berns grösster bilderbogen

es ist der 17. august. morgens um 6 uhr ist tagwache. mehrere musikkapellen ertönen in der stadt. alles ist auf den beinen. niemand will den grossen historischen festumzug verpassen. denn es ist der runde geburtstag der stadt an der aare!


das festalbum zur 700 jahrfeier der stadt bern, die ihren höhepunkt heute vor 116 jahren hatte (foto: stadtwanderer, anclickbar)

das vorspiel

seit drei tagen ist bern wie verwandelt. eine feier jagt die andere. viele gäste von überall her sind gekommen. jeder kanton ist vertreten. in allen kirchen wird eine messe gehalten. die jugend wird speziell geehrt, und dem volk bietet man ein fest sondergleichen.

am vorabend noch war die ganze stadt illuminiert. denn erstmals in berns geschichte gedenken nicht nur die burger der grossen taten ihrer vorfahren.

auch die bürger sind geladen. man will die alten streitigkeiten vergessen machen. sie haben ihren ursprung aus der zeit, als andere städte wie zürich den königlichen schultheissen absetzten und sich einen bürgermeister wählten, der mit den zünften regierte. doch in bern wollte man von derlei veränderungen lange nichts wissen. die junker führten das regiment fast ununterbrochen; nur ganz selten, wenn sie sich einmal stritten, gelang es einem bürgerlichen, sie bei den osterwahlen auszustechen.

bis 1831 regierte das patriziat, wie man den stadtadel berns in neuerer zeit nannte. dann dankte es freiwillig ab. das volk auf dem land begehrte auf, und man liess es den liberalen, es politische zu führen. radikal bezeichneten sich die heissporne, die bisweilen glaubten, noch besser regieren zu können. demokratisch war man schliesslich, und jetzt gibt es sogar anzeichen einer sozialen bewegung in der stadt.

deshalb ist es zeit, die alten gegensätze zu überwinden. burger und bürger sollen zusammenstehen, um der aufbegehren der arbeiterschaft zu wehren. feste von nationaler bedeutung sollen das geeinte band demonstrieren. alle grössen der bernischen geschichte werden aufgerufen, das bewusstsein um die tradition der einst so mächtigen stadt zu wecken, die heute der schweizerischen eidgenossenschaft vorsteht.


der grosse bilderbogen: eine zeichnung von 7 metern länge, die den festumzug durch die stadt bern mit 1200 teilnehmenden abbildet (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

das hauptspiel

um 9 uhr marschiert die vorhut bei der grossen nydeggbrücke auf. sie wird in die stadt eintreten, und 1200 personen werden ihr folgen. 250 von ihnen werden beritten sein. alles was rang und namen hat, zeigt sich dem staunenden publikum!

voran geht der mohr, wie man den heerpaucker nennt. zwei läufer begleiten ihn, je einer zu seiner linken und seiner rechten. dann kommen die dragoner. trompeten ertönen, die standarte wird gezeigt. und das pferdegeschirr klirrt, bevor man ihn sieht: general scipio von lentulus, dem grössten feldherren, den bern je hatte. er soll den festumzug eröffnen.

hinter dem general folgt eine allegorische gruppe. sie symbolisiert berns verschiedene grössen.

in der kunst.
in der wissenschaft.
in der geschichte.

und sie künden den ersten stadtherrn an: herzog berchtold, der fünfte, von zähringen, begleitet von seiner frau clementia. mit gebührendem abstand von cuno von bubenberg, dem eigentlichen stadterbauer. er führt die edlen an, die in der stadt burgrecht bekommen haben.

doch zieht man weiter und kündet sich das 13. jahrhundert an. graf peter von savoyen, der vorübergehende schirmherr, kommt hoch auf dem gepanzerten pferd geritten. in seinem gefolge wird die handfeste gezeigt, die berns unabhängigkeit sicherte. erst danach erkennt man die priester des deutschordens, die der kaiser geschickt hatte. schneller als man denkt, braucht es auch krieger, die sich für bern einsetzen. die langspeere beherrschen die szenerie. die schosshaldengruppe marschiert an uns vorbei. sie, die so unglücklich gekämpft und das banner der stadt im kampf gegen die habsburger aufs spiel gesetzt hatte.

vergessen sind die unwürdige zeiten für die bern! erinnert werden aber die wohltaten der frauen, die das 14. jahrhundert gebracht hatte. anna seiler geht allen voran! sie, die in den klöstern wirkte, um die opfer der pest zu pflegen. doch schon wieder hört man die hufe der pferde. sie tragen die ritter durch die stadt, die nur kurz, wegen dieser pest vertrieben waren, um dann, mit umso grösserem getöse, wieder nach bern zurückzukehren. jetzt bringen sie verbündete mit: wilhelm tell folgt ihnen, der freiheitsheld der eidgenossen, der die landammänner der innerschweizer orte anführt.

