die weisheit des kuttenberges

der volksmund denkt, dass man bei absoluter dunkelheit gar nichts sieht. er irrt damit. man sie die welt nie so klar, wie wenn es um einen herum ganz schwarz ist. das jedenfalls ist die weisheit des kuttenberges!


der vergangene reichtum von kutna hora: silberminen, die heute nur noch dem örtlichen tschechischen museum dienen (fotos: stadtwanderer, anclikcbar)

tief in der erde die dunkelheit

wenn gar kein licht mehr, erinnert man sich gesehener bilder unbeeinflusst. zum beispiel an dieses: die männer tragen eine weisse leinenjacke mit kutten. es sieht fast so aus, als wären sie mönche. doch ihr werk ist nicht kontemplativ. es ist ein knallhartes handwerk. denn sie müssen molochen. stehend, kniend, sitzend, liegend. sie sind selten aufrecht, meist gebückt, bisweilen hurend. sie sind nur mit einem pickel und einem hammer ausgerüstet. damit hauen sie den stein. was sich löst, kommt in säcke, die man kriechend hinten nachzieht, oder rücklings die leiter hoch trägt.

das ist bergbau. das früher mitgeführte talglicht erhellte fast nichts. weshalb man lernen musste, das silber zu riechen. und die gänge fand man im dunkeln am einfachsten, indem man sich nach dem luftzug ausrichtete. bergleute nahmen als selbstschutz gerne kanarienvögel mit. wenn sie aufhörten zu zwistschern, wusste man, bald ist die luft alle. dann musste man schleunigst zurück, zu den sammelstellen, und mühsam engste schächte hochkriechen.

doch mein bild verrät noch mehr: wieder am tageslicht, befahl ein aufseher den kuttenmannen, sich auszuziehen. silberhaltiges gestein für private zwecke mitnehmen, war diebstahl von königlichem gut. für den transport der gehauenen steinen von den sammelstellen untertags an die erdoberfläche bevorzugte man kinder, die mit seilwinden die kostbare fracht nach oben beförderten. 10 bis 12 stunden dauerte ihre schicht, genau so lange wie die ihrer eltern. denn die frauen der bergleute eingesetzt, um das gestein zu sortieren, wertlosen von wertvollem zu trennen.

letzteres führte man dann den händlern vor. die standen am, wie an einer börse. aber sie schrien nicht. sie flüsterten ihren preisvorschlag dem königlichen beamter, der die auktion führte. wenn er zufrieden war, legte er den tagespreis fest. wer am meisten geboten hatte, durfte als erster wählen. wer zuletzt wählen konnte, den bissen die hunde!

pferde setzte man in den bergwerken nur ein, um die mit einem runddach gedeckten wassermühlen zu drehen. diese wanden wassersäcke aus den kavernen. ein einzelner konnte bis zu 250 liter fassen. das zu heben, war definitiv unmenschlich. ansonsten galt der mensch hier nicht: 5 bis 10 tote pro tag in den minen war nichts aufsehen erregendes. wer überlebte, konnte sich mit dem gehobenen minenwasser waschen und sich im werkseigenen wirtshaus verköstigen. mit 35 jahren ging man dann, erschöpft, in pension.


die kathedral der bergwerksleute von kutna hora, der heiligen barbora gewidmet (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

hoch im himmel das licht

kutna hora, zu deutsch kuttenberg, wo ich jüngst auf meiner reise durch tschechien war, galt vom 14. bis 16. jahrhundert die schatzkammer der böhmischen könige. der verkauf von silber hat sie reich gemacht, und die statt schutzig. heute wirkt die kleine stadt sauber, aber arm. man kommt auch nicht mehr wegen des silberrausches hierher. vielmehr kennt man kutna hora wegen der spektakulären gotischen kirche. 1905 erklärte man ihren bau nach 517 jahren für beendet. seither renoviert man nur noch die fassade und das innere.

