keine leichte kost, die ich gestern in lenzburg vorgesetzt erhalten habe. aber ein anregendes menü, das man am rande der ausstellung „nonstop“ geboten bekam. so rasend schnell, dass man am schluss glauben musste, was aufgetischt wurde. bis man selber darüber nachdachte. meine rekonstruktion nach einem nächtlichen zwischenhalt.

rosa180-1228816767das grosse thema der zeitdiagnose von hartmut rosa: zeit ist erdöl. er wird immer knapper und geht uns demnächst aus!

hartmut rosa gilt als der newcomer der deutschen soziologie. der lörracher, seit kurzem professor an der friedrich-schiller-universität in jena, sprach auf schloss lenzburg über das thema „vom rennen an ort und stelle“. damit nahm er das bunbestrittene lebensgefühl viele menschen der gegenwart auf, wonach sich alles immer schneller verändert, ohne das sich überhaupt etwas ändert.

die soziologische analyse des phänomens führte rosa zu drei thesen: erstens, der wandel seit der industriellen revolution hat uns durch technische instrumente unendlich viel zeitersparnisse gebracht, die uns aber insgesamt zu mehr leistung, nicht weniger aufwand geführt haben. zweitens, der soziale wandel lässt die gegenwart schrumpfen. alles veraltet schneller, während die möglichkeiten der zukünfte immer mehr den alltag beherrschen. drittens: die zeit, die man hat, wird immer knapper. wir haben immer mehr güter und dienstleistungen zur verfügung, dafür aber immer weniger zeit, sie alle zu nutzen.

hartmut rosa ortete drei zeittypische auswege auf dieser herausforderungen: alles schneller machen, keine pausen mehr einlegen, oder vieles gleichzeitig erledigen. selber sprach der deutsche während dem vortrag schnell und immer schneller. immerhin, derweil er erledigte keine emails und handy-anrufe! und er liess seinen vortrag vorbildlich durch posaunenklänge mehrfach unterbrechen.

sich selber und das publikum nahm er während des vortrages mehrfach auf die schippe. wir alle würden durch den wunsch nach freiheit bestimmt, durch den zwang der verhältnisse aber eingeschränkt. der freiheitswunsch der moderne gründe in der hoffnung, das leben vor dem tod beliebig erweitern zu können, kritisiert er. der zwang wiederum entstehe durch die verallgemeinerung der wettbewerbslogik. habe sie sich in sachfragen bewährt, zeige sie im sozialen ambivalenzen. wenn es um die zeit gehe, wirke sie sich verheerend aus. denn die erwartungen an uns als individuen nehmen so unerhört zu, sodass wir versagen müsste. „wir alle sind zu schuldigen geworden, wenn wir ins betten gehen“, rief der soziologe in den rittersaal zu lenzburg und haben, anders als im mittelalter keinen anlass mehr, das entschuldigen zu können.

deshalb sieht hartmut rosa drei folgen aufkommen: das anwachsen der depression, die vermehrung des surfens auf jeder neu autretenden welle und den rückzug in den religiösen fundamentalismus. diese befunde sassen!

leider blieb es aber dabei stehen. die fulminante diagnose, mit verve vorgetragen und mit humor vermittelt, blieb letzt unausgelotet. dafür nahm das referat nach den letzten posaunenklängen eine überraschende wende:die politik versage angesichts des beschleunigungstotalitarimus der gegenwart. mobilisiert worden seien die bürgerInnen durch das trügersiche versprechen der freiheit, die mit demokratischen spielregeln gestaltet werde. das alles brauch zeit, die uns aber niemand gibt. deshalb müsse demokratie scheitern.

so wundervoll der grosse bogen des soziologen rose über die zukunft der moderne begann, so platt endete er in in der gegenwart des vollständig verwirrten deutschen betrachters. mit rosa antworte ich rosa gelassen: es bliebt alles anders, als man denkt!

stadtwanderer

Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005


Comments

5 Comments so far

  1. stadtwanderer on Juni 14, 2009 19:47

    es sieht so aus, als habe niemand zeit diesen artikel zu lesen.
    niemand muss müssen, würde hartmut rosa, der zeitsoziologe sagen.
    denn sollte man sich seine orginellen gedanken zum verbreitetsten zeitphänomen mal vornehmen, füge ich bei.
    denn es geht darum, dass wir für nicht mehr zeit haben wollen.

  2. Ursula on Juni 15, 2009 01:00

    „es sieht so aus, als habe niemand zeit diesen artikel zu lesen.“

    Doch, doch, habe den Artikel gelesen. Die Ausstellung „nonstop“ habe ich auch gesehen. In welchem Zustand sich wohl unterdessen der Apfel auf dem Teller unter der „Käseglocke“ befindet?

    🙂

  3. Titus on Juni 15, 2009 13:50

    Klar habe ich hier auch mitgelesen, doch dann mir die Zeit genommen, das schöne, warme Wetter zu geniessen…

    Man soll zwar nicht von sich auf andere schliessen, aber gemäss vorgängigem Satz gibt es sie noch, die Faktoren welche zur Langsamkeit anregen.

    Was ich nicht ganz verstanden hatte, ist der Begriff „Depression“. Spricht ein Wirtschaftsprofessor davon, ist klar, welche Depression gemeint ist. Hier verwendet aber Soziologe diesen Begriff und meint damit die Depression im psychologischen Bereich?

    Zu den anderen beiden Folgen: Gewiss wird es einige geben, die in einen Fundamentalismus abtrifften. Auch wird es einige geben, welche weiterhin jedem „Trend“ hinten nachrennen.

    Aber ich denke, mittelfristig ist mann und frau einfach müde ob beiden Punkten. Ich ordne gewisse Polarisierungen auch einem Fundamentalismus zu und denke, viele sind müde ob dieses Gezanks auf dem politischen Parkett.

    Ähnlich sehe ich das ob den ständig wechselnden „Trends“. Hier könnte es durchaus sein, dass ein Halt stattfindet, dass man wieder einmal tief Luft holt, um sich auf das wirklich Wesentliche zu besinnen.

    Was uns dazu fehlt ist ein obma’sches Vorbild…

  4. stadtwanderer on Juni 15, 2009 19:37

    at titus
    so wie es formuliert war, dürfte es des soziologe psycholigisch gemeint haben.
    jaja, am schluss fehlte mir ganz viel. beim beschleunigungstotalitarismus habe ich ja eigentlich auch ausgeklinckt!

  5. regula stämpfli on Juni 18, 2009 10:01

    lieber stadtwanderer, alles schon mal gemeinsam besprochen, vielleicht nicht so fulminant in rosa, aber immerhin. nietzsche spricht vom modernen menschen, der „an den pfahl des augenblicks gebunden ist“, ich selber rede vom „ahistorischen live-fetischismus“ und von der verdinglichung aller möglichen und unmöglichen zusammenhänge. dafür blieb mir 2007 grad noch die zeit bevor ich mich der „macht des richtigen friseurs“ immer wieder selber unterwerfen muss. danke für deinen rosa-besuch, ich les deine zusammenfassung immer wieder und mit viel zeit – gleichzeitig war ich mit tracey emin im kunstmuseum beschäftigt, warte da noch auf deinen bericht, geh schauen, denken und schreiben:-), herzlich aus brüssel

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