von den wilden burgunden  …

teil 2 der serie: “burgund in bern”
teil 1 der serie: “burgund in bern”
vorschau zur serie: “burgund in bern”

„Noch bin ich zwar gesund, allein wie kannst du
heitren Liebesgesang von mir verlangen, der ich
des langhaarigen Volkes Tischgenosse,
hab germanische Worte auszuhalten,
muss auch wieder und wieder ernsthaft, was da
der burgundische Vielfrass vorsingt, loben
der mit ranziger Butter sich den Kopf salbt.
Du darfst Augen und Ohren glücklich preisen,
glücklich preisen dir auch die Nase, dem nicht
früh am Morgen schon zehn Portionen Knoblauch
und elendige Zwiebel rülpst entgegen …“

vom schock der galloromanen

sidonius appollinaris, der dies mitten im 5. jahrhundert über die burgunder schrieb, war sichtlich geschockt. der frühere stadtpräfekt von rom, der aus gallien stammte und als bischof der auvergne wieder dorthin zurückkehrte, wusste zwar um die bedeutung der burgunder für die verteidigung der römer gegen die wilden völker. doch waren ihm auch die burgunder ungeheuer: letztlich waren sie aus seiner sicht genau so unzivilisiert; einzig unterschieden sie sich von den alamannen darin, dass sie selber römer werden wollten.


eine kulturbegegnung besonderer art: schockiert über den knoblauch-gebrauch der frühen burgunden waren die spätantiken römer

wie heute nicht anders definitierte sich eine hochkultur über das essen: was und wie man isst, zeigt, wer man ist!

und die essgewohnheiten der burgunder unterschieden sich offensichtlich von jenen der römer: knoblauch und zwiebeln waren den römern damals noch nicht so gläufig wie den burgundern; erst die klöster sollten diese gemüse und gewürze in gezähmter form auf den mittelalterlichen speisezettel der franken setzen, und so asiatisches kulturgut in europäisches übersetzen.

von der kultur der frühen burgunder in der heutigen schweiz

den burgundern, die in die sapaudia kamen, wurde auch nachgesagt, die asiatische sitte, den frischgeborenen kindern ihrer fürsten die köpfe zu bandagieren, übernommen zu haben. damit sollte der noch weiche schädel geformt, ja erhöht werden. bis ins hohe alter sollten so vor allem die weiblichen nachfahren der erfolgreichsten krieger als besondere frauen gekennzeichnet werden. in den burgundischen gräbern, die man beispielsweise im kanton waadt entdeckt hat, konnte man diese form der auszeichnung für die erste generation der anwesenheit von burgundern nachweisen; danach scheint die fremde sitte jedoch zu verschwinden. heute interpretiert man das so: die burgunder, die in die sapaudia kamen, waren ein sammelvolk, das einen gemeinsamen burgundischen könig akzeptiert hatte; es vermischten sich in ihm verschiedenste sitten, so auch die hunnischen, von denen man die schädelverformung übernommen hatte.


schädelverformung bei den burgundern, vor allem bei frauen, gibt bis heute anlass für kontroverse diskussionen über die sitten, die im volk der burgunden geherrscht hatten, die im 5. jahrhundert in das gebiet der heutigen westschweiz kamen.

man hat solche spuren der frühen burgunder in unseren gegenden zum anlass genommen, von einer raschen anpassung der burgunder an fremde herrschaften und damit auch an die gallorömische lebensweise zu sprechen. ganz anders als die alamannen haben sich die burgunder rasch assimiliert. dafür spricht auch, dass es ihnen ab dem 6. jahrhundert erlaubt war, sich mit römischen familien zu verheiraten. selbst das christentum in der orthodoxen form übernahmen sie in dieser zeit, und auch ihre sprache, eigentlich aus dem ostgermanischen stammend, haben sie auf eigentümliche art mit dem vulgärlatein vermengt. daraus entstand die regionalsprache des langue d’oc, die als patois auch in der romandie bis ins 20 jahrhundert überdauert hat.