dann überragt eine riesieger der baldachin alles, was man bisher gesehen hat. es ist der grosse bahnhof des umzuges: sigismund, der spätere kaiser, reitet in seinem schutz durch die stadt bern. er ist gewillt, das neue rathaus einzuweihen, und die stadt bern in seine politik gegen habsburg einzubeziehen. ein segen soll das werden, der sogar an den bau des münsters, grösser und schöner als die kathedrale in fribourg, denken liess.

das jedoch wird heikel. zwei grosse berner werden erwartet. beide hatten sie das amt des schultheissen bekleidet. und dennoch verstanden sie sich überhaupt nicht: niklaus von diesbach, der die kaufleute im rat vertrat, und adrian von bubenberg, der aus dem ältesten rittergeschlecht der stadt stammte. mit gebührendem abstand werden sie dem heutigen publikum gezeigt.

doch noch bevor man begriffen hat, was damals war, führt man schon die folgen des grossartigen sieges in murten: das begehrte kriegsvolk, das in italien so erfolgreich war, grüsst überall hin. und die steinmetze, die das erkämpfte geld für den münsterbau einsetzten, winken hinten nach. wie gross die zeit damals war, erkennt man an albrecht von stein, dem feldherrn in der lombardei. hoch zu ross reitet er durch berns gassen.

hinter ihm folgt schultheiss hans-franz nägeli, der die waadt einbrachte, jedoch seine berühmte tochter, die magdalena, als braut seiner drei nachfolger im amte des schultheissen von bern verlor. das volk staunt heute noch!

doch es soll erzogen werden. es soll merken, dass die reformation in bern einzug gehalten hatte.

fertig ist der kult um personen!
der berner staat wird jetzt inszeniert!

die zünfter vom distelzwang gehen voran, ohne dass man einen von ihnen namentlich erkennen würde. es folgen die mitglieder der pfisterzunft, der schmiede, der metzger und der gerber. sie führen das musikkorps an, das wiederum vor den grenadieren marschiert. und die wissen den auszug bernischer soldaten hinter sich.

man ist froh um diese körperschaften, die schultheissen, räte und burger nach aussen sicherten, sodass sich diese der berner bauersleute annehmen konnten. ihm gehört der schluss des umzugs. eben fährt es die ernte ein. und schon macht es käse aus der milch. dann trifft man sich zur heirat, und zur taufe, bevor es wieder hinauf geht, auf die alp, oder man hilft geflissentlich, wenn der heuet wieder ansteht.

da bleibt nicht viel zeit mehr, um den grossen historischen umzu abzuschliessen. der aber gehört dem genius des vaterlandes, der berna und der helvetia gemeinsam. um 12 sind auch sie im krichenfeld. 22 kanonenschüsse erklingen, je einer für jeden kanton.


die stadtgeschichte seit ihrer gründung wurde in form eines défiles mit den wichtigsten persönlichkeiten und organisationen am 17. august 1891 nachgestellt (fotos: stadtwanderer, anclickbar9

das nachspiel

die gäste, die von überall gekommen waren, verköstigt man noch einmal am abschiedsbankett. schade, dass alles schon vorbei ist! so schön war es gewesen, das grösste fest, das man in bern je gefeiert hatte.

die letzten costüme verschwinden erst in der nacht aus dem blickfeld des beobachter. robert von steiger heisst er. er hat sie alle, die vielen umzügler, gezeichnet. noch heute machen sie, zum historischen umzug wieder vereint, einen genialen bilderbogen von 7 meter länge zu berns geschichte aus.

den 700. geburtstag der stadt hat man damals gefeiert, am 17. august 1891. ich werde die route heute noch einmal begehen, denn davon lebe ich, als

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

0 Gedanken zu „berns grösster bilderbogen“

  1. Lieber Herr Huber
    Danke für Ihr Interesse! Leider nein. Das Buch gibt es aber noch antiquarisch. Gestern jedenfalls war es auf Internet noch zu haben, für etwa 150 Franken.
    Der grosse Personenreigen ist das Geld schon wert. Leider hatte ich keinen Fotoapparat, um das 7 meter lange Bild auf einmal aufzunehmen.
    Es freut mich, wenn Sie Gefallen finden am Buch und am Beitrag.

  2. Warum nur schreibt keine Berner Zeitung über solch spannendes Zeugs. Ich lerne jedenfalls jedenmal etwas beim Stadtwanderer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.