man erkennt die kirche schon von weitem. einen turm hat sie, anders als alle anderen gotischen kirchen, nicht. und statt der üblichen drei schiffe, hat sie fünf. das lässt gibt ihr einen fast quadratischen grundriss. unverwechselbar ist sie aber wegen ihres dachs. die runddächer über den wassermühlen des bergwerkes werden hier in tiefem blau wiederholt. es scheint, als wuerde man auf dem gotteshaus zelten.

es es, als ob sich die gegensätze in kutna hora bedingen. wer tief in die bergwerke hinabstieg, der wollte mit der gotischen architektur hoch hinaus. wer das dunkel der erde kannte, wollte das licht des himmels. wer die schwere des silbergesteins leidvoll erfahren hatte, den dürstete es nach der leichtigkeit der gotschen architektur.

gebaut wurde das spektakuläre gotteshaus von den reichen leuten der silberminen. die hatten es satt, sich wie die bauern vom ortsansässigen zisterzienserkloster bevormunden zu lassen. mit bewilligung ihres königs trennten sie sich 1388 von ihm und bauten am rande der stadt ihre eigene kirche. der heiligen barbora haben sie sie geweiht. die erlitt anfangs des 4. jahrhunderts ihr märtyrium, als sie, heimlich zum christentum übergetreten, von den schergen ihres eigenen vaters umgebracht wurde. auf ihren tod wartete sie in einem engen turm. das hat sie, bei den christlichen bergleute fuer alle zeiten populär gemacht, weshalb sie ihre schutzpatronin ist.

bedeutend wie die st. veits-kathedrale in prag sollte die kirche in der böhmischen provinz werden. engagiert wurden hierfür die bedeutendsten baumeister des landes. jan parler war der wichtigste in kutna hora. er war kein geringerer als der sohn von peter parler, der die referenz in prag erstellt hatte. der hatte schon mit seinem namen ein ganzes programm mitgebracht: sprechender stein hiess er eigentlich, und er realisierte unter der luxemburgischen dynastie auf dem böhmischen königstthron als erster die gotische kommunikation zwischen erde und himmel.


der alltag in kutna hora heute: böhmische und alchemistische küche im prominentesten restaurant der kleinstadt (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

die weisheit des kuttenberges

den stein des vor 50 jahren definitiv stillgelegten bergwerkes bringt für uns tereza zum sprechen. sie arbeitet für das tschechische silbermuseum in kutna hora, und sie führt uns durch die anlagen, auch durch die minen. da trägt sie als einzige keinen helm, ganz so, als wollte sie sagen: ich kenne jeden stein hierunten.

in ihrem roten kleid und der weissen kutte wirkt sie zierlich. ihre kleinheit fördert den eindruck. das hilft ihr, auch sich behende fortzubewegen. an der engsten stelle ist der schacht, durch den sie uns führt, 40 zentimeter breit, und an der tiefsten 1,2 meter hoch. unser eins hat da etwas mehr mühe.

doch tereza wartet immer wieder auf uns und erzählt. so bei einem unterirdischen teich mit arsenhaltigem wasser. die bergleute hätte nicht lange davon getrunken. doch als könig albrecht von habsburg, der kaiseranwärter, die silberminen von kutna hora belagerte, habe man sich der schädlichen wirkung erinnert, und das wasser in den örtlichen fluss abgelassen. das halbe heer des belagerers sein gestorben, und die andere, samt dem habsburger, sei geflüchtet. das sei wohl die erste chemische kriegsführung gewesen, fügt sie noch bei und lächelt.

wir wiederum hächeln bis zum nächsten halt. dort bittet sie uns alle, unsere modernen taschenlampen, die auch morsen könnten, abzuschalten. Denn im absoluten dunkeln der bergwerke sehe man die welt so klar wie sonst nirgends.

wahrlich, füge ich da in im kuttenberg belehrt, nur bei!

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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