vom wilden germanen zum integrierten romanen

so galten die ehemals wilden burgunder nur 200 jahre nach ihren ersten kontakten mit der römischen zivilisation plötzlich als die angepasstesten germanen, anders als die wiederspenstigen alamannen von den galloromanen kaum mehr unterscheidbar. die burgunder selber haben das in ihre geschichte übernommen, und ihre ostgermanischen wurzeln zu verleugnen resp. durch römische zu überlagern begonnen. keinem burgunder in frankreich käme es heute in den sinn, ein nachfahre der barbaren zu sein. vielmehr waren nach dem zerfall des weströmischen imperiums nebst den westgoten und franken zu einem der drei grossen königreiche aufgestiegen, die das ehemalige gallien sah, und herrschten mit ausnahme der mittelmeerküste während jahrhunderten über das ganzen rhone-, saone- und doubstal. traditionesreiche römische bischofsstädte wie lyon, vienne, genève und besançon gehörten zu ihrem königreich. zusammengehalten wurde es durch die lex burgundiones, eines der ältesten codifizierten germanenrechte, das an die gallorömische lebenweise der spätantike angepasst worden war.


burgunderin aus dem 5. jahrhundert, bei der ankunft in der sapaudia und nach einigen generation der assimilierung an die gallorömische lebensweise (darstellung der universität lausanne)

das burgunderrecht regelte selbstverständlich die aufgaben des königs, namentlich seine vorrechte auf die jagd im wald, aber auch die einkünfte, die er aus bussen bezogen, welche man für verletzungen oder tötungen von freien burgundern, halbfreien angehörigen anderer stämme und unfreien skalven zu entrichten hatte. das alles war mehr als nur ein gesetzeswerk. es war das burgundische volksrecht, das die späteren imperialen herrcshaften über- oder unterdauert hatte, denn es ist bis in die heutigen tage als loi gombetta im burgundischen kulturbereich bekannt.

ganz offensichtlich haben die burgunder mit ihrem volksrecht viel mehr wert auf äusseres gelegt, als es der gallorömische historiker sidonius auf den ersten blick bemerkt hatte. so gehörte es zum fehlverhalten von burgundern, übergewichtig zu sein. und auch dafür zahlte man dem könig ein bussgeld!

von der vorsicht bei verallgemeinerungen von volkscharakteren

auch daran spürt man es: die verwendung von volksnamen ist stets mit stereotypen verbunden: “germanen” sind unsympathisch, “galloromanen” sind imperial, und “burgunder” sind anpassungsfähig. damit muss man aufpassen: denn in der ersten erwähnung der burgundiones durch die römer, die plinius der ältere im jahre 70 unserer zeit festhielz, nannte er sie noch als teile der vandalen. auch diese sind im 5. jahrhundert ins römische reich eingedrungen und haben ihr eigenes königreich vor allem in nordafrika, der kornkammer des reiches, errichtet. geblieben ist von ihnen nichts, ausser dem miserablen ruf, den sie nicht zuletzt bei den christlichen schriftgelehrten genossen. das haben die reaktionäre während der französischen revolution gerne aufgewärmt, indem sie die revolution mit vandalismus gleich setzten. sie haben damit ein stehendes bild geschaffen, das bis heute in der polizeisprache der demokratie erhalten geblieben ist.

ganz anders hat sich die bedeutung des wortes “burgunder” seit plinius entwickelt: “burgund” steht heute für kultur, für katholizismus und weinbau und gutes essen. von vandalischen einflüssen auf die spätantike will man heute gar nichts mehr wissen, während es sich für europäer immer noch gut macht, burgundische wurzeln zu haben und sie in der vergangenheit nachzuspüren.

für mohamedaner ist das übrigens ganz anders: sie haben das andenken an die vandalen positiv bewahrt und ihnen den namen al-vandalus gegeben, woraus in südspanien europäisch verformt andalusien entstanden ist. was wiederum positiv besetzt ist …

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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