warum gibt es soviele burgunds? – eine frage, die man nur historisch beantworten kann

warum gibt es so viele regionen, die den namen „burgund“ tragen? – die antwort darauf kann man nur mit einem historischen argument geben: weil die alte burgundia, das rhone-, soane-, doubs- und aaretal der burgunden aus der völkerwanderungszeit, die zum fränkischen reich kam, nach dessen teilung 843 von verschiedenen adelsgruppen beansprucht wurde.

zwei sippen muss man besonders erwähnen: die buvinen und die welfen. sie beide waren verwandt mit dem kaiserhaus, doch handelten sie nach ihren eigenen interessen. sie konnten sich selbständig machen, weil sowohl die kaiser karl II. als auch karl III., kurz vor ihrem jeweiligen tod, die erblichkeit der adelstitel und der damit zusammenhängenden ländereien dekreditiert hatten. damit haben sie den europäischen adel begründet, dessen anfänge auch das schicksal der verschiedenen burgunds bestimmte.


die situation burgunds am ende des adeligen teilungsprozesses 888

die herrschaft der buvinen

die buvinen waren ein grafengeschlecht aus dem lothringischen metz. sie rückten schlagartig ins licht der königlichen aufmerksamkeit, als der mittelfränkische könig lothar II. starb, und sein reich im vertrag von meersen zwischen ost und west aufgeteilt wurde.

der westfränkische könig karl II. (“der kahle”)ehelichte gleichzeitig seine bisherige maitresse, richildis aus dem geschlecht eben dieser buvinen. damit versuchte er seinen einfluss in lothringen zu stärken, denn sein halbbruder, ludwig II. (“der germane”, irrigerweise auch “der Deutsche”), könig von ostfranken, hatte sich im besagten vertrag den grösseren teil des aufgelösten lothringischen reiches sichern können.

zwei brüder von königin richildis machten in der folge karriere am hof des westfränkischen königs: richard und boso. beide wurden nach burgund geschickt, um die unsicheren und unklaren besitzverhältnisse zugunsten des westfranken zu beeinflussen. richard nahm in autun platz, und boso liess sich in vienne nieder.

die herrschaft der welfen

ob boso mit seiner mission überall erfolgreich war, ist zweifelhaft. an der unteren rhone konnte er sich sicher festsetzen und gebhard, der vormaligen grafen der stadt, der noch ganz in den verhältnissen des fränkischen mittelreiches dachte, verdrängen. im oberen rhonetal, in transjuranien stiess er aber auf konrad den jüngeren aus dem hause der welfen, der ebenso treu zum lothringischen könig gehalten hatte.

formell wurde boso auch laienabt von st. maurice, und die spur von konrad verliert sich in dieser zeit. doch taucht nur zwei jahre später konrads sohn, rudolf, als neuer abt von st. maurice. er führt auch den titel des markgrafen, den der kaiser seinem vater verliehen hatte, was dafür spricht, dass boso nur unten, im breiten rhonetal, nicht aber in den alpen regierte.

der aufstieg von boso von vienne zum könig der provence

unter dem westfränkischen könig karl II. stieg boso zum eigentlichen machthaber in niederburgund auf. beim tod seines königs anerkannte er die herrschaft dessen sohnes, ludwig, nicht und erklärte sich selber zum könig der provence, die niederburgund miteinschloss. sein bruder, richard, wurde nun herzog von burgund genannt, löste sich aber anders als boso nicht aus dem westfränkischen herrschaftsverband. die trennung der beiden burgund, nur noch durch brüder zusammengehalten, sollte anhaltend sein.

dass die buvinen nach dem tod des kaisers so rasch reagiert und die macht an sich rissen oder verteidigten, hatte einen gewichtigen grund: im gleichen jahr sollten sich maurische seefahrer aus dem emirat von cordaba an der küste von fraxinetum niederlassen und eine mohammendanische kolonie gründen, die auf handel im rhonetal ausgerichtet war. sie sollte sich rund 100 jahre als sarazennen halten konnten.


