger federer, schon einmal tv-schweizer des jahres und deshalb von der diesjährigen konkurrenz ausgeschlossen, abwesend war. doch edith hunkeler (“die glückliche strahlefrau2), tanja frieden (die unverdient neue), und köbi kuhn (der ganz normale) schwangen bei der ganz normalen jury vor dem flimmerkasten praktisch geschlossen ganz oben aus. das schliesslich köbi national mit 37 prozent der stimmen siegt, überraschte niemanden wirklich!

da war ich doch ganz froh, dass die wirkliche überraschung des abends gelang: die nicht angekündigte, erstmalig verleihung des lifetime swiss award, der an den swatch begründer nicolas hayek ging. dieser war von seiner ganzen familie von biel nach zürich verschleppt worden, und selbst bei der überüberschwänglichen laudatio durch adolph ogi realisierte er nicht, dass er für sein lebenswerk ausgezeichnet werden würde. selten habe ich den charismatischsten uhrenmacher der schweiz so menschlich-fassungslos gesehen, wie in den momenten, als er auf für den liefetime award die bühne gerufen wurde.

und dann endlich das treffen mit ingrid

beobachtet habe ich die ganze, leicht glamouröse show von der schwerst glamourösen ersten reihe aus. zwar war ich nicht im mitte-block des hallenstadions, wie die ganze srg-prominenz von der berner giacomettistrasse, sass aber dafür im linken block zuvorderst. und wer da alles (fast) neben mir sass: der aktuelle mister schweiz, miguel, zu meiner rechten, renzo, sein vorgänger, zu meiner linken, und dazwischen noch bianca, die führere schönheitskönig der schweiz! ich war ganz froh, dass ich an diesem abend grad frisch vom coiffeur kam, ein neues wanderhemd trug und meine reservefliege wenigstens für die showtime montieren konnte. übrigens: ganz neben mir sass natürloich meine schweizerin auf lebzeiten!


der stadtwanderer claude longchamp mit der gastgeberin, ingrid deltendre, seine frühere assistentin heutig fernsehdirektorin (foto: stadtwanderin, anclickbar)

ja, und dann traf ich sie, derentwegen ich eigentlich gekommen war: ingrid! ein paar schritte gingen wir gemeinsam, ein paar worte wechselten wir gemeinsam, – und ein promifoto von uns gemeinsam hat die stadtwandererin gemacht! es war nett, die assistentin aus den 80er jahren, mit der ich im „gotthard“ im zürcher engequartier immer wieder freitag mittagessen ging, als fernsehdirektorin wieder zu treffen, – und das gerade nach ihrem erfolgreichsten quotenjahr! ich habe mich bedankt, dass sie mich eingeladen hat – und beim bankett direkt neben filippo lütenegger gesetzt hat.

im club der erfolgreichen selbstsändigen

„uiii“, sagte ingrid noch über filippo, „der warne die ganze politik, sie, die direktorin von sf.tv, sei unfähig“. dont worry!, dachte ich mir, meine kundschaft warnte “seine weltwoche vor jahresfrist auch vor meiner unfähigkeit.

und jetzt ist das erfolgreichste jahr für mein geschäft und den stadtwanderer daraus geworden. “willkommen im club der selbständigen!”, begrüsste ich den ceo der verkauften jean frei ag, bevor ich vorgewarnt zum vorwarner setze. nach dem vorzüglichen dinner nagle ich jedoch meine wanderschuhe, und mache mit meiner stadtwanderin definitiv wieder auf den richtung bern!

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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