war es der 4. oder 5. märz 1798? das ist die frage!

es regnet. und ist kühl. kein wetter, um zu wandern. und sich zu erinnern. doch das erinnern ist gerade heute wichtig. wahrscheinlich wäre es gestern sogar richtiger gewesen.


da, wo einst die revolutionären truppen frankreichs, unmittelbar vor dem berner rathaus, den freiheitsbaum aufpflanzten (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

kapitulieren oder kämpfen?

gestern vor 209 jahren marschierten frankreichs truppen vor bern auf. es war samstag, der 4. märz 1798. von norden her kamen sie über solothurn, fraubrunnen zum grauholz. Dort, wo heute das shopyycenter schönbühl steht. von süden her griffen sie über murten, laupen und neuenegg an.

der berner grosse rat, die vertretung der senatoren alter schule, tagte unablässig. und schwankte. sollte man so wie freiburg drei tage zuvor ohne kampf kapitulieren? sich mit der neuen herrschaft arrangieren? Und versuchen, das beste daraus zu machen? oder sollte man der französischen revolution, die da importiert werden sollte, gegenübertreten, wie seinerzeit die schweizer gardisten, die als letzte die französische monarchie verteidigten?

es ging nicht nur um vaterlandsliebe! es ging auch um traditionelle und moderne weltanschauungen! und um interessen!

die mehrheit des grossen rates

der ältestenrat der berner partizier war entsprechend gespalten. die bürgerschaft fragte man, wie immer, nicht direkt. man verhandelte im rat. unter sich. den selbstrekrutierten auserwählten.

die anpasser unter den senatoren waren für aufgeben. verhandeln. vernüftig bleiben. sie sahen die übermacht schon kommen, gegen die jede wehr sinnlos sein würde. und sie spekulierten darauf, bei einem füglichen verhalten sogar bedient zu werden. zum bespiel mit dem fricktal, das man 1415 nicht erobern konnte und habsburgisch blieb. jetzt hatte es napoléon dem besiegten kaiser in wien abgerungen. Und noch viel besser als zum emporkömmling in paris hätte das fricktal zum berner aargau gepasst. Den patrizieren, die ein wenig mit der zeit gegangen waren, aber ihrer herkunft verbunden geblieben sind, sollte es gehören. zum teil dachte man in bern so, wie im aufgeklärten absolutismus österreichs. frisching, der deutschsäckelmeister, war ihr anführer im grossen rat.

die mehrheit der alten republik

gar nichts von solchen gedankenspielen hielt er, der schultheiss von bern. wie immer hätte er während den verhandlungen auf dem stuhl vor den senatoren sitzen und zuhören müssen. denn das herrschaftszeichen sagte schon vieles, – selbst für einem herzog im kaiserreich wäre es würdevoll genug gewesen. doch jetzt er mochte nicht mehr ruhen. Die schwankende diskussion im rat nervte ihn. ihn, den repräsentant der seit dem henzi-mord in halb europa ausgelachten berner aristokratie. ihn, den inhaber der staatsgewalt, der sich seiner aufgabe, die 505 jahre alte verfassung von könig adolf von nassau, die bern so gross werden liess, zu verteidigen.

niklaus friedich von steiger, in früheren zeiten distinguiert nicolas fréderic de steiger genannt, war für kampf. freiheit und gleichheit stand auf seinem schultheissenstuhl. doch er interpretierte er nicht so, wie es die revolutionäre von 1789 taten. die nation kannte er nicht. und menschenrechte würden ihm nicht weiterhelfen. Die revolution habe nur ein terrorregime begünstig! den krieg in halb europa angezettelt. an ende habe die revolution ihrer eigenen kinder guillotiniert, sodass nur noch der fatale ausweg des feldherrn und diktators napoléon geblieben sei. das wollte man in bern nicht. genauso wenig wie seinerzeit der republikaner cicero für gaius julius als caesar gewesen sei!

die folgenreiche spaltung

angesichts der polarisierten situation blieb der rat am samstag, 4 märz 1798, gespalten. frisching war in der mehrheit. ihm fehlte aber die zustimmung des schultheissen. denn dieser verliess, angewidert vom unsäglichen treiben im grossen rat wortlos den saal der wankelmütigen. wie es seine pflicht verlangte, ging er aufs feld. aufs schlachtfeld. lieber den heldentod sterben, als sich frankreich unterwerfen.

die verbliebene mehrheit des grossen rates kapitulierte. sie unterschrieb die bedingungen der französischen generälle schon an diesem samstag, 4. märz 1798. und sandte boten damit los. in den französischen archiven wird das schriftstück mit unterschrift und datum bis heute gezeigt.

den bernsichen soldaten, die in neuenegg, grauholz und und fraubrunnen stellung bezogen hatten, sagte man nichts davon. denn sie sollten kämpfen. die alte republik gegen die neue verteidigen. würde man siegen, würde man den kapitulanten gehörig den garaus machen. würde man indessen verlieren, hätte man wenigstens die ehre verteidigt.

in neuenegg gewannen die berner truppen gegen die vorrückenden franzosen. es gelang ihnen, sie aufzuhalten. nicht so aber in grauholz, wo das desaster gewaltig war. aufgelöst hatten sich die berner truppen und ihre gehilfen, die frauen und das gesinde. geflüchtet waren sie, in alle richtungen, als die franzosen mit voller wucht vorrückten. tote gab es dennoch!

schultheiss von steiger fand nicht, wie erhofft, den heldentod auf dem feldherrenhügel im grauholz. Schliesslich flüchtete auch er, – ins aaretal, über den thunersee, über den brünig, ins halbsichere luzern. später sollte er noch weiter fliehen, nach ulm, um sich österreichischen truppen anzuschliessen und weiter gegen die franzosen zu kämpfen. bis auch er starb.

am 5. märz 1798 waren die franzosen schlachtensieger. der widerstand von neuenegg war wertlos, denn von der anderen seite stürmten die franzosen über die aare und untertorbrücke in die hautpstadt der untergehendend. es war sonntag, als der kampf vorbei war, und die republik bernensis am ende war.

die dokumente der sieger und der verlierer

in den bernsichen geschichtsbüchern steht, die berner seien am 5. märz 1798 militärisch besiegt worden. in den französischen liesst man, die bernische regierung habe am 4. märz kapituliert, und die stadt den französischen truppen übergeben! das steht bis heute auf dem schlachtendenkmal im grauholz!

doch heute, wo es regnet und kalt ist, scheint weder das eine noch das anderen jemanden zu interessieren, und schon gar nicht kleine, aber umso wichtigere differenz! schade, denn sie verrät soviel über perspektiven in der geschichte …

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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