der grosse zeitvergleich: was aus dem frankenreich des 9. jahrhunderts bis heute geworden ist.
hier behandelt habe ich, wie burgund entsteht (und verschwindet).

männerbilanz der teilungen

für eine vollständige herrschaft der buvinen über die alte burgundia fehlte könig boso und seinem bruder herzog richard die herrschaft über das burgundische hauskloster in st. maurice d’augaune. doch hier hatten sich die welfen festgesetzt und eine eigene herrschaft im alten transjuranischen dukat entwickelt.

nach dem tod von kaiser karl II. nannte sich rudolf graf von transjuranien, und 885 wurde er, von kaiser karl III., seinem nachbaren aus alemannien, zum herzog ebendieser provinz ernannt. 888, beim tod von kaiser karl III., erhob er sich mit einigen getreuen aus der region zum könig von hochburgund und verfolgte rasch ein ziel: das 870 im vertrag von meersen untergegangene königreich von lothringen, wo er als laienabt von st. maurice weiterhin begütert war, aus dem ostfränksichen verband herauszulösen und wieder aufleben zu lassen. damit sollte er nicht erfolgreich werden, mit der begründung des hochburgundischen königsreichs indessen schon.

aus der alten burgundia war damit in nachkarolingischer zeit nicht eine neues mittelreich quer durch europa entstanden, doch das burgundische gebiet war in seinen alten grenzen, aber drei verschiedenen teilen, neu entstanden:

die buvinen, das adelsgeschlecht aus dem alten austrien, waren die eigentlichen sieger im cisjuranischen teil burgunds, die welfen, das alemannengeschlecht, im transjuransichen.

man kann sich das wie ein “Y” vorstellen: unten, von der provence aus, der neue könig aus dem geschlecht der buvinen, der im unteren aaretal herrschte, oben rechts, der welfische könig, der im gebirgigen hochburgund regierte, und oben links, der herzog von burgund, wiederum von den buvinen abstammend.

die hochburgundischen könige orientierten sich in der folge am ostfränkischen könig, später am römischen kaiser, während der herzog von burgund im westfrankischen königsverband blieb.

das herzogtum blieb bis ende des 15. jahrhunderts selbständig, kam dann definitiv zu frankreich. das rhonetal folgte, nach einer wechelvollen geschichte mit verschiedenen zugehörigkeiten, zwischen dem 17. und 19. jahrhundert. hochburgund kam im 11. jahrhundert zum kaiserreich, löste sich bis ende des 14. jahrhunderts auf; die freigrafschaft auf der ostseite des juras weschselte ihre zugehörigkeit ebenfalls mehrfacht, gehört heute zu frankreich, während der westliche teil am fusses des juras bernisch, eidgenössisch wurde.

frauenbilanz der verbindungen


bleib noch die frage, wie das alles zusammengehalten wurde, im 9. und 10. jahrhundert? vorerst muss man sich viele leute wegdenken, zahlreiche städte streichen, die schnellstrassen in die provence eliminieren und die vielfältigen kommunikationsmöglichkeiten ganz streichen.

verbunden blieb der burgundische raum aus der völkerwanderugnszeit durch die rhone, – und durch heiraten der neuen adeligen: könig rudolf ehelichte nach seiner erhebung willa, die schwester von könig boso, während seine schwester adelheid, erste aebtissin von roaminmotier wurde, zur frau von herzog richard von burgund aus dem hause der buvinen avancierte. der obere teil des “y” war damit allen entstehenden herrschaftsgrenzen zum trotz miteinander verhängt.

nur könig boso hielt sich nicht an diese ehelichen verknüpfungen. er hatte schon vor seiner krönung ermengard, die tochter von kaiser ludwig II. von italien geheiratet, und damit vor allem in der lombardei seine italienpolitik begründet, wie seinerzeit auch gundobad, der sich 400 jahre zuvor mit einer allianz mit den ostgoten in italien gegen von den franken im norden und westen abzugrenzen versuchte. er sollte damit die italienpolitik burgund begründen, die ich später erzählen werde.